Der Kreuzworträtselfall – Polizeiruf 110 Episode 123 #Crimetime 833 – #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Berlin #Beck #Grawe #Fuchs #Kreuzworträtsel #Triebtäter

Crimtime 833 - Titelfoto Fernsehen der DDR / ARD

Stadt im Rätselfieber

„Die Kritik nannte den Film rückblickend den „erste[n] Film der Reihe, in dem die polizeiliche Ermittlung so akribisch vorgeführt wurde“.[3] Gleichzeitig war vor diesem Polizeiruf, der auf dem realen Kreuzworträtselmord beruht, jedoch nach Berlin verlegt wurde, „noch niemals Triebverhalten so schonungslos dargestellt worden.“[4]“

Stimmt das so und wie sind wir durch einen Film gekommen, in dem „Triebverhalten so schonungslos dargestellt wurde?“ Darüber und über andere Aspekte des Films schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Es ist ein kalter Januartag in Berlin: Der siebenjährige Marko Herzog will mit einem Freund ins Kino gehen und sich Ronja Räubertochter ansehen. Seine Mutter besteht auf Mittagessen und Hausaufgaben, dann kann der Junge mit seiner Schwester losgehen. Beide sollen vorher beim Optiker eine Brille abholen. Marko dauert jedoch das Warten zu lange, und er geht alleine zum Kino. Die Kasse hat noch nicht geöffnet, sodass er in einen nahegelegenen Park geht, um zu spielen. Hier trifft er auf den 19-jährigen Stefan Winkelmeyer, mit dem er mitgeht. Wenig später trägt Stefan einen schweren Koffer zum Bahnhof. Kurz darauf sieht man den Koffer an einer Bahnstrecke liegen.

Als Marko abends nicht vom Kino nach Hause kommt, beginnen die Eltern mit der Suche nach ihrem Sohn. Sie erfahren, dass Marko auch nicht mit im Kino war, und melden ihn bei der Polizei als vermisst. Eine großangelegte Suche beginnt, die jedoch unter anderem wegen starken Schneefalls erfolglos bleibt. Erst als der Schnee schmilzt, findet ein Bahnwärter den Koffer. In ihm liegt die gefrorene Leiche von Marko. Hauptmann Günter Beck und Leutnant Thomas Grawe erfahren von der Gerichtsmedizin, dass Marko vor seiner Ermordung sexuell missbraucht wurde. Die Tatspuren lassen die Vermutung zu, dass es sich um einen Täter handelt, der jederzeit wieder zuschlagen könnte. Es gibt wenige Spuren, darunter Fasern einer oft verkauften Decke. Bedeutung messen die Ermittler zahlreichen Zeitschriftenseiten mit ausgefüllten Kreuzworträtseln zu. Mit ihnen hatte der Täter den Koffer ausgepolstert. Sämtliche vorbestrafte Triebtäter werden befragt, doch findet sich kein möglicher Täter. Auch ihre Schriftproben weisen keine Ähnlichkeit zum charakteristischen Schriftbild der Kreuzworträtsel auf.

Weil die Ermittler nicht weiterkommen, konzentrieren sie sich auf ihren letzten Anhaltspunkt: die Kreuzworträtsel. Thomas Grawe beschließt, die Schriftproben auf Brennpunkte in Berlin auszuweiten. Er holt sich den Schriftexperten Eberhard Aust mit ins Team, der kurz vor seinem Ruhestand bereit ist, die Schriftüberprüfungen zu leiten. Auch Hauptmann Günter Beck ist schließlich bereit, die Aktion mitzuleiten. Die Ermittler rufen einen Kreuzworträtselwettbewerb aus, auf den rund 12.000 Einsendungen eingehen. Kinder helfen beim Einsammeln von Zeitungen aus Wohngegenden, aus denen gelöste Kreuzworträtsel überprüft werden. Parallel dazu gehen ABV kontinuierlich die Wohnungen in Berlin ab und bitten die Mieter um Schriftproben. Die Monate vergehen. Marko wurde im Februar beigesetzt, und noch im Herbst durchsuchen die Ermittler vergeblich Zeitungen und eingegangene Schriftproben.

Stefan ist unterdessen bei seiner Freundin Katrin Schröder in Oberhain angekommen, wo er als Hausmeister zu arbeiten beginnt. Die sexuelle Beziehung zu Katrin ist gestört, so zwingt Stefan sie zum Geschlechtsverkehr und ist dominant, braucht jedoch gleichzeitig Katrins Erzählungen über kleine Jungen, um sexuell erregt zu sein. Er sucht in Oberhain aktiv Kontakt zu Jungen, vergeht sich jedoch nicht an ihnen. Als Katrin im Dezember zu ihrer Mutter nach Heiligenborn fährt, begleitet er sie nicht, weil Katrins Mutter ihn ablehnt. In einer Ferienanlage sucht er sich ein potenzielles neues Opfer.

Am 8. Dezember stößt Eberhard Aust bei der Handschriftenanalyse auf den identischen Schrifttyp. Der Text stammt von Frau Schröder – Katrins Mutter. Sofort fliegen die Ermittler nach Heiligenborn und befragen Frau Schröder und Katrin. Frau Schröder hat eine Wohnung in Berlin, die bei der Überprüfung der Anwohner bereits vermerkt worden war, da der Mieter nicht öffnete. Bald verlagert sich der Fokus auf Katrins Freund, der ohne Wissen von Frau Schröder mit einem Nachschlüssel Zugang zur Wohnung hatte. In der Wohnung findet sich eine Decke, deren Fasern sich beim Opfer gefunden haben könnten. Zudem werden Blutspuren im Teppich gesichert. Katrin berichtet den Ermittlern schließlich von Stefans Obsession kleinen Jungen gegenüber. Sie hat gedacht, er sei kinderlieb, und konnte andere Eigenarten nicht richtig einordnen, weil Stefan ihr erster Freund war. Freunden offenbarte sie sich aus Scham nicht. Eine Fahndung nach Stefan wird eingeleitet. Er kann wenig später, in Begleitung eines kleinen Jungen, auf einem Weihnachtsmarkt gestellt und festgenommen werden.

Für seinen Ermittlungserfolg wird Thomas Grave zum Oberleutnant befördert. Markos Eltern wiederum können nun endlich wirklich um ihren Sohn trauern.

Rezension

Zunächst: Die obige Einschätzung des 2003 verstorbenen Polizeiruf-Doyens Peter Hoff teilen wir mit Einschränkungen. In „Der Mann im Baum“ ist das Verhalten eines Sexualstraftäters für uns eindringlicher dargestellt worden und dass die Ermittlungen so akribisch wirken, liegt vor allem daran, dass sie so ungewöhnlich sind, nicht an der besseren Darstellung dieser ungewöhnlichen Arbeit gegenüber anderen, konventionelleren Methoden in anderen Polizeiruf-Produktionen.

Allerdings handelt es sich hier um einen noch jungen Mann, der kleine Jungen im Alter von 6 bis 8 Jahren umbringt. Der wohl schockierendste Moment war, wie gezeigt wird, dass er mit seiner Freundin nur Sex haben kann, wenn sie ihm hilft, Kinder zu visualisieren, auf die er sie bei gemeinsamen Unternehmungen aufmerksam gemacht hat. Irgendwann haben wir etwas Derartiges im Film schon einmal gesehen, aber es war sicher ein später gedrehtes Werk.

Keine Frage, dass die Polizisten, besonders Thomas Grawe, hier viele Pluspunkte machen, dass es interessant ist, zuzuschauen, wie ihr Herumstochern, ihre Zweifel, ihr Wille, immer weiterzumachen, sich zu einer eigenartigen, dichten Atmosphäre verbinden. Die Ermittler werden im Grunde mehr ausgeleuchtet als der Täter. Zum Glück, möchten wir hinzufügen, denn hätte man ihm mehr Spielzeit gegeben, wäre der Film wirklich furchtbar geworden. Diese Abneigung ist vermutlich bei den meisten Zuschauern vorhanden, das hat man berücksichtigt und immer nur kurze Szenen mit dem Täter gedreht. Trotzdem hat der Film auch viele Aspekte und einen Stil, der uns nicht in allen Punkten überzeugte.

Allein, dass man das Geschehen nach Berlin verlegt hat, macht diese Art von Fallauflösung geradezu utopisch. Was in einer Kleinstadt noch denkbar ist, kommt in einer Millionen-Metropole einem Himmelfahrtskommando gleich. Unzählige Schriften müssen mit dem Original verglichen werden und dann, das wir richtig dargestellt, kann es passieren, dass jemand ausgerechnet in dem Moment unaufmerksam ist, wenn er das richtige Vergleichsschriftstück vor sich hat. Einer der Ermittler scheidet aus dem Suchteam aus, weil er etwas übersehen hat. Aber die anderen sind, bis auf einen Spezialisten, der eigentlich in Rente gehen wollte, auf dem Gebiet der Graphologie ebenfalls nicht geschult.

Vielleicht geht es besser, wenn jemand eine etrem prägnante Schrift hat, sogar bei Druckbuchstaben, wie sie beim Ausfüllen von Kreuzworträtseln verwendet werden. Damit das Ganze nicht so extrem überzogen wirkt, beschränkt man sich auf einen Kiez im Neubaugebiet von Marzahn-Hellersdorf und erweitert von dort aus das Suchgebiet. Verblüffend, dass man davon ausgeht, dass der Täter in der Nähe der Tatorte wohnt und nicht vielleicht eigens in einen anderen Stadtteil gefahren ist, um nicht in Verdacht zu geraten. Als er dann wieder versucht, sich einem Jungen anzunähern, geschieht das ja auch an einem anderen als dem Meldeort. Zu dem Zeitpunkt weiß die Polizei aber schon Bescheid, sonst hätte er wieder leichtes Spiel mit dem Entkommen gehabt – und wäre im Nachhinein dieses Mal doch leicht zu ermitteln gewesen, da unzählige Menschen ihn dabei gesehen haben, wie er mit dem Jungen vom Kirmesplatz weg will – ganz anders als im ersten Fall, als Täter und Opfer in einem Stadtwaldstück alleine miteinander waren.

Damit die Dramatik steigt, bringt man den Zeitfaktor hinein: Er könnte es wieder tun. Zwischenzeitlich wird den meisten Zuschauern schon der Gedanke gekommen sein: Von diesem gigantischen Aufwand, der ein ganzes Team fast ein Jahr lang auf Trab hält, wird Marko auch nicht wieder lebendig. Man muss also die fortbestehende Gefahr herausheben. Heute würde man wohl einen Massen-DNA-Test machen, aber er müsste dann zwingend sein. Das würde es vereinfachen, den Mörder zu finden. Was man hingegen nicht tun würde und nicht dürfte: Die gesamte Post aufmachen, die in einem Stadtteil zirkuliert. Und damit zu einem Kernproblem des Films. Wir konnten uns des Eindrucks nicht erwehren, dass die DDR-Volkspolizei hier nicht nur als besonders energisch und unbedingt erfolgsgewillt dargestellt werden soll, sondern dass ein System, in dem das Briefgeheimnis zu Ermittlungszwecken aufgehoben werden kann – falls es denn ansonsten gegeben war – mehr Sicherheit bietet. Der heutige Streit darum, ob Sicherheit oder Freiheit wichtiger sind, wenn sich beides nicht gleichzeitig optimal verwirklichen lässt, war seinerzeit klar zugunsten der Sicherheit entschieden worden. Besser: Einer Suggestion von Sicherheit, denn dies ist das Entscheidende. Die Unsicherheit, die dadurch entstand, dass Briefe auch von der Stasi gelesen werden konnten, wenn der Staat generell das Recht hatte, sie zu öffnen, war wohl schwerlich durch mehr Sicherheit vor ganz wenigen schweren Kapitalverbrechen auszugleichen. Denn auch dies will der Film ausdrücken: Der Mord an Marko ist so außergewöhnlich, dass dafür außergewöhnliche Maßnahmen gerechtfertigt sind.

Hinzu tritt, dass Regisseur Thomas Jacob hier einen Stil pflegt, der zwar einerseits recht dokumentarisch wirkt, andererseits aber auch ein wenig unsicher angesichts der schwierigen Aufgabe und der Notwendigkeit, die Ermittler psychologisch so kenntlich zu machen, dass dieser Titanenkampf verständlich wird. Manche Momente sind sehr klug inszeniert, z. B., wenn sich neue Hoffnungen und Wendungen ergeben. Aber die Zwischenzeit hätte man empathischer erzählen können, ohne dass es kiischig wird. Dieses etwas Ruppige und Abgehackte kennen wir aus den ersten Polizeiruf-Jahren, aber wenn man bedenkt, wie ausgefeilt manche späteren Filme schon waren, wirkt „Der Kreuzworträtselfall“ beinahe wie ein absichtlicher Rückgriff.

Finale

Spannend war der 123. Polizeiruf, keine Frage. Und viele Polizeirufe machen es dem Zuschauer nicht leicht, das ehrt sie sogar. Tatorte jener Jahre sind teilweise weitaus mehr Popcorn-Fernsehkino als jene fordernden Werke, die in der DDR zur selben Zeit entstanden sind. Was aber in „Der Kreuzworträtselfall“ fehlt, ist eine tatsächliche psychologische Ausdeutung dessen, was den Täter geprägt hat. Das Zugucken müsse als Zwölfjähriger bei der Schweinschlachtung reicht uns nicht aus, auch wenn es an „Der Schlachter“ von Chabrol erinnert – wo es aber auch gezeigt wird. In Verbindung mit der nicht gelebten Homosexualität wird sicher ein Schuh draus, ergibt sich ein Bild, aber es ist eben nur ein Talking Head, der das in einer kurzen Aussprache und nachträglich vermittelt. Einen raffinierten Film über einen Sexualmörder zu machen, ist schwierig und man muss das Beareiten solcher des Sujets würdigen. Auch, dass eine junge Frau merkt, dass mit ihrem Freund etwas nicht stimmt, aber trotzdem, weil sie Angst hat, sonst keinen abzukriegen, die großen Augen ganz verschließt, so leicht ist das nicht darzustellen und man ist versucht, sie dafür zu hassen. Unerfahrenheit, vielleicht selbst keine sehr glückliche Kindheit, wenig emotionale Bindung an andere. Es finden sich schon die richtigen zusammen, damit jemand jahrelang Verbrechen begehen kann, ohne dass er aufgespürt wird.

Ein schlechter Film ist „Der Kreuzworträtselfall“ nicht, mit einem solchen Urteil würde man ihm nicht gerecht werden. Deswegen wollen wir auch nicht weiter in Details herumwühlen, die nicht ganz stimmig wirken.

7,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Thomas Jacob
Drehbuch Gabriele Gabriel
Produktion Erich Biedermann
Musik Arnold Fritzsch
Kamera Horst Klewe
Schnitt Marion Fiedler
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s