Im Schatten der Nacht / Sie leben bei Nacht (They Live by Night, USA 1948) #Filmfest 283

Filmfest 283 A

2020-12-09 FF 0283 Im Schatten der Nacht They Live by Night USA 1947

„Die schwarze Serie“ kannte ich demnach schon, als ich „Das Internationale Filmverzeichnis Nr. 8“ im Jahr 1989 verfasste, aber nach allem, was ich bisher gesehen habe, noch nicht den Begriff „Film noir“. Was mich heute erstaunt: Wie viele dieser Filme damals noch im Fernsehen liefen, auch solche, die zwischenzeitlich etwas in Vergessenheit geraten waren – auch bei mir. Allerdings wird der Film dem Produktionsjahr 1948 zugerechnet, nicht, wie im Filmverzeichnis angegeben, dem Jahr zuvor.

Aber der Titel sagte mir sofort etwas, denn mittlerweile wird „They Live by Night“ zu den Kernfilmen des (Sub-) Genres gerechnet. Natürlich steckt noch mehr dahinter, wenn der Status eines Films auch mit Abstand erhalten bleibt oder sich gar verbessert: Nach diesem Krimi war Hauptdarsteller Farley Granger offenbar reif für Hitchcock, der ihn gleich zweimal prominent einsetzte, in „Rope“ (1948) und „Stranger on a Train“ (1951), jedes Mal als den eigentlich netten Jungen, der sich manipulieren lässt – oder beinahe. Heute wird „The Live by Night“ so gesehen:

They Live by Night besitzt heute bei Filmkritikern ein hohes Ansehen, so fallen alle 18 Kritiken bei Rotten Tomatoes positiv aus.[1] Das Lexikon des Internationalen Films schreibt: „Nicholas Rays erster Spielfilm ist als romantische Liebesgeschichte inszeniert, deren glückliches Ende durch Ignoranz, Bösartigkeit und Unvermögen der Umwelt verhindert wird. Interessant auch durch die neue moralische Beurteilung der vordergründig „bösen“ Charaktere.“[2]

Auch der Metascore der US-Kritiker, und den gibt es immerhin für einen solchen eher kleinen Film, fällt mit 82/100 recht positiv aus. Die Qualitäten der Regie von Nicholas Ray erkannte Starkritiker Bosley Crowther aber schon 1949:

Eine alltägliche kleine Geschichte über einen jungen entkommenen Sträfling „On the Lam“ („auf der Flucht, begriffsähnlich: „On the Run“) und seine Romanze mit einem netten Mädchen, das er aufnimmt und heiratet, wird in RKOs neuestem Film „They Live by Night“ im RKO mit bildlicher Aufrichtigkeit und ungewöhnlichem emotionalem Schub erzählt. Obwohl der Film – wie andere auch – in seinen Sympathien für einen jugendlichen Gauner fehlgeleitet ist, hat dieses Melodram aus Verbrechen und Mitgefühl die Tugenden von Kraft und Zurückhaltung. (2)

Es ist ausnehmend schade, dass man solche Filme heute suchen muss. Ich muss zugeben, ich mag einen der bekanntesten Filme von Nicholas Ray, „… denn sie wissen nicht, was sie tun“, nicht besonders, bin dem Regisseur aber zuletzt durch meine Arbeit an einem Wim-Wenders-Special etwas nähergekommen.

Dass Ray und James Dean es in „Rebel Without a Cause“ etwas übertrieben haben, heißt aber auch, dass er durchaus in der Lage gewesen sein kann, einen dunklen Film wie „They Live by Night“ mit zurückhaltenderen Darstellern so zu gestalten, dass deren Figuren uns emotional ansprechen. Dass Bosley Crowther Filme, die mit Gangstern sympathisieren, pflichtgemäß für diese Haltung kritisiert hat, verstehe ich, aber ansonsten ist seine gesamte Rezension positiv.

Auch die aktuelle IMDb-Wertung von 7,5/10 spricht für einen ansehnlichen Film noir, sie liegt (knapp) höher als bei allen drei Streifen, die Alan Ladd und Veronica Lake innerhalb dieses Genres gemacht haben (wir haben die Besprechungen dazu jüngst auf dem Filmfest vorgestellt) und die als Klassiker gelten. Meine damalige, ziemlich hohe Wertung, die ich ohne Studium von Filmliteratur vorgenommen hatte, weil ich damals noch keine Werke über Genres, sondern nur über einige wichtige Stars, in denen die Hauptdarsteller von „They Live by Night“ nicht beschrieben werden (und das Werden des deutschen Films) besaß, hat sich also im heutigen Renommee des Films bestätigt – der, habe ich gerade gesehen, auch als Road Movie bezeichnet wird. Das ist er sicher auch, und zwar in der „Manhunt“-Variante.

(1) Zitiert nach der Wikipedia
(2) The New York Times

Regie Nicholas Ray
Drehbuch Charles Schnee,
Nicholas Ray
Produktion John Houseman für
RKO Pictures
Musik Leigh Harline
Kamera George E. Diskant
Schnitt Sherman Todd
Besetzung

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