Babylon Berlin – die Serie | Staffel 3, Folge 2 (Gesamtfolge 18) | #Crimetime 824 #BabylonBerlin #Babylon #Berlin #ARD #Sky

Crimetime 824 - Titelfoto und weitere Bilder © ARD Degeto / X-Filme / Beta Film / Sky Deutschland / Frédéric Batier

Überblick über die Situation in den Folgen 17 bis 19 (Staffel 3 Folgen 1 bis 3)

Berlin im September 1929: eine Metropole in Aufruhr. Ökonomie und Kultur, Politik und Unterwelt – alles befindet sich in radikalem Wandel. Spekulation und Inflation zehren bereits an den Grundfesten der immer noch jungen Weimarer Republik. Wachsende Armut und Arbeitslosigkeit stehen in starkem Kontrast zum Exzess und Luxus des Nachtlebens und der nach wie vor überbordenden kreativen Energie der Stadt. „Babylon Berlin“ erzählt in der neuen, dritten Staffel die Geschichte des jungen Kommissars Gereon Rath weiter, der sich in den Illusionswelten des 20er-Jahre-Stummfilmkinos zu verirren scheint, während um ihn herum der Wahnsinn herrscht: Menschen verschulden sich, die Hochfinanz spekuliert auf den Untergang, und die rechtsnationale Partei versucht, Polizei und Verwaltung sukzessive mit kaltblütigen Mitteln zu unterwandern. Doch es gibt Hoffnung: Trotz Mord und Verzweiflung findet Rath Liebe und Solidarität, und die „Roaring Twenties“ spiegeln in all ihren Facetten Lebenshunger und Leidenschaft.

Kurzfassung der Handlung von Folge 18

Greta steht für das Attentat auf Benda vor Gericht. Rath versucht ihr zu helfen, doch dafür muss er Regierungsrat Wendt umgehen. Der Armenier und sein Geschäftspartner Walter Weintraub erhalten schlechte Nachrichten.

Alle bisherigen Rezensionen (1)

Die politische Lage wird bedrückender

Mich hat es auch gepackt, das Babylon-Fieber. Die ersten beiden Staffeln habe ich erst anlässlich einer Wiederholung in „das Erste“ für den Wahlberliner rezensiert, nun sind wir schneller und stellen die erste Folge der dritten Staffel noch vor der Fernsehausstrahlung vor – möglich ist das dadurch, dass die ARD-Mediathek sie zwei Tage vor der offziellen TV-Premiere anbietet,

die am 11.10.2020 um 20:15 für die ersten drei Folgen stattfinden wird.

Damit ersetzt „Babylon Berln“, anders als bei den ersten beiden Staffeln, auch die an Sonntagabenden übliche Tatort- oder Polizeiruf-Premiere. Möglicherweise hat man das so eingerichtet, weil die Corona-Krise den Ablauf der Dreharbeiten einiger Sonntagskrimis verzögert hat. Vielleicht geht es aber auch nur darum, „Babylon Berlin“ hervorzuheben und der Serie den bestmöglichen Sendeplatz zu verschaffen. Das entspräche dem nie zuvor gekannten medialen Aufwand im Vorfeld einer Serie, den die ARD und den die Produzenten für diese dritte Staffel betrieben haben: Ganz klar, mit Zuschauerzahlen von 3,5 bis 5 Millionen bei der ersten Vorstellung im Free TV will man sich dieses Mal nicht zufriedengeben. Als Erfolg dürfte es gelten, wenn die Erstausstrahlungen etwa so viele Menschen erreichen wie neue Tatorte oder Polizeirufe (in der Regel zwischen 8 und 10 Millionen Zuschauer*innen).

Anlässlich der dritten Staffel haben wir etwas geändert – wir geben jeder Rezension eine eigene Crimetime-Nummer, denn es hat sich herausgestellt, dass der Aufwand für jeden unserer nahezu szenengetreuen Berichte zuzüglich üblcher wertender Anmerkungen eher den einer unserer üblichen Tatortrezension übersteigt, als dass er niedriger liegt. Letzteres hatten wir vor dem Beginn mit Staffel 1 angenommen, weil eine Folge nur ca. 45 Minuten dauert. Wir binden in die Babylon-Berlin-Rezensionen stets mehrere Fotos ein und setzen Themenschwerpunkte wie den Börsencrash von 1929, zu dem wir aus gegebenem Anlass einige Zusatzinfos bereitstellen. Das vielleicht spektakulärste Foto vom Phantom der Babelsberger Filmstudios haben wir für die Folge 17 (die erste Folge der dritten Staffel) als Titelbild gewählt.

Was bisher geschah (Einleitung von Staffel 3, Folge 1 (Folge 17)).

Mit diesem klassischen Satz wird die Folge 17 eingeleitet. Danach folgt ein Abriss über die Staffeln 1 und 2. Weise beschränkt man sich dabei auf das, was in einer Form in Staffel 3 fortwirkt: Auf die persönliche Geschichte des Kommissars Gereon Rath (Volker Bruch). Sein Trauma wird thematisiert, das sich aus dem Ersten Weltkrieg herleitet und ihn drogenabhängig gemacht hat, denn er ist ein „Zitterer“, einer von jenen Soldaten, die in jahrelangen Grabenkämpfen die Nerven verloren und für immer gezeichnet waren, selbst, wenn sie keine Glieder, nicht das Augenlicht verloren. Auch die Geschichte des Dienstmädchens Greta, (Leonie Benesch) der als Kommunisten verkleideten Nazis wird sich fortsetzen und wurde daher in der Zusammenfassung angerissen.

Was ebenfalls aufgegriffen wird, ist der sogenannte Verrat, nämlich das Charlotte mitbekommt, dass gereon Rath medikamentenabhängig ist, und das im Verlauf der Handlung seinem dessen Feindfreund, Kommissar Wolter, beibiegt. Auf die Greta-Story spielt der Mord an Staatssekreträ Benda an, der auf dem Framing dieses Dienstmädchen beruht. Sie gibt einem sich als Kommunist ausgehenden Nazi die Möglichkeit, ein Attentat auf ihren Arbeitgeber zu verüben. Um sie zu überzeugen, fingieren die Nazis sogar den Mord an ihrem neuen Freund. Zu Beginn der Staffel 3 sitzt sie im Frauengefängnis Friedrichshain in U-Haft.

Auch Raths Bruder Anno alias Dr. Schmidt (Jens Harzer) begegnet uns wieder. Insgesamt ist das Personaltableau aber zunächst einmal kleiner geworden. Zwar werden mit Walther Weintraub (Ronald Zehrfeld) und Esther Kabasian (Meret Becker) zwei neue wichtige Figuren eingeführt, aber wir mussten uns in den Folgen 14 und 15 bereits von Staatssekretär Benda (Matthias Brandt) verabschieden, der einem Attentat zum Opfer fiel und von Raths oben erwähntem Freundfeind, dem Kommissar Wolter (Peter Kurth in einer Glanzrolle), von einem jungen Kollegen Raths, der ebenfalls umkam und von  exzentrischen Charakteren, die für den Handlungsstrang „Porno-Fetischfilm“ von Bedeutung waren, in dem es um die (fiktive) Erpressung des Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer ging. Wegen dieser Sache wechselte Gereon Rath nach Berlin. Die markanten Figuren um den Goldzug aus Russland, die den ersten Staffeln viel von ihrem flirrenden Glanz vermittelt hatten, werden wir ebenfalls nicht wiedersehen, denn auch dieser Handlungsabschnitt ist zu Ende. Übrig bleibt aus diesem Cluster oder, wenn man so will, das Auch-Mitglied als Teilmenge der Industriellenspross Alfred Nyssen, wieder hervorragend gespielt von Lars Eidinger.

Was in Folge 18 geschieht, Rezension, Infos (Spoiler: Wir zeichnen die Handlung nach)

Eine freudige Nachricht zu Beginn. Nicht nur ist die Folge 18 etwas kürzer als üblich (42 Minuten), auch die Rezension wird es werden. Der Aufbau ist simpel und es gibt dieses Mal keine historischen Fakten abzugleichen. Der Börsensturz spielt keine Rolle und auch die Filmbranche haben wir bereits hinreichend ausgeleuchtet – was nicht bedeutet, dass der böse Beleuchter bereits gefasst ist, der den 10-KW-Scheinwerfer möglicherweise hat auf die Schauspielerin Betty Winter fallen lassen. Die übliche anfängliche Wiederholung bezieht sich ohnehin auf ein anderes Thema und nur auf dieses: Den Mord an Regierungspräsident Benda, ein paar kurze Szenen werden eingeblendet: Wie es geschah und Greta, wie sie dabei mitgeholfen hat.

2020-10-11 Babylon Berlin Folge 18 Staffel 3 Folge 1 Foto 02Das Dienstmädchen, das beim Mord an ihrem Arbeitgeber half. Das Gesicht der Hoffnungslosigkeit.

In der Tat geht es mit dem Frauengefängnis weiter. Im kalten Morgenlicht ist der Galgen auf dem Gefängnishof aus aufgebaut und der Scharfrichter und seine Mannschaft kommen, in einem Koffer hat er ein Beil. Offensichtilch wird damit auch die Person hingerichtet, die an jenem Morgen an der Reihe ist, wozu dann dieses Gerüst? Sowohl Kreta als auch die kommunistische Ärztin, die im Rahmen des Bltumai verhaftet wurde, sind hinter Gittern und die allesamt weiblichen Häftlinge schlagen kurz mit ihren Schuhen gegen das Gitter, als die Verurteilte zur Hinrichtung geführt wird. Greta hingegen verharrt still. Der Schock, unter dem sie steht, sitzt tief.

2020-10-11 Babylon Berlin Folge 18 Staffel 3 Folge 1 Foto 03

 

Wer hingegen für eine gute Sache kämpft, mag gefangen und allein sein, doch ist niemals ohne Hoffnung. Man beachte die Unterschiede in der Lichtsetzung zu dem Bild von Greta, wenn hier die kommunistiche Ärztin gezeigt wird, die im selben Frauengefängnis von Berlin-Friedrichsheim inhaftiert ist.

Das erste was man von Rath sieht, ist nicht er alleine, wie in der vorherigen Folge und sonst meistens, sondern ihn mit seiner neuen Familie, nunmehr in der eigenen Wohnung, und wie Helga in zum Sex nötigt. Besonders romantisch wirkt dieser Quicky nicht, aber so ist das, wenn es schnell gehen soll, denn Rath hat einen Termin. Helga fragt: „Wollten wir nicht heiraten?“Und: „Was steht nun wieder zwischen uns?“ Da wird sie zunächst an die Kriminalassistentin Charlotte Ritter denken, doch sie weiß nicht alles. Sie weiß etwas nicht, was mindestens genauso wichtig ist.

Est muss nicht ein Mangel an Liebe sein, nich ausschließlich jedenfalls, sondern Gereons Gewissen dürfte ebenfalls eine Rolle spielen. Es ist nochmal anders als zuvor, seitdem er weiß, sein Bruder Anno, der Ehegatte von Helga, lebt und Gereons Verrat auf dem Schlachtfeld damit einen Mitwisser hat, der jederzeit auftauchen und etwas erzählen könnte.  

Der Arminia, der jüngst freigelassene Weintraub und Esther, das sehen wir als nächstes, haben eine Art menage à trois. In den Folgen 1 bis 16 wurde nie gezeigt, dass gebunden ist. Das hat ihn viel geheimnisvoller gemacht, aber die neue Staffel wäre wohl zu leer gewesen, hätte man den verbliebenen Figuren nicht ein Upgrade bezüglich ihrer Beziehungen verpasst.

Greta wird im Gefangenentransport zum Gericht gebracht. Gereon Rath ist auch anwesend. Sachlich wird der Hergang das Attentat geschildert, bei dem Benda und – das gerät immer ein bisschen aus dem Blick-  auch seine kleine Tochter getötet wurden. Sie hatten keine Chance und waren beide Sekunden nach der Explosion tot. Rath spricht nach der Verhandlung mit der Witwe, sie erinnert ihn daran, dass er ihr versprochen hat, die Hintermänner des Anschlags zu finden. Aber er hat noch keine Spuren zu den Nazis. Damit muss er nun zwei Fälle bearbeiten, nach dem Mord an der Schauspielerin Betty Winter. Aber das kennt er ja schon und als Chef des Morddezernats hat er taffe Mitarbeiter*innen wie – nun ja, wie jene Charlotte Ritter, die zwar ihre Prüfung nicht bestanden hat, aber aus einer Zeugin des Mordes am Set ein Phantombild von einem Phantom herausquetscht, das beinahe detailreicher aussieht, als das Phantom selbst.

Helga lässt sich in einer Telefonzelle mit einer Nummer verbinden, und dann bricht die Szene ab. Es wird ja gerne mal gesagt, es sei Old School, auf diese Weise Spannung aufzubauen, dass ein Gespräch oder eine Handlung eingeleitet werden, dann aber, ohne dass etwas passiert oder gesagt wird, die nächste Szene kommt. Doch die Folgen 17 und (bisher) 18 sind auch mehr oldschool als die ersten 16. In den beiden ersten Staffeln war diese Methode ebenfalls häufig zu beobachten.

Der Nazi und Major Wendt, der nun Nachfolger von Ernst Benda als Regierungspräsident und Chef der politischen Polizei geworden ist, versucht, den ihm nicht genehmen Polizeipräsidenten Zörrgiebel loszuwerden,.

2020-10-11 Babylon Berlin Folge 18 Staffel 3 Folge 1 Foto 01

Zwei Polizisten. Die Demokratie werden sie nicht retten, aber wie werden sich ihre Wege gestalten? Die Karriere von Polizeipräsident Zörrgiebel, man ahnt es, wird bald zu Ende sein.

Wir sehen h ier, wie die Demokratie nicht nur durch den Sturm von außen, sondern durch die Besetzung wichtiger Positionen zerstört wird. Wenn erst Nazis in der Exekutive etwas zu sagen haben, wird es schwierig, die Schäden in Grenzen zu halten, denn der Rechtsstaat ist für sie nur der Türöffner für die totalitäre Macht. Und irgendwas findet man immer, um die politischen Gegner auszuschalten. Bei dem eher mittigen, rechtssozialdemokratischen Zörrgiebel sind es die Ereinisse vom 1. Mai, das harte Durchgreifen gegenüber den Kommunisten, das er und Benda zusammen beschlossen haben. Dass nun die Nazis ihn damit unter Druck setzen – man weiß Bescheid – und ihm den Rücktritt nahelegen, ist signifikant. Diese politische Linie von „Babylon Berlin“ war von Beginn zwar nicht die spektakulärste, aber die am klügsten und realistischsten angelegte. Mechansimen, die in toto ausreichen, um die Demokratie zu vernichten, sehen wir  hier immer wieder auf recht überzeugende Weise. Es versteht sich von selbst, dass dies einen Kommentar zur aktuellen Lage darstellt und wie sich bereits wieder das Kapital, die Rechten und die Staatsmacht zusammenschließen, um die Menschen in dne Würgegriff zu nehmen. Wenn man in Babylon Berlin 2020 lebt, kann man die Augen davor nicht verschließen und könnte Bücher darüber schreiben, wie brüchig die demokratische Fassade in Wahrheit ist, obwohl immer noch regelmäßig Wahlen stattfinden, die als frei gelten. Wir hätten es selbst in der Hand, die Demokratie zu schützen, aber die meisten sind zu träge – 1929 war es eher so, dass die meisten gar nicht wussten, was Demokratie wert ist; heute sollten das nicht mehr der Fall sein, aber man könnte sie uns wegnehmen, ohne dass die Mehrheit dagegen protestieren würde.

Zum Beispiel hat der Rechte namens Wendt angeordnet, dass eine Sondergenehmigung notwendig ist, um Einsicht in die Mordakte Benda zu nehmen, sodass Rath erst einmal nicht an die Verhörprotokolle herankommt, die er gerne noch einmal durchgesehen hätte. Deswegen begegnen sich Rath und Wendt sozusagen im Türrahmen von Zörrgiebels Büro. Der Polizeipräsident erleidet einen Schwächeanfall, bevor Rath sein Anliegen vortragen kann. In dem Moment bin ich davon ausgeganen, dass er von Zörrgiebel die Sondergenehmigung bekommt, Greta noch einmal zu vernehmen. Das hat sich bis zum Ende von Folge 18 aber nicht erwiesen. Vielmehr versucht Rath, Wendt zu umgehen, indem er Charlotte bittet, mit Greta in Kontakt zu treten. Die will davon ja erst einmal nichts wissen und gar niemanden sehen, wie wir in Folge 17 erfahren haben.

Nun geht es aber mit dem Fall der vom Scheinwerfer erschlagenen Schauspielerin, des hoffnungsvollen Filmstars Betty Winter, weiter. Ein Beleuchter ist unter falschem Namen geführt worden. Raht will daraufhin den Bericht für die Versicherung nicht fertig stellen, und der Produzent Bellmann den wir hier zum ersten sehen bzw. reden hören, bekundet, dies bedeute  den Ruin für alle Beteiligten.

Die Tänzerin, die auf dem Filmmaterial so auffällig nach oben geschaut hat, sagt auf der Polizei aus, dass sie einen Geist gesehen hat, außerdem muss sie Rath schon mal irgendwo in einer Bar getroffen haben. Rath geht nun doch zu Wendt. Der hat mit politischen Freunden ein Arbeitsessen im Volkspark Schöneberg-Wilmersdorf. Ich sage ja immer, das ist ein schöner Bezirk in dem wir wohnen, aber politisch nicht ganz ungefährlich, weil sich hier viele Strömungen bewegen und treffen.

Wendt versucht, Rath abzulenken und auf einen Fall Litmann einzustimmen, von dem die Zuschauer bisher nichts wissen. Offensichtlich kriegt Rath die Verhörgenehmigung für Kreta immer noch nicht.

Zurück ins Filmbusiness: Da hängt also auch ein Banker mit drin, der familiäre Verbindungen zu Esther, der Frau des Armeniers hat (die Schwester?) und die Versicherung, sagt er, wird nicht für den Produktionsausfall und den vermutlichen Stopp des Films zahlen, solange Mord an der Hauptdarstellerin im Raum steht. Wir erinnern uns daran, dass Weintraub und der Armenier den Staff schon darauf eingeschworen hatten, nichts zu sagen aber die Tänzerin mit dem mglw. Bostoner Hintergrund hat sich nicht daran gehalten und das oben erwähnte hübsche Phantombild zeichnen lassen.

2020-10-11 Babylon Berlin Folge 18 Staffel 3 Folge 1 Foto 04

Harte Verhandlungen im Filmbusiness: Die Investoren haben das Wort, aber sie sind selbst in einer prekären Lage.

Nun checkt Helga Rath in einem Haus mit Privatresidenzen im New York Style ein. Und kriegt einen Schlüssel ausgehändigt das Kuvert, aus dem sie ihn zieht, weist darauf hin, dass sie sich unter falschem Namen bewegt. Was in dem Luxusappartement Nr. 12 passiert, wird nicht gezeigt. Moritz, Helgas Sohn, wird inzwischen beim Laub sammeln im Park (es ist Herbst!) von Nazis angebaggert, er selbst gehört der Katholischen Jugend an (Kölner Hintergrund!). Aus meiner eigenen Familiengeschichte ist mir der Konflikt zwischen Katholischer Jugend und HJ bekannt, aber die HJ heißt 1929 noch nicht so und ist svs. noch keine Pflichtveranstaltung.

Auch nach dieser Szene werden wir wieder politisch instruiert. Wendt wird von einem Lederjacken-Schläger-Nazi, mit dem erausgeritten ist, selbst unter Druck gesetzt, weil der Fall Benda einfach nicht ruhen will. Der „Akvitist“ sagt, die Nazis werden nicht mehr losschlagen, bis diese Sache erledigt ist, weil die NSDAP aus der Öffentlichkeit muss. Wer weiß aber, was beim nächsten Mal passiert? Wer missbraucht hier wen? Wendt die Straßennazis für den nationalen Zweck oder ist er selbst schon in deren Hand? Wie geschrieben, die politische Ausleuchtung des Babylon-Berlins von 1929 ist gelungen und macht nachdenklich.

Der Armenier und sein Compagnon Weintraub setzen den Produzenten Bellmann unter Druck, damit weitergedreht wird. Aber wer soll Betty Winter ersetzen? Ist den beiden relativ egal, sie sind Investoren, keine Filmschaffenden. Damit das auch klar ist, stechen sie mit einem Klappmesser herzhaft durch die linke Hand des ausführenden Produzenten, nachdem Weintraub ihm vorher aus der Rechten gelesen hat, dass er ein Guter ist und es viele Liebeskreuzlinien gibt, aber die Lebenslinie – zack! Die könnte recht kurz sein. Dies ist in der Folge 18 der erste thrilliger Moment, den hat man sich bis fast zum Ende aufgehoben.

2020-10-11 Babylon Berlin Folge 18 Staffel 3 Folge 1 Foto 05

Wird die einst erfolgreiche Theaterschauspielerin Esther für Betty Winter einspringen, damit „Dämonen der Leidenschaft“ zu Ende gedreht werden kann?

Eine Szene mit Esther allein schließt sich an, wie sie mit einem Opiumpfeifchen daliegt, auf Bilder schaut aus der Zeit, da sie am Theater große Erfolge feierte, jetzt darf sie ja nicht mehr auftreten, denn ihr Mann ist ein Mob Boss und neben ihm gibt es keine Göttinnen. Trotzdem wirkt die Szene, als wenn es auf sie als Ersatz von Betty Winter hinauslaufen würde.

Charlotte hingegen liegt mit ihrer jüngeren Schwester zusammen in einem im Dachzimmer der Teilzeitmietwohnung und schaut durch das Schrägdachfenster hinaus in den Nachthimmel. Die kleine Schwester fragt, ob die beiden wohl mal was Besseres werden. Was bessere als wer oder was? Was besseres als nichts. Nichts sind wir ja schon, kann nur besser werden, sagt Charlotte, die offenbar ein Händchen für das Drehen Vertriebler-Sprüchen ins Grundexistenzielle hat. Was besseres als Ilse und Werner, also die ältere Schwester von den beiden und ihr furchtbarer Typ, präzisiert die Schwester. Charlotte: Besser als die ist ja alles, was nicht schimmelt.  Sie will aber Polizeipräsidentin werden und Ihre Schwester „Chef von dit Janze“. Hoffentlich ist damit nicht Bundeskanzlerin gemeint, denn wer glaubt, sie sei Chefin des Ganzen, verkennt die wahren Machtverhältnisse. CEO von BlackRock wäre ein Job für sie, mit dem sie wirklich gestalten könnte.

Rath passt im dunklen Treppenhaus den falschen Beleuchter ab, wird von diesem aber erstmal abgewehrt, rennt ihm nach. Nach der Sache mit dem Messer kommt schon wieder Action auf. Der Beleuchter rennt und Rath steigt aufs Trittbrett eines fahrenden Wagens, um schneller zu sein. Man ereicht die Tauentzienstraße, kommt am KaDeWe vorbei und rath erwischt den Kerl. Allerdings ist es eigentlich Quatsch, das der Kommissar ihn zunächst nach diesem Tatablauf fragt, dann zunächst müsste ja mal geklärt werden, warum da eine falsche Personalakte existiert – genau, das versucht er jetzt auch. Der so Bedrängte gibt an, dass er die Filmproduktion sabotieren sollte, aber es war nicht vorgesehen, jemanden dabei umzubringen. Nun sprich! Leider wird der Mann von einem Auto aus erschossen, das neben dem von Rath zum Stehen kommt. Wir sind jetzt im klassischen Gangsterkino. Just in dem Moment, wo es zum Singen kommen soll, wird der Ton abgestellt bzw. läuft in einem Röcheln aus, das auf bevorstehenden Exitus hindeutet.

Der Abspann läuft und mit ihm eines der neuen Lieder zur Staffel drei, es geht etwa so: Wer mich Frau sein lässt, wie ich will, wer mich verstehen will, der gibt sich hin, der nimmt mein Wesen, wie ich bin, und träumt8 sich rein, will nichts richten, lässt sich ein. Bis heute ist nicht geklärt, ob Frauen von Männern genau das erwarten oder doch einen mehr konstruktivistischen Ansatz bevorzugen.

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Wie Jungnazis gemacht werden. Wird Moritz, Helgas Sohn, dieser eigentlich so clevere Junge, sich von der Katholischen Jugend ab- und den Braunen zuwenden? Schon aus Protest, weil ihm das Setting mit seiner Mutter und Rath nicht passt, wie wir aus den ersten Staffeln wissen und weil Rath ihm gegenüber auch mal autoritär werden kann?

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

(1) Unsere bisherigen Rezensionen zu „Babylon Berlin“

Folge 17 (Staffel 3)

Folge 16 (Staffel 2)
Folge 15 (Staffel 2)
Folge 14 (Staffel 2)
Folge 13 (Staffel 2)
Folge 12 (Staffel 2)
Folge 11 (Staffel 2)
Folge 10 (Staffel 2)
Folge 09 (Staffel 2)

Folge 8 (Staffel 1)
Folge 7 (Staffel 1)
Folge 6 (Staffel 1)
Folge 5 (Staffel 1)
Folge 4 (Staffel 1)
Folge 3 (Staffel 1)
Folge 2 (Staffel 1)
Folge 1 (Staffel 1)

Rolle Darsteller
Gereon Rath Volker Bruch
Charlotte Ritter Liv Lisa Fries
Greta Overbeck Leonie Benesch
Alfred Nyssen Lars Eidinger
Günter Wendt Benno Fürmann
Helga Rath Hannah Herzsprung
Armenier Misel Maticevic
Walter Weintraub Ronald Zehrfeld
Esther Kasabian Meret Becker
Dr. Schmidt „Anno“ Jens Harzer
Elisabeth Behnke Fritzi Haberlandt
Dr. Völcker Jördis Triebel
Katelbach Karl Markovics
Ernst Gennat Udo Samel
Reinhold Gräf Christian Friedel
Zörgiebel Thomas Thieme
Ullrich Luc Feit
Litten Trystan W. Pütter
Henning Thorsten Merten
Wilhelm Böhm Godehard Giese
Czerwinski Rüdiger Klink
Malu Seegers Saskia Rosendahl
Tristan Rot Sabin Tambrea
Fritz Jacob Matschenz
Otto Julius Feldmeier
Musik: Johnny Klimek
  Tom Tykwer
Kamera: Bernd Fischer
  Christian Almesberger
  Philipp Haberlandt
Buch: Tom Tykwer
  Hendrik Handloegten
  Achim von Borries
Regie: Tom Tykwer
  Achim von Borries
  Hendrik Handloegten

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