Fremde im Spiegel – Polizeiruf 110 Episode 315 #Crimetime 921 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Brandenburg #Potsdam #Herz #Krause #Vera #Haduk #RBB #Fremde #Spiegel

Crimetime 921 - Titelfoto © RBB

Noch einmal mit Herz

Der 315. Polizeiruf ist ein wichtiger für alle, die das Schicksal der Brandenburg-Schiene verfolgen. Horst Krauses Hund Vera geht in Pension und Johanna Herz (Imogen Kogge) quittiert ebenfalls den Dienst. Krauses neuer Polizeihund „Haduk“ stammt von einer Polizeischülerin, die in diesem Film die Hauptfigur ist. Wie es weitergehen wird, wissen wir: Olga Lenski (Maria Simon) wird die neue und letzte Chefin des bekanntesten Polizeimeisters der Republik sein. Die Veröffentlichung der Rezension findet statt anlässlich von deren eigenem Abschied mit „Monstermutter“ am 31.01.2021. Und wie war’s vor zehn Jahren? Mehr darüber steht in der -> Rezension.

Handlung

Kriminalhauptkommissarin Johanna Herz erhält einen anonymen Anruf über einen Mord an einer Polizeischülerin. Herz und Krause suchen die Polizeischule auf und dort ist Christine Teichow nicht zum Dienst erschienen. Ihre Mitschülerin Nicole Brennicke gibt an, dass ihre Kollegin kaum Freunde hatte und seit dem tödlichen Unfall eines Mitschülers nicht mehr sehr zugänglich gewesen wäre.

Nachdem die Ermittler herausfinden, dass die Gesuchte letzte Nacht ein Hotelzimmer gebucht hatte, finden sich dort Blutspuren und auch eine mögliche Tatwaffe, allerdings keine Leiche. Kommissarin Herz sucht daraufhin am Kanal, da der anonyme Anrufer davon sprach, dass die Leiche dort hineingeworfen wurde. Außer einer Jacke mit Christine Teichows Autoschlüsseln, findet sich jedoch nichts.

Kommissarin Herz ist sich sicher, dass der Schulleiter Martin Becker mit Christine Teichow ein Verhältnis hatte. Die Analyse ihrer E-Mails lassen diesen Schluss zu. Herz spricht ihn darauf an und er gibt dieses Verhältnis zu. Obwohl er das Ganze beendet hatte, hätte sie ihn weiterhin belästigt und unter Druck gesetzt, am Ende sogar mit einer angeblichen Schwangerschaft. Sie hätte ihn in das Hotel bestellt und gedroht sich etwas anzutun, wenn er nicht bei ihr bleiben würde. Er hätte dies nicht ernst genommen, woraufhin sie mit einer Flasche ins Bad gegangen wäre und sich damit verletzt hätte. Daraufhin wollte er mit ihr im Auto ins Krankenhaus fahren, doch an der ersten Ampel wäre sie aus dem Wagen gesprungen und verschwunden.

Die Kommissarin hält es für möglich, dass Christine Teichow ihre eigene Ermordung inszeniert hat, um sich an Becker zu rächen. Alle Indizien sprechen zu eindeutig für ihn als Täter. Sie bittet Becker Christine eine E-Mail zukommen zu lassen und sich mit ihr zu verabreden. Kurz darauf erscheint Christine Teichow wohlbehalten bei Beckers Frau und erklärt ihr, dass sie ein Kind erwarte und Becker sie heiraten würde. Ebenso kontaktiert sie Nicole Brennicke, um ihr zu sagen, dass alles gut wäre und Becker sie jetzt heiraten würde. Nicole berichtet ihrem Mitschüler Mike Kern davon, der darauf sehr wütend reagiert und meint, sie würde dann alle verraten und seine polizeiliche Karriere damit beendet sein.

Während Kommissarin Herz und Martin Becker am vereinbarten Treffpunkt auf Christine warten, ereilt sie die Nachricht von einem Brand im Elternhaus von Christine. Die Feuerwehr findet eine verkohlte weibliche Leiche und es ist davon auszugehen, dass es sich dabei um Christine handelt. Aufgrund von Mike Kerns Reaktion befürchtet Nicole, dass er Christine jetzt umgebracht haben könnte. Nachdem jedoch die Autopsie der Brandleiche eindeutig bestätigt, dass Christine nicht die Tote sein kann, hegen Herz und Krause einen bösen Verdacht. Sie fahren zu Beckers Wohnung und sehen durchs Fenster, wie Christine in den Kleidern von Marion Becker ihren Schulleiter mit einer Waffe bedroht. Die hinzugezogene Polizeipsychologin meint, es ist davon auszugehen, dass Christine eine Borderlinerin ist und sich derzeit in ihre eigene Welt zurückgezogen hat, aus der sie nur schwer wieder herauszuholen wäre. Herz versucht auf das „Spiel“ einzugehen und redet mit Christine, als wenn sie Marion Becker wäre. Allerdings steigert sie sich dabei noch weiter in diese Rolle hinein. Erst als plötzlich Krause mit ihrem Polizeihund „Haduk“ erscheint, ist die bedrohliche Situation beendet und sie löst sich aus ihrer Wahnvorstellung.

Christine wird festgenommen und in einer psychologischen Einrichtung stationär betreut. Bei einem Besuch der Kommissarin erklärt sie, dass Marion Becker sie aufgesucht und mit einer Pistole bedroht hätte. Nachdem sie sich wehrte, hätte Marion Becker plötzlich tot vor ihr gelegen. Als sie sich von der Kommissarin verabschiedet, entwendet sie deren Dienstpistole und erschießt sich.

Johanna Herz hatte schon seit längerem Zweifel an ihrem Beruf und nach diesem, für sie unverzeihlichen Fehler packt sie ihre Sachen und ist fest entschlossen zu ihrer Tochter nach Spanien gehen.

Krause bleibt zurück und behält Christines Hund als Ersatz für seine alte „Vera“, die sich ihren Ruhestand verdient hat.

Rezension

Die Kritiker, soweit sie in der Wikipedia zitiert werden, gingen sehr freundlich mit dem Film um und auch mit Johanna Herz, die vor nunmehr zehn Jahren ihren Kaktus einpackte und offenbar zur Tochter nach Spanien zog. Zuvor verschwand nicht nur diese aus dem Sichtfeld des Zuschauers, sondern auch ihr Lebenspartner (gespielt von Peter Prager). Ein Abschied auf Raten? Wir waren nicht die ganz besonderen Fans dieser Figur, weil sie nach unserer Ansicht doch etwas zu dezent gespielt wurde. Das ändert sich auch bei ihrem letzten Auftritt nicht, der von Ed Herzog inszeniert wurde.

Unsere Referenz für Ed-Herzog-Filme war vor „Fremde im Spiegel“ der herausragende Tatort „Herz aus Eis“ (Konstanz am Bodensee, Ermittler: Klara Blum, Kai Perlmann) – und wird es bleiben. Es kommt eben doch auch aufs Drehbuch an, auf die Handlung, holpert es in „Fremde im Spiegel“. Schon die Ausgangssituation ist unrealistisch: Eine so ausgeprägte „Borderlinerin“ wie Christine Teichow (Katharina Schüttler) kann nicht zwei Jahre lang bei der Polizei eine Ausbildung machen, zumal das dort gezeigte Klima Gift für jemanden mit dieser Persönlichkeitsstörung ist – in der Realität trifft das selbstverständlich auch zu. Falls zuvor noch keine Diagnose vorliegt, würde sie spätestens bei den hoffentlich ordnungsgemäß durchgeführten Screenings erstellt werden.

Die größten Probleme bilden sozusagen den Rahmen: Wie Kommissarin Herz sich die Waffe entwenden lässt, ist mindestens genauso gruselig. Dass sowas passieren muss, damit sie ihren Abschied nimmt – überflüssig und schwächt die Wirkung der Weinattacken ab, die zuvor schon darauf hindeuten, dass sie dem Job nicht mehr gewachsen ist.

Bei uns setzt dann gerne das Nachdenken darüber ein, welche Art Publikum man vor sich zu haben glaubt, das man unbedingt glaubt mit einem so kruden Schluss füttern zu müssen. Suizide und andere plötzliche Tode von Täterpersonen am Ende waren sowieso eine Zeitlang sehr in Mode, in Tatorten kam es reihenweise zu überzogenen Endings. Das Problem, wenn so etwas bei psychisch Erkrankten gezeigt wird: Endlich tot und besser so. Das ist letztlich die Botschaft, die von solchen Plotgestaltungen ausgeht und wer glaubt, dies alles trage nicht zur allgemeinen Verrohung bei, hat die Tricks nicht begriffen, mit denen unsere Wahrnehmung sich manipulieren lässt.

Dass der Film visuell schön gestaltet ist und Katharina Schüttler als Frau im Spiegel ihres anderen Selbst eine gute Leistung zeigt, steht dem nicht entgegen, Ed Herzog kann seine Darsteller*innen gut führen und hat ein Gespür für die richtige Tonlage, aber es ist schwierig, damit die Knackpunkte der Handlung zu überspielen – hier sind sie einfach zu prominent am Anfang und am Ende platziert. Es gibt weitere Unstimmigkeiten, wie die Manipulation des Autos von Herrn Kern inklusive Garagentoraufbruch, die vollkommen misslungene Einbindung des Unfalls mit den vier Polizeischüler*innen in das Geschehen, die bloß inszeniert wird, um einen Verdächtigen mehr zu inszenieren, aber psychologisch nicht im Geringsten aufgearbeitet wird. Sachlich ebenfalls nicht. Es soll tatsächlich verborgen geblieben sein, dass bei einem so schweren Unfall mehrere Personen dabei waren, z. B. in der Form, dass einer der Beteiligten verstarb, die anderen bei dem mehrfachen Überschlag des Wagens aber nicht einmal leichte Verletzungen davontrugen?

Offensichtlich ging die kreative Kraft oder Konzentration beim Verfassen des Skripts ziemlich für die Zeichnung von Christine drauf, denn die ist recht gut gelungen. Auch der Einsatz von Horst Krause überzeugt im Wesentlichen, vor allem, dass seine Fähigkeiten im Umgang mit Hunden ihn zu der Idee bringen, Christine mit dem Einsatz von Haduk zu „knacken“. Gut möglich, dass das bei einer Borderlinerin funktioniert, die dann ganz aus der Situation heraustritt und nur noch auf das Tier reagiert. Abgesehen von der engen, kasernierten Polzeischule, in der sie nicht, ohne dass etwas an ihr aufgefallen wäre, so lange hätte ausgebildet werden können, ist ihre Störung gut gezeichnet und BPS ist wohl die Art von Persönlichkeitsstörung, die für die Betroffenen selbst und auch für ihr Umfeld am gefährlichsten ist. Das Explosive und die raschen Wechsel von Stimmungen, Rollen, Verhaltensmustern machen Borderliner*innen einerseits faszinierend – aber vor allem zu Beginn, in der Phase des Kennenlernens, die Not und auch die Gefahr schieben sich mit der Zeit immer mehr in den Vordergrund.

Im Grunde ist es Unsinn, die Logik für eine Figurenzeichnung zu opfern, denn sie profitiert ja davon, dass zum Beispiel ein realistisches Eingangssetting besteht, in das sie gestellt wird. Es gibt aber einen weiteren Punkt, und der killt vermutlich aus reinem Kalkül das Meiste vom Realismus: Spannung. Je schräger der Plot konstruiert ist, desto unberechenbarer und damit spannender wird er. Meinen jedenfalls viele, die solche Plots verfassen. Meist geht das auch zulasten der Authentizität der Charaktere, aber da sind bei den Brandenburg-Polizeirufen Krause und auch Herz außen vor. Er, weil er ohnehin eine sehr sympathisch wirkende Kunstfigur ist, die man als Publikum gerne annimmt, weil man sich mit ihr identifizieren kann – und sie, weil ihre sehr zurückgenommene Art den Vorteil hat, dass sie Realismus suggeriert und einen Mangel in diesem Bereich in der Tat und bis zu einem gewissen Grad ausgleichen kann. Zusammen mit einer geschickten Inszenierung und – in diesem Fall – einer überzeugenden Hauptdarstellerin kann ein Film dadurch noch auf „durchschnittlich“ gehoben werden.

Finale

Christine ist nicht die einzige Person mit Persönlichkeitsstörung, ähnlich strukturiert scheint auch Herrn Kerns Frau zu sein und dass die eine die andere umbringt und dann in ihre Haut oder unter ihre Haare schlüpfen will, ist eine recht fiese Volte, die aber stimmiger wirkt als vieles andere. Beide Frauen teilen die große Angst, verlassen zu werden und sind panisch, während der Mann sich zwischen ihnen bewegt wie ein Erlöser, welcher er nicht ist und nicht sein kann. Die Konflikte häufen sich, schwelen, es kommt zum Ausbruch und zur Katastrophe. Die Rücksichtslosigkeit und vor allem die strategischen Skills, die es ermöglichen, so morden zu können, falsche Spuren legen zu können etc., wie es hier im Fall Marion / Christine gezeigt wird, haben BPS-Erkrankte in der Regel nicht, aber in „Fremde im Spiegel“ wird uns eben die Ausnahme von der Regel vorgeführt.

Eine Ausnahme im wirklichen Leben, aber häufig in Tatorten und Polizeirufen: Dass die Kommissar*innen auf Personen treffen, die eine persönliche Involvierung auslösen. Im Polizeiruf 315 wird nicht einmal thematisiert, dass Herz eigentlich nicht mehr hätte weiterermitteln dürfen, nachdem sich herausstellte, dass ihr Vor-langer-Zeit-Ex zum Kreis der Verdächtigen gehört. Sie lässt ihn sogar in Untersuchungshaft stecken, auf eine Weise, die für die Polizeischüler*innen sichtbar ist, und beweist damit mangelndes Gespür für die Situation und die Person.

Wir ging es mit Brandenburgs Polizeiruf weiter? Mit „Die verlorene Tochter“, dem ersten Lenski-Krause-Fall, den wir bereits rezensiert haben. Mit einer Partnerin, die mehr Kante zeigt als Kommissarin Herz, in einer anderen Lebensphase ist und nochmal ein paar gute Jahre mit dem Polizeihauptmeister der Herzen zusammen das Berliner Umland beackern kann.

6,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Ed Herzog
Drehbuch Annette Hess
Produktion Jost-Arend Bösenberg,
Frank Schmuck
Musik Ulrich Reuter
Kamera Michael Schreitel
Schnitt Alexander Beyer
Besetzung

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