Zahltag – Polizeiruf 110 Episode 135 #Crimetime 927 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Grawe #Fuchs #Zahltag

Crimetime 927 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Nochmal die alte Schule

„Zahltag“ ist der 135. Polizeiruf und der zweite, der nach dem Fall der Mauer am 9.11.1989 ausgestrahlt wurde. Gedreht wurde er im Juni und Juli 1989. Diese Daten stellen wir voran, damit klar ist, es handelt sich um eine „Überläufer“, der unter anderen Verhältnissen uraufgeführt wurde, als sie zur Zeit seiner Entstehung herrschten. Gerade im Kontext der Wende ist dieser mit 74 Spielminuten recht kurze Film bemerkenswert. Warum das so ist und mehr zum Film steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Udo Gernot überfällt mit Perücke und falschem Bart getarnt die Geldbotin Traudel Gröditz, als sie zum Zahltag mit den Lohngeldern im VEB Karotex erscheint. Zwar versucht ihr Fahrer Herr Kiel noch, Gernots Wagen einzuholen, doch wird er wegen Geschwindigkeitsüberschreitung angehalten. Er hat sich das Kennzeichen des Wagens gemerkt. Später stellt sich heraus, dass der Täter die Kennzeichen ausgewechselt hat. Udo Gernot ist dennoch schnell gefasst. Zeugen war aufgefallen, dass er zwar blonde Haare und einen blonden Bart trug, jedoch dunkle Augenbrauen hatte. Es kann ein Phantombild ohne Verkleidung erstellt werden. Darauf erkennt der örtliche Autovermieter Udo Gernot wieder. Er wird festgenommen. Den Geldkoffer, den er in einem Schließfach am Bahnhof deponiert hat, bringen Polizisten zu den Ermittlern Hauptmann Peter Fuchs und Oberleutnant Thomas Grawe. Udo kannte die Zahlenkombination nicht und hatte den Koffer daher bisher nicht geöffnet. Auf der Wache ist er daher wie die Ermittler überrascht, dass der Koffer kein Geld enthält. Die Scheine, rund 250.000 Mark, wurden durch Zeitungen ersetzt. Die Ermittlungen, die schon abgeschlossen schienen, beginnen von neuem.

Udo Gernot lebt bei seiner Schwester, die den naiven und leicht beeinflussbaren Bruder auch vor sich selbst schützt. Sie vermutet Hintermänner, die Udo zu dem Raub überredet haben. Vor allem Udos Exfreundin Renate Pickert hat sie unter Verdacht, arbeitet sie doch sogar in der Lohnbuchhaltung des VEB Karotex. Renate konnte jedoch wie andere Personen des Betriebes die Zahlenkombination nicht kennen. Bald erkennen die Ermittler, dass sie von falschen Voraussetzungen ausgegangen sind. Das Geld könnte genauso gut bereits vor dem Diebstahl entwendet worden sein. Thomas Grawe lässt den normalen Arbeitsablauf bei der Einlieferung der Geldkoffer überprüfen und tatsächlich ergeben sich Schwachstellen, in denen der Fahrer Kiel den vollen gegen einen falschen leeren Koffer austauschen könnte. Kiel gilt nun als verdächtig, den echten Koffer an sich genommen zu haben. Als Fahrer stand er stets unweit von Traudel Gröditz, wenn sie die Zahlenkombination des Koffers eingab. Erschwerend kommt hinzu, dass Kiel der aktuelle Freund von Renate Pickert ist. Mit ihr hat er tatsächlich den Raub geplant, will sie jedoch reinlegen. Er behauptet, vom Verbleib des Geldes nichts zu wissen. Als sie droht, ihn an die Polizei auszuliefern, schlägt er sie so brutal zusammen, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert werden muss.

Wolfgang Paulsen, Hauptbuchhalter von VEB Karotex, steckt Kiel am nächsten Tag scheinbar beiläufig, dass der Dieb das Geld nie ausgeben könnte, weil die Scheine nummeriert und registriert sind. Kiel begibt sich umgehend zu seinem Seegrundstück und Thomas Grawe und seine Männer beschatten ihn. Kiel überprüft die Beute, die er auf seinem Motorboot versteckt hat, bemerkt jedoch einen der Ermittler, der sich unbedacht aus der Deckung begeben hat. Er flieht mit seinem Boot, kann jedoch später von der Wasserschutzpolizei gestellt werden. Bei einer späteren Vernehmung von Udo spielen die Ermittler ihm das Geständnis von Renate Pickert vor. In ihm macht sie deutlich, dass sie es mit ihm nie ernst meinte. Nun gesteht Udo, dass er den Raub nur auf ihren Wunsch durchgeführt habe – ohne zu wissen, dass er für sie nur als Sündenbock herhalten sollte.

Rezension

Mit einer Sehbeteiligung von über 44 Prozent lag „Zahltag“ um einiges besser als sein direkter Vorgänger „Der Tod des Pelikan„. Wir hatten bei letzterem vermutet, dass die Abrutschen weit unter die 50-Prozent-Marke daran gelegen haben könnte, dass zu dem Zeitpunkt das Fernsehangebot schon ausgeweitet war, aber dass ein so konventioneller Film wie „Zahltag“ nun so viel besser lagt – nun ja, um das alles beurteilen zu können, müsste man auch wissen, was zum jeweiligen Zeitpunkt der Erstausstrahlung sonst noch im Angebot war.

„Zahltag“ war auch die letzte Arbeit des Regisseurs Hans Köntzsch, mit der DDR oder ein paar Monate zuvor endete seine Arbeit. Er verstarb 1996 und wir haben wieder eine Unbekannte, nämlich, ob Knötzsch aus Altersgründen oder weil er krank wurde, aufgehört hat, oder, weil sein Stil nicht mehr in die neue Zeit passte. Eines ist jedenfalls sicher: Zusammen mit dem Drehbuchautor hat er noch einmal bekräftigt, dass er für die DDR steht. Unmissverständlich. Zumindest drückt der Stil das aus. Während zu dem Zeitpunkt Polizeirufe in der Regel schon dezent mit Rängen, Bezeichnungen, Statements umgingen, kann man das von „Zahltag“ nicht sagen. Das einzige, was nicht direkt erwähnt wird, ist die Schädigung sozialistischen Eigentums, wie sie bei Lohnraub selbstverständlich vorliegt bzw. damals vorlag.

Dafür gibt es dieses Mal keine Schlamperei, die Vorschriften beim Lohntransport werden formal eingehalten – und doch: Der Geldfahrer ist der eigentliche Halunke, zusammen mit seiner Exfreundin, aber offenbar behumpst er auch diese, indem er das Geld alleine zur Seite schafft. Das ist ganz schön raffiniert gemacht – aber nur unter einer Voraussetzung: Dass sich der Überfall genau so abspielt, wie geplant. Wäre das nämlich nicht der Fall gewesen, wie hätte er erklären wollen, dass in dem Lohngeldkoffer nur alte Zeitungen sind?

Einen Polizeiruf dieses Stils hätte man auch in den 1970ern schon machen können, auch der Titel gibt kund, dass es um eine jener vielen, vielen Varianten von Vermögensdelikten handelt, die man in der DDR-Zeit des Polizeirufs in den Mittelpunkt gestellt hat. Lediglich die Summe von 250.000 Mark der DDR liegt relativ hoch; es ist aber auch ein vergleichsweise großes Werksteil eines VEB, der damit beliefert wird. Einen Unterschied zu den 1970ern oder früheren 1980ern gibt es aber: Erstaunlich, dass die Löhne 1989 immer noch bar ausgezahlt wurden und immer noch in ganz normalen Personenwagen transportiert wurden. Fahrer und mitfahrende Lohnbuchhalterin sind auch nicht bewaffnet. So friedlich, die DDR und zahlungstechnisch so rückständig? Zumindest im Film rächt sich das. Es steht nicht in der Inhaltsangabe, aber Geld- und Bootsfahrer Kiel schmeißt die Tüte mit dem Geld über Bord, weil er offenbar hofft, dieses Beweisstück unbemerkt loswerden zu können. Und weg ist weg, da hilft nur Nachdrucken.

Die beiden Ermittler Fuchs und Grawe werden den Zuschauern in der nunmehr stürmischen Wendezeit ein Gefühl von Vertrautheit vermittelt haben, die Aufteilung ist für die späten 1980er ebenfalls typisch: Fuchs steuert, Grawe macht die Außentermine und hat mehr Spielzeit. Sehr interessant ist, dass Fuchs zunächst dem ersten Festgenommenen gegenüber recht gütig wirkt, anders als Grawe, der Mann sich dann auf Fuchs einschießt und nur noch mit ihm sprechen will – und der dann plötzlich „andere Saiten“ aufzieht, wie man es früher nannte, wenn jemand die Taktik und die Tonlage zu wechseln gedachte

Das wirkt ein wenig unfair, denn der erfahrene Fuchs wird ja gemerkt haben, dass dieser einfache Mensch, von Hause aus Sportler, a.) nicht bösartig ist, sondern unter Einfluss stand und b.) sich ihm anvertraute, weil er sich dabei sicherer fühlte als bei dem jüngeren und etwas schärfer wirkenden Grawe. Aber Sympathie spielt keine Rolle, wenn die Staatsmacht ihre Rechte durchsetzt. Mit der Gefahr natürlich, dass jemand gar nichts mehr sagt und die Ermittlungen sich dadurch in die Länge ziehen, in manchen Fällen auch ins Leere laufen können.

Finale

Es ist gar nicht so leicht, so viel über diesen Film zu schreiben, dass die Rezension recht füllig wirkt, weil er relativ wenige Spezifika aufweist, die wir nicht bereits aus älteren Werken der Reihe kennen. Im Grunde und an den Gründen führt bekanntlich nichts vorbei, ist er ein Aufguss, enthält viele Versatzstücke früherer Filme. Eigner von Motorbooten sind meist verdächtig, Lohnraub ist in der DDR eine Art Volkssport gewesen, zumindest gemäß Polizeiruf 110, mehr noch das Vermögensdelikt in seinen vielen Erscheinungsformen abzüglich der organisierten Kriminalität zuzüglich der Kriminalität von Arbeitskollektiven, die gemeinsam Schmu machen, Frauen sind haben nicht selten etwas Gefährliches und ausführende Täter erscheinen dann eher als Werkzeuge, die Polizei steht im Bewusstsein ihrer Autorität und muss sie nicht verteidigen, die Fahrzeugtypen sind 1989 im Wesentlichen dieselben wie 1971, als die Reihe startete, aber auch mit ihnen kann man hin und wieder eine kleine Verfolgungsjagd inszenieren.

Nach „Der Tod des Pelikan“ mit seinen besonderen Vorzügen ist „Zahltag“ freilich ein Rückschritt – und ein wenig enttäuschend. Wir hätten gerne geschrieben, durch die Wende hat man die besondere Entwicklung der Reihe und wie sie immer eigenständiger wurde, abgewürgt, indem man sich westdeutschen Konventionen anpasste, aber „Zahltag“ ist nicht der Film, der die starke Entwicklung hin zum Kriminal-Kammerspieldrama, die in den 1980ern zu beobachten war, besonders eindrucksvoll dokumentiert. Auch die Darstellerleistungen ragen nicht heraus, Renate Pickert wird in ihrer gedehnten Falschheit gar zu stark herausgestellt, der arme Ex-Sportler wirkt doch ein bisschen zu unbedarft und die Ermittler werden durch ihre Routine gerettet, die dafür sorgt, dass sie in den meisten Szenen überzeugend wirken.

6/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Regie Hans Knötzsch
Drehbuch Otto Bonhoff
Produktion Erich Biedermann
Musik Rudi Werion
Kamera Michael Albrecht
Schnitt Susanne Carpentier
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s