Der Präsident (Le Président, FR / IT 1961) #Filmfest 260

Filmfest 260 A

2020-08-14 Filmfest ADer Vordenker eines vereinten Europas

Niemand anderes in Frankreich, wohl niemand anderes in jenem Europa, das heute zur EU geworden ist, hätte diese Rolle so spielen können wie Jean Gabin.

Nicht umsonst wurde er in Frankreich zum Schauspieler des Jahrhunderts gewählt – des 20. Jahrhunderts selbstverständlich. Es ist eine Paraderolle für diesen unvergleichlichen Akteur, die er hier bekleidet, an der Schwelle zwischen seinen Auftritten als Gangster-Grandseigneur („Wenn es Nacht wird in Paris“, einer meiner Lieblingsfilme mit Gabin, 1954 gedreht) und den Altersrollen, wie in „Der Clan der Sizilianer“ (1969). Denn Ratspräsident bzw. Ministerpräsident Beaufort wird in unterschiedlichen Altersstufen gezeigt, die etwa die 30 wichtigsten Jahre seines politischen Schaffens umfassen. Wie wirkt ein solcher politischer Film aus dem Jahr 1961 heute? Darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Der ehemalige Ratspräsident Beaufort lebt auf seinem Landsitz, wo er seiner Sekretärin Millerand seine Memoiren diktiert und einen Freundschaftsbesuch des britischen Premierministers erhält. Als Zeitungen und Fernsehen Gerüchte verbreiten, dass der aufstrebende Politiker Chalamont zum nächsten Premierminister berufen werden soll, erinnert er sich an seine aktive Zeit.

In einer wirtschaftlichen Krise beschloss er damals in einem engen Kreis, dem auch Chalamont angehörte, eine Geldentwertung. Doch jemand nutzte seinen Wissensvorsprung aus, um mit Spekulationsgeschäften 3 Milliarden Franc Gewinn zum Schaden der Republik zu schlagen. Chalamont gestand, seiner Frau, die einer Bankiersfamilie angehört, von den Maßnahmen der Regierung erzählt zu haben. Beaufort zwang ihn, ein Schuldbekenntnis zu unterschreiben, das er an sich nahm, ohne es jemals zu veröffentlichen. In einer flammenden Rede vor dem Rat zählte er alle Abgeordneten namentlich auf, die vorgäben, die Volksinteressen zu vertreten, tatsächlich aber mit Unternehmen verbandelt seien, und legte sein Amt nieder. Nun verbrennt er das Schriftstück, damit es nicht in falsche Hände gerät, falls Chalamont an die Macht kommen sollte. Danach lässt er Chalamont nachts zu sich kommen, beschimpft ihn wegen seines Charakters und droht ihm mit der Veröffentlichung, wenn er das angetragene Amt annehmen sollte. Chalamont gibt auf.

Infos (s. o.)

Der französische Spielfilm Der Präsident (Le président) ist ein Politdrama, das Henri Verneuil 1961 nach einem Roman von Georges Simenon zusammen mit Michel Audiard adaptierte und das er inszenierte. In den Hauptrollen treten Jean Gabin und Bernard Blier auf. Das fiktive, dialogintensive Drama greift Themen auf wie Geldentwertung sowie den Streit zwischen den Befürwortern einer europäischen Zollunion und Skeptikern, die den Nutzen des Projekts für das Wohlergehen und die Größe des Landes bezweifeln.

Rezension

Eine weitere Glanzrolle gibt es in diesem erstaunlich intimen Drama für Bernard Blier, der in über 180 Filmen mitgespielt hat und als Charakterdarsteller oft zwielichtiger Figuren kaum zu übertreffen ist. Er gibt einen Mann der nächsten Generation, zunächst Freund, man kann Beaufort sogar als einen seiner Mentoren oder zumindest wohlwollenden Begleiter auf dem Weg zu höheren Weihen ansehen. Doch dann die Enttäuschung, der Verrat. Die neue Generation ist auch die Generation der Profiteure auf Abgeordnetenposten und Chalamont treibt es besonders toll, wenn auch vielleicht zunächst unabsichtlich, indem er Staatsgeheimnisse in seine Familie hineinträgt, welche diese Kenntnisse zu Spekulationszwecken ausnutzt.

Da steht ein alter Mann, der bei aller Machtausübung immer Idealist geblieben ist, gegen den neuen Typus des Bereicherungspolitikers und von diesem Duell lebt der Film – und natürlich von der Vision Beauforts, ein geeinigtes Europa betreffend. Seine Brandrede gegen die gewissenlosen Profiteure im Parlament zählt ohne Frage zu den Meisterstücken des politischen Kinos. Vor allem in der ungekürzten Version, die ARTE am 31.08.2020 ausgestrahlt hat. Man hat sich dankenswerterweise die Mühe gemacht, 15 Minuten nachzusynchronisieren und nicht bloß zu untertiteln. Natürlich, der Ton ist klarer, aber man hat die Sprecher*innen sorgfältig ausgewählt und auch die Diktion ist jener der ersten Synchronfassung sehr ähnlich.

Bei den ersten ergänzten Szenen habe ich den Übergang kaum bemerkt, danach mehr darauf geachtet und war erstaunt, was man einst von der Rede des Präsidenten, die den Höhepunkt des Films bildet und zu seiner Demission führt, alles weggelassen hatte. Zum Beispiel das eminent wichtige Nachdenken darüber, wofür die 1,5 Millionen Toten gut gewesen sein sollen, die Frankreich im Ersten Weltkrieg zu verzeichnen hatte. Warum man Teile dieses überhaupt nicht deutschlandfeindlichen Films, die für die paneuropäische Idee wichtig sind, ursprünglich geschnitten hat? Die deutschen Verleiher und ihr Umgang mit den Werken anderer Filmnationen sind ein eigenes und sehr eigenartiges Kapitel, auch die Art, wie synchronisiert wurde und es dadurch zur Verfälschung ovn Inhalte kam – auch heute ist diese Form von Manipulation leider noch zu beobachten. Da hilft nichts anderes, als sich das Original anzuschauen – und falls man eine Sprache nicht beherrscht, auf die Untertitel zu vertrauen. Diese stellen gerade bei sehr dialogreichen Filmen wie „Der Präsident“ allerdings nicht selten eine Verkürzung und damit eine Änderung dar.

Ein wenig hat mich das Werk an „Consent and Advice“ („Sturm über Washington„) aus dem Folgejahr erinnert, den ich kürzlich rezensiert habe – auch wenn Letzterer um einiges komplexer angelegt ist und mehr Figuren zeigt. Ein wichtiger Unterschied ist auch: System gegen Person. Im US-Politthriller wird ebenfalls auf starke Persönlichkeiten gesetzt, doch sie agieren erkennbar in einem sehr formalisierten Rahmen, während der französische Präsident als ein Urgestein hervorgehoben, man kann auch sagen, ein wenig personenkultig behandelt wird, das von allen politischen Seiten und von Medien jedweder Couleur Anfeindungen ausgesetzt war. Ein unbeirrbarer, stolzer Demokrat, der, so habe ich gelesen, dem Zwischenkriegs-Außenminister Aristide Briand nachgebildet worden sein soll, der auch die Aussöhnung mit Deutschland und dessen Aufnahme in den Völkerbund maßgeblich vorantrieb. Auch die Galerie mit den Damen, die dem Geschehen im Parlament zuschauend beiwohnen, gibt es in beiden Filmen (im US-Film allerdings auch schon politisch aktive Frauen, aber gerade diesbezüglich war Frankreich eines der konservativeren Länder in Europa).

Dass man sich in Frankreich mehr auf die Person konzentriert hat, könnte unter anderem daran liegen, dass die fünfte Republik gerade erst gegründet worden war, während in den USA das System schon damals seit mehr als 150 Jahren nahtlos fortgeführt werden konnte.

Natürlich hat mir die Porträtierung der überwiegenden Zahl von Abgeordneten gefallen, die in Wirklichkeit Lobbyisten im Parlament sind und denen der Präsident vorwirft, dass ihnen ihre Interessenkonflikte so gar keine Gewissensbisse machen. Weil sie kein Gewissen haben, wie eben jener Chalamont, der von Bernard Blier beinahe auf Augenhöhe mit Gabins Darstellung porträtiert wird – er ist eben ein ganz anderer Typ, ein hintergründiger Stratege, kein Mann der großen Gesten wie Beaufort, in dem viele Franzosen das Idealbild eines Politikers aus ihrer Mitte erkannt haben dürften. Es ist dem Film in diesem Sinne besonders hoch anzurechnen, dass er progressiv ist und nicht reaktionär-nationalistisch ausgerichtet. Da kenne ich andere Tendenzen, die bis heute wirken.

Der Mann, der dem Volk dient und die Egoisten und Klientelvertreter und Kämpfer vor allem in eigener kapitalistischer Sache werden mit großem Applomb gegeneinandergestellt, auch das hat den Film in der deutschen Kinoversion ein paar Minuten gekostet, weil man sich wohl dachte, das sind jetzt ein paar Beispiele für schlechte Demokratie zu viel gewesen und wer weiß, was man in einem Land darüber denkt, in dem die Demokratie seinerzeit gerade 12 Jahre alt war (oder 16, wenn man die Vorstrukturen der BRD und der DDR ab 1945 mitrechnet). Da ist schon mehr als ein Hauch von paternalistischem Selbstverständnis, aber trotzdem ist Beaufort eine Vorbildfigur.

Nun kommt, was kommen muss: Natürlich hat mich die Darstellung der Parlamentarier als Gewinnler und Kapitalisten und als Diener des Kapitals nicht nur an viele Politikggewinnler unserer Tage erinnert, sondern auch getriggert, denn wogegen kämpfen wir denn aktuell? Gegen den immer offener zur Schau gestellten Missbrauch von politischen Positionen durch Menschen, die in Wirklichkeit vor allem sich und ihren persönlichen Auftraggebern dienen. Vielleicht war die Darstellung der Kollegen Abgeordneten für das Jahr 1961 sogar etwas überspitzt, heute jedenfalls trifft sie den Nagel auf den Kopf, zumindest in Deutschland, und warum sollte das in Frankreich wesentlich anders sein? In den USA sitzen sowie die Lobbyisten direkt in der Regierung. Das ist noch effizienter, direkter, man braucht gar nicht mehr das Mäntelchen der Wirtschaftsverbände, die ja nur ihre Interessen vertreten, als Mitspieler in einem großen Konzert, in dem auch die Bevölkerung angeblich mitreden kann. Doch wie las ich kürzlich in einem Kommentar zu einem Beitrag von „Abgeordnetenwatch„? Die Bevölkerung ist gnadenlos im Nachteil, weil sie den Politikern keine lukrativen Versorgungsposten anbieten kann.

Solange seitens der Politik nicht eine bessere Ethik erreicht wird, wird die Demokratie weiter Schaden nehmen. Denn in Deutschland gibt es wohl niemanden, der auf eine Weise noch aus dem Ruhestand heraus Einfluss zugunsten der guten Moral nehmen kann, wie Beaufort das im Film tut. Ich habe die Szene mit dem verbrannten Brief übrigens anders interpretiert, als es in der  Handlungsbeschreibung steht, die dortige Argumentation finde ich nicht schlüssig. So schnell wird Chalamont ja nicht die Macht ergreifen, dass der alternde Präsident keine Zeit mehr hätte, dieses Zettelchen im Feuer seines großen Kamins zu vernichten. Und vor seiner Sekretärin, die halbherzig als Spionin arbeitet, hätte er ihn auch verstecken können, indem er den Aufbewahrungsort sicherer macht. Was hingegen nach seinem Ableben passiert? Will er wirklich vermeiden, dass später sein Wirken einen Makel erhält? Ehrgeizig war er immer, aber er hat erreicht, was zu erreichen war und eitel scheint er nicht zu sein.

Meine Interpretation ist dem Präsidenten gegenüber viel mehr zugeneigt: Er weiß, dass er diesen Brief nicht mehr braucht. Er hat Chalamont durchschaut, bevor dieser überhaupt beginnt, etwas zu sagen und ihm ist klar, dass der nunmehr gereifte und mit allen Wassern gewaschene Fuchs ihn nur benutzen will, um eine eigene Präsidentschaft abzusichern. Chalamont wird aber sicher nicht von ihm fordern, ihm den Brief zu zeigen, das wird er sich gar nicht wagen. Eine große und ein wenig mutige Geste, weil er Ex-Präsident auf den letzten Rückhalt verzichtet und doch eine sehr berechnende, die noch einmal die Überlegenheit des Staatsmannes gegenüber dem Krämer im Nadelstreifenanzug zeigt und die zu Beaufort (was übrigens auf Deutsch „Schönstark“ bedeutet) passt. Auch für diese Geste wird das Publikum seinen einzigartigen Jean Gabin geliebt haben, der so anders ist als die vielen Kollaborateure, die es 20 Jahre zuvor gegeben hatte.

Auch dies schwingt im Film mit, ohne dass es direkt angesprochen wird: Herrschaften wie Chalamont sind bereit, jedem Herrn ohne Zögern zu dienen, auch einer Diktatur, solange die Pfründe des Kapitals nicht angetastet werden. Der Film vermeidet auch in der nunmehr kompletten Version erstaunlicherweise jede Anspielung auf das dunkelste Kapital jüngster europäischer Gesichte und will nur nach vorne blicken. Dorthin, wo Beaufort schon direkt nach dem Krieg die Zukunft Europas gesehen hat: In der Gemeinschaft.

Es ist aber eine Wirtschaftsgemeinschaft, wie die tatsächliche EU und so kommt es, dass die Opposition sagt: Ein Fisch wird nicht größer, ein Meter nicht länger, wenn es es ein europäischer Fisch oder Meter anstatt eines französischen ist. Das ist aus heutiger Sicht ebenso bedenkenswert wie der oben erwähnte Trigger mit den Lobbyisten im Parlament. Nicht umsonst gibt es protektionistische Tendenzen zwischen Wirtschaftspartnern, die selbst nach der Finanzkrise 2008 noch auf ungehemmten und nicht hinterfragten Freihandel setzten und dabei vergaßen, dass Freihandel auch fair sein muss, sonst gibt es irgendwann mehr Verlierer als Gewinner.

Und so sieht es im Moment aus: Die europäische Einigung war ohnehin zu stark wirtschaftlich und zu wenig ideell ausgerichtet und hat demgemäß in diesen Zeiten, in denen der Neoliberalismus immer mehr an seine Grenzen stößt, mächtige Probleme und die Verteilungkämpfe nehmen zu, auch unter Ländern, von denen man nie gedacht hätte, dass sie – ja, beispielsweise wieder aus der EU austreten könnten. Was wir heute haben, ist vermutlich nicht das, was dem Visionär Beaufort vorschwebte, denn dieser erkennte klar die Gefahren einer nicht am Wohlergehen der Mehrheit, sondern ein Kapitalinteressen orientierten Politik. Er war um vieles vorausschauender als heutige Politiker*innen, kann man auch sagen. Was ich mir dennoch gewünscht hätte: Dass er den banalen Fisch-Argumenten nicht nur seine Vision entgegenstellt und Abgeordnete ad hominem angreift, sondern sie auch beim Thema selbst rhetorisch in die Schranken weist. So wirkt es doch ein wenig, als ob die Krämerseelen bis zu einem gewissen Punkt gar keinen sachlichen Widerspruch erfahren.

Finale

Henri Verneuil hat einige  herausragende Filme gemacht, aber der Stil von „Der Präsident“ ist konservativ, Verneuil war kein Nouvelle-Vague-Regisseur und wollte auch keiner sein, er konnte sich auf sein exzellentes Handwerk verlassen und damit das große Publikum überzeugen, das ein Film wie „Der Präsident“ unbedingt haben sollte, weil er im Grunde die richtigen, demokratischen und solidarischen Werte vertritt – sowohl für die Innen- als auch für die Außenpolitik. Ein wenig davon abweichend ist die Musik, die mir sofort auffiel: Sie ist von Maurice Jarre, der, anders als andere Größen der französischen Filmmusik, die sehr anpassungsfähig waren (wie etwa Georges Delerue), einen klaren eigenen Akzent setzte. Die Themen von „Lawrence von Arabien“ und „Doktor Schiwago“, die Weltruhm erlangten, deuten sich in diesem Film über einen alten Mann bereits an und geben ihm stellenweise eine eigenartige, auf einer gewissen Dissonanz der visuellen und akustischen Stilmittel beruhende Spannung.

Politisches Kino war zu Beginn der 1960er in, auch in den USA, wie oben an einem Beispiel erwähnt, aber damals glaubte man auch, man könne die Demokratie immer weiterentwickeln und sicher haben sich damals auch viele Menschen dafür interessiert – es herrschte Aufbruchstimmung, trotz vieler Probleme mit dem Kalten Krieg, und man konnte es sich leisten, die politischen Systeme und Personen durchaus kritisch zu zeigen. Nur in Deutschland hat man 15 Minuten aus dem Film entfernt, weil die Schere immer schnell zur Hand war. Auch in der IMDb ist „Der Präsident“ noch mit 1 h 34 Minuten angegeben, nicht mit 1 h 50, die er nun wieder hat. Er wird durch die Ergänzungen eher besser, auf keinen Fall schlechter. Heute muss die Demokratie verteidigt werden, das ist eine ganz andere Situation. Dazu gibt es gute filmische Darstellungen, aber jemanden, der so enthusiastisch für sie eintritt wie Präsident Beaufort, den haben wir nicht.

82/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Henri Verneuil
Drehbuch Henri Verneuil
Michel Audiard
Produktion Jacques Bar
Musik Maurice Jarre
Kamera Louis Page
Schnitt Jacques Desagneaux
Besetzung

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