Der Mord danach – Tatort 170 #Crimetime 910 #Tatort #Mainz #Wiegand #SWF #Mord #danach

Crimetime 910 - Titelfoto SWF

Wie es in den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunkanstalten zugeht

Leider ist uns nicht bekannt, welches Schema bei den Wiederholungen von Tatorten angewendet wird – insbesondere für die Wiederaufführungen von sehr alten Folgen wie der Nummer 170 aus dem Jahr 1984. Beinahe 10 Jahre lang wurde dieser Film nicht mehr aus dem Archiv geholt, nachdem er 2002 und 2003 mehrmals gezeigt wurde. In der Wiederholungsvorschau der ARD haben wir keine Angabe zu einem möglichen besonderen Anlass gefunden.

Es versteht sich von selbst, dass über wir die Episoden aus der Vorwendezeit auf jeden Fall schreiben, wenn irgend möglich, denn – siehe oben – es kann beinahe ewig dauern, bis sie das nächste Mal hervorgekramt werden oder es passiert gar nicht. Jetzt ist es aber passiert, und was wir dabei entdeckth haben, steht in der -> Rezension.

Handlung

Im Hörfunkstudio moderiert Ariane Plessing ihre populäre Musiksendung. Sie ist nervös, verabschiedet sich schnell und geht durch die nächtlichen Gänge. Ein Mann tritt auf sie zu. Am nächsten Abend kehrt die Frau des Redakteurs Dr. Reismüller von einer Reise zurück. In ihrer Wohnung liegt Dr. Reismüller erschossen unter seinem Schreibtisch. Die Tatwaffe liegt neben der Leiche. Zeugen haben am Vorabend Schüsse gehört. Die Kommissarin beginnt mit den Ermittlungen.

Dr. Reismüller, ein erfolgreicher und eigenwilliger Mann in der Funkhierarchie, hatte nicht nur Freunde. Verdacht fällt auf Ariane. Dr. Reismüller war mit ihr liiert und hatte sie fallengelassen. Doch Ariane hat ein Alibi: Sie war mit ihrem geschiedenen Mann, Jörg Plessing, zusammen. Kein Alibi dagegen kann der junge Ausländer Nick besorgen, dessen Liaison mit Frau Reismüller rasch aufgedeckt wird. Beide, Ariane und Nick, hatten einen Schlüssel zu der Wohnung. Der psychologische Druck auf beide wächst. Sie reagieren äußerst verschieden. Ariane gesteht, Dr. Reismüller im Affekt erschossen zu haben. Jörg habe – ihr zuliebe – die Spuren beseitigt. Der Mord scheint geklärt zu sein. Doch die Kommissarin traut dieser Frau keine Kaltblütigkeit zu. Der berühmte Zufall bestätigt ihren Instinkt.

Rezension

Vielleicht hat man sich gedacht, es könnte für die Tatortgemeinde interessant sein zu sehen, wie es in einem Funkhaus am Beginn einer neuen Zeitrechnung aussah. Dieses Mal geht es nicht um die Wiedervereinigung, sondern um eine Spaltung – den Start des Privatfernsehens fünf Jahre zuvor. Dieses spielt im Film keinerlei Rolle, es geht noch nicht um Konkurrenz, sondern lediglich um interne Machtstrukturen bei ARD-Sendern.

Durchaus nicht mutlos, wie man damals gezeigt hat, dass ein machtvoller Chefredakteur Karrieren steuert und Honig aus diesem Einfluss saugt, indem er auch privat mit viel jüngeren Frauen etwas anfängt, die er fördern und fallen lässt, wie es ihm beliebt. Klingt ein wenig nach dem einen oder anderen Schurkenstück beim Wechsel von Tatort-Teams, wie zuletzt der benachbarte SR eines aufgeführt hat. Spaß, versteht sich. Immerhin könnte der Zuschauer auf die Idee kommen, so sei es beim damaligen SWF Baden-Badenwirklich zugegangen.

Den Tatort 170 hat der legendäre Peter Schulze-Rohr produziert, der beim allerersten Tatort „Taxi nach Leipzig“ für die Regie verantwortlich war und erheblich am Erfolg der Reihe in den ersten Jahren, besonders bei den NDR-Filmen, beteiligt war.

Wir haben Robert Atzorn nicht erkannt, in der Rolle von Jörg Plessing, den Mann von Ariane, der Rundfunk- und Fernsehmoderatorin. Bekanntlich hat Atzorn beinahe 20 Jahre nach seiner Rolle in „Der Mord danach“ den Kommissar Jan Castroff in Hamburg eingeführ, in der Nachfolge des legendären Duos Manfred Krug / Charles Brauer (Kommissare Stoever und Brockmöller) übernommen. 2008 wurde er seinerseits von Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) abgelöst.

Allerdings sind wir auch keine Vorabendseriengucker und hatten daher nicht den Zugang zu Atzorn durch Rollen in Serien wie „Unser Lehrer Dr. Specht“ und manche Menschen verändern sich stärker als andere.

In der vergleichsweise geringen Spielzeit, welcher die Figur Jörg Plessing im Tatort 170 zugestanden bekommt, hat ihr Darsteller in seiner Rolle viel Präsenz gezeigt, sein Spiel wirkt modern und variantenreich – so dass es, von heute aus betrachtet, folgerichtig war, dass er ein gefragter Schauspieler wurde. Auch Rosel Zech, welche die Frau des Redakteurs Dr. Reismüller spielt, Antiquitätenhändlerin mit dubiosen Objektbeschaffungsmethoden und ebenso wie ihr Mann in außereheliche Verhältnisse verstrickt, ist eine renommierte Schauspielerin, die ihre kühlblonde Rolle gut ausfüllt.

Die übrigen Darstellerleistungen sind okay, mehr nicht – was natürlich an der Inszenierung liegt. Die ist so staubtrocken, noch mehr, als es damals üblich war. Inszenierungstechnisch ist der Film noch sehr dicht an den 70ern mit ihren strikten Plots und der stark zurückgenommenen Emotionalität.

Eine andere Variante als den Whodunnit wird es damals selten gegeben haben und so sehen wir zu, wie Kommissarin Wiegand (Karin Anselm) im fünften ihrer acht Tatortfälle versucht, den Mörder von Dr. Reismüller anhand verschiedener Personen, die ein Motiv haben könnten, ausfindig zu machen.

Am Ende schafft sie das auch, beinahe ganz ohne Kriminaltechnik (die DNA-Analyse gab es damals allerdings noch nicht, erst 1988 wurde in Deutschland der erste Mörder damit überführt). Allerdings kommt ihr ungewollt zu Hilfe, dass das Ehepaar Plessing sich in Widersprüche verstrickt. Eine Falle ist das nicht, so was machen einige fiese Kerle von gewissen anderen Morddezernaten, aber nicht die freundliche und zurückhaltende Kommissarin Wiegand, die in „Der Mord danach“ in Karlsruhe ermittelt.

Diese entspricht in ihrem Auftreten noch wunderbar einem traditionellen Typ Frau und es war 1984 noch nicht so abwegig, dass Jörg Plessing seine Vewirrung und gewisse Ungereimtheiten in seinen Aussagen auf das Geschlecht der Ermittlerin schiebt.

„Aber warum sollte eine Frau nicht einen Mord ermitteln – Frauen begehen ja auch Morde – manchmal“, sagt er linkisch-frech zu ihr.

Das waren Zeiten. Ein wenig hatten diese sich bis 1988 geändert, als Wiegand ihren letzten Fall bearbeitete. Als im Jahr des Mauerfalls „Die Neue“ kam, Lena Odenthal, war ein anderer Wind zu spüren. An der Figur konnten sich eher chauvinistische Tatortzuschauer tatsächlich reiben und man ging anders an die Sache heran, wie die wesentlich höhere Folgenfrequenz der immer noch tätigen Ludwigshafen-Ermittlerin zeigt (Wiegand hatte nur einmal pro Jahr ermittelt, Odenthal kommt auf zwei bis drei Folgen jährlich und liegt damit im Spitzenfeld der  Tatort-Ermittler*innen).

Indes gebührt der Kollegin Wiegand das Verdienst, sich als erste Tatortkommissarin etabliert zu haben. Zwar sind es noch heute die männlichen Ermittler, die von den Zuschauern besonders geschätzt werden, zumindest, wenn man den Ranglisten zu den Folgen und zu den Personen glaubt, die auf der Plattform „Tatort-Fundus“ immer auf dem aktuellen Stand gehalten werden, doch das liegt mitunter an den etwas einseitigen und übersteigerten Frauenfiguren. Es ist noch Raum für Entwicklungsschritte, anders als bei den Männern, wo man nach den Neuanfängen der letzten zwei, drei Jahre aufpassen muss, es nicht zu sehr mit den schräg-gebrochenen, tausendschichtigen Typen zu übertreiben. Anlässlich der Wiederveröffentlichung der Rezension im 2021 ist hinzuzufügen, dass sich inzwischen wieder viel getan hat und kein neues Ermittler*innenteam kommt mittlerweile ausschließlich männlich daher. Das breite Spektrum an Frauencharakteren, die mittlerweile in Tatorten ermitteln, lässt die obige Betrachtung mittlerweile ein wenig veraltet erscheinen. Aber weiter mit Frau Wiegand:

Unprätentiös anstatt bieder kann man es aber auch nennen, wenn man die angenehme Seite der Art von Frau Wiegand umschreiben will, sie ist auch ein girl next door.  Weder in den Ermittlungsmethoden noch in der Art, wie sie als Charakter wirkt, findet sich Spektakuläres. Ihr Privatleben wird in „Der Mord danach“ immerhin insofern gezeigt, als einige Szenen in ihrer Wohnung spielen und man sieht, dass sie offenbar einen verheirateten Liebhaber hat. Es gibt also auch einen Morgen danach. Für damalige Verhältnisse war das wohl schon eine Menge und natürlich passt es zu den anderen Charakteren, die den Eindruck vermitteln, das Außereheliche sei das Normale, die echte Monogamie hingegen die Ausnahme.

Im   Tatort 170 hat die Frau Dr. Reismüller nur einen jungen Lover, während ihr Mann wohl gerade einen Wechsel von der auch recht jungen Ariane Plessing zur absoluten Jungmoderatorin Kate Bollmann vollzogen hat.

Ein Krimi ums Geld wäre auch denkbar gewesen, da wurde von dunklen Machenschaften im Antiquitätenhandel gemunkelt. Aber auch das gab es in den frühen Tatortjahren eher selten – dass Wirtschaftskrimis gezeigt wurden. Nachteil: Die Motive sind immer ganz klassisch und spielen sich auf Beziehungsebene ab, das würde man heute als ideenarm apostrophieren. Vorteil: Die Tatorte wirken viel realistischer und nicht schon bezüglich der Motivlagen so teilweise hanebüchen konstruiert wie die heutigen.

Es ist aber so, dass die meisten Morde innerhalb der Familie begangen werden und dass die Motive ganz banal sind. Irgendwann geht natürlich mal der Variantenreichtum aus, mit dem man diese realitätsnahen Handlungen neu und anders bringen kann, ein Grund, warum man zur verzwickten Verschachtelung greift, zu furiosem Spektakel, das von solider Polizeiarbeit in etwa so weit entfernt ist wie der Einsatz der GSG 9 von der Verhinderung eines Taschendiebstahls in der Fußgängerzone. Neuerdings kommen immer mehr Thriller-Varianten hinzu und spielen die inneren Vorgänge auch bei den Ermittlern eine erhebliche Rolle – weit vorgewagt hat man sich da zuletzt in München mit „Der tiefe Schlaf“ oder in Berlin mit „Machtlos“.

Finale

„Der Mord danach“ ist ein recht solider, wenn auch intensiv mit dem Kollegen Zufall als Ermittlungshelfer arbeitender Tatort, den man anschauen kann, ohne Gänsehaut zu kriegen, sich über die sozialen Zustände oder einen der Charaktere besonders zu ärgern. Es ist eben so, das wusste man schon 1984, dass Ehen und überhaupt zwischenmenschliche Verhältnisse entweder brüchig sind oder zweckgerecht zusammengehalten werden, ohne dass sie noch lebendig oder gar für beide Seiten erfüllend wären. Heute geht man etwas schneller auseinander, aber der innere Tatbestand, dass Beziehungen nach einer Zeit leerlaufen, der ist nach wie vor häufig anzutreffen.

Man kann das nur auf zwei Arten lösen. Man sucht sich einen neuen Partner – oder man gibt sich wirklich Mühe. Letzteres ist heute, wo die meisten viel mehr als 1984 mit der Sicherung ihrer Existenz beschäftigt sind und den Kopf nicht so richtig frei haben fürs Sich-Einlassen, noch schwieriger geworden, andererseits hat ja auch heute jeder einen Coach oder Guru, der ihm sagt, wo das Glück zu suchen und wie es zu erlangen ist, oder?

Die Wiegand-Fälle betreffend, haben wir außer über „Der Mord danach“ bisher „Peggy hat Angst“ für den Wahlberliner rezensiert.

6/10

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kriminalhauptkommissarin Wiegand – Karin Anselm
Assistent, Herr Rolfs – Laszlo Kish
Ariane Plessing – Ilona Grübel
Jörg Plessing – Robert Atzorn
Frau Jutta Reismüller – Rosel Zech
Nick Panders – Jacques Breuer
Frau Keller – Gabriela Dossi
Kate Bollmann – Beate Jensen
Talkshowgast – Gabriel Laub
Talkshowgast – Natias Naubert

Buch – Sylvia Hoffmann
Regie – Iwan Schumacher

 

 

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