Manila – Tatort 383 #Crimetime 848 #Tatort #Duisburg #Schimanski #Thanner #WDR #Manila

Crimetime 848 - Titelfoto © WDR

Dschungelkampf mit Max und Freddy

„Manila“ war ist dritte Tatort des Köln- Duos Max Ballauf und Freddy Schenk – eine Legende oder zweiundzwanzig Jahre nach seiner Entstehung enttäuschend? Darüber und über weitere Aspekte des Films steht alles in der -> Rezension.

Handlung

Ringfahndung auf einer Autobahn bei Köln: Jugendliche Gangster haben zum wiederholten Mal eine Tankstelle ausgeraubt und diesmal den Inhaber kaltblütig erschossen. Während auch Staatsanwalt Wehling anhalten muß, flüchtet ein kleiner asiatischer Junge aus dessen Fahrzeug. Ballauf, der mit seinem Kollegen Schenk einer Soko unter Leitung der Kriminalrätin Berger vom LKA zugeteilt ist, fängt das verstörte Kind wieder ein. Wehling behauptet, den Jungen unterwegs aufgelesen zu haben. March – wie er sich selber nennt – reagiert auf gefährliche Weise aggressiv, aber bald wird klar, daß er nur eines will: zurück nach Hause, nach Manila. Während Schenk voller Hingabe seiner attraktiven Vorgesetzten zuarbeitet, läßt Ballauf das Schicksal des Kindes nicht los – zumal sich herausstellt, daß der Junge mißbraucht wurde.

Eine Suchanzeige hat schließlich Erfolg: Eine Filipina meldet sich und behauptet, die Mutter zu sein. Über das Verbrechen an ihrem Sohn will sie nichts wissen. Da ihr Visum und das des Jungen ablaufen, ordnet Staatsanwalt Wehling eine Eilprüfung des Falles an. Aber es gelingt der Jugendrichterin nicht, das Kind zum Sprechen zu bringen. Ballauf gibt sich nicht zufrieden: Er folgt Mutter und Kind zum Flughafen und macht dabei eine alarmierende Beobachtung: Ein Deutscher, der die beiden begleitet hat, nimmt neue Gäste aus Manila in Empfang: eine junge Filipina, an der Hand ein kleines Mädchen. Ballauf findet schnell heraus, daß es sich bei dem Mann um Ernst Swoboda handelt, der auf den Philippinen wegen Kinderhandels angeklagt war; er hatte einheimische Jungen und Mädchen an Touristen verkuppelt. Swoboda konnte sich jedoch rechtzeitig absetzen. Das Ermittlungsverfahren in Deutschland wurde aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Und dann hat Ballauf doch noch eine Leiche: Swoboda wird ermordet aufgefunden. Durch einen merkwürdigen Umstand ergeben sich Hinweise auf den Täter: Es könnte Wehling gewesen sein. Ballauf ist nicht überrascht, aber er hat keine Beweise gegen den Staatsanwalt. Die Schlüsselfigur ist der Junge, und der ist in Manila – aber das weiß Wehling auch. Und während Schenk immer engere Kreise um die Autobahnmörder zieht, begeben sich zwei Männer auf die Reise nach Manila, beide aus sehr unterschiedlichen Motiven, beide auf der Jagd nach einem kleinen Jungen.

 Rezension

Wenn man sich „Manila“ anschaut, hat man einen wichtigen Baustein zu ihrer Hall of Fame als die Sozialtatort-Cops schlechthin. Der Film war für 1998 sehr aufwendig und schnell gefilmt, nie war Max mit mehr Engagement dabei, die Welt zu retten und nie war ein Freund wie Freddy so wichtig, um Max zu retten. 

Der Mann, der Frauen für hinterhältig hält, kleine Jungs vor dem Missbrauch bewahren will und „Fat-Man-with-yellow-Shirt“ dürfen sogar nach Südostasien reisen, bis heute einer der weitesten Trips im Rahmen der Reihe „Tatort“ und schon deshalb sehenswert. Die Frage ist nur, ob unter Chef-Exorzist Duterte die Behörden der Philippinen noch bereit wären,  so zur Rufschädigung ihres Landes beizutragen wie in diesem Film. 1998 war noch alles viel mehr easy-going, selbst das Ermitteln in fremden Ländern ohne jede Legitimation, wie zu Recht angemerkt wird. Und wie Max in Manila alle benötigten Locations immer so schnell findet – das muss ein echtes Dorf sein.

Schwamm drüber. Schwamm drüber? Max und Freddy spielen wirklich grandios auf, der Schwung jener frühen Jahre bringt sich heute noch so vehement rüber, dass man den Mund den ganzen Film über offen lassen kann, vor Unglauben oder weil man lachen oder betroffen sein muss, was man sozusagen alles aus derselben Kinnlade-unten-Position heraus bewerkstelligen kann. Wer sich intensiv mit den Tatorten der 1990er befasst hat, weiß jedenfalls, dass „Manila“ ein Meilenstein-Film innerhalb der Reihe ist. Heute wird er nicht mehr ganz so hoch angesiedelt wie noch vor einigen Jahren, wenn ich nach der Rangliste des „Tatort-Fundus“ gehe, aber er hat unbestreitbar filmische und emotionale Qualität.

Er zeigt allerdings auch typische Elemente, die insofern zukunftsweisend sind, als ich sie in Rezensionen für Tatortpremieren beinahe permanent kritisiere. Man kann auch fragen, haben Filme wie „Manila“ und deren Erfolg haben dazu beigetragen, dass Tatorte heute a.) vollkommen überfrachtet, b.) vollkommen unglaubwürdig sind? Was haben wir für ein Glück, dass Max und Freddy die Typen sind, die den Plot noch halbwegs stimmig wirken lassen. Wer außer Max würde schon einfach mal nach den Philippinen fliegen und sich dort so verhalten, dass er nach einem Tag unter Anklage steht und die Todesstrafe zu fürchten hat? Da spielen noch die Anlagen aus seiner Düsseldorfer Zeit als nicht sehr dienstvorschriftentreuer Jung-Assistent von Kommissar Flemming eine Rolle und die anschließende Schulung in den USA bis Einsatzbeginn in Köln 1997 hat zumindest im Setting Manila nichts geändert.

Heute würde eine Darstellung wie in „Manila“ von Max Ballauf aus Altersgründen auch nicht mehr echt wirken, während Freddy im Grunde noch ebenso auftreten kann wie 1998. Die beiden waren seinerzeit die Avantgarde im Tatort, heute schmunzelt man zuweilen etwas über die Naivität ihrer Dialoge. Max ist ruhiger geworden, doch im Grunde mögen wir ja genau das an den beiden Köln-Cops: Dass sie so pur sind.  Wer in Berlin lebt und nicht nur mit Zugezogenen umgeht, der findet Parallelen, leider nicht immer welche mit solchermaßen sozialfreundlichem Hintergrund.

Wie wird das Thema Kindesmissbrauch gezeigt?

Packend, einerseits, sehr linear andererseits. Wir sind mittlerweile mehr im Stadium der Ausdifferenzierung angelangt, in den späten 1990ern war das Reden über diese Vorgänge gerade dem Tabu entkommen und wurde teilweise sehr reißerisch behandelt. Das heißt nicht, dass es nicht relevant ist, ganz im Gegenteil. Da kommt ins Spiel, dass „Manila“ eben nicht mehr ganz heutigen Anforderungen genügt. Man hätte diese Weihnachtsmann-Zweithandlung ganz weglassen und sich auf die Missbrauchsgeschichte konzentrieren können. Der Ausgangspunkt hätte dann wohl ein totes Kind sein müssen, aber auch das gab es in Tatorten und notabene in der Realität. Die Ringfahndung, die alles auslöst, hätte einem Vorgang zugehörig sein können, der nicht im Tatort behandelt wird oder es hätte ein ganz normaler Unfall-Stau sein dürfen, bei dem March aus Wehlings Volvo entweicht und von Max aufgenommen wird.

Aber so ist das, wenn man noch auf Basis einer offenbar dünnen Faktenlage etwas zeigen will, was die Menschen berührt und das über 90 Minuten hinweg nicht für allein tragfähig hält. Und genau diese Verzettelung lässt auch viele heutige Tatorte weit weg von den Möglichkeiten enden, die ihre Sujets bieten. Möglicherweise waren wir 1998 schon im postfaktischen Zeitalter, ohne dass es den passenden Begriff dazu gab, es liegt also nah, dass man Fakten durch Action ersetzt, und von der gibt es ja wirklich hinreichend viel, auch für die heutigen Verhältnisse und abzüglich der fehlgeleiteten Hamburger Schiene, die zum Glück noch nicht als stilbildend gelten kann.

Aber zum eigentlichen Umgang mit dem Thema – nicht, dass ich mich davor drücken möchte. Wenn man Tatorten glaubt, haben Juristen eigentlich nur negative Eigenschaften, was mich dazu leitet, eher bei Drehbuchautoren bestimmte Komplexe zu vermuten. Jedoch, wie Schwuppdiwupp mit wenigen, kräftigen Strichen der Charakter Wehling gezeichnet wird, ist grandios. Vater hat Sohn missbraucht und beide haben gesungen, Enkel singt auch, der Knabenchorleiter als möglicher Kinderschänder dräut zusammen mit einer autoritären und übergriffigen Vaterfigur von der Wand in Form eines expressiven Schwarz-Weiß-Gemäldes, und so Schwarz-Weiß ist auch diese Welt gezeichnet, in die wir hineinbugsiert werden und die wir irgendwie doch als denkbar empfinden. Wer in einem strengen Elternhaus, in dem sich alle möglichen sinistren Vorstellungen aus alter Zeit zu einer unzeitgemäßen Erziehung verdichteten, unter anderem zum klassische Musik machen verurteilt war, weiß Bescheid, auch wenn er nicht sexuell missbraucht wurde.

Dass StA Wehling, der in einem solchen System aufwuchs, hinterher so offensiv wird und sogar mordet und dann noch Max ins Verderben reißen will, ist schon überzogen, weil ihm die Intrige zuzutrauen ist, aber gewiss nicht das plumpe Abfackeln eines Kinderbeschaffers, wird in der Folge jedoch überlagert durch Maxens Manila-Trip als solchen, der durch seinen Mangel an Realismus alles andere toppt und somit das Verhalten des StA relativiert. Gut gespielt fand ich übrigens auch jenen Wehling, wie Mathieu Carrière es ja überhaupt drauf hat, Bösewichter zu geben, die furchtbar an die Nerven gehen. Und dann rennt er ausgerechnet in einen Schulbus mit kleinen Jungs drin, als er nicht mehr weiter weiß. Wie symbolisch. Im Grunde eine höchst bedauernswerte Figur, deren zweifelsohne vorhandene Talente im Schatten der Gier nach „Frischfleisch“ standen. Aber wie weit man es trotz offenbarer Fehlveranlagungen doch bringen kann. Besonders in der Juristerei.

Ich habe mich gefragt, ob man heute, wenn ich schon fordere, dass man sich mehr mit dem Kernthema auseinandersetzt, mehr zeigen dürfte. Es gibt dieses Video, das sich Max und Freddy kurz anschauen, das ist schon viel. Viel mehr geht und sollte auch in diesem Bereich nicht gehen, aber man könnte mehr auf die Folgen rekurrieren. Nicht nur Angst, Flucht, Verbringung, Tricks, mangelnder Schutz, sondern mehr mit den Kindern arbeiten. Auch dafür ist Max ja ein Spezialist, mit „Manila“ hat er sich übrigens erstmalig als solcher geoutet: als der Cop, der Kinder kann, sozusagen in Nachfolge von Horst Schimanski („Kuscheltiere„). Der Preis des tieferen Einsteigens wäre aber wohl ein weniger fulminanter Film, einer von jenen, die heute nicht selten abschätzig als Kölner Sozialtatort bezeichnet wäre. Es würde weniger bunt und rasant zugehen, die tristen Farben, die sich nach 9/11 in Tatorten und anderswo durchgesetzt haben, würden gut zum Thema passen.

Finale

Direkt nach dem Anschauen war ich auf dem Trip 9/10 oder gar 9,5/10, weil der Film wirklich mitreißt, spannend ist, wendungsreich, ein schwieriges Thema für den Zuschauer erfahrbar macht. Eine Qualität, die ich jetzt mehr nebenbei erwähne, weil sie natürlich gegen eine reduziertere Form der Befassung spricht, aber am Ende finde ich doch, die wenigen 9er, die es bisher gab, waren sehr runde, nahezu perfekt austarierte und konzeptionell einheitlich wirkende Tatorte. Doch für den Versuch, für die tollen Cops, für Vieles, was wichtig ist und gezeigt werden musste in einer Zeit, als wir noch nicht mit der „alles schon abgegessen“-Haltung herumliefen, muss auf jeden Fall eine hohe Punktzahl vergeben werden. 

8,5/10

© 2020 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung
Kommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Kommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Lissy Pütz – Anna Loos
March – Tom Taus
Marilyn Garcia – Susan Africa
Maria Espadia – Milanie Sumalinog
Ernst Swoboda – Nikolaus Stein von Kamienski
Franziska Berger – Antje Schmidt
Vanderfelde – Walter Gontermann
Johannes Wehling – Mathieu Carrière
u.a.

Drehbuch – Nikolaus „Niki“ Stein
Regie – Nikolaus „Niki“ Stein
Kamera – Arthur W. Ahrweiler
Schnitt – Corina Dietz
Musik – Ulrik Spies, Jacki Engelken, Engelken & Spies: «Disco Manila»

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