Der Freibeuter (The Master of Ballantrae, GB 1953) #Filmfest 360

Filmfest 360 A

The Master of Ballantrae ist ein britischer Technicolor- Abenteuerfilm aus dem Jahr 1953 mit Errol Flynn und Roger Livesey . Es handelt sich um eine lose und stark verkürzte Adaption des gleichnamigen Romans von Robert Louis Stevenson aus dem Jahr 1889. Im Schottland des achtzehnten Jahrhunderts streiten sich zwei Söhne eines Laird um das Familiengut und eine Dame. (1)

Captain Blood“, „Robin Hood“, „Der Herr der sieben Meere“, „Der Herr der Silberminen“. Diese Filme mit Errol Flynn fallen uns sofort ein, wenn wir an die Werke mit dem australischen Schauspieler in der Hauptrolle denken, die wir bereits für den Wahlberliner rezensiert haben.

Alle diese Filme waren Stationen einer bis dahin erfolgreichen Karriere und Höhepunkte ihres Genres. Alle entstanden bei den Warner Brothers, die ersten drei unter der Regie von Michael Curtiz, der kurz nach dem Ende der  Zusammenarbeit mit Flynn mit „Casablanca“ einen der unsterblichen Klassiker des Kinos drehte. „Der Freibeuter“ hingegen war der letzte Film von Errol Flynn für dieses Studio. Ein Abschiedsfilm also – und wie wirkte er auf uns? Das steht in der -> Rezension.

Handlung

1745: Schottland erhebt sich unter Bonnie Charles Stuart gegen England und einer der vielen Aufstände gegen die englische Krone beginnt.  James Durie, der Herr von Ballantree, schließt sich den Schottland-Kämpfern an, während sein Bruder staatstragend verbleibt. Auf diese Weise versucht die Familie, ihren Besitz zu bewahren, wie immer der Krieg auch ausgehen mag. Die Geschichte ist bekannt, es siegen auch dieses Mal die englischen Rotröcke und James muss fliehen und seinen Bruder, seinen Vater und seine Braut verlassen. Er verdingt sich als Pirat, um das Vermögen zusammenzurauben, das er benötigt, um Ballantree, das quasi pleite ist, würdig übernehmen zu können. Am Ende gelingt ihm die Rückkehr – und er platzt in ein Fest, dessen  Zweck ihm zunächst nicht klar ist.

2020-08-14 Filmfest ARezension

Während des Anschauens und vor der anschließenden Recherche dachten wir, es ist doch schön, dass es auch Studios gibt, die ihre Stars halten, die so viel für den Ruhm der Firma getan haben, auch wenn es nicht mehr so gut läuft. Im selben Jahr hat MGM zum Beispiel Clark Gable in die Wüste geschickt, die einstige Nummer Eins des Studios. Doch Warner verfuhr mit dem alkoholkranken Star ebenso, wie wir jetzt wissen.

Liegt es an Flynn, dass der Film kein Renner ist?

Ja und nein. In manchen Szenen sieht man, dass er gealtert und aufgedunsen wirkt, gerade einmal 44 Jahre alt, was auch damals für Hollywoodstars normalerweise kein Problem war, um Hauptrollen in Western und Swashbucklern, den  Action-Genres jener Epoche, zu bekommen.  Aber gerade in den aktionsreichen Szenen, beinahe allesamt Degengefechte, merkt man den  Unterschied etwa zu der legendären Fechtszene in „Der Herr der sieben Meere“, in der Flynn dynamisch und beweglich ist – allerdings auch unter Einsatz eines Tricks: So häufig, wie in Hollywood galoppierende Pferde schneller gefilmt werden (auch in „Der Freibeuter“), was mitunter komisch wirkt, ist nach unserer Ansicht auch die eine oder andere legendäre Fechszene beschleunigt worden – wenn auch nicht ganz so auffällig wie manche Bewegtszenen mit Pferden. In „Der Freibeuter“ hingegen sind die Fechtszenen in Originalgeschwindigkeit gefilmt, und die Originalgeschwindigkeit von Errol Flynn war 1953 nicht mehr die gleiche wie 1940.

Insofern hat er seinen Anteil an der gewissen Schwerfälligkeit von „Der Freibeuter“, mit dem Flynn noch einmal in eine seiner typischen Rollen gesteckt worden war, die er mittlerweile verabscheute. Der innere Vorbehalt gegen diese Art von Darstellung seitens eines unglücklichen Mannes, der aufgrund seines Lebens sicher nicht nur nach eigener Ansicht besser als Charaktermime geeignet war, hat sicher Auswirkungen auf sein Spiel. Danach hat Flynn auch Typen gespielt, die oft erschreckend dicht an seinem eigenen Leben angesiedelt waren, wie etwa die Verörperung des ebenfalls alkoholkranken, berühmten Hollywoodstars John Barrymore in „Too Much, Too Soon“ (1956).

Die Regie und das Drehbuch spielen aber ebenfalls eine wichtige Rolle

Flynn wirkt trotz allen Verschleißes noch sehr präsent, das Starpotenzial merkt man ihm stets an , wenn auch mit Bedauern über die oben angerissene Entwicklung.

Die Regie von William Keighley, wenngleich begleitet von sehr guter Kameraarbeit – offenbar hatten sie damals gerade eine neue Nebelmaschine empfunden, die bei einem Schottland-Film trefflich zum Einsatz gebracht werden konnte – trägt ihren Teil dazu bei, dass „Der Freibeuter“ bei weitem nicht die Dynamik früherer Genrefilme erreicht. Keighley, der hier ebenfalls auf Abschiedstour ist, „Der Freibeuter“ war seine letzte Regiearbeit, hätte Flynn sicher auch so einsetzen können, dass die Probleme des Darstellers nicht dermaßen aufgefallen wären. Aber da der Film, offenbar anders als das zugrundeliegende Buch, den Akzent auf Flynn-typische Piraten-Action legt, ist dies beinahe unvermeidlich.

Hinzu kommt ein Drehbuch, das die Motive der Figuren schlecht hinterlegt und die Dialoge unglaubwürdig wirken lässt. Es ist andererseits schwer, die Volten der Figuren zu begründen. Konsistent wirkt im Grunde nur Jamies irischer Freund Col. Francis Burke, der im Aufstand oder Befreiungskrieg, je nach Sichtweise, von 1745 auf der Seite der Schotten gekämpft hat.  Er ist ein unverbrüchlicher Buddy, immer auf der Seite von James, egal, was der gerade anstellt.

Sicher ist dieses Werk, das auf dem Höhepunkt der „Piratenwelle“, ein Versuch, auch im Swashbuckler gebrochene Figuren darzustellen, was hier mit vielen Charakteren geschieht, aber der geht fehl, weil das Genre und die Kürze des Films es nicht erlauben, all die Wendungen, die man hier zu sehen bekommt, in eine psychologisch stimmige Konzeption zu integrieren.  James verhält sich außerdem in einigen Situationen regelrecht dumm und bringt sich und andere unnötig in Gefahr, nur wegen der Rache an seinem Bruder, den er für einen Verräter hält. Ein Mann, der als Pirat gleich zwei  Meister ihres Fachs ausschaltet, obwohl vollkommen unerfahren, sorgt dafür, dass es auf Ballantree zu einer Saalschlacht kommt, bei der auch Frauen in höchste Gefahr geraten, verletzt zu werden. Das ist nicht die hohe Schule der Abenteuerfilmkunst und nicht das, was wir aus Hollywood kennen: Oft klischeehafte, aber innerhalb der Klischees stimmige und eindeutig gezeichnete Charaktere.

Hier verhalten sich Jamie und sein Bruder wechselweise opportunistisch und heldenhaft, die Frauen sind weder treu noch ehrlich, kommen um oder ihnen wird vergeben. Da geht die Romantik leider flöten und die Distanz beim Zuschauen bleibt so groß, dass das, was ein solcher Film am besten können sollte, nämlich mitreißende Unterhaltung bieten, kaum erreicht wird. Alles wirkt irgendwie halbgar.  Vermutlich wusste auch der Regisseur, dass die großen Zeiten von Flynn und seine eigenen vorbei waren. Keighley hat zwar nie eine Auszeichnung gewonnen, aber war an „Robin Hood“ beteiligt bzw. musste die Regie an Michael Curtiz abgeben und gilt als der Regisseur, der einige der typischsten Gangsterfilme der 1930er Jahre inszeniert hat, die für die Warner Studios ein Markenzeichen waren: Schnelle, harte, realistische, nicht aufwendige oder gar pompöse Filme, wie Paramount und MGM sie aufgrund ihrer großen Finanzkraft vom Stapel lassen konnten.

1953 jedoch waren Warner schon eines der großen Studios, das außerdem viel modernere Stoffe anging als MGM. Vor diesem Hintergrund wirkt „Der Freibeuter“ besonders traditionell. Allerdings hatten alle Studios ihre retrospektiven Momente, und man hatte es wohl noch einmal versuchen wollen, mit Flynn und einer Rolle, die in seinem ersten Hollywood-Jahrzehnt für ihn maßgeschneidert gewesen wäre.

Ein weiterer Mangel des Films ist, dass er sich von seinem eigentlichen Thema abwendet. Die ausführliche Exposition, die beinahe besser ist als das übrige Werk, handelt nur von dem Kampf Englands gegen Schottland und wie es dazu kam – oder doch eher, wie es sich zutrug. Eine wirkliche Geschichtsstunde ist nämlich auch diese Einführung nicht. Dass man gegen Englands König Georg II. zu Felde zieht, resultiert gemäß „Der Freibeuter“ nur aus der Tatsache, dass dieser aus dem Haus Hannover stammende König angeblich unrechtmäßig herrscht, nicht etwa aus einer Repression gegenüber dem schottischen Volk.

Im Gegenteil – nach einem gescheiterten Kolonialunternehmen Schottlands suchte dieses, vom Staatsbankrott bedroht, die Nähe zu England und die Aufstände waren lediglich von den Jakobiten getragen, nicht etwa Volkserhebungen – so stellt es in aller Kürze die Wikipedia dar. Im Film wird zwar erwähnt, dass Ballantree vor der Pleite steht, aber nicht mit einem Wort erfährt man die möglichen echten Hintergründe, es wird nur etwas davon gemunkelt, dass der etwas leichtlebige Jamie offenbar häufig zum Shoppen nach Edinburgh gefahren ist (jedenfalls dürfte dadurch ein großes Vermögen einer der ersten Familien des Landes nicht gänzlich dahinschmelzen).

Sicher kann man in einem zudem recht kurzen Film dieser Art nicht alle Details eines politischen Geschehnisses beleuchten, das sich wirklich zugetragen hat, zumal die Figuren, die das Set beherrschen, fiktiv sind. Wir wissen auch, dass Hollywood die Geschichte durchaus subjektiv auf die Leinwand gebracht hat, und Iren und Schotten sind hier eindeutig Sympathieträger, obwohl es sich um einen britischen Film handelt, der allerdings m. E. für den größeren amerikanischen Markt konzipiert war – die irischstämmigen Amerikaner stellten die zweithäufigste Volksgruppe nach den eingewanderten Deutschen dar.  Deswegen darf der Ireland-Repräsentant Burke sich auch als einzige Figur in diesem Film logisch verhalten und komplett charakterfest sein.

Vielleicht es auch eine Rolle gespielt, dass John Ford im Vorjahr den überaus erfolgreichen „The Quiet Man“ (mit John Wayne und Maureen O’Hara in den Hauptrollen) mit dem Setting in Irland gedreht hatte,  dass man die Figur Burke einbrachte und vielleicht überhaupt den Film entwickelte.  Wir wissen es nicht.

Doch dass der Film, der ein Vorläufer von „Highlander“ oder „Braveheart“ hätte werden können, dann nach Westindien und damit in Richtung eines leider nur mittelmäßigen Piraten-Abenteuers steuert, das lässt sich einwandfrei feststellen. Wenn man sich insgesamt eher auf schwankenden Plot-Planken wähnt, fällt jedes Detail besonders auf, wie zum Beispiel die seltsamen Farben und Ränder der federbesetzten Dreispitze gegen den Hintergrund, wenn mit Rückprojektion gefilmt wird. Einen französischen Piraten gibt es, wie in „Captain Blood“, mit dem sich Durie zwischenzeitlich verbündet, doch der erreicht bei weitem nicht die Flamboyanz des Levasseur, den Basil Rathbone 1935 gibt. Außerdem ist der Verrat in dem älteren Film ganz auf Seiten des französischen Freibeuters, während achtzehn Jahre später eine zweideutige Situation vorzufinden ist, in der man nicht recht weiß, wenn man für den größeren Betrüger an Verbündeten oder Räuber innerhalb der Piratenszene halten soll.

Finale

Das manchmal in Nebel getauchte, manchmal schimmernde Technicolor kann nicht verbergen, dass der Glanz der Schwarzweißfilme aus den 1930ern, mit denen Errol Flynn groß wurde, verblasst ist.

Wenn jemand nicht auf dem Höhepunkt abtritt, erweitert sich das Bild, das man von ihm hat, um Facetten, die ihn auf dem absteigenden Ast zeigen. Und Schauspieler, gerade Stars, die vor allem aufgrund ihrer Physis ganz nach oben kamen, treten selten auf dem Höhepunkt ab, weil sie ihr Publikum brauchen.  Im Fall von Errol Flynn kam hinzu, dass ihm sein mit den Blockbustern verdientes Geld zwischen den Fingern zerronnen war und er sich in Nöten befand, die wohl größer waren als die der Duries auf Ballantree. Eine Ironie des Schicksals ist dieser Umstand dennoch.

Ironisch ist der Film an sich hingegen nicht, sondern stellenweise melodramatisch , nämlich dort, wo die Frauen auftreten und auch das Verhältnis der Brüder Jamie und  Henry ist humorfrei. Der Iren-Charakter ist als auflockerndes Element zu wenig und so fehlt dem Film letztlich auch die ironische Brechung, zu welcher das Genre in den 1950ern durchaus  schon in der Lage war („Der rote Korsar“ mit Burt Lancaster, 1952) oder, mit gekonnt dargestellter Romantik verknüpft („Des Königs Admiral“ mit Gregory Peck, 1951).

59/100

© 2021 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Directed by William Keighley
Written by Herb Meadow
Harold Medford (add. dialogue)
Based on The Master of Ballantrae
1889 novel
by Robert Louis Stevenson
   
Music by William Alwyn

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