Gardenia – eine Frau will vergessen (The Blue Gardenia, USA 1953) #Filmfest 356

Filmfest 356 A

Fritz Lang im Normalkino-Modus

Den herausragenden „The Big Heat“ aus demselben Produktionsjahr haben wir zu einem „Ehrenfilm“ gemacht und eine aktuelle Rezension zu ihm geschrieben, die wir als „Filmfest 250 A“ vorgestellt haben – obwohl das Jahr 1953 damals noch nicht „dran“ war.

Neben diesem Klassiker des Film noir, der als einer der besten seiner amerikanischen Filme gilt, hat Fritz Lang 1953 ein weniger bekanntes Kriminaldrama namens „The Blue Gardenia“ inszeniert. Er behandelt das Schicksal einer Frau, die von ihrem fern in Korea kämpfenden Mann einen Abschiedsbrief erhält, sich in einen Flirt stürzt, bei dem der Mann zudringlich wird – und dann setzt die Erinnerung aus, sicher ist nur, dass er tot ist und es sieht sehr danach aus, dass Nora, die Heldin, nicht mehr aus der Sache rauskommt. Da verspricht ein Journalist, ihr zu helfen und wendet sich in einem Leitartikel an sie, damit sie sich ihm anvertraut.

Mit einem der größten deutschsprachigen Regisseure sind wir rezensionsseitig noch am Beginn, wenn man bedenkt, dass die FilmAnthologie einen deutlichen Akzent auf die Klassiker und auf historische Filme im Allgemeinen legt.  Bisher gibt es nur über „Fury“ (1936, Langs erster US-Film), der allerdings großartig ist und „Rancho Notorious“ (1952), einen ziemlich besonderen Western mit Marlene Dietrich. Mehr zur blauen Gardenie steht in der -> Rezension.

Handlung

Die Telefonistin Norah Larkin erhält an ihrem Geburtstag einen Brief ihres Verlobten aus Korea, in dem dieser die Beziehung für beendet erklärt. Um ihren Kummer zu vergessen, nimmt sie eine telefonische Einladung des als Schürzenjäger berüchtigten Malers Harry Prebble an, die eigentlich ihrer lebensfrohen Mitbewohnerin und Kollegin Crystal galt. Nach einem gemeinsamen Abendessen im Blue Gardenia Restaurant bringt Prebble die stark betrunkene Norah zu sich nach Hause. Als er dort zudringlich wird, schlägt Norah mit einem Kaminhaken nach ihm und fällt in Ohnmacht. Nachdem sie wieder zu sich gekommen ist, verlässt sie ohne sich umzusehen fluchtartig die Wohnung. Am nächsten Morgen kann sich die verkaterte Norah nicht mehr an die Geschehnisse der vorigen Nacht erinnern, bis sie in der Zeitung liest, dass Harry Prebble erschlagen in seiner Wohnung aufgefunden wurde. Durch den Schock kommt ihr Erinnerungsvermögen zurück und Norah glaubt Prebble ermordet zu haben.

Der Reporter Casey Mayo veröffentlicht in seiner Zeitung einen offenen Brief an die unbekannte Mörderin mit dem Angebot, dieser zu helfen, wenn sie ihm exklusiv ihre Geschichte überlässt. Norah trifft sich mit Mayo und erzählt ihm ihre Erlebnisse, behauptet dabei aber, sie wäre nur die Freundin der Täterin, und verschwindet wieder. Nachdem sie in ihrer Verzweiflung Crystal die Wahrheit beichtet, vermittelt diese ein zweites Treffen mit Mayo. Als Norah dabei gesteht, dass sie selbst die Schuldige ist, erscheint die vom Wirt des Restaurants verständigte Polizei und verhaftet sie.

2020-08-14 Filmfest ARezension

Der Film noir, dem Genre, dem „Gardenie“ im weiteren Sinn angehört, war für Lang wie geschaffen. Seine visuelle Ausdruckskraft, die Fähigkeit, pointierte Charaktere und deren Abgründe spannend darzubieten, das alles kam ihm zupass, als er Klassiker der Reihe schuf wie „Woman In the Window“, „The Big Heat“, „Scarlett Street“.

In „Gardenia“ ist von Langs Bildermacht vergleichsweise wenig zu sehen, auch wenn die Formensprache jederzeit den Anforderungen der frühen 1950er genügt. Man kann dem entgegenhalten, dass auch die oben erwähnten Filme aus den 1940ern nicht mehr kernexpressionistisch waren, trotzdem wirkten sie visuell und atmosphärisch stärker. Schauspielerisch ist „Blue Gardenia“ zudem eher von mittlerer Güte.

Am wenigsten überzeugend aber ist das Skript. Wenn u. a. im Rahmen der „TatortAnthologie“ kritisieren, dass es nicht angeht, den Vertrag mit dem Zuschauer zu verletzen und ganz am Ende eine Auflösung zu präsentieren, die nicht einmal durch die kleinste Andeutung vorbereitet wurde, darf man auch Fritz Lang, der so großartige Krimis wie „M“ und „Spione“ gemacht hat, nicht bezüglich eines so schwachen Drehbuches aus der Verantwortung entlassen. Zwar waren die meisten guten Lang-Krimis keine Whodunits wie „Blue Gardenia“, sondern Thriller, aber es ist etwas zu entschuldigend, nun anzunehmen, dass Lang kein Gefühl dafür gehabt hätte, ob ein solcher Plot gut funktioniert.

Die Figur, die erst ganz zum Schluss eingeführt wird, ist die zweite Frau, die an jenem Abend beim nunmehr toten Womanizer Harry Prebbles in der Wohnung war. Auch der Twist zuvor im Restaurant ist nur möglich, weil der Journalist Casey Majo und auch Norah als vermeintliche Mörderin sich in einem Restaurant treffen, in dem ein Barkeeper arbeitet, der schon aussieht wie ein Denunziant. Okay, Mayo kennt den Typ, aber die beiden sind keine Freunde. Warum nicht wieder ein Treffen in der nächtlichen Redaktion oder an einem verschwiegenen Ort? Weil man dort nicht das Lied von der Blauen Gardenie hätte wiederholen können oder weil das Script feststeckte?

Die zentrale Besonderheit des Films, der Aufruf über die Presse, ist ebenfalls nicht realistisch – welcher Mörder, auch wenn er von der Polizei gejagt wird, geht zur Presse, nur weil diese verspricht, ihm zu helfen? Da ist das ebenfalls fragwürdige Motiv, dass ein Serienmörder sich aus narzisstischen Gründen outet, wenn er falsch dargestellt oder eines gar nicht begangenen, also Nachahmungsverbrechens, bezichtigt wird, noch um einiges stimmiger. Hier allerdings kann man etwas einwenden.

Wir wären auf diese Sichtweise nicht gekommen, aber gemäß einer Kritik ist der Film „ein Psychogramm, das in einer Mischung aus Kriminalmelodram und Film Noir (…) die Abhängigkeit von Frauen in patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen schildert“ (Lexikon des Internationalen Films, zitiert nach der Wikipedia). Es ist richtig, dass Fritz Lnags Filme immer wieder auch Sozialkritik beinhalten, besonders deutlich wurde das in „Fury“. Es ist richtig, dass in „Gardenia“ die Männer im Prinzip über das Schicksal der Frau bestimmen und die Hauptfigur ist nur eine Telefonistin.

Aber sie lebt unabhängig bzw. mit zwei Kolleginnen zusammen, sie hat es selbst in der Hand, zu entscheiden, ob sie zum Beispiel mit Harry mitgeht. Sie ist zwar angetrunken, aber auch Männer neigen angetrunken dazu, optimistischer an andere Menschen heranzugehen und ein allgemein höheres Risiko in Kauf zu nehmen. Dass sie vergleichsweise hilflos wirkt, ist situationsbedingt. Die Polizei und der Journalist und der Mann, der gerne Sex mit ihr hätte, sind grundsätzlich so lange nicht in einer überlegenen Position, wie die Frau es nicht zulässt. Sie ist kein Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern ihrer Trauer über den ausgebüchsten Mann, da sucht sie Anschluss und findet ihn bei der falschen Person.

Fritz Lang hatte vermutlich gerade bei diesem Film, von dessen eher geringen Stellung innerhalb seines Werkes er schon beim Dreh gewusst gewusst haben dürfte und der im Vergleich zu seinen sonstigen Filmen wie eine Routine-Auftragsarbeit wirkt, nicht die Absicht, so hintergründig zu sein. Nicht die Intention, so viel Subtext unterzubringen, der kein einziges Mal verbal angedeutet wird und damit den Konventionen des Unterhaltungsfilms damaliger Prägung zuwiderläuft. Auch Lang wird nach mehr als 15 Jahren in den Staaten gemerkt haben, dass amerikanische Kinobesucher mit so verdeckter Kritik in einem Film, der nicht auf Arthouse-Publikum gezielt war, nicht zu erreichen waren.

Allerdings zieht sich wie eine rote Linie durch den Film, dass Norah kein unabhängiger Typ in dem Sinn ist, wie er in den 1940er Film noirs häufig anzutreffen war, sondern in gewisser Weise ein Produkt der gesellschaftlichen Rolle rückwärts, die in den 1950ern erst einmal das Klima in den USA bestimmte. Wir halten fest: Der Mann in Korea sieht auf dem Bild aus wie ein Bübchen, dessen Mutter Norah beinahe sein könnte, Harry Prebbles ist alles andere als ein Ausbund an Charme und Attraktivität, der Journalist Casey Mayo hingegen hat erst einmal nur die Sensation im Kopf, bis er auf Norah trifft und sich in sie verliebt. Der Polizist macht seinen Job, nachdem der hagere Bartender ihn informiert hat.

Entweder ist der Film wirklich, wie die zitierte Kritik schreibt, ein Psychogramm, oder er ist eine soziale Anklage. Wenn wir uns zwischen diesen Möglichkeiten zu entscheiden hätten, dann würden wir erstere wählen. Natürlich kann  man hinter dem Psychogramm eine soziale Prägung sehen, aber hier geht es augenscheinlich mehr um ein Individuum, das in ganz individuelle Schwierigkeiten gerät. Leider hat die Charakterisierung aller Figuren nicht sehr viel Saft. Auch Norah wirkt sehr durchschnittlich, hat keine ausgeprägten Eigenschaften, wird auch nicht als Kind repressiver und patriarchalischer Verhältnisse besonders gekennzeichnet.

Warum sie nicht ihre Trauer über den abgewanderten Soldat erst einmal in sich verschlossen und ihr dadurch Raum gegeben hat, erfahren wir nicht. Warum sie nicht ihre Freundinnen involviert hat, die ihr jederzeit mit Rat und Tat zur Seite gestanden hätten, sagt uns niemand. Sie ist deutlich zurückhaltender und vielleicht auch romantischer als die forsche Kollegin Crystal (Ann Sothern) und die mit ihrer Welt der Kriminalromane glückliche, naive Rose Miller (Ruth Storey).

Auch die Ansicht, dass Lang L. A. so schön verfremdet habe, finden wir ein wenig überzogen. Wir fragten uns, warum eine Autobahnkreuzung (zwei Autobahnen kreuzen einander auf zwei Ebenen) dem Vorspann unterlegt ist und in der Tat etwas klaustrophobisch wirkt? Der einzige Grund, den wir sehen, ist, dass es hier um die zufällige Kreuzung von Lebenswegen geht, und dass es zum Crash kommt – der aber bei übereinander geführten Autobahnen in der Form nicht möglich ist. Es gibt keinen  Frontalzusammenstoß. Als weiterer Grund für die Wahl dieses optischen Motivs könnte man die Darstellung von bedrohlicher, dichter Anonymität ansehen, die Möglichkeit, dass etwas außer Kontrolle gerät und man in diesem Moloch einer Großstadt dem ausgeliefert ist.

Das Motiv wiederholt sich im Film aber nicht, auch wenn man eine Autofahrt des Journalisten kurz mitverfolgen kann (nicht dokumentarisch, sondern klassisch als Rückprojektion gefilmt). Vieles wirkt ein wenig bruchstückhaft und nicht zu Ende gedacht, das gilt leider auch für Norahs Psychogramm. Zehn Minuten mehr Spielzeit und noch mehr Konzentration auf ihre Perspektive hätten dem Film gutgetan.

Finale

Das Beste haben wir uns aufgehoben. Das ist Nat King Cole, der in dem Club, in dem Anne mit Harry ist und viele Cocktails trinkt, bevor es zu der fatalen Einladung in Harrys  Atelierwohnung kommt, das Lied „Blue Gardenia“ am Piano spielt und natürlich auch singt. Nat King Cole war, nachdem er sich entschlossen hatte, keinen Jazz mehr zu spielen, sondern Pop zu singen (verkürzt und pointiert wiedergegeben), zu einem der größten Entertainer der USA aufgestiegen und hatte in jener Zeit Hits wie „Mona Lisa“ oder „Too Young“, die zu Klassikern geworden sind. „Blue Gardenia“, ist, wie der ganze Film, nicht so einprägsam, aber immer noch schön anzuhören. Unser Favorit unter Coles Filmliedern ist das ebenso dezente wie unter die Haut gehende „My Flaming Heart“ aus „Small Town Girl“, der im selben Jahr entstand wie „Gardenia“ (für diesen Song erhielt Cole eine Oscar-Nominierung).

Der Song bringt einen halben Punkt extra, trotzdem verbleiben wir bei überraschend niedrigen

66/100.

© 2021, 2016, 2014 Der Wahberliner, Thomas Hocke

Anne Baxter: Norah Larkin
Richard Conte: Casey Mayo
Ann Sothern: Crystal Carpenter
Raymond Burr: Harry Prebble
Jeff Donnell: Sally Ellis
Richard Erdman: Al
George Reeves: Sam Haynes
Ruth Storey: Rose Miller
Ray Walker: Homer
Nat King Cole: Nat King Cole

Drehbuch Charles Hoffman
Vera Caspary (Story)
Produktion Alex Gottlieb
Musik Raoul Kraushaar
Kamera Nicholas Musuraca
Schnitt Edward Mann

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