Blechschaden – Tatort 8 #Crimetime 835 #Tatort #Kiel #Finke #NDR #Blech #Schaden

Crimetime 835 - Titelfoto © NDR, Sachse

0,649 / Liter

Der achte Tatort war der erste mit dem Kieler Kommissar Finke als Ermittler – und der Norddeutsche Rundfunk die erste Sendeanstalt, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, zwei Tatortschienen zu bewältigen. Der Stolz, als Gastkommissar auch Paul Trimmel, den Tatort-Starter aus Hamburg, in einer Szene präsentieren zu können, ist in „Blechschaden“ deutlich zu verspüren.

Sieger erkennt man am Start. Stimmt nicht immer: Manche Tatort-Teams haben sich nach schwachem Beginn hochgearbeitet. Viel mühsamer ist es allerdings, als wenn man gleich zwei Standorte auf hohem Niveau etablieren möchte. Wobei es zwischen Hamburg und Kiel einen deutlichen Unterschied gibt. Die Finke-Tatorte gelten durchweg als Klassiker der Reihe. Kürzlich haben wir für „Reifezeugnis“ aus dem Jahr 1977 erstmalig seit unserer Arbeit an der Tatort-Anthologie des Wahlberliners eine zweite Kritik  geschrieben. Aber ist auch der allererste Finke-Krimi schon ein Sieger? Dies und anderes (er-) klären wir in der –> Rezension.

Handlung

Bauuternehmer Breuke und seine Geliebte kehren von einem Wochenende in Travemünde zurück. Dann plötzlich: Bremsen kreischen, ein dumpfer Aufprall, der Radfahrer wirbelt durch die Luft und schlägt auf dem Pflaster auf. Er bleibt regungslos liegen. Entsetzen, Panik. Der Fahrer springt in den Wagen und braust davon. Fahrerflucht.

Dieser nächtliche Vorfall wird ein dramatisches Nachspiel haben. In Sieverstedt, dem kleinen Ort in Schleswig-Holstein, jagen sich die Gerüchte. Ein Unschuldiger wird verdächtigt. Vor allem aber eines flüstert man sich zu: Mordverdacht!

Kommissar Finke aus Kiel und sein Assistent Jessner schalten sich ein. Doch die Aufklärung bereitet Schwierigkeiten, der Fall wird immer komplizierter. Ein Erpresser tritt auf den Plan, um Nutzen aus der Verwirrung zu ziehen. Und zu allem Überfluß noch dies: Am Rande eines kleinen Sees wird ein Mann gefunden, blutüberströmt, von mehreren Kugeln durchbohrt. Sieverstedt hat sein Thema und Kommissar Finke viel, viel Arbeit.

Rezension

64,9 Pfennige der Liter Super. Wo gerade das Benzin wieder so billig geworden ist (Januar 2016) verliert Information ein wenig von ihrem „Ach, waren das Zeiten!“-Faktor, aber das waren wirklich Zeiten, die frühen 1970er. Vor der Ölkrise sozusagen das verlängerte Wirtschaftswunder, nach der  Delle 1966-67.

Aber spürt man in „Blechschaden“ etwas von Aufbruch und Aufbau? Nein. Obwohl das hauptsächliche Milieu eine Baufirma darstellt. Im Gegenteil, die Figuren wirken teilweise so fertig, dass sie auch in einem heutigen Tatort mitspielen können. Vor allem gilt dies für das Ehepaar Beuke, das sich auseinandergelebt hat. Jeder der Ehepartner unterhält eine Beziehung und daraus wird der Treibstoff für einen Krimi.

Der Krimi enthält viele Zufälle, die erst einmal zusammenkommen müssen, damit ein richtiger Fall für Finke daraus wird, dass der Film mit spitzem Bleistift konstruiert werden musste, bekommt man nie aus dem Kopf, aber wie gut der Bleistift gespitzt war! Whodunnit und Howcatchem in einem, was die Todesfälle angeht, und dann noch eine Erpressung, die aufgeklärt werden muss. Ein Unfalltod auf nächtlicher Landstraße, das Wissen über den Unfallflüchtigen, das verzweifelte Sich-Wehren gegen die Aufdeckung, Eifersucht und Demütigung vereinen sich zu einer Gesellschaftskolportage, die von Beginn an klar macht, dass die Finke-Tatorte etwas Besonderes sein werden. Wir legen uns an dieser Stelle fest: Nur „Reifezeugnis“ ist noch besser gelungen als „Blechschaden“.

Obwohl Kommissar Finke hier noch recht harsch ist und sich selbst ein wenig zum Affen macht, weil er dem jungen und sympathischen Kollegen Jessner die bessere Abschlussbewertung auf der Polizeischule neidet und ihn ziemlich rücksichtslos behandelt, ist er schon dieser Spürfuchs, der außerdem immer ein gewisses Grundverständnis hat. Wie der Tatort insgesamt als Gesellschaftsbild den Krimi-Faktor noch einmal toppt. Da wird nichts beschönigt, es gibt keine einzige moralisch „saubere“ Figur, jeder hat ein Ding am Laufen oder ist irgendwie vom Schicksal oder vom eigenen Charakter beschädigt worden. Es wird auch nichts entschuldigt und mit fragwürdigen Gründen hinterlegt, aber man spürt zu jeder Zeit, hier sind  Menschen am Werk, sind selbstzerstörerisch unterwegs, weil sie unerfüllt sind. Niemand in dem Film wirkt, als sei er befeuert von etwas, das ihn davor bewahrt, Sehnsüchte und die innere Leere mit einer Art Scheinglück überdecken zu wollen. Das ist für deutsche Krimis zwar typisch, dass man kaum Menschen in ihnen sieht, die echte Leidenschaft für ihren Beruf und dergleichen haben, aber es wirkt durch den nüchternen Inszenierungsstil der 1970er geradezu bedrohlich, wie wenig emotionale Substanz in allen Dingen zu liegen scheint. Aber alles, was wir sehen, ist menschlich nachvollziehbar.

Das Ende, das eine Affekt-Tötungshandlung auslöst, weil jemand über jemand anderen gelacht und ihn damit gedemütigt hat, ist allerdings ein Standard geworden, der schon in der Frühphase des Tatorts ein wenig abgedroschen wirkt – wie überhaupt viele Morde in der Reihe sich als Totschlagshandlungen, manchmal als minderer schwerer Fall oder gar Körperverletzungen mit Todesfolge herausstellen, damit Figuren moralisch nicht als Mörder dastehen.

Das Menschenbild in den Petersen-Lichtenfeld-Schwarzkopf-Tatorten ist nicht unbedingt positiv, da gibt es wenige Persönlichkeiten, die Charme versprühen oder von einer besonderen Aura umgeben sind (Ausnahmen: Nastassja Kinski als „Sina“ in „Reifezeugnis“, Jürgen Prochnow in „Jagdrevier“), aber allein die Tatsache, dass Finke zwar nicht gerne in die Provinz fährt, dort aber immer symmetrisch handelt, macht eine Menge aus und belegt den Unterschied zu heutigen Tatorten. Er gerät einmal aus der Fassung und sagt sogar „Scheiße“, was man später Schimanski zugerechnet hat, er ist auch genervt, aber er gibt sich nicht die Blöße durchblicken zu lassen, er habe es mit lauter Idioten zu tun, in Barmstedt in Pinneberg (der Ort wurde auch für „Kurzschluss“, den folgenen Finke-Tatort als Kulisse verwendet).

Der Unterschied zu dem Menschenbild, das heute in zwei von drei NDR-Schienen verkauft werden soll, ist überdeutlich und belegt, dass der Sender, der einst führend im deutschen Krimigeschehen war, auf Abwege geraten ist. Die hirnlosen Hamburg-Tatorte muss man hier nicht groß besprechen, eher bietet sich der Vergleich mit der Hannover-Schiene an, die ebenfalls das Grundmuster beinhaltet, dass eine Ermittlerperson von der Stadt raus in die Dörfer fährt, um dort Ermittlungen in Todesfällen zu leiten. Und der Vergleich belegt, dass es falsch sein kann, Darsteller sich selber inszenieren zu lassen und bezüglich des Menschenbildes eine Rolle rückwärts in eine ganz düstere Zeit zuzulassen. Finke war seiner Zeit als Ermittler nicht unbedingt voraus, aber die Inszenierung der Menschen in seinen Fällen war hochmodern für ihre Zeit. Wenigstens hat der NDR noch die Kiel-Tatorte, nicht nur bezüglich seines Dienstsitzes ist Borowski der genuine Nachfolger von Finke – sonst wäre es zappenduster im nördlichen Tatort-Land.

Dass „Blechschaden“ etwas Neuzeitliches hat, obwohl er schon so alt ist, liegt neben Petersens gefühlvoll-karger Inszenierung auch an Götz George, der hier einen Schluri spielt, der mit der Frau seines Chefs ein Verhältnis hat und gleichzeitig eine junge Freundin, die er dazu noch ohne deren Wissen als Botschafterin seiner Erpressungshandlungen einsetzt. Nicht nur, dass der Bauingenieur mit dem silberblauen NSU Ro 80 das progressivste Auto fahren darf, seine Spielweise deutet bereits darauf hin, wie Figuren später einmal angelegt werden sollten. Nicht nur sein eigener Schimanski, aber diese etwas schnodderige und sehr lebendige Art des Spiels sind bereits ein Ausblick auf künftige Zeiten. Der Schnurrbart ebenfalls, der in den frühen 1970ern nicht in Mode war, sondern erst in den 1980ern so richtig stylisch kam. Aus George – der damals allerdings schon bekannt war und in Kinofilmen mitgewirkt hatte – wurde einer der profiliertesten deutschen Schauspieler und Kommissar Schimanski aus Duisburg, aus dem schicken NSU Ro 80 wurde leider nichts, was in die Zukunft wies, die Wankel-Technologie setzte sich nicht durch.

Finale

Die feine Art, Krimis als Films noirs zu inszenieren, großartige Charakterstudien zu entwerfen und dabei die Spannung nicht zu vergessen, die in den frühen Kiel-Tatorten realisiert wurde, ist bis heute kaum übertroffen worden. Es wird einen Grund haben, dass nie wieder aus der Schar jener, die deutsche Fernsehkrimis inszenierten, ein Regisseur hervorgegangen ist, der es in Hollywood geschafft hat. Hingegen gab es einige Tatorte, die von Altfilmern inszeniert wurden, die mit dem deutschen Kino nicht mehr klarkamen und sich aufs Fernsehen zurückzogen. Viele Spielarten, auch die eher raue, die durch Regie-Veteranen wie etwa Jürgen Roland in die Reihe eingebracht wurde, haben ihre Berechtigung, aber was Tatort ist, das definiert „Blechschaden“ so gut wie kaum ein anderer Film der ersten Jahre – in diesem Punkt übertrifft er auch den sehr speziellen und von uns besonders hoch geschätzten Petersen-Klassiker „Reifezeugnis“.

Wenn man sich also 45 Jahre später „Blechschaden“ anschaut, sieht man alles, was einen Krimi klassischerweise ausmacht und noch einiges dazu. Allerdings: nach über 400 Rezensionen für die Tatort-Anthologie hat sich unser Bild erheblich verändert, was ein typischer Tatort sein könnte. Gerade in den ersten Jahren gab es bezüglich der Plotanlage eine große Varianz, sogar diejenige ohne Todesfall und damit ohne Tatortbegehung durch die Ermittler. Eine weitere Großkategorie, an denen man die Filme scheiden kann, sind der Whodunit und der Howcatchem. Dass „Blechschaden“ beides vereint, ist ein Glücksfall, der ihn gerade nicht prototypisch, aber beinahe allumfassend wirken lässt.

Wir geben für „Blechschaden“ die zweithöchste Wertung, die ein 1970er-Tatort bisher von uns bekam – „Reifezeugnis“ vom selben Team lag nach der ersten Rezension ebenfalls auf 9/10, wir haben ihn aber nach der zweiten auf den zwangsläufig besten und bisher zum einzigen Mal vergebenen Wert von 10/10 angehoben.

 9/10

© 2020 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Finke – Klaus Schwarzkopf
Jessner – Wolf Roth
Frau Breuke – Ruth-Maria Kubitschek
Joachim Seidel – Götz George
Alwin Breuke – Friedrich Schütter
Peter Reichert – Volker Eckstein
u.a.

Drehbuch – Herbert Lichtenfeld
Regie – Wolfgang Petersen
Kamera – Jörg-Michael Baldenius
Schnitt – Karin Wagner
Musik – Nils Sustrate

1 Kommentar

  1. Moin,

    nun doch dazu ein paar Bemerkungen:

    „Das Ende, das eine Affekt-Tötungshandlung auslöst,…“ (Affekt, nöö, bestimmt nicht??)

    LAchen usw. Das behauptet sie! (=Reine Schutzbehauptung)
    Aber wenn man sich nur mal mit dem Liebhaber aussprechen will, dann nimmt man doch wohl nicht eine Pistole mit und zieht auch noch andere Stiefel an?!

    Also geplant, Pistole und andere Stiefel mitgenommen
    Heimtücke,: Ihr Mann sollte als Verdächtiger dastehen
    Opfer dürfte ja wohl arglos gewesen sein

    Ohne das nun wirklich juristisch beurteilen zu können, würde ich das schon als Mordmerkmale qualifizieren.

    Auch in Reifezeugnis, plant Sina ja auch den Michael Harms umzubringen! Also soo unschuldig und nur irgendwie da hineingerutscht ist sie dann ja auch nicht.

    Grüße

    Norbert

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