Du sollst mein Glücksstern sein (Singin‘ in the Rain, USA 1952) #Filmfest 345 #Top250 #DGR

Filmfest 345 A "Concept IMDb Top 250 of All Time" (40) / "Die große Rezension"

Superlative für die Ewigkeit

Ist es zu glauben, dass „Singin‘ in the Rain“ nur für zwei Oscars nominiert war und keinen davon gewann? (1) So, wie Listen mit den schlechsten oscarprämierten Filmen existieren, sollte es solche geben, in denen man die besten Filme nachlesen kann, die einen Oscar verpasst haben.

In den frühen 1950ern galt „An American in Paris“ (1951), den wir bereits für den Wahlberliner rezensiert haben, offenbar als das künstlerisch wertvollere Musical, was er gewiss auch dem wundervollen gleichnamigen Ballett von George Gershwin zu verdanken hatte, welches im Film herrlich choreographiert und schön in die Handlung integriert ist. Ach ja, die Handlung! Diese und den Spaß betreffend, ist „Singin‘ in the Rain“ dem direkten Vorgänger weit überlegen und wenn es darum geht, die größten Filmmusicals in eine Rangordnung zu bringen und ein wenig zu vergleichen, dann spielt die Handlung eben auch in einem Genre eine Rolle, das sich vor allem über Gesang und Tanz definiert. Wenn es dazu noch den vielleicht originellsten Plot aller Musicals gibt, wie „Singin‘ in the Rain“, ist das ein Benefit und viel mehr, als man von klassischen Reveufilmen erwarten konnte.

Bei der Handlung kann man noch ein „vielleicht“ setzen, wenn es um ein Superlativ innerhalb des Genres geht – nicht aber bei der Musik und ihrer Umsetzung. Die berühmteste Musicalszene, die je gedreht wurde, ist nun einmal Gene Kellys „Singin‘ in the Rain“. Er ist vorher ein Star gewesen, neben Fred Astaireder berühmteste Filmtänzer, durch sie wurde er unsterblich. Andere Nummern sind kongenial, wie Donald O’Connors Kabinettstück von einer Slapstick-Musiknummer namens „Make ‚Em Laugh“ (bereits vier Jahre zuvor als „Be A Clown“ mit Judy Garland und Fred Astaire in „Easter Parade“ und mit ganz anderer Choreografie auf die Leinwand gebracht). Der Song „Lucky Star“ ist wundervoll romantisch und gibt dem Film in Deutschland seinen Titel – da hat man wohl aufs falsche Pferd gesetzt, was den Ruhm der einzelnen Stücke angeht oder einfach die Romanze in den Vordergrund gestellt. Wir finden den deutschen Verleihtitel aus den 50ern ausnahmeweise gar nicht schlecht. „Lucky Star“ zu einem ganzen Satz auszudehnen, entspricht einer Inszenierung voller Kraft und einem hoch veranlagten und inspirierten Team vor und hinter der Kamera. Dieser Film ist ein besonderer Glücksstern am ohnehin sternenreichen Himmel von Hollywood und leuchtet noch heute so hell wie zur Zeit seiner Entstehung (2). Wie sich das in unserer Rezension niederschlägt, steht in der -> Rezension.

Handlung (3)

Hollywood 1927: Don Lockwood ist ein beliebter Stummfilmstar. Er besucht die umjubelte Premiere seines neuen Films und erzählt einer Reporterin die Geschichte seines Aufstiegs. Mit seiner Filmpartnerin Lina Lamont bildet er nach außen hin auf Wunsch seines Studios Monumental Pictures ein romantisches Traumpaar, doch in Wirklichkeit mag Don die eingebildete Lina nicht besonders, obwohl diese davon überzeugt ist, dass sie ineinander verliebt sind.

Auf dem Weg zu einer Firmenparty wird Don von hysterischen Verehrerinnen bedrängt. Er entkommt, indem er in ein vorbeifahrendes Auto springt, das von der jungen Schauspielerin Kathy Selden gesteuert wird. Auf der Party zeigt der Studioboss R.F. Simpson einen kurzen Vitaphone-Film, der die Möglichkeiten des Tonfilms demonstrieren soll. Die Gäste sind allerdings wenig begeistert. Zu Dons Überraschung springt kurz darauf Kathy aus einer Tortenattrappe. Es stellt sich heraus, dass sie Mitglied einer Mädchen-Tanztruppe ist. Verärgert über Dons Sticheleien wirft sie eine Torte nach ihm, trifft aber dabei Lina ins Gesicht und verlässt die Party fluchtartig. Erst nach wochenlanger vergeblicher Suche Dons begegnen sich die beiden wieder, als Kathy in einer anderen Monumental Pictures Produktion tätig ist. Don gesteht ihr seine Liebe.

Nachdem ein rivalisierendes Studio 1927 einen enormen Erfolg mit dem ersten Tonfilm The Jazz Singererreichte, entscheidet R.F. Simpson, dass der neue Lockwood-und-Lamont-Film The Dueling Cavalier als Tonfilm gedreht werden soll. Die Dreharbeiten gestalten sich schwierig. Das größte Problem ist Linas quäkende Stimme und ihr Akzent. Auch eine Sprachlehrerin ist machtlos. Eine Testvorführung des Films gerät – auch aufgrund vieler technischer Probleme – zu einem Desaster. Das Publikum reagiert teils erheitert, teils verärgert.

Dons bester Freund Cosmo Brown hat die rettende Idee. Er schlägt vor, Linas Stimme von Kathy sprechen und singen zu lassen. Außerdem soll der Film in ein Musical umgewandelt werden: The Dancing Cavalier. Als Lina von den Plänen erfährt, wird sie wütend und versucht alles mögliche, um Don and Kathy auseinander zu bringen. Als sie auch noch erfährt, dass R.F. Simpson Kathy durch Werbemaßnahmen groß herausbringen möchte, droht sie diesen zu verklagen, wenn er Kathy nicht zwingen sollte, weiterhin ungenannt als ihre Synchronstimme zu arbeiten. Der Studioboss geht widerstrebend darauf ein.

Die Premiere des Dancing Cavalier wird ein riesiger Erfolg. Als die Zuschauer Lina live singen hören möchten, „singt“ sie in ein Mikrofon auf der Bühne, während Kathy hinter dem Vorhang in ein zweites Mikro singt. Don, Cosmo and R.F. ziehen aber allmählich den Vorhang hoch, so dass Kathy zu sehen ist und der Schwindel auffliegt. Der Film enedet in einem kurzen, romantischen Duett mit Don und Kathy vor versammelem Publikum. (Ergänzung d. Verf.)

2020-08-14 Filmfest ARezension

In der Rezension zu „An American in Paris“ hatten wir geschrieben, dass wir den Vergleich zwischen diesem Film und „Singin‘ in the Rain“ anhand des letzteren Films vornehmen wollen – jeder, der sich ein wenig mit der filmischen Epoche auskennt, weiß, dass dieser Vergleich naheliegt.

Wenn man von einer zwischenzeitlichen Episodenrolle in „It’s A Big Country“ (1951) absieht, hat Gene Kelly direkt hintereinander diese beiden berühmten Musicals als männlicher Star – und als Choreograph bereichert. Beide sind Großproduktionen des führenden Musicalstudios MGM und damit das Beste, was Hollywood in den 30er bis 50er Jahren genreintern zu bieten hatte. In beiden Musicals spielt die Musik berühmter amerikanischer Komponisten eine Rolle, in „An American in Paris“ vor allem die von George Gershwin, die dem Film natürlich etwas Hochwertiges verlieh. Für „Singin‘ in the Rain“ ging man einen anderen Weg – man recycelte viele Songs von Nacio Herb Brown, die für ältere MGM-Filmmusicals von 1929 bis 1948 geschrieben worden waren und fügte nur eine einzige Nummer neu hinzu: „Moses supposes“ – die Szene, in der Don Lockwood schön sprechen lernt, um im Tonfilm reüssieren zu können. Allerdings ist auch das „Broadway Ballet“ neu, jene fast viertelstündige Extravaganza, über die noch zu sprechen sein wird.

Die Musik ist in beiden Filmen ist sehr verschieden im Temperament, wie die Handlungen. Zwar gibt es auch in „An American in Paris“ eine sehr agile Nummer, die beinahe so bekannt geworden ist wie „Singin‘ in the Rain“ – das ist „I Got Rhythm“, einer der berümtesten Gershwin-Songs, geschrieben 1930, von Gene Kelly mit einer Schar Kinder als Nummer ausgearbeitet. Das ist die Sequenz, in der Kelly mit den Armen rotiert und ein Propellerflugzeug darstellt, sehr zum Vergnügen der Kleinen.

Dennoch gibt der bodenständige Score von Nacio Herb Brown eine andere Stimmung vorals die grundsätzlich romantische und zuweilen elegische in „An American in Paris“. Die Lieder in „Singin‘ in the Rain“ werden teilweise im Originalduktus der späten 20er und frühen 30er vorgetragen, gemäß der Handlung, die zu jener Zeit spielt, als der Film das sprechen lernte. Manche sind freilich an die 50er und ihre getragenere Art angepasst, wie „Lucky Star“, wo – passend zum Thema des Films – in einer leeren Aufnahmehalle die Romanze zwischen Don Lockwood und Kathy Selden ihren ersten Höhepunkt hat. Er hat sie in dieses Gebäude gezerrt, kann man beinahe sagen, denn er ist „ein Komödiant, der nur der Bühne sagen kann, was er fühlt“. Eine nette Idee für diese Inszenierung aus Licht und künstlichem Wind unter den Weiten eines künstlichen Himmels. Alles ist eben Film, das verschweigt dieser Film nicht.

Wie könnte er auch? Neben der Romanze gibt es nämlich eine Menge Interessantes zu sehen, das sich um Hollywood selbst dreht. Das war zu jener Zeit groß in Mode, die Filmstadt, die etwas in Zweifel über ihr Studiosystem geraten war, besonders MGM in einer sich anbahnenden Krise, reflektierte über sich selbst und in diesem Fall über den aufkommenden Tonfilm, der die Stadt Ende der 20er nachhaltig erschüttert und verändert hat. Auch andere große Filme über Hollywood sind interessanterweise genau in jener Zeit angesiedelt oder nehmen Bezug auf sie, etwas „Boulevard der Dämmerung“ / „Sunset Boulevard“ (1950) oder „Stadt der Illuisonen“ /  „The Bad and the Beautiful“ aus 1952, demselben Jahr, in dem „Singin‘ in the Rain“ entstand und vom selben Studio realisiert wurde. Auf den Sunset Boulevard wird hingegen im hier besprochenen Film an einer Stelle Bezug genommen.

Das Thema lag in der Luft. Wie würde man mit den Herausforderungen einer neuen Zeit, einer neuen Technik fertig, das war die große Frage in 1927, in dem „Singin‘ in the Rain“ im Wesentlichen spielt und in dem „The Jazz Singer“ für Aufruhr und teilweise für Panik in Hollywood sorgte. Das Studio, das nach oben wollte, die Warner Bros. hatten diesen Film zusammen mit der Vitaphone Corp. realisiert und damit ein großes Wagnis gewonnen. Die konservativeren, etablierten Studios mussten nachziehen, vor allem MGM und Paramount als führende Unternehmen waren herausgefordert. Man darf getrost davon ausgehen, dass die „Monumental Studios“ im Film ein vereinfachtes und gar nicht wenig ironisiertes MGM darstellen sollten – oder doch eher den Konkurrenten Paramount, der sich durch Kostümfilme, wie sie hier gezeigt und ziemlich durch den Kakao gezogen werden, hervortat? Wie auch immer, man geht frappierend ehrlich mit der ziemlich hohlen Massenware der späten Stummfilmzeit um, die in Wirklichkeit künstlerisch ein erster Höhepunkt der Filmgeschichte war. Die sogenannten Talkies waren hingegen anfangs so durch die Technik beherrscht und behindert, wie „Singin‘ in the Rain“ es so zeigt, dass jeder Zuschauer es versteht. Das ist grandios, übermütig witzig und auf eine Weise vereinfachend, die nichts bschönigt. Erst Mitte der 30er hatte sich die Kamera wieder von den Fesseln der Tonapparaturen so weit befreit, dass ähnlich starke Bilder gefilmt werden konnten wie zur Stummfilmzeit, und natürlich musste man erst lernen, Dialog und Bildsprache im richtigen Verhältnis zueinander einszusetzen.

Die stille Ära des Films wird also in „Singin‘ in the Rain“ auf Kostümschinken reduziert und schlechter dargestellt, als sie wirklich war. Dass der Übergang zum Tonfilm große Karrieren vernichtete, wie im Film mindestens angedeutet und kometenhafte Aufstiege generierte, wie anhand von Kathy Seldon exemplarisch dargestellt, das ist natürlich die Wahrheit – und dass das Publikum bei den ersten Tonfilmen teilweise ein Amüsement empfunden haben mag, das die Produzenten gar nicht beabsichtigt haben, auch das glauben wir gerne, angesichts der technischen Unzulänglichkeit einiger früher Werke des neuen, vollständigeren Mediums.

Warum hat man in den frühen 50ern diese Krisenzeit von 1927-1929 so deutlich und vielfach zum Thema gemacht? Die Antwort ist einfach. Die Situation in der Zeit des aufkommenden Fernsehens und der aufkommenden Risse im Vertragsschauspieler-System, das Akteure wie (allerdings gut bezahlte) Sklaven an ihre Studios binden wollte ließ die Macher der Filmmetrople daran denken, wie man schon einmal eine schwierige Zeit gemeistert hatte – nämlich auf, nach vorne, mit neuer Technik. Wagen und gewinnen, auch wenn es mit Verlusten und Übergangsschwierigkeiten verbunden ist. Nicht zufällig entstand ein Jahr nach „Singin‘ in the Rain“ der erste Film in Cinemascope und Gene Kellys nächstes großes Musical „Brigadoon“ (1954) war bereits in dieser Technik gefilmt. Mit opulenteren Bildformaten wollte man vor allem der neuen  Herausforderung des Fernsehens begegnen und das hat auch im Ganzen gut funktioniert. MGM allerdings hat nie wieder den Status erreicht, den es Ende der 40er noch hatte.

Daran war nicht die Technik schuld, sondern ein tiefer Konservativismus und ein Hang zur leichten Familienunterhaltung, der dazu geführt hatte, dass andere Studios die packenderen und modereneren Filme lancierten. MGM war oft nur noch Nachahmer bei neuen Trends, nicht mehr deren Setter. Auch Breitbildformate wurden nicht zuerst von MGM, sondern von der progressiven Twentieth Century Fox herausgebracht, die auch die junge Marylin Monroe unter Vertrag hatte – und ein ungeheurer finanzieller Erfolg, von dem MGM zu der Zeit trotz der immer noch recht lukrativen Spitzenproduktionen wie „An American in Paris“ und „Singin‘ in the Rain“ nur träumen konnte (Der Sandalenfilm „The Robe“, 1953).

„An American in Paris“ spielt in der damaligen Jetztzeit nach dem zweiten Weltkrieg und hat überhaupt nichts Sarkastisches, nicht einmal etwas Ironisches, wenn man von Betrachtungen über Geld und Kunst absieht, die heute angestaubt wirken – hinzu kommt, dass mit Vincente Minelli ein Regisseur anderen Typus zugange war als der junge Stanley Donen in „Singin‘ in the Rain“. Insgesamt ist Minellis Werk reichhaltiger und er konnte auch Nicht-Musicals gut handeln. Besonders dramatische Filme wie „The Bad And The Beautiful“ waren dann sein Metier, manchmal ging es auch sehr Richtung Melodramatik wie etwa im Spätwerk „The Sandpiper“ (1965). Doch seine Musicals wie „Meet Me in St. Louis“ (1944) sind ebenso unvergessen wie die besseren seiner Dramen. Stanley Donen hat u. a. „Charade“ (1963) mit Cary Grant und Audrey Hepburn inszeniert und wir rechnen ihm eine insgesamt leichtere Handschrift zu, die für einen Film wie „Singin‘ in the Rain“ bestens geeignet war. Beide Filme hatten allerdings wieder den legendären Arthur Freed als Produzent gemeinsam, der für beinahe alle Topmusicals der MGM seit den 40ern verantwortlich war.

Auffällig ist, dass es in beiden Filmen eine Romanze zwischen Kelly und einer sehr viel jüngeren Partnerin gibt. In „An American in Paris“ wird das französische Love Interest, das Mädchen Lise, von Leslie Caron dargestellt. Das Alter von Kathy Seldon wird nicht direkt erwähnt, aber die Darstellerin Debbie Reynolds war zum Zeitpunkt des Drehs 19 Jahre alt. Trotzdem passt es hier besser – einerseits, weil sie erwachsener und in ihrer energiegeladenen Art dem leichtfüßigen und lebefreudigen Don Lockwood ähnlicher ist und viel jugendliche Power in das magische Dreieck Lockwood-Seldon-Cosmo Brown (Donald O’Connor) einbrigt. Zum anderen, weil das Kennenlernen auf typische Screwball-Comedy-Art dadurch begleitet wird, dass die beiden sich über ihre Auffassung zu Stummfilmdarstellern vollkommen uneins sind – und Kathey behält im Grunde recht, obwohl sie versucht, sich durch das Lesen von Filmmagazinen und dem Anschauen von 8 oder 9 Don Lockwood-Streifen ein genaueres Bild zu verschaffen. Da hat sie sich aber schon verliebt und ist nicht mehr objektiv gegenüber dem „Mumpitz“, den Lockwood, wie er selbst sagt, in der Stummfilmzeit fabriziert hat.

Ob hingegen die große Produktionsnummer „Broadway Ballet“, die Gene Kelly selbst geschrieben und choreografiert hat, Mumpitz ist, gehört zu den wenigen diskussionswürdigen Aspekten von „Singin‘ in the Rain“. Einerseits ist sie wunderschön gefilmt und passt ganz gut zur Handlung – Don Lockwood reflektiert auf seine eigene Karriere als junger Nerd am Broadway, der den Agenten „Got a dance“ anbietet, der sich nach mancher Wandlung und gefährlicher Versuchung am Ende selbst begegnet – schöne Allegorie auch auf das Gesamtthema des Filmes, das sich mit dem Werden und Vergehen in Hollywood befasst.

Dennoch unterbricht dieses großartig gefilmete Sequenz, in der immerhin Cyd Charisse als Vamp auftritt, die in „Brigadoon“ eine ganz romantische Rolle spielt, die Handlung für eine so lange Zeit, dass dies dramaturgisch im Grunde nicht geht. Jedenfalls widerspricht dieses aufwendige Einzelstück mitten im Film jeder Theorie darüber, wie ein gutes Movie gebaut sein muss. Da die Handlung zwar in gewisser Weise zweisträngig und reich an Elementen, aber dann doch in musicaltypischer Manier nicht übermäßig kompliziert ist, geht es noch, für eine Viertelstunde auszusetzen und sich ganz loszulösen. MGM hat derlei auch in anderen Filmen gemacht, etwa in „The Pirate“ (1948) (etwa 8 Minuten, in denen zwar, anders als in „Singin‘ in the Rain“ das Setting erhalten bleibt, aber der Pirat Macoco (Kelly) nur singend und tanzend auftritt, ohne damit die Handlung voranzubringen) und in „An American in Paris“ das etwa zwölfminütige Ballett.

Die Abstraktion ist in „Singin‘ in the Rain“ aber doch sichtbar weiter vorangeschritten als in den beiden anderen erwähnten Filmen und hat nach unserem Gefühl eine Grenze erreicht, die nicht überschritten werden sollte, ohne dass ein Rückschritt zum nicht handlungsorientierten Revuefilm stattfindet, trotz anspruchsvoller Gestaltung der quasi ausgelagerten Szene. Es war ja gerade die MGM, die mit dem wundervollen „The Wizard of Oz“ (1939) und mit „Meet Me in St. Louis“ (1944) das Genre der integrierten Musicals schuf, in denen die Songs in die Handlung integriert waren und diese beförderten.

Man hat diese Grenze dann später auch nicht mehr ausgetestet, in „Brigadoon“ oder „Always Fair Weather“ (1955) gibt es diese Showpieces nicht mehr – was nicht verhindern konnte, dass das Musical à la MGM seinen  Zenit bereits überschritten hatte und Gene Kelly mehr und mehr in Nicht-Musicals, vor allem in Dramen, auftrat und dabei beachtliches schauspielerisches Können unter Beweis stellte. Wenn man so will, eine Entwicklung des Don Lockwood aus „Singin‘ in the Rain“ rückwärts. Ähnlich verlief der Werdegang von Fred Astaire, mit etwas weniger Erfolg nach dem Ende des großen Tanzes.

Die Karrieren der frühen Hollywoodstars, insbesondere derjenigen, die schon in sehr jungen Jahren dem Showbusiness verhaftet waren, konnte Kelly eingangs des Films selbst ironisch kommentieren. Einer seiner Filme hat Premiere, wir sind noch im stummen Zeitalter. Er wird gebeten, sein Leben zu erzählen und die Worte, insbesondere „Würde – immer mit Würde“ werden von den Bildern aus seinen frühen Tagen im Showbusiness als Child Act, als dummer August, als Kleinkünstler, aber bereits im Showbusiness („Fit as a fiddle“ ist die Nummer dazu, schon mit seinem Partner Cosmo Brown), dann als Sänger und Tänzer in immer größeren Revuen mit dem  Höhepunkt bei den Ziegfeld Follies am Broadway, dargestellt. Der Kreis scheint sich zu schließen, doch er fängt in Hollywood neu an, als Stuntman – und wird als solcher vom Produzent der Monumental entdeckt. So oder ähnlich, jedenfalls ohne Würde und in kleinsten Rollen, haben viele Stars des frühen Hollywood tatsächlich angefangen. Erst in den 50ern, also der Zeit, in der „Singin‘ in the Rain“ entstand, kam es in Mode, erfolgreiche Broadwayschauspieler oder im Method Acting ausgebildete Mimen nach Hollywood zu holen und ihnen gleich große Parts anzuvertrauen, nicht selten mit dem Zusatz „instroducing …“ versehen – Start nach Maß, sozusagen.

Gene Kelly war keiner von jenen Darstellern, die sich mühsam hocharbeiten mussten. Seine kraftvolle Präsenz war den Machern bei MGM am Broadway aufgefallen und sie holten ihn 1941 nach Hollywood – einer der frühen Fälle dieser Art. Ursprünglich nur für einen Film unter Vertrag, blieb er dort und fühlte sich wohl unter den Fittichen des damals kreativsten Studios in seinem Genre, das ihm zunehmend Freiraum ließ, bis es später zu seinen eigenen Regiearbeiten kam. Man kann die Biografie von Don Lockwood also als Hommage Kellys an diejenigen Kollegen ansehen, die es schwerer hatten als er und denen oft ein Zufall, ein magischer Moment, helfen musste, um nach oben zu kommen, während die große Mehrzahl an jungen Talenten, die in jenen Jahren in die Filmstadt strömten (mit “Going Hollywood“ entstand im Jahr 1933 erstmalig eine Referenz an diese jungen Leute, mit Bing Crosby in einer Hauptrolle). Mit Fred Astaire teilt er das Los, dass er für den Hauptdarsteller-Oscar nominiert war, ihn aber nicht gewinnen konnte.

Finale

„Singin‘ in the Rain“ vermittelt ein wunderbares Gefühl und ist ein wunderbarer Film. Das Grundgefühl ist Lachen und Schmunzeln und ein unabdingbares Gefühl von Romantik und von Schwierigkeiten, die überwunden werden und zum Happy Ending führen. Er hat einen wirklich rührenden Moment. Dies ist die Schlussszene, in welcher der Vorhang fällt, der Lamont-Sheldon-Schwindel auffliegt und Don Lockwood die tränenüberströmte Katy ins Scheinwerferlicht holt und in seine Arme. Ein Film, der bis dahin vor allem Freude verbreitete, wird auf einmal wie von Zauberhand hochemotional. So, als ob die  Macher sagen wollten – dieses Movie ist nicht als Tearjerker gedacht, nein, das wollten wir nicht – aber wir können, wenn wir wollen, und das so gut, dass es keine Rolle spielt, ob der vorherige Tenor unseres Films das Publikum darauf vorbereitet hat. Nur eine so gute Crew wie diejenige, die „Singin‘ in the Rain“ vor und hinter der Kamera geformt hat, konnte das so sicher und wirkungsvoll vermitteln.

Dieses Musical hat den Test der Zeit nicht nur bestanden, sein Ruhm ist mit den Jahren gewachsen und dieses Wachstum scheint kein Ende zu finden, wenn man die nochmaligen Aufwertung in der erwähnten AFI-Liste zugrunde legt, die es zwischen 1997 und 2007 gegeben hat. Es mag eindrucksvollere Werke der Kinogeschichte gegeben haben, auch unter bisher nur 80 rezensierten Filmen innerhalb der FilmAnthologie des Wahlberliners haben wir bereits drei oder vier höher angesiedelt – aber diese stammen aus andere Genres, in denen tiefer geschürft, realistischer inszeniert und dramatischer agiert werden kann. Im Bereich Musical, in dem es vor allem um Unterhaltung geht, ist „Singin‘ in the Rain“ mit seinem intelligenten Plot, seinen unfassbar guten Musiknummern, seinem reizenden Cast und dem wundervollen Technicolor das Highlight, das es zu toppen gilt. Hinzu kommt, dass die heute gezeigten Varianten auch einen recht guten Ton haben (in Mono allerdings und interessanterweise sind die Musiknummern qualitativ besser als die synchronisierten Passagen; Untertitel für die Lieder gibt es nicht mehr – Lieder auf Englisch verstehen, das muss man also können, um den Film voll zu genießen).

Während wir einige Musikfilme, die zu den Ikonen des jugendlichen Filmerwachens rechnen, heute distanzierter sehen, sowohl inhaltlich als auch wegen ihrer Hintergründe, gilt das nicht für „Du sollst mein Glücksstern“ sein, den man außerdem zu den großen Filmen rechnen sollte, die in den 1950ern über die „Stadt der Illusionen“ gemacht wurden – so der Titel eines Dramas, das ebenfalls von MGM im  Jahr 1952 herausgebracht wurde. Sollten wir einmal ein Musical höher bewerten als „Singin‘ in the Rain“, dann wird es eine vergleichende Kritik geben müssen, in der dies genau begründet wird. Wir werten „Singin‘ in the Rain“ mit

89/100

dWB/AP/12-11-10

(1) Jean Hagen für ihre Nebenrolle als Lina Lamont und für die beste Musik.

(2) Liste der besten amerikanischen Filme nach American Film Institute, zitiert nach WIKIPEDIA.

  • 1998: Platz 10 der 100 besten Filme aller Zeiten (2007: Platz 5)
  • Platz 16 der 100 besten Filmkomödien aller Zeiten
  • Platz 16 der 100 besten Liebesfilme aller Zeiten
  • Der Song Singin’ in the Rain, der ursprünglich für die „Hollywood Revue of 1929“ entstand und zwischenzeitlich auch von Judy Garland interpretiert wurde, erreichte Platz 3 der 100 besten Filmsongs aller Zeiten, Platz 49 ging an Make’em Laugh
  • Platz 1 der 25 bedeutendsten Musicalfilme aller Zeiten

Der Film wurde 1989 mit der „ersten Welle“ ins National Film Registry aufgenommen.

(3) Handlung, Besetzung und Stab aus der deutschen WIKIPEDIA, a. a. O.

Regie Stanley Donen,
Gene Kelly
Drehbuch Betty Comden,
Adolph Green
Produktion Arthur Freed
Musik Nacio Herb Brown,
Al Goodhart
Kamera Harold Rosson
Schnitt Adrienne Fazan
Besetzung

 

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