Spiel mit dem Feuer – Tatort 193 #Crimetime 810 #Tatort #Mainz #Wiegand #SWF #Feuer #Spiel

Crimetme 810 - Titelfoto © SWF / SWR

Les choses de la vie

Wenn ein Tatort aus den 80ern nach neun Jahren Pause ausgestrahlt wird, hat dies geradezu etwas Weihevolles. Ein Schatz wird aus den Tiefen der Kammern, die sich Sendearchive nennen, hervorgeholt. Da ist etwas, was wir nicht spüren, wenn eine der Folgen aus den letzten 10 Jahren die Wiederholungsrunde durch die Sendeanstalten der ARD macht. War der Film aber auch ein echter Schatz? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Tatbestand ist, daß durch Brandstiftung in einem Mietshaus eine junge Frau und ein älteres Ehepaar ums Leben gekommen sind. Kommissarin Wiegand hat zu ermitteln, ob es sich um dreifach fahrlässige Tötung oder vielleicht auch um Totschlag oder Mord handelt.

Nach dem Obduktionsbefund stellt sich heraus, daß die junge Frau, eine Lehrerin, erwürgt und schon tot war, bevor sie verbrannte. Spielt jemand mit dem Feuer, um den Mord zu vertuschen? Kommissarin Wiegand verhaftet einen Verdächtigen, einen einflußreichen Mann, aber dieser leugnet immer wieder die Tat.

Rezension

Wir hatten keine Langeweile. Wir sind uns aber nicht sicher, ob das in erster Linie am Fall und seiner Inszenierung lag oder daran, dass wir ein so großes Interesse daran hatten, der Zeit nachzuspüren, in welcher der Film entstand und herauszufinden, was typisch für damals war und unterschiedlich zu heute. Diese Vorwendetatorte sind eben einfach faszinierend, weil seltener – damals erschienen viel weniger Folgen pro Jahr als heute – und auch selten gezeigt.

Man fühlt sich jenen Jahren auf eine seltsame Weise fern, obwohl man sie miterlebt hat, wenn man sich einen Tatort wie „Spiel mit dem Feuer“ anschaut – viel ferner als den eigenen Jugenderinnerungen, die genau aus jenen Jahren stammen. Die Fernsehwirklichkeit hat sich offenbar schneller verändert als die Art, wie die Menschen in der wirklichen Wirklichkeit miteinander agieren. Zumindest ist das eine mögliche Erklärung für diese seltsame Kombination aus Faszination und Distanz, die wir beim Anschauen dieses Falles mit Karin Anselm als KHK Wiegand empfanden. Immerhin war sie als etablierte Kommissarin, die im ganzen Südwesten tätigt war eine Vorreiterin, vom Typ freilich traditioneller als die junge Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), die ihr beim SWF nachfolgte und in ihrer Anfangszeit schon mal als weiblicher Schimanski apostrophiert wurde. Mit Kommissarin Wiegand als Ermittlerin haben wir bereits den noch älteren Tatort „Peggy hat Angst“ rezensiert.

Die obige Handlungsbeschreibung wirkt genauso dröge wie die Inszenierung von „Spiel mit dem Feuer“. Vielleicht ist es dies, was Tatorte aus den 80ern heute oft so meilenweit weg wirken lässt, viel weiter als Kinofilme dieser Epoche. Der anspruchsvolle Fernsehkrimi der Zeit ist deutlich beeinflusst vom deutschen Autorenkino der 70er Jahre, das ganz weg von bisherigen Konventionen nicht mehr an der Identifikation des Zuschauers mit den Figuren, nicht mehr an vordergründiger Dramatik und Effekten interessiert war, schon gar nicht an Komik und Humor – sondern an der hochpeinlich genauen Analyse der Charaktere in den Verhältnissen, welche die Charaktere geformat haben. In dieser Tradition steht auch „Spiel mit dem Feuer“, mit der Besonderheit, dass hier auch auf einen französischen Film der „Nouvelle Vague“ Bezug genommen wird. „Les choses de la vie“ („Die Dinge des Lebens“ mit Romy Schneider und Michel Piccoli).

Wie auch die Bemerkung zur Affäre Profumo in Großbritannien wirkt dieser Bezug ein wenig hoch angesiedelt, aber er macht Sinn, weil die kammerspielartige Konstruktion von „Spiel mit dem Feuer“ auf der zwischenmenschlichen Ebene sehr durchdacht und damit natürlich auch ein wenig konstruiert ist. Wir erinnern uns: In „Les choses de la vie“ steht Michel Piccoli zwischen zwei Frauen, verunglückt mit dem Auto und sein nun unvollendetes Leben zieht an ihm vorbei, während er im Krankenhaus liegt und weiß, dass er sterben wird.

So dramatisch ist es bei Kommissarin Wiegand nicht, aber sie ist eine Frau, die sich einen  Mann mit einer anderen teilt – zumindest in der Folge „Spiel mit dem Feuer“ und in dieser Folge auch deshalb, weil genau die gleiche Konstellation auch im Täter-Opfer-Dreieck vorliegt. Es geht um Liebe und Arrangements und dann doch um Eifersucht und am Ende darum, wie man mit leeren Händen dasteht, weil man sich nicht entscheiden konnte oder zu viel wollte. Kommissarin Wiegand liebt den Film „Les choses de la vie“ (1970) und geht passenderweise allein hinein, auch die Musik von Philippe Sarde zum Film von Claude Sautet wird immer in den persönlichen Situationen von Frau Wiegand eingespielt und gibt dem Film eine elegische Note und ein unmissverständliches 70er-Jahre-Feeling. Selbst fürs Entstehungsjahr 1987 wirkt „Spiel mit dem Feuer“ damit wie eine Reflektion zu einer noch einmal anderen, vergangenen Zeit.

So durch die eigene aktuelle Lage geeicht und sensibilisiert, versteht die Ermittlerin gut die Handlungsweise der Figuren und besonders die der Politikergattin Elisabeth Vasemeier (Lydia Kreibohm), die ihren Mann bezüglich seiner Affäre mit einer jungen Lehrerin gewähren lässt – zumindest will sie diesen Eindruck vermitteln und lange Zeit läuft es wohl auch so. Sex auswärts kann die über lange Jahre aufgebaute Gemeinschaft zwischen diesen Eheleuten nicht zerstören, tut es aber doch, als Frau Vasemeier merkt, dass sie ihren Mann ganz verlieren könnte, weil die Lehrerin nicht eine seiner schon vorher offenbar zahlreichen Affären ist, sondern mehr. Auch Dr. Vasemeier wird uns in langen Einstellungen nahegebracht.

Die Befindlichkeiten, die mentalen Dispositionen der Menschen, besonders des Ehepaares Vasemeier, werden sehr präzise dargestellt, der Fall ist einfach aufgebaut und so klassisch, dass er beinahe als Lehrfilm durchgehen könnte und schon bei der ersten Begegnung von Frau Vasemeier und der Kommissarin hatten wir so ein Gefühl, dass diese kühl wirkende Beziehungsverwalterin die Täterin sein könnte. Es gibt wenige Verdächtige, außer ihr, die anfangs nicht so verdächtig wirkt, was sich von selbst versteht, ihren Mann und den Hausbesitzer Lohmann, dem die Lehrerin in ihrer Eigenschaft als Mieterin Widerstand bei seinen Abrissplänen leistet und damit ein Neubau-Großprojekt erst einmal verunmöglicht.

Aber nur die Vasemeiers werden so intensiv gezeigt, dass eine Täterschaft am Ende sinnvoll wirkt, zudem gewinnt Elisabeth als Kreuzworträtsel-Verfasserin an Konturen, die sich natürlich auch mit griechischer Mythologie auskennt. Sie sendet ihrem Mann, als er in Untersuchungshaft sitzt, dementsprechend immer wieder neue Rätsel, um ihm die Zeit zu vertreiben. Nach dem Erhalt eines Rätsels, das die Polizei gerade noch aus der Toilette fischen kann, erhängt Dr. Vasemeier sich. In diesem Rätsel, auch er ist natürlich ein Bildungsbürger, offenbart sich seine Frau als Mörderin: Um sich und seinen Kindern aus der Ehe mit Medeia hier eine bleibende Zufluchtsstätte zu sichern, verstieß Jason Medeia und vermählte sich mit Kreons Tochter Glauke, auch Kreusa genannt. Medeia stellte sich versöhnt, schickte aber der neuen Frau Jasons ein vergiftetes Gewand und ein Diadem. Als Glauke beide anlegte, wurde sie von Feuer verzehrt (1).

Auch wenn Frau Vasemeier den Tod der Lehrerin vielleicht nicht geplant hat und diese nur zur Rede stellen wollte, das Feuer hat sie gelegt, um ihre Tat zu vertuschen und zwei weitere Menschen fanden dabei, völlig am Geschehen unbeteiligt, den Tod. Am Ende bedauert Kommissarin Wiegand diejenige Frau beinahe, die sie im Doppeldreieck als ihre Widersacherin erkennt (sie ist ja auch die Geliebte eines noch gebundenen Mannes – man hat sich 1987 aber nicht getraut, ihn noch als verheiratet und mit seiner Frau zusammenlebend darzustellen – ein Politiker kann zwar das 7. Gebot brechen, zumindest bis zu seinem beinahe folgerichtigen Tod, nicht aber eine Kommissarin eindeutig das 10. Gebot, und dafür evtl. nur mit folgerichtiger Einsamkeit bestraft werden!).

Technisch gibt es mindestens zwei Auffälligkeiten an einem doch recht einfach konstruierten Fall. Wie kann die Polizei die Fingerabdrücke Dr. Vasemeiers feststellen, wenn dieser, was trotz einer seltsamen Bemerkung seines Anwaltes während der Untersuchungshaft zu vermuten ist, noch nie erkennungsdienstlich behandelt wurde? Gleiches gilt für den Hausbesitzer Lohmann. Und hätte man nicht weitere Fingerabdrücke in der Wohnung der Lehrerin Karges feststellen müssen und überlegen, von wem sie stammen. Von einer Frau! Und vielleicht Frau Vasemeier unter die Lupe nehmen müssen? Ein weiteres Kuriosum ist die halbherzig eingebaute Figur des Junglovers Michael, der wiederum den Platz von Dr. Vasemeier bei der Lehrerin einnehmen will. Ein 20jähiger Waldforschüler, der natürlich sensibel genug ist, eine vielleicht zehn oder fünfzehn Jahre ältere Frau so glücklich zu machen, dass dies sogar Kollegen auffällt und wozu der Politiker nicht in der Lage war.

Da ist doch ein Stück gelebte oder wenigstens vorgezeigte Reformädagogik am Werk, wir konnten uns eines Schmunzelns nicht enthalten. Zumal ja auch hier wieder eine Linie zu Dr. Vasemeier aufgebaut wird, der in einem Interview zu erkennen gibt, dass er konservativ ausgerichtet ist und entgegen seinen Kontrahentinnen von den Grünen auf traditionelle Werte pocht. Das alles sind sehr feine Momente, die vom Zuschauer ein Hinschauen jenseits des Kriminologischen verlangen, auf das neuere Fernsehgenerationen u. E. nicht mehr so trainiert sind. Auch hier schwingen wieder die 70er mit ihren gesellschaftlichen Diskussionen mit und natürlich das, was sich in den 80ern, noch ungestört von der baldigen Wende, daraus in aller Ruhe und mit den allfälligen Rückschlägen und doch Fortschritten entwickelt hatte.

Ermittlungstechnisch ist der Part deshalb fragwürdig, weil Wiegand ihn einfach durchlaufen lässt, nachdem ihr Assistent dargestellt hat, dass es 32 Michaels im Abijahrgang gibt und niemand mehr zu wissen schien als eben den Vornamen dieses jungen Mannes. Die Ermittlungen werden in diesem Krimi aber noch sehr genau dargestellt, im Stil der Zeit, die Befragungen sind episch. Wenn man das so zeigt, unabhängig davon, wieviel die Gespräche von Wiegand mit den Vasemeiers für die Darstellung der Persönlichkeiten bewirken, dann hätte man wenigstens ihren Assistenten auch losschicken müssen, um jemanden zu finden, der diesen Michael schon einmal gesehen hat und beschreiben kann. Die Mitbewohner im Haus, besonders das Hausmeisterehepaar aus Berlin, das im EG wohnt, hätte sich dafür angeboten und vielleicht auch der alte Ex-Nachbar, der gerade in einer Laube haust, bis ihm Lohmann eine Ersatzwohnung anbieten wird, und offensichtlich über die Lehrerin ganz gut Bescheid wusste. Allerdings hätte das raschere Auffinden des Michael, der sich praktischerweise von selbst bei der Polizei gemeldet hat, wenig zur Aufklärung des genauen Ablaufes an jenem verhängnisvollen Abend beitragen können.

Dafür enthält der Film eine schöne Rekonstruktionsarbeit der letzten Lebensminuten von Frau Karges – die aber auch zu nichts geführt hätte, wenn Elisabeth Vasemeier nicht selbst für ihre Enttarnung als Täterin gesorgt bzw. dies billigend inkauf genommen hätte, indem sie ihrem Mann dieses Kreuzworträtsel schickte.

Tatorthistorisch ist „Spiel mit dem Feuer“ interessant, gesellschaftshistorisch ebenfalls. Ist er deshalb auch ein guter Tatort nach heutigen Maßstäben? Man ist mittlerweilezum Beispiel davon abgekommen, so statisch, wenn man es negativ sehen will, so ruhig, wenn man eine andere Meinung dazu hat, zu filmen. Beruhigend aber zu sehen, dass schon vor gut 25 Jahren das Kriminalistische manchmal hinters Persönliche zurückgestellt wurde. Nicht nur, dass Kommissarin Wiegand ein deutlicher wahrnehmbares Privatleben hat als einige Ermittler selbst in den jüngsten Folgen, es ist auch sehr genau auf den Fall abgestimmt. Vielleicht damals eine passable Rechtfertigung dafür, darauf überhaupt einzugehen. Der Fall tritt aber auch zurück, weil den Charakteren Vasemeier sehr viel Spielzeit eingeräumt wird. Insgesamt sorgt das für Übersichtlichkit und passt gut zur klaren Komposition. Dass diese zu einfach geraten und nicht frei von Schwächen ist, darf man allerdings bei einem Tatort von 1987 genauso kritisieren wie bei einem aus 2012.

Finale

Interessant könnte der Vergleich mit dem kürzlich rezensierten „Voll auf Hass“ aus demselben Jahr 1987 sein, in dem die für damalige Verhältnisse modern angelegten Kommissare Stoever und Brockmöller ein für damalige Verhältnisse neues Thema vor der Brust haben. Obwohl die beiden damals noch nicht jenen Institutionscharakter als Swinging Cops hatten wie in der Nachwendezeit, wirken sie und der besagt Film um einiges neuzeitlicher als das Tableau in „Spiel mit dem Feuer“.

Auch wenn die Kammerspielatmosphäre des Wiegand-Falles ihren Reiz besitzt – wir halten es im direkten Vergleich doch eher mit der flüssigen Bildsprache, die heutigen Tatorten eigen ist und die viel mehr in wesentlich kürzerer Zeit zeigen kann als dies etwa in „Spiel mit dem Feuer“ der Fall ist. Sie entspricht unseren Sehgewohnheiten als Menschen, die im Medienzeitalter groß geworden sind, die Verkürzung bestimmter Elemente wie Rekapitulierung des Sachstandes, Befragungen, Einholen von Informationen, die heute üblich ist, entspricht wiederum der Tatsache, dass wir ja mittlerweile wissen, was uns nicht mehr jedes Mal nahegebracht werden muss. Ganz wichtig ist auch, dass heute mehr gezeigt und weniger erklärt wird, als dies die Eheleute Vasemeier etwa in „Spiel mit dem Feuer“ tun – und es zu zeigen, nicht zu erklären, ist ja nicht nur filmisch das fortgeschrittenere Mittel, sondern wird auch von handlungsorientierten Büchern längst gefordert. Emotional waren die Tatorte der 80er, gemäß einer ihrer geistigen Quellen, dem Autorenfilm, ohnehin eher auf dem Niveau einer Studie, die man distanziert wahrzunehmen hatte als auf dem heutigen, viel mehr amerikanisierten Vereinnahmungstrip. Wir halten etwas Distanz und geben, trotz einiger Qualitäten und der schönen Anspielung auf „Les choses de la vie“ 6,5/10 für „Spiel mit dem Feuer“.


© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissarin Wiegand – Karin Anselm
Assistent Leverkühn – Michael Lesch
Frau E. Vasemeier – Lydia Kreibohm
Herr Dr. Vasemeier – Jürgen Arndt
Herr Pohlmann – Walo Lüond
Hausmeister Wernitz – Hartmut Kollakowski

Buch – Knut Boeser
Regie – Wolfgang Storch
Kamera – Immo Rentz

 

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