Die Narbenhand (This Gun for Hire, USA 1942) #Filmfest 266

Filmfest 266 A

Wer die Glückskatze tötet

Manche Dinge kann man sofort erledigen. Zum Beispiel „Die Narbenhand“ anschauen. Natürlich im Original, das ist bei solchen Filmen mittlerweile beinahe ein Muss. Es ergibt oftmals einen Unterschied.

Da ist zum Beispiel Alan Ladd, der zwar nicht groß von Statur ist, aber eine raue, tiefe Stimme hat, der schnell und hart sprechen kann, fast wie Humphrey Bogart, wenn auch ohne den hintergründigen, leicht lispelnden Unterton. In den deutschen Synchronisationen kommt das so nicht rüber, aber es beeinflusst erheblich den Eindruck, den man von ihm als Schauspieler und vor allem als Darsteller von Antihelden in Films noirs bekommt. Aber da ist natürlich noch mehr und was es ist, steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Ein Auftragskiller namens Raven wird von dem Nachtclubbesitzer Willard Gates, einem Mittelsmann des verräterischen Industriellen Alvin Brewster, dem Präsidenten von Nitro Chemical, hereingelegt. Unterwegs nach Los Angeles, sich den Weg zu den Verrätern freischießend, trifft Raven auf Ellen Graham, eine Nachtclub-Sängerin und nimmt sie als Geisel.

Graham wird sodann von einem Senator engagiert, um über Gates herauszufinden, wer geschäftliche Beziehungen zu den Japanern unterhält, um ihnen Giftgas zu verkaufen. Ellens Verlobter, der Polizist Lt. Michael Crane, versucht, Raven zu verfolgen, während er sich gleichzeitig fragen muss, ob seine Freundin entführt wurde oder eine willige Komplizin ist.

Handlung (2)

Der Beginn des Zweiten Weltkrieg für die USA: In San Francisco wird der Chemiker und Erpresser Albert Baker von dem Killer Philip Raven getötet, der eine gestohlene chemische Formel zurückerhält. Raven wird von seinem Arbeitgeber Willard Gates „double crossed“ (angeschmiert, aufs Kreuz gelegt), der ihn mit gekennzeichneten Dollarnoten bezahlt und diese dem Los Angeles Police Department meldet, und behauptet, sie seien seiner Firma Nitro Chemical Corporation aus Los Angeles gestohlen wurden. Raven erfährt vom davon und beschließt, sich zu rächen. Der Polizist Michael Crane, der in San Francisco Urlaub macht, um seine Freundin, die Nachtclub-Sängerin Ellen Graham, zu besuchen, wird sofort mit dem Fall beauftragt. Er verfolgt Raven, aber der Attentäter entkommt ihm.

Währenddessen beauftragt Gates Ellen, nach einer Bewerbung, bei der sie singt und zaubert, in seinem Nachtclub in Los Angeles zu arbeiten. Dann wird sie zu einem geheimen Treffen mit Senator Burnett gebracht, wo sie erfährt, dass Gates und Nitro Chemical als mutmaßliche Verräter untersucht werden. Der Politiker rekrutiert sie mit der patriotischen Masche, um Gates auszuspionieren. Gates und sie steigen in einen Zug nach Los Angeles, er hat ein Abteil, sie fährt im Großraumwagen, sie werden verfolgt von Raven. Durch Zufall kommen Raven und Ellen nebeneinander zum Sitzen. Am nächsten Morgen ist Gates alarmiert, als er sie mit Ravens Kopf an ihrer Schulter schlafen sieht. Er geht voran, um die Polizei zu alarmieren, aber Raven zwingt Ellen mit vorgehaltener Waffe, ihm bei der erneuten Flucht zu helfen. Er will sie in einer alten Fabrikruine töten, wird aber von Arbeitern unterbrochen, sodass Ellen fliehen kann. Von Gates‘ Club versucht sie, Crane zu kontaktieren, aber er hat San Francisco verlassen, um nach Los Angeles zurückzukehren.

An diesem Abend lädt der verdächtige Gates Ellen in seine Hollywood-Villa ein, wo sein Chauffeur Tommy sie bewusstlos schlägt, um sie umzubringen und es wie Selbstmord aussehen zu lassen. Crane wird von Ellens Freundin im Club darauf hingewiesen, dass Gates sie eingeladen hat und fährt zur Villa, um nach Ellen zu suchen, aber Gates ist bereits gegangen. Tommy erzählt Crane, dass Ellen seit zwei Stunden weg ist. Während Crane Tommy befragt und in Ellens Hotel anruft, kommt Raven, der nach einigen Versuchen, bei denen er beinahe wieder verhaftet worden war, Cranes Adresse ausfindig gemacht hat, und versteckt sich draußen, wo er sieht, wie Tommy Ellens Geldbörse wegwirft, die noch in einem Sessel lag, damit Crane den Gegenstand nicht finden kann. Raven erkennt, dass Ellen in Gefahr ist. Nachdem Crane gegangen ist, wirft Raven Tommy eine Treppe hinunter, als der Chauffeur bestreitet, dass Ellen noch da ist. Raven durchsucht das Haus, findet sie in einem Kleiderschrank und rettet sie. Tommy erholt sich und warnt Gates, der sich  in seinem Club aufhält. Raven und Ellen werden beim Betreten des Clubs entdeckt. Also nimmt Raven sie als Geisel und flieht mit ihr. Sie lässt heimlich mit einem Monogramm versehene Spielkarten auf die Straße fallen. Raven zwingt sie, sich mit ihm in einem Gaswerk zu verstecken, inzwischen hat sie weitere Spuren gelegt und die Polizei weiß, dass die beiden in dem riesigen Gebäudekomplex sind – aber um seine Verlobte nicht zu gefährden, will Crane bis zum Tagesanbruch mit der weiteren Verfolgung warten.

Raven enthüllt Ellen, dass er in jungen Jahren verwaist und von einer Tante aufgezogen wurde, die ihn massiv misshandelt hat. Eines Tages schnappte er, während sie ihn schlug, und tötete sie, wofür er in der Reformschule eingesperrt war; dort wurde er von den anderen Kindern missbraucht. Die „Narbenhand“, das gebrochene, nie richtig verheilte Handgelenk, das ihn durch eine Verdickung kenntlich macht, stammt von der entscheidenden Auseinandersetzung mit seiner Tante. Sie erzählt ihm, dass die Formel, die er gefunden hat, für ein Giftgas war, das Nitro an die Japaner verkauft, und bittet ihn, ein unterschriebenes Geständnis zu bekommen, anstatt Gates zu töten. Ellen hilft Raven, der Polizei vorerst zu entkommen, in der Hoffnung, dass sie erfolgreich an seinen Patriotismus appelliert hat. Er bricht jedoch sein Versprechen, nicht mehr zu töten und ermordet einen Polizisten, der es fast geschafft hatte, ihn zu fangen.

Raven kommt an, als Nitro Chemical eine Giftgasübung durchführt und die Mitarbeiter tragen Gasmasken, die ihre Gesichter verdecken. Gates befiehlt Tommy, seine Tür zu bewachen. Tommy entdeckt Raven und jagt ihn, aber Raven schlägt ihn nieder. Raven zieht Tommys Uniform an und dessen Gasmaske, um zu Gates vorzudringen, ohne dass dieser ihn erkennt, und zwingt ihn, ihn zum Firmenpräsidenten Alvin Brewster zu bringen, dem Firmenchef und Mastrmind des verräterischen Nitro-Verkaufs. Raven verbarrikadiert sich mit ihnen, als die Polizei und Ellen eintreffen, und zwingt beide, ein Geständnis zu unterschreiben. Brewster stirbt an einem Herzinfarkt, während er versucht, Raven zu töten, der dann Gates tötet. Crane wird von außen auf ein Fahrgerüst gestellt und vom Dach aus abgesenkt und tauscht Schüsse mit Raven aus, wodurch er verletzt wird. Raven verpasst die Gelegenheit, Crane zu töten, als er sieht, wie Ellen dem Polizisten hilft. Andere Polizisten erschießen Raven, aber er lebt lange genug, um Ellen zu versichern, dass sie ihren Freund nicht betrogen hat und dass es ihm gelungen ist, das Geständnis zu bekommen.

Rezension

Die IMDb-Nutzer*innen bewerten die drei Essentials der Kooperation zwischen Alan Ladd und Veronica Lake mit 7,1/10 für „Der gläserne Schlüssel„, 7,2/10 für „Die blaue Dahlie“ und 7,4/10 für „Die Narbenhand“. Das sind keine großen Unterschiede, aber der erste dieser Filme gilt als der beste. Ich bin geneigt, dem zuzustimmen. Vor allem aus einem Grund: Es ist der einzige echte Film noir, obwohl alle drei diesem Genre zugerechnet werden. Ein Film noir wirkt nun einmal dunkler, wenn der Protagonist am Ende stirbt und nicht, wie manchmal bei Humphrey Bogart, wenn das Ende offen ist, zudem eine positive Erwartungshaltung beim Zuschauer auslöst – es wird alles gut werden mit dem Mädchen. So hat man bei „Der gläserne Schlüssel“ und „Die blaue Dahlie“ auch gedacht, weil Lake und Ladd zu dem Zeitpunkt bereits Stars waren, als diese Folgefilme gedreht wurden. Im Prinzip eine ähnliche Genese wie beim soeben erwähnten Humphrey Bogart, der in seinen Filmen nur umkam, als er noch der krude, wenig differenzierte Bösewicht war.

Es kam bei ihm, ebenso wie bei Ladd, auch später hin und wieder vor, aber das waren Filme, die er auch spielen wollte, um bezüglich des eigenen Todes nicht aus der Übung zu kommen, er hätte das nicht machen müssen, sondern angesichts seines Status solche Rollen, die ihn zurückführten in die Anfänge seiner Filmschauspielerei, ablehnen können. Beide Darsteller wurden auch nicht sehr alt.

Ladd performt in „Die Narbenhand“ wirklich gut, insbesondere wirkt er in dieser Rolle des traumatisierten Killers überzeugend, und ich verstehe, siehe oben, warum er relativ schnell zu einem beliebten Darsteller wurde. Es waren die rauen Kriegszeiten, in denen plötzlich so viele Antihelden, gebrochene Persönlichkeiten auf der Leinwand unterwegs waren, mit denen man sich identifizieren konnte, obwohl man ahnte, es kann auch mal schlimm ausgehen – und wohin dann mit der Trauer und Enttäuschung? In dem Moment, als Raven die Katze in dem alten Schuppen auf dem Fabrikgelände tötet, weiß man, es ist aus mit ihm. Denn er ist Katzenliebhaber, verteidigt sogar seine Stubenkatze gegen eine garstige Reinigungskraft, aber er tötet die Katze, die sich in dem Schuppen zu ihm und Ellen gesellt, damit sie die beiden nicht durch ihr Miauen verraten kann. Nicht ohne vorher zu sagen, dass Katzen Glück bringen. Doch wer hat noch Glück, der schon so verstrickt ist ins Verbrechen? Ein ähnlicher Vorgang wiederholt sich mit dem Polizisten, den er umbringt, damit er noch einmal entkommen und seinen neuen Auftrag ausführen kann: Die Macher hinter dem Chemiedeal mit dem Feind zu stellen. Im Grunde ist ohnehin alles längst gelaufen, denn gleich, was er tut, um am Ende noch bei der Aufklärung eines Landesverrats zu helfen, seine vielen Tötungshandlungen können allenfalls bewirken, dass er nicht die Todesstrafe erhält, sondern zu ca. 300 Jahren Zuchthaus verurteilt wird.

Denn er ist nun einmal ein professioneller Killer, wie der Titel aussagt, eine „Gun for hire“, der für ein paar Dollar oder auch ein paar Dollar mehr schäbige Aufträge erledigt und nicht nach den Hintergründen fragt. Blame it on his cruel Aunt. Dieser Hintergrund ist durchaus stimmig und wird auch im richtigen Moment erzählt, nämlich kurz vor der Klimax der Handlung, dem gewaltreichen Finale. Ohnehin ist dieser Film auch für einen Noir ziemlich gewalttätig und es kam nach dem Krieg zu folgender Situation:

Laut einem Artikel in der New York Times aus dem Monat Dezember 1947 verbot die MPAA (die Motion Picture Association of America) die Wiederveröffentlichung dieses und weiterer Filme in den USA, die zwischen 1928 und 1947 veröffentlicht wurden waren, mit dem Hinweis darauf, sie enthielten Passagen, die zu beanstanden seien. Dieses Verbot ging einher mit dem Versuch der MPAA, neue strengere Vorschriften durchzusetzen, „um die Verherrlichung von Verbrechen und Kriminellen auf der Leinwand zu verhindern“.[2] (1)

Dieses Verbot inkludierte nicht nur viele Films noirs der vorausgegangenen Jahre sondern die ebenfalls sehr gewaltreichen Gangsterfilme, die das beliebteste Genre der frühen 1930er waren und mit denen James Cagney berühmt wurde.

Ladd & Lake

Auf ihn wiederum bezog sich der Starkritiker der New York Times, Bosley Crowther, als er über Alan Ladd in „This Gun for Hire“ schrieb:

Man schaudert, wenn man an die Karriere denkt, die Paramount für Alan Ladd, einen neuen Schauspieler, im Sinn haben muss, nachdem man das Debüt des jungen Mannes als Hauptdarsteller in This Gun for Hire miterlebt hat (…) Offensichtlich haben sie ihn als den bezeichnet härtester Affe, den man auf den Bildschirm losgelassen hat. Denn seit Jimmy Cagney Mae Clarkes Gesicht mit einer Grapefruit massiert hat, hat sich kein grimmiger Desperado mit solcher Gewalt in die Kinoränge geschossen, wie es Mr. Ladd in diesem schnellen und aufregenden Melodram tut. Haben Sie ein Auge auf diesen Typ. Er ist ein hübscher Mörder, der seine Arbeit mag (…) Mr. Ladd ist der Buster,Er ist wirklich ein Schauspieler, den man sich ansehen kann. (…) (2)

Auch die Arbeit von Laird Cregar, der den hinterhältigen, skrupellosen, aber doch ängstlichen Willard Gates darstellt, den Handlanger der bösen Macht, wurde sehr gelobt. Über Veronica Lakes Auftritt liest man hingegen eher wenig. Warum eigentlich? Natürlich kann sie nicht wirklich zaubern, aber ihr erster Auftritt, als man nur ihre zarte Hand sieht, zwischen den Fingern die weißen Kugeln, ist geradezu ikonisch und diese zierliche Person mit dem wunderschönen Gesicht hat einen ganz eigenartigen Charme. Ihre Figur Ellen wirkt nicht betont taff, aber sie hat eine wichtige Funktion und bestimmt den Gang der Dinge, sie ist hin- und hergerissen zwischen dem Cop und dem Killer und macht im Grunde alles richtig, was sie kann, sogar aus nationaler Sicht.

Die wenig glücklichen Geschichten der beiden  Hauptdarsteller sind bekannt und das Schreiben über ihr erstes Teaming der richtige Moment, um darüber nachzudenken, wieso die beiden so berührend wirken und durch diese ähnliche Ausstrahlung auch die Chemie zwischen ihnen glaubwürdig ist. Es gibt einige Szenen, in denen man spürt, diese beiden sind vom selben Stern. Es ist aber ein Noir-Stern, nicht, wie bei anderen berühmten Paaren der Leinwand, einer, der heute vielleicht noch heller strahlt als in ihrer aktiven Zeit, weil es solche Paare kaum noch gibt. Alan Ladd hielt sich nie für einen guten Schauspieler. Man kann sagen, er hatte einen Minderwertigkeitskomplex, Ähnliches ist den Zitaten von Veronica Lake entnehmen, die überliefert sind. Dieses dagegen anspielen, das man schon beim „frühen“ Ladd sehen kann, passt nahezu perfekt zu dem Underdog, den er hier gibt und der in einem kleinen Zimmer einer schäbigen Absteige erstmals an uns herantritt.

Ein Mann aus dem Nichts, ein Unbehauster, denn Auftragsmörder reisen ja immer von Job zu Job, und sie logieren nicht im Ritz. Witzig beinahe, dass diesem Profi an einer Stelle der Revolver versagt, wir behalten das mal im Kopf. Bei Veronica Lake hingegen führt das eher schwache Selbstbewusstsein dazu, dass sie nicht überzieht, sondern trotz ihres Willens, sich als Performerin zu behaupten, auch ein wenig verhuscht wirkt. Eigenartig eben, nicht vergleichbar mit den meisten anderen weiblichen Hollywoodstars der Zeit.  Sie hatte aber schon etwas wie eine Schauspielausbildung, das war damals noch nicht Standard, Ladd hatte lediglich in High-School-Aufführungen mitgewirkt und einen recht steinigen Weg im Filmgeschäft hinter sich, bevor er mit „This Gun for Hire“ mit einem Schlag den Durchbruch erzielte. Spätestens mit Filmen wie der Literaturverfilmung „The Great Gatsby“ (1949) und dem lyrischen Western „Shane“ (1953), beide ohne Veronica Lake, wurde er zu einer Art Legende – und doch nicht innerlich befriedet.

Kurz und schnell und nicht perfekt

Während ich die Leistungen der wichtigsten Darsteller durchaus ansehnlich finde, gilt das für den Film als Krimi und im Ganzen nur mit Abstrichen. Man merkt sicher auch, dass er nicht gerade ein Prestigeprodukt von Hollywoods zweitgrößtem Studio war, sondern eher ein B-Film. Er ist stellenweise nicht sehr exakt ausgeführt und es gibt Szenenanschlüsse, die basieren auf den berüchtigten zeitlichen Koinzidenzen, die zwar fast jeden Plot möglich machen, aber häufig auch für dessen Unglaubwürdigkeit sorgen. Dass die Vorlage von Graham Greene stammt, weist wieder einmal darauf hin, dass Greene ein Romancier war, der sich sozusagen selbst in zwei literarische Gewichtsklassen einteilte, also in vollem Bewusstsein dieser Tatsache auch Gebrauchsware schrieb und nicht nur Werke wie „Our Man in Havana“. Die Manhunt, der sich im Verlauf des Films entspinnt, basiert auf ebensolchen Zufällen, bei denen immer genau diejenigen gleichzeitig an einem Ort eintreffen, die notwendigerweise die Handlung vorantreiben müssen. Gelauscht wird auch ein wenig und einige Szenen sind auch bezüglich ihrer Bildkomposition nicht gut miteinander verbunden.

Besonders auffällig ist das bei der seltsamen Telefonszene in der billigen Pension. Die Reinemachfrau will von dort aus die Polizei anrufen, doch leider ist Raven schon darin versteckt und zwingt sie stattdessen, mit Gates zu sprechen und sie muss ihm nicht nur referieren, was dieser sagt, sondern auch noch entsprechend reagieren, immer die Pistole im Rücken. Das kann so nicht funktionieren und außerdem ist der Kopf von Raven in den Nahaufnahmen viel höher platziert als in den Halbtotalen, in denen Ladd vielleicht gar nicht in der kleinen Zelle ist, jedenfalls würde man ihn in der entfernteren Einstellung deutlich wahrnehmen, wenn er so platziert wäre wie beim Close-up. Überdehnt sind auch die Spuren für die Schnitzeljagd, die Ellen legt bzw. wie schnell und sicher diese von ihrem Verlobten gefunden und als solche identifiziert werden. Die gesamte Flucht hat einige Macken, während die ersten Minuten noch recht überzeugen sind. Bis zu dem Moment, als Ravens Waffe keinen Schuss abgibt. Deswegen schrieb ich weiter oben, das behalten wir im Kopf. In dem Moment fangen die kleinen Plotunstimmigkeiten an. Es geht dann gleich weiter mit dem kleinen Mädchen auf der Treppe, das keine Funktion mehr im weiteren Handlungsverlauf hat. Ich dachte für einen Moment wirklich, Raven will sie erschießen, weil sie ihn beschreiben könnte. So ist es wohl auch gedacht, aber das hätte natürlich jedwede Identifikation des Publikums mit ihm zunichte gemacht.

Eine weitere Fragwürdigkeit ist fürs Ganze nicht unwesentlich: Warum haben die Auftraggeber den Killer geframed, indem man ihm registrierte Banknoten übergab? Das erhöht doch nur das Risiko, dass die Polizei der Sache auf die Spur kommt. Ein zufriedener Mörder hingegen hätte die weitere Ereigniskette gar nicht in Gang gesetzt.

Regie

Regisseur Frank Tuttle ist hierzulande für die meisten wohl kein „Name“, auch ich wusste bisher wenig über ihn, daher hier das Grundsätzliche:

Frank Wright Tuttle (* 6. August 1892 in New York City; † 6. Januar 1963 in Hollywood) war ein US-amerikanischer Filmregisseur, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere einer der bestbezahlten Filmregisseure[1] in Hollywood war. Er galt als einer der wenigen Regisseure, denen der Umstieg vom Stummfilm zum frühen Tonfilm harmonisch gelang, und wurde später als ein wichtiger Vertreter des „Film noir“ gefeiert. (1)

Tuttle arbeitete in allen Genres, einschließlich Slapstick, und mit Größen und Größen, von den Stummfilmstars Clara Bow , Evelyn Brent , Louise Brooks , Thomas Meighan und Gloria Swanson bis hin zu herausragenden Künstlern der Sound-Ära, Jean Arthur , Mary Astor , William Bendix , Joan Blondell , Eddie Cantor , Bing Crosby , William Demarest und Cary Grant, Veronica Lake , Fredric March , Adolphe Menjou , William Powell , Robert Preston , Edward G. Robinson , Charles Ruggles , Simone Signoret und Phil Silvers .

Die Liste liest sich eindrucksvoll, aber gemäß IMDb-Wertung gilt „Die Narbenhand“ als sein zweitbester Film überhaupt, der Nachfolgefilm mit offenbar nicht unähnlicher Handlung war „Gangsterfalle“, ebenfalls aus dem Jahr 1942 und wieder mit Alan Ladd (ohne Veronica Lake). Er war nie für Preise nominiert oder gewann ebensolche und die obige Liste der Berühmtheiten besagt nicht, dass Tuttle deren Spitzenfilme inszenierte. Es wirkt eher, als habe er tatsächlich den Übergang in die Tonfilmzeit und frühe Schritte der dann aufkommenen Stars gut begleitet. In den späten 1940ern geriet er ins Fadenkreuz der HUAC, belastete Kollegen und entging so einem eigenen Berufsverbot.

Finale

„This Gun for Hire“ ist ein schneller, harter Film, in dem die Schauspielleistungen am überzeugendsten wirken und der dann Höhen erreicht, wenn Ladd und Lake zusammen zu sehen sind. Die Zugszene ist sehr nett gemacht und in ihrem Budenversteck auf dem Fabrikgelände schaffen die beiden es, ein Gefühl des Mitgehenwollens beim Publikum zu erzeugen, obwohl Ladd sich nicht anbiedert und Lake nicht chargiert, sondern auf eine leicht verkrampfte Art oder gerade deshalb natürlich, sensibel und der schwierigen Situation angemessen wirkt.

Auffällig ist, dass der Film noch in der Tradition der 1930er steht, die Sets betreffend, mit einer auffälligen Veränderung im Verlauf. Anfangs sieht man nur die Bude von Raven, dann eine etwas bessere Wohnung, wo er seinen Auftragmord verbring, ein Café, dann kommt das mächtige Marmorbüro von Brewster ins Bild, es folgt der Bahnhof, ein gar nicht so proper wirkender, älterer Zug, die Bruchbude unter meheren auf dem Fabrikgelände, während das Gaswerk vor allem einen schönen Hall abgibt, den konnte man damals auch schon erzeugen. In den späteren Teamings von Ladd und Lake sind die Sets viel angenehmer, so mondän vor allem in „The Blue Dahlia“, wie man es von anderen Noirs kennt, die geradezu stylisch sind. Darin spiegelt sich auch der gestiegene Status der Hauptdarsteller, die mehr veredelt werden als in ihrem ersten Werk, in dem Ladd nur mit einem leicht angeschlagen Trench herumläuft, während Lake zwar von Edith Head schon hübsch, aber noch recht dezent eingekleidet wird – mit Ausnahme der beiden Showkostüme natürlich, in denen man sie sieht.

75/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) deutschsprachige Wikipedia
(2) englischsprachige Wikipedia, Plot stellenweise ergänzt, an einer Stelle korrigiert.

Regie Frank Tuttle
Drehbuch Graham Greene
Albert Maltz
W. R. Burnett
Produktion Hugh Perceval für Paramount Pictures
Musik David Buttolph
Kamera John F. Seitz
Schnitt Archie Marshek
Besetzung

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