Der Pirat (The Pirate, USA 1948) #Filmfest 290 DGR

Filmfest 290 A "Die große Rezension"

2020-08-14 Filmfest AHeute ein buntes Spektakel

Der Pirat (Originaltitel: The Pirate) ist ein US-amerikanisches Filmmusical des Regisseurs Vincente Minnelli aus dem Jahr 1948, basierend auf einem Bühnenstück von S. N. Behrman. Die Uraufführung in den USA fand am 20. Mai 1948 statt.

Die Tatsache, dass der „The Pirate“ nicht zur Zeit seiner Entstehung in die deutschen Kinos kam, sondern später fürs Fernsehen bearbeitet wurde, hat ihn vor einem dieser reißerischen Titel bewahrt, welche die deutschen Verleiher damals erfanden und die oftmals falsche Erwartungen weckten, bewusst in die Irre führten. Nun aber ist “The Pirate” ganz schlicht “Der Pirat”. Vermutlich wurde der Film nicht fürs Kino nach Deutschland exportiert, weil er schon in den USA floppte – trotz zweier Topstars des Musical-Genres: Judy Garland und Gene Kelly. Wir haben sie in der Reihenfolge genannt, wie sie 1948 eingeschätzt wurden. Garland war etabliert und hatte bereits gesundheitliche Probleme, für Gene Kelly ein aufstrebender, athletischer Jungstar und die einzige Konkurrenz für Fred Astaire – für ihn sollten die besten Filme (“An American in Paris”, 1951, und “Singin’ in the Rain”, 1952) noch kommen – beide Filme haben wir bereits für den Wahlberliner besprochen, aber sie noch nicht auf dem Filmfest des „neuen“ Wahlberliners gezeigt).

Im selben Jahr, in dem „The Pirate“ herauskam, machte Judy Garland – mit Fred Astaire, weil Kelly sich eine Verletzung zugezogen hatte – „Easter Parade“ und dieser war um einiges erfolgreicher.

Handlung (1)

Auf einer karibischen Insel lebt Manuela im Städtchen Calvados und träumt davon, vom legendären Piraten Mack Macoco entführt zu werden. Doch nach dem Willen ihrer Tante und ihres Onkels soll sie den Bürgermeister Don Pedro heiraten, einen dicken Tyrannen. Kurz vor ihrer Vermählung besucht Manuela den benachbarten Ort Port Sebastian. Ein Wanderzirkus gastiert dort, wobei der Führer der Artistentruppe, Serafin, mit allen Frauen flirtet. Er umschmeichelt auch Manuela. Er lobt ihre Schönheit und bittet sie, Don Pedro nicht zu heiraten. Die verärgerte Manuela verlässt daraufhin die Stadt. In der darauffolgenden Nacht findet sie keinen Schlaf, und sie schleicht sich heimlich zu Serafin, um seine Vorführung noch einmal zu besuchen.

Bei der Aufführung wird Manuela von Serafin hypnotisiert. Er glaubt, sie habe sich in ihn verliebt. Doch in ihrer Trance gesteht sie ihre Schwärmerei für den Piraten Macoco. Serafin weckt Manuela mit einem Kuss, die daraufhin voller Panik flieht. Am nächsten Tag, dem Hochzeitstag, erreicht der Zirkus Calvados. Serafin sucht Manuela auf und bittet sie, zu seiner Truppe zu kommen. Don Pedro hört Geräusche in Manuelas Zimmer, tritt ein und fordert Manuela auf, zu gehen, um Serafin eine Lektion zu erteilen. Serafin erkennt in Don Pedro den Piraten Macoco, der einst auch ein Schiff kaperte, auf dem Serafin Passagier war. Nun ist Macoco als Don Pedro im Ruhestand und korpulent geworden. Serafin erpresst Don Pedro, indem er ihm androht, seine wahre Identität an Manuela und die anderen Bürger zu verraten, wenn er es nicht erlaube, dass der Zirkus eine Aufführung geben dürfe.

Serafin beschließt, sich nun seinerseits als Macoco auszugeben um Manuela für sich zu gewinnen. Er offenbart sich vor der ganzen Stadt und fragt Manuela, ob sie mit ihm gehen wolle. Doch Manuela verweigert sich. Als sie von ihrem Fenster aus einem Tanz von Serafin zusieht, beginnt sie zu träumen. Am nächsten Tag droht „Macoco“ damit, die Stadt niederzubrennen, sollte Manuela nicht mitgehen. Manuela willigt nun glücklich ein.

Versehentlich wird Manuela von einem Truppenmitglied auf Serafins Betrug aufmerksam gemacht. Sie gibt vor, Serafin verführen zu wollen, doch sie stellt ihn zur Rede und wirft verärgert mit Gegenständen nach ihm. Als sie ihn unabsichtlich trifft und er bewusstlos zu Boden geht, merkt sie, dass sie ihn liebt.

Zwischenzeitlich hat Don Pedro den Vizekönig davon überzeugt, dass Serafin wirklich Macoco ist und der für seine Taten hängen soll. In Serafins Ausrüstungswagen lässt er einen Armreif platzieren. Eine Armee-Patrouille findet den Armreif und verhaftet Serafin. Am Abend vor Serafins Hinrichtung sieht Manuela das falsche Beweisstück und erkennt, dass der Armreif das gleiche Design besitzt wie der Hochzeitsring, den ihr Don Pedro gab. Daraus schließt sie, dass Pedro der wahre Macoco ist.

Als letztem Wunsch wird Serafin eine Aufführung seiner Show gewährt. Als Höhepunkt der Darbietung soll Don Pedro hypnotisiert werden. Dazu benutzt er einen Spiegel als Hypnosemittel, doch der wird von Manuelas Mutter zerbrochen. Manuela gibt vor, von Serafin hypnotisiert zu sein und gesteht vor allen Leuten ihre Liebe zu Macoco. Pedro ist eifersüchtig und gibt sich als Macoco zu erkennen. Er ergreift Manuela, wird aber von der Zirkustruppe mit Jonglierbällen und Sahnetorten angegriffen. Zuletzt finden Serafin und Manuela wieder zusammen.

Rezension

“Der Pirat” ist einer der extravagantesten Filme des Jahres – ungeheuer bunt, mit teils witzigen Kostümen und mit großem Aufwand an Statisten inszeniert, dazu gibt es die erste jener großen Tanznummern, die Gene Kelly in späteren Filmen regelmäßig eingebaut hat – er tanzt sich durch diese oft mehr als zehnminütigen Soli und hat Einlagen, welche günstigenfalls Motive des Films aufnehmen, die Handlung aber zum Stillstand kommen lassen, selbst choreografiert – auf höchstem Nivau. Schon die flammend rote und pulverblitzgelbe, hoch athletisch getanzte Sequenz in “The Pirate” hat die zeitgenössische Kritik beeindruckt, die derlei erstmalig zu bestaunen hatte – war aber aus heutiger Sicht eine Übung für das wundervolle “An American in Paris”-Ballett.

Die Handlung ist nicht sehr tiefgängig, aber reich an Wendungen und für ein Musical recht originell. Hier wiederum weist eine, wenn auch nicht sehr ausgeprägte, Linie zu “Singin’ in the Rain”, der den vielleicht besten Plot eines reinen Filmmusicals aufweist. “The Pirate” allerdings basiert auf einem Stück und ein wenig theaterhaft wirkt auch die Gesamtinszenierung mit ihrem operettenhaften Einschlag, dem Overacting aller wichtigen Darsteller, von denen allerdings Judy Garland als Mädchen Manuela, das vom Piraten Macoco träumt, am meisten übertreibt. Da gibt es einige Momente, die geradezu hysterisch wirken, auch dies unterscheidet den Film z. B. von „Easter Parade“. Damit meinen wir nicht die Szene, in der recht stilvoll Porzellan und Mobiliar zerschlagen wird, sondern die flatterige Spielweise mit sehr viel Augenbewegung, exaltierter Gestik und nervöser Grundhaltung. Trotzdem singt sie natürlich sehr schön und wird von der Kamera so eingefangen, dass man ihre physischen Probleme nicht zu deutlich sieht – die Präsenz ihrer Person ist auch in diesem Film, der sie nicht in Bestform zeigt, sehr spürbar.

Wir stecken offensichtlich gerade fest in einem  Zeittunnel, der sich in den USA der 30er und 40er Jahre befindet, zudem ist dies der dritte US-Film aus dem Jahr 1948, den wir innerhalb einer Woche besprechen (nach “Der Herr der Silberminen” und „Spuren im Sand”) (2). Warum auch nicht. Was wir unseren Lesern anbieten, unterliegt keinen kommerziellen Zwängen und jene Zeit vor oder nach dem Zweiten Weltkrieg war kinomäßig und für die USA nicht die schlechteste. Da entstanden epische Western wie “Der Herr der Silberminen”, Weihnachtswestern wie “Spuren im Sand” – oder aber diese großartig gefilmten Musicals aus dem Studio MGM, das sich auf dieses Genre verstand wie keine andere Produktionsfirma weltweit.

Piraten: Solche, die es gerne wären und solche, die froh sind, es nicht mehr zu sein

Gene Kelly als Möchtegern-Pirat

Die Kritiker sind sich einig, dass “The Pirate” dem sympathischen Tanzstar Gene Kelly gehört. Nicht nur, dass er an dessen Gestaltung (s. o.) beteiligt war, er schwingt, singt und tanzt sich durch dieses exotische Abenteuer wie eine modernere, multitalentierte Variante des legendären Stummfilm-Swashbucklers Douglas Fairbanks. Auch er rollt etwas viel mit den Augen, aber es ist der Rolle geschuldet und dem Tenor des Films, der eine musikalische Komödie mit übermütiger Grundhaltung darstellt, auch wenn der Humor etwas deftiger geraten ist als bei den weniger elaborierten, leichteren MGM-Musicals.

Wie Kelly zwischen dem Schausteller Serafin und dem vorgeblichen Piraten Macoco wechselt, wie er diesen Figuren einen lebendigen Ausdruck verleiht, sie einmal mehr, einmal weniger machohaft anlegt und damit natürlich auch den Latino als solchen ein wenig auf die Schippe nimmt und seine beiden Figuren gegen den wirklich archaischen Macho Pedro Vargas / den echten Macoco stellt, ist sehenswert und wenn die Definition des Begriffs Spielfreude mit einem Beispiel hinterlegt werden soll, dann bietet sich Gene Kellys Darstellung in “The Pirate” an. Sie ist voller Schwung, Energie und auch ein wenig Charme – wobei letzterer nicht dominiert und seine Seifigkeit nicht stört, weil man daran deutlich das persiflierende Element im Film erkennen kann. Gene Kelly war, mehr als Fred Astaire, bodenständig und humorvoll veranlagt, das konnte er hier voll ausspielen.

“The Pirate nimmt selbst diejenigen Swashbuckler-Filme aufs Korn, die man wiederum als humorvoll ansehen kann. Schließlich geht es hier um eine kleine Schaustellertruppe, deren Chef die Gelegenheit beim Schopf packt, sich seiner angebeteten, nervösen Manuela als Pirat auszugeben. Der echte Pirat hingegen  hat sich, inzwischen verfettet, zum ehrenwerten Bürger gewandelt.

Judy Garland als vertäumt-hyperaktiver Zankapfel des Möchtegern-Piraten und des wirklichen Seeräubers

Schon die Kostüme, die nicht nur Judy Garland sondern alle Frauen im Film tragen, besagen, dass dieses Musical ein Märchen ist, ein Werk aus dem Reich bunter, überschäumender Fantasie – ein wenig erinnern die Kreationen wohl nicht zufällig an die übertriebenen Südsee-Dekorationen, Kleidungsstücke und Hüte, die wenige Jahre zuvor zum Markenzeichen der aus Brasilien stammenden Carmen Miranda wurden, die in den 40ern so erfolgreich für die 20th Century Fox tätig war, dass sie zu einer der bestbezahlten Entertainerinnen der USA aufstieg. 1950 machte sie dann einen Film für MGM, aber sie hatte ihren Zenit bereits überschritten. Lateinamerika war damals weltweit in, auch in Deutschland warb man filmseitig um die Gunst des „Kontinents der Zukunft“.

Manuela ist also eine Art auf temperamentvolle Südsee-Schönheit getrimmte großer Hüte, was schon in “Easter Parade” sehr romantisch ausschaut. Dass in “The Pirate” alles nicht so ernst genommen werden soll, auch nicht das Romantische, zeigt sich daran, dass sie ihre Kopfbedeckung ständig festhalten muss, als sie auf einem Festungsgang mit Serafin unterwegs. Schließlich verliert sie den Hut und er landet im schmutzigen Wasser. Vielleicht kann man darin das Symbol für den Untergang der romantisierenden Gedanken an den Pirat Macoco sehen oder gar für ihre schwierige Ehe mit Regisseur Vincente Minelli – man muss die Dekors aber nicht so hoch hängen. Jedenfalls führte Minelli wegen der Privatprobleme mit Garland in „Easter Parade“ nicht Regie und deswegen wirkt der Film etwas weniger flirrend und unruhig, sofern man sagen kann, dass sich die Stimmung der Hauptdarstellerin auf das Publikum überträgt.

Unbestreitbar hat Judy Garland in diesem Film die Gelegenheit, erwachsener und weiblicher zu sein als in den Werken zuvor, in denen sie eine meist sehr unschuldige Art von Sehnsucht vermittelt. In „The Pirate“, besonders in der Trance-Szene mit ihrer expliziten songtextlichen und visuellen Gestaltung, wirkt sie für ihre Verhätnisse und die der Zeit geradezu obsessiv. Dies zu zeigen, gehört zu den gewagteren Elementen des Films und wenn wir immer wieder während der Rezension den Gründen nachspüren, warum „The Pirate“ das Publikum so gespalten hat, kann man sich auch in diesem Imagewandel einen der Gründe vorstellen. In „Easter Parade“, der kurz nach dem Piratenabenteuer entstand, war sie wieder um einiges konventioneller in ihrer weiblichen Grundhaltung.

Die Garland hat uns in anderen Filmen teilweise besser gefallen, und man muss nicht den legendären „Wizard of Oz“ heranziehen, in dem sie noch fast ein Kind war und ein Kind gespielt hat. Auch „Meet me in St. Louis“,  die B-Musicals für Nachwuchsstars aus der Andy-Hardy-Serie, in denen sie an der Seite von Mickey Rooney energetischen,  jugendfrischen Charme versprühte, und natürlich „Easter Parade“ (s. o.) an der Seite des großen Fred Astaire, doch ihre hiesige Rolle zeigt auch Elemente, die ihre Manuela von anderen Figuren absetzen, die sie bis etwa 1950 gespielt hat.

Nach „Easter Parade“ und „The Pirate“ bekam Garlandes Karriere einen Knick – ihre Tablettensucht wurde offenkundig, sie konnte nicht mehr konzentriert filmen, und ihre Ehe mit Vincente Minelli, der in „The Pirate“ Regie führte, brach auseinander. Die beiden haben danach nie wieder zusammen gedreht. Sie erhielt eine Oscarnominierung in ihrem Comeback „A Star is Born“, einem Remake von „A Star is Born“ aus dem Jahr 1937, der seinerseits ein Comeback für Janet Gaynor war. Vincente Minelli erhielt den Regie-Oscar 1959 ausgerechnet für „Some Came Running“ – ein Kriegsheimkehrer-Drama, kein Musical.

Walter Slezak: Seeräuber und Bürgermeister

Der echte Macoco, einst Schrecken der Meere und blutrünstiger Brandschatzer von mindestens 100 Städten an den Küsten der sieben Weltmeere,  nennt sich mittlerweile Don Pedro Vargas und wird gespielt von Walter Slezak, dem in Wien geborenen Sohn des berühmten Bühnenaktors Leo Slezak. Als Darsteller pompöser Schurken hatte sich Slezak einen Namen gemacht, im mit Talenten, auch solchen, die aus Europa immigriert waren, überreich gesegneten Hollywood der 40er Jahre, die Kritik war auf ihn durch seine Darstellung in „Liefeboat“ (1943) von Alfred Hitchcock aufmerksam geworden.

In „The Pirate“ ist er als Bürgermeister und Pirat mal ängstlich, mal fordernd – und blutrünstig. Die Rolle ist ziemlich buffo ausgestaltet, daher kann man von Slezak nicht eine besonders nuancierte Darstellung abverlangen, er hätte den ehemals mächtig bösen Piraten eine Spur gefährlicher rüberbringen können, doch das war wohl dem leichten Tenor eines Films entsprechend, in dem es immerhin zu Gewaltszenen oder wenigstens zur Imitation von Gewalt kommt (im Musical der klassischen Ära eher eine Besonderheit), nicht gewollt.

Weitere Sprechrollen haben im Wesentlichen Manuelas Tante Inez (Gladys Cooper), der Vizekönig, der den Piraten Macoco aufhängen will (George Zucco) und ein etwas seltsamer Anwalt, gespielt von Reginald Owen – dessen dramaturgische Funktion sich allerdings nicht erschließt. Vielleicht hatte er eine solche im zugrundeliegenden Bühnenstück, verlor sie jedoch durch die Umschreibungen, die aus diesem Stück das Drehbuch von Albert Hackett und Frances Goodrich werden ließ.

Ein Period-Muscial als Sonderfall

Unseres Wissens ist „The Pirate“ das einzige MGM-Musical, das im 19. Jahrhundert und in der Südsee spielt, das gab den Designern dieses wohlhabenden Studios die Möglichkeit, prächtig bunte Menschen auf die Leinwand zu bringen, und davon gleich sehr viele – die Anzahl der Szenen mit größerem Statistenaufkommen ist beachtlich.

Auch für die Zeit um 1830, in der sich die Handlung zuträgt, wirkt alles überprächtig und wunderbar tropisch-lebensfreudig. Der echte Serafin und spätere falsche Macoco in Person von Gene Kelly erklärt uns zwar, und wir ahnen es vorher schon anhand der Art, wie die jungen Frauen um Manuela sich unterhalten, dass das Gesellschaftsbild in dieser hispanischen Kultur ein rückständiges ist, Frauen heiraten aus materiellen Gründen bzw. werden verheiratet, das sei ja in England und den USA nun anders, sagt Serafin-Macoco-Kelly. 1948 trifft die freie Entscheidung für die romantische Liebe, wie Manuela sie treffen möchte, zumindest möglich, aber in 1830 waren Ehen wohl auch im anglosächsischen Raum nicht selten abgesprochen und ökonomisch hinterlegt, denn nur selten gingen Frauen damals einem Beruf nach und waren somit wirtschaftlich unabhängig.

Traummänner und Männerträume treffen sich demgemäß in „The Pirate“ und Kellys erstes Lied im Film, „Nina“ (alle Musikstücke stammen von Cole Porter), hält die „A girl in every port“-Philosophie hoch. Das ist alles schön traditionell, auch wenn sich im Verlauf herausstellt, dass Manuela nicht nur etwas neurotisch ist, sondern auch einen starken Willen hat. Allerdings – ohne Serafins Handeln könnte sie sich nicht aus den Klauen des dicken Bürgermeister-Seeräubers Pedro / Macoco befreien.

Eine der besseren Handlungen

Wenn man bedenkt, wie seicht die Muscials der Zeit plotseitig meist waren, kann man nicht umhin, „The Pirate“ auch hier eine Sonderstellung zuzubilligen.

Die Produktionen von Arthur Freed für MGM waren zwar Flagschiff-Filme und nicht der B-Schiene zuzurechnen, von der wesentlich mehr Streifen gedreht wurden und die sehr schematische Handlungsführungen hatten, doch die trickreiche Verwechslungskomöde ist im Genre selten zu sehen und erinnert uns wieder daran, dass „The Pirate“ ans Bühnengenre der Operette angelehnt ist.  Dafür steht auch die Mesmerisierung von Menschen aus dem Publikum, die Serafin betreibt und die durchaus auf das Zeitalter rekurriert, in welchem der Film spielt und in dem derlei sehr in Mode war. In dem Fall trifft die Hypnosewirkung Manuela, die ihre Träume von Macoco in diesem Zustand ausplaudert, eine schöne Gesangs- und Tanzeinlage hinlegt und Serafin auf die Idee bringt, sich als Macoco auszugeben.

Im Jahr 1948 war dieses flamboyante Werk dem Publikum offenbar etwas zu viel des Guten. Wenn man davon ausgeht, dass die Kinogänger nicht die Schauspielkunst von Kelly oder Garland missbilligt haben, muss es die exaltierte Handlung gewesen sein, die man den Machern nicht abgekauf hat und weshalb „The Pirate“ einer der größten Flops in der im Ganzen ruhmreichen MGM-Musical-Geschichte wurde. Wir mögen den diesen farbenreichen, großartig getanzten Film aber deshalb, weil trotz der vielen Zeit, die für die Musiknummern verwendet werden muss, noch genug Zeit bleibt, um die eine unterhaltende Handlung zu zeigen. Mehr, als gute Unterhaltung zu sein, kann man von einem Muscial der damaligen Zeit nicht verlangen. Vielleicht war die etwa achtminütige „Macoco“-Sequenz, eine Art Einmann-Ballett mit großartiger visueller Umsetzung, damals noch zu ungewöhnlich und der Rest etwas zu schnell und exaltiert.

In der Schlusssequenz mit dem Lied „Be A Clown“ empfanden wir das allerdings auch so – und wenn man sieht, wie Judy Garland einen ganz rudimentären Slapstick-Clown spielt, ist man sogar ein wenig melchanolisch berührt, wenn man daran denkt, dass diese großartige Entertainerin hier mit einem aufs Gesicht gemalten, breiten Lachen überaus heiter wirkt, sich aber hinter dieser Fassade eine unglückliche Frau nur schwer verbergen konnte. Das Publikum hat immer ein gutes Gespür für „ill fates“, aber es wäre sehr spekulativ, den Misserfolg von „The Pirate“ auch nur zum Teil auf das Wissen der Menschen um Judy Garlands Schicksal zu schieben. Eher war es umgekehrt – der aus heutiger Sicht unverdiente Misserfolg des Films trug sicher nicht dazu bei, den Star wieder ins Gleichgewicht zu bringen und man weiß heute auch viel mehr darüber, wie systematisch einige Stars bei MGM gedopt wurden, um immer Höchstleistungen erbringen zu können.

Politisches: Ein Hauch von Rassismus, den wir in der vollständigen deutschen Fassung des Films nicht sehen können

Gene Kelly war einer der progressiven Schauspieler in Hollywood, der in späteren Jahren gerne in sozialkritischen Filmen auftrat, was ihm von uns selbstverständlich ein Sonderplus einbringt. Für „The Pirate“ hat er eine Steptanzgruppe engagiert, die aus afroamerikanischen Performern bestand. Man muss sich vorstellen, dass die Szenen mit diesen Darstellern tatsächlich herausgeschnitten wurden, als der Film in den Südstaaten aufgeführt wurde  – und das nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Welt gesehen hatte, wohin Rassismus führen kann und die Amerikaner gegen das am meisten  rassistische aller Regime aller Zeiten ins Feld gezogen waren. Es gab im gerade zu Ende gegangenen Krieg noch keine Truppenteile in den USA, in denen farbige und weiße Soldaten gemeinsam dienten. In späteren Filmen wird das aber oft so dargestellt und ist eine der großen Selbstlügen einer Nation, die sich bis heute an einem teilweise scharfen Rassismus abarbeitet – auch wenn mittlerweile und dank der Bürgerrechtsbewegung der 50er und 60er Jahre sogar im Süden des Landes alle Menschen formal gleiche Rechte haben.

In „The Pirate“ kommen viele Menschen ganz verschiedener Hautschattierungen vor, was ja auch für die Gegend, in der das Geschehen angesiedelt ist, realistisch ist. Es ist eine bunte Welt, und dies trägt zur überschäumenden Anmutung des Films bei.

Viel Individualstil formt sich zu einem opulenten und optisch durchdachten Kinostück

Vincente Minelli, der Regisseur von „The Pirate“, obwohl u. a. mit Judy Garland verheiratet, wird als homosexuell oder bisexuell angesehen, das schlägt sich nicht nur in seiner kaum übersehbaren Faszination für die männlichen Darsteller, besonders für Gene Kelly, nieder – natürlich – auch seine Frau setzt er sehr charmant in Szene.

Aber die fließende Bewegung, diese subtil weibliche Eleganz des Films, dazu die farblich und bezüglich ihrer Geometrie hervorragend abgestimmten Kostüme, Dekors und Plätze im Film, die Choreografie von Massenszenen künden von einem Geschmack und einer künstlerischen Sensibilität, wie sie gerade gleichgeschlechtlich ausgerichtete Männer nicht selten vorweisen können.

Freilich ist die Komposition des Visuellen nicht dem Regisseur allein zu verdanken, sondern dem besten Team, das Hollywood in diesem Bereich zu bieten hatte, doch wer das alles zu einem geschlossenen Ganzen zusammenführte, war sicherlich Minelli, der die gerade bei einem Musical sehr wichtige Ausstattung mitbestimmte. Vielleicht war auch in diesem Bereich „The Pirate“ ein wenig zu erlesen für den Geschmack des damaligen Publikums. In den 50ern wäre das wohl schon anders gewesen, besonders nach dem weniger exaltierten, aber stilprägenden „An American in Paris“ mit seinen Ansätzen zu abstrakter Kulisse im oben erwähnten, einmalig schönen gleichnamigen Ballett. Auch der Künstlerball in diesem Musical ist auf – sic! – künstlerische Weise farbgestaltet und durchkomponiert. Auch in diesem Film führte Vincente Minelli Regie.

Hinzu kommen fließende Bewegungen, einige Shots, die zwar nicht exakt von oben, sondern von schräg oben gefilmt sind, aber schön dafür sorgen, dass Menschen als bewegte Objekte wahrgenommen werden, die sich geometrisch höchst anspruchsvoll synchronisieren lassen Beispielsweise werden Bogenlinien auf diese Weise geradezu auf die Leinwand gemalt, etwa in der Szene, in welcher die Soldaten ins Bild fließen und zu einer halbkreisförmigen Aufstellung gerinnen. In Gene Kelly hatte Minelli einen kongenialen Partner für die Choreografie der Tanzszenen – Kelly hat im Verlauf seiner Karriere auf diesen Part immer mehr Einfluss genommen und später auch selbst Regie geführt. Viele Szenen sind gleichzeitig in langen Einstellungen bewegt und innerhalb dieser Einstellungen wieder in Einzelbilder aufgeteilt, die etwas von Minellis künstlerischen Ambitionen offenbaren – etwa die Szene, in der Gene Kelly auf verschiedene Frauen trifft, die seine Figur Serafin der Einfachheit halber alle mit „Nina“ anspricht. Diese unterschiedlichen Ninas sind postiert wie in gemalter Südseeidylle – bewegen sich erst nach einigen Momenten, in denen sie stillstehen und Kelly sie ansingen kann. Diese Methode, Figuren still stehen zu lassen, die Kamera aber auf dem Dolly durchs Studio zu fahren, hat Minelli nicht nur in „The Pirate“ angewendet, sondern auch u. a. in „An American in Paris“ und „Singin‘ in the Rain“, später daraus ein Szenen-Standbild in „My Fair Lady“.

Dass der Film Artisten in seinem Mittelpunkt hat, ist übrigens, jenseits technischer Aspekte, auch ein typisches Minelli-Merkmal. Der Künstler fühlt sich eben wohl unter seinesgleichen und hat eher eine Distanz zu Geschäftstypen und ruchlosen Geldraffern wie dem Piraten und Bürgermeister.

Das Technicolor von „The Pirate“ ist gut, aber nicht außergewöhnlich. Dass dies auf uns heute so wirkt, mag daran liegen, dass der Film in der von uns gesehenen Version vermutlich nicht restauriert wurde. Bei anderen Werken der Zeit hat man in aufwendigen Verfahren dafür gesorgt, dass nicht nur Mängel und Gebrauchsspuren beseitigt werden, sondern auch die Farbgebung etwas satter, gedeckter, nicht mehr so leuchtend transparent wirkt, wie es gerade beim Technicolor der späten 40er Jahre häufig der Fall war.

Etwas trägt auch die Farbgestaltung dazu bei, dass die karibische Welt in „The Pirate“ künstlich wirkt – und sicher auch wirken soll, das gehört zum Konzept des Films. Dort, wo keine Menschenmassen vorkommen, gibt es ersichtlich gemalte Hintergründe und wir befinden uns auf einer Bühne. Dass die Macher, besonders Vincente Minelli, damit eine Ebene der Selbstreflexion einziehen, die dem Film im Ganzen eigen ist, mag für viele Kinogänger der Zeit, gerade bei einem MGM-Musical, in dem man eine im Grunde distanzierte Sicht aufs Geschehen und die Figuren aufgrund eindeutiger Übertreibung sehen kann, nicht so recht eingeleuchtet haben.

Rückwärts betrachtet ein Kultfilm

Mit unseren heutigen Fähigkeiten, Subtext zu erkennen und Filme zu lesen, müssen wir „The Pirate“ anders bewerten als es der überwiegende Teil des Publikums in 1948 tat – positive Kritiken, vor allem aus Kunstmetropolen wie New York, gab es auch damals schon – und konstatieren, dass der Film zwar operetten- und bühnenhaft wirkt, aber eine erstaunliche Frische zeigt und vermutlich der beste der Filme ist, die Judy Garland und Gene Kelly gedreht haben. Dass sie beide auch für „Easter Parade“ geteamt werden sollen, haben wir oben erwähnt – ich meine aber, für das 5th-Avenue-Setting war der elegante Astaire wirklich der geeignetere Typ.

„The Pirate“ ist große Show und steht anderen MGM-Produktionen seiner Zeit nicht nur in nichts nach, sondern ist ihnen voraus, weist in den Kelly-Tanzszenen schon auf die 50er Jahre hin. Ein Gegenstand von Kritik war die Auswahl der Musikstücke von Cole Porter, aber auch hier meinen wir, es passt. Vielleicht sind es nicht seine „besten Songs“, aber diejenigen, die am besten zu einem Film passen, der um einiges von der Süßlichkeit vieler Genremovies von MGM entfernt ist. Er ist eben anders, als man das damals wohl erwartet hat. Es waren vermutlich nicht die Cineasten von dem Film enttäuscht, sondern die vielen Familien, besonders aus dem ländlicheren Bereich der USA, die sich einen netten Piratenfilm nach konventionellem Strickmuster anschauen wollten und merkten, etwas ist anders und will sich Ausdruck verschaffen und die Definition und Würdigung dieses Andersseins liegt jenseits des damaligen Erfassungshorizont des durchschnittlichen Kinogängers. So hatten wir es im Jahr 2011 formuliert, aber so richtig glücklich kann man mit dieser Wortwahl nicht sein, denn in jener Zeit wurden die Filme ja gerade anspruchsvoller. Nach dem sehr poppigen Kino der letzten Jahrzehnte kommt „The Pirate“ viel mehr in eine lange Kinogeschichte eingebettet und harmloser daher, als man ihn vor mehr als 60 Jahren empfunden haben mag.

Finale

Die IMDb-User zählen den Film jetzt mit einer Durchschnittswertung von 7,0 (Stand Dezember 2012, unverändert im November 2020) zu den guten Streifen, ohne ihn als überragend anzusehen. Und er ist ein Frauenfilm. Weibliche Bewertungen liegen im Schnitt einen halben Punkt über den männlichen – und es sind junge Frauen, die am höchsten zielen; also solche, die vielleicht nicht maximal elaboriert an einen solchen Film herangehen, aber denen die romantischen Träume von Manuela von einem wilden Leben (mit viel Sex, das lässt sich u. a. aus der erwähnten Garland-Tranceszene trotz Hays-Code herauslesen) an der Seite eines wilden Piraten etwas sagen, bis das Leben dann in den meisten Fällen für Richtigstellung sorgt. Die Menschen heute sind aber freier in ihren Entscheidungen und haben mehr Möglichkeiten als noch 1948, Träume zu leben – und dazu fordert „The Pirate“ mit seinen Identitätswechseln bei den Männern und dem Aufbegehren von Manuela gegen traditionelle Rollenmuster auf. 

77/100

(1) Wikipedia
(2) Bezogen auf den Zeitpunkt der Erstveröffentlichung der Rezension im Jahr 2011.

Regie Vincente Minnelli
Drehbuch Albert Hackett,
Frances Goodrich
Produktion Arthur Freed
Musik Cole Porter, Orchestrierung: Lennie Hayton
Kamera Harry Stradling Sr.
Schnitt Blanche Sewell
Besetzung

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