Tödliche Träume – Polizeiruf 110 Episode 136 #Crimetime 929 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Fuchs #Grawe #Hübner #Traum #tödlich

Crimetime 929 - Titelfoto © ARD / Polizeiruf-Logo 2020 (1)

Es geht dem Ende zu

Alle Polizeirufe der „130er-Serie“ sind besonders, weil sie Momente des Übergangs markieren. „Tödliche Träume“ war einer der beiden letzten Polizeirufe, die noch vor der Maueröffnung abgedreht wurden, danach gab es erstmal eine Pause von einigen Monaten, bis sich einigermaßen abzeichnete, wie man weitermachen konnte, ohne politisch anzuecken oder schon bei Ausstrahlung veraltet zu sein – so, wie man es von „Tödliche Träume“ bereits sagen kann, ohne dass es allzu sehr ins Gewicht fallen würde – anders als beim direkten Vorgänger „Zahltag„, den wir vor wenigen Tagen angeschaut und rezensiert haben und der nach unserer Ansicht noch auf den weiteren Bestand der DDR setzt. Außerdem ist „Tödliche Träume“ ein Jubiläumsfall für Oberleutnant Thomas Grawe (Andreas Schmidt-Schaller): sein 25. Einsatz.

Handlung (2)

Wie fast jeden Tag steht Reinhold Krüger am Grab seiner Frau. Ihr Selbstmord war ein schwerer Schlag für den bis dahin so tatkräftigen Mann. Seine Autowerkstatt, die er aufgebaut und arbeitsintensiv betrieben hat, ist ihm nunmehr gleichgültig wie alles andere auch. Nach dem Besuch auf dem Friedhof gibt er sich meist in einer Kneipe dem Alkoholkonsum hin. Dort trifft er oft auf seinen zukünftigen Schwiegersohn Tommy Kellner, einen Fotografen, der ein Geschäft aufmachen will, um sein eigener Herr zu sein.

Reinholds Sohn Bernhard ist gezwungen, mit Hilfe seiner Schwester Heike, die sich um das Schriftliche kümmert, die Werkstatt am Laufen zu halten. Das fällt dem jungen Mann ohne die Unterstützung des Vaters zunehmend schwerer, da es häufig Lieferschwierigkeiten mit Ersatzteilen gibt, und die Kunden Bernhard dafür verantwortlich machen. Als Mario, ein langjähriger Angestellter, ihm helfen will, lässt er ihn ungnädig abfahren. Mario liebt Heike, mit der er einmal geschlafen hat. Für Heike war es jedoch nur ein einmaliger Ausrutscher.

Den Ermittlern Fuchs, Hübner und Grawe liegen unterdessen diverse Anzeigen von Geschädigten vor, die bei einem Autokauf hereingelegt wurden, da es dem angeblichen Verkäufer jedes Mal gelang, mit dem soeben verkauften Auto und dem schon gezahlten Kaufpreis das Weite zu suchen. Wie sich später herausstellt, waren die vorgelegten Ausweise allesamt zuvor gestohlen worden. Aufgrund verschiedener Aussagen wird ein Phantombild des „Verkäufers“ angefertigt und in der Zeitung veröffentlicht. Nach und nach ergeben sich Spuren, die in Richtung der Autowerkstatt Krüger weisen.

Heike und Bernhard Krüger haben derweil in einem Ordner einen Kontoauszug des Vaters gefunden. Daraus geht hervor, dass 45.000 Mark verschwunden sind, woraufhin Bernhard seinem Vater später heftige Vorwürfe macht. Anderentags erscheint Reinhold wieder in seiner Werkstatt. Zum Erstaunen seines Sohnes, Marios und der anderen Angestellten nimmt Reinhold das Heft wieder in die Hand, als sei nichts gewesen. Zu Bernhard, der den Vater dankbar umarmt, sagt er, er habe die 45.000 Mark für Heike auf einem Sparbuch angelegt, da Bernhard ja die Werkstatt übernehmen werde.

Heike hat indes bei ihrem Freund Tommy übernachtet, der, wie sich bei einem Besuch von Nina Merkowicz herausstellt, der jungen Frau ebenfalls die Ehe versprochen und mit dieser ein Kind hat. Als Heike spätabends, immer noch tief betroffen und verletzt, nach Hause kommt, erzählt ihr der Vater, dass er glaube, dass Tommy von der Polizei gesucht werde, und verweist auf das Bild in der Zeitung. Tommy verhält sich weiterhin großspurig. Mit seinem neu „erworbenen“ Mazda taucht er bei einem Fototermin auf, wo Nina als Maskenbildnerin arbeitet. Der Fotograf ist erbost, als er den Wagen sieht, da Tommy ihm noch 30.000 Mark schuldet, und will wissen, wann er zu zahlen gedenke. Als Tommy ihn verströsten will, gibt er ihm eine letzte Frist von einer Woche. Nina zeigt Tommy dann unauffällig das Fahndungsfoto in der Zeitung. Sie befürchtet, dass man ihnen auf die Schliche kommen werde.

Die VoPo ist in der Zwischenzeit nicht untätig geblieben und hat über die gestohlenen Ausweise eine Spur zu Nina herstellen können. Reinhold Krüger stellt nun Tommy zur Rede und meint, dass er ihm vertraut habe und ihm nur deswegen Kundenwagen, ohne weitere Fragen zu stellen, überlassen habe. Tommy droht ihm jedoch, wenn er zur Polizei gehe, werde er behaupten, dass Reinhold den hälftigen Anteil aus dem Autobetrug bekommen habe, und da seine Werkstatt sowieso in Schwierigkeiten sei, werde man ihm das auch glauben.

Tommy kann Nina schließlich überreden, als letzten Coup noch einen Autobetrug zu begehen. Da sein Bild in der Zeitung ist, soll Nina den Handel abwickeln. Nina ist nervös, als sie ein Polizeiauto vorüberfahren sieht. Karin Gellweit, die potentielle Käuferin, will den Kauf jedoch unbedingt abschließen. Sie drängt Nina das Geld auf, zahlt jedoch nicht die vereinbarte Summe und fährt mit dem Trabant davon, ohne dass Nina es verhindern kann. Einige Zeit später verständigt eine Nachbarin von Karin Gellweit die Polizei, denn Gellweit ist tot aufgefunden worden.

Inzwischen konnte Nina festgenommen werden, bestreitet aber zunächst die gegen sie erhobenen Vorwürfe, bricht dann jedoch zusammen und erzählt weinend, dass sie alles für Tommy getan und auch nie etwas hinterfragt habe. Auch Tommy, der sich seiner Festnahme mit einer Flucht entziehen wollte, wird von den Ermittlern verhört. Er will Reinhold Krüger den Mord an Karin Gellweit anhängen. Zitternd vor Angst wiederholt er immer wieder dasselbe, er habe die Frau nicht getötet.

Reinhold verabschiedet sich auf dem Friedhof von seiner Frau und geht dann zum Polizeirevier, um ein Geständnis abzulegen. Er habe Gellweit umgebracht. Als die Ermittler wissen wollen, was genau an jenem Abend passiert sei, schweigt er. Fuchs, Hübner und Grawe finden das eigenartig. Fuchs meint, dass Reinhold Krüger nicht der Täter sei. Reinhold wird anschließend zum Tatort geführt und trifft dort auf seinen Sohn Bernhard. Dieser hält dem Druck nicht mehr stand und gesteht, dass er es gewesen sei. Er wollte Karin Gellweit das Geld für das Auto zurückgeben und den Wagen wiederhaben, der einem Kunden gehörte. Gellweit wollte das Geschäft aber nicht rückgängig machen, obwohl er ihr angeboten hatte, ihr einen anderen Wagen zu besorgen und zudem erwähnt hatte, dass dieser Wagen gestohlen sei. Das habe sie alles nicht interessiert. Als sie angefangen habe, zu keifen und zu schreien, habe er ihr ein Kissen aufs Gesicht gedrückt. Verwirrt über seine Tat wird Bernhard Krüger schließlich abgeführt. Mit hängenden Schultern bleibt Reinhold Krüger mit seiner Tochter Heike zurück.

Rezension

Auf den Regisseur und Autor von „Tödliche Träume“, Thomas Jacob, treffen wir derzeit recht oft, wenn es um die Rezension von Polizeirufen geht. Die 136. Episode der Reihe belegt trotz des großen Einsatzes bekannter Größen aus der Anfangszeit, Hübner und Fuchs sind hier wieder voll im Einsatz, nicht nur im Hintergrund und als erfahrene Anleiter im Büro tätig, dass man auch Filme machen konnte, die mögliche Stolpersteine vermieden – und ein sehr gutes Gespür für das aufwiesen, was kommen würde. Der „Schwarzmarkt“ für gebrauchte Autos und die erheblichen Probleme bei der Ersatzteilbeschaffung kann man als ziemlich offene Kritik am System lesen und auch, welch einen Fetischcharakter so ein kleiner grüner Trabant haben kann wie jener, der hier den Mordfall auslöst, wenn es dermaßen schwer ist, an einen heranzukommen.

Trotzdem ist das Verhalten von Frau Gellweit (Karin Düwel) etwas over the Top. Irgendwann muss ihr doch einleuchten, dass etwas mit dem Wagen nicht stimmt und es besser wäre, die Sache etwas rationaler anzugehen. Aber so ist das mit der Gier, auch wenn sie sich in der DDR nicht dermaßen entfalten konnte wie heute, sie suchte sich eben kleinere Ziele. Und deren bedingungslose Verfolgung kann tödlich enden, das ist sicher eine Nebenbotschaft, die man nicht außer Acht lassen darf.

Der Film markiert bezüglich seiner Machart bereits den Übergang in die neue Zeit. Er ist als Drama nicht mehr so dicht, nicht mehr so konzentriert wie einige Fälle aus den Vorjahren, aber covert schon Freud und Leid des Selbstständigen-Daseins, was nach der Wende ein großes Thema werden sollte. Die private Autowerkstatt für Trabanten war quasi die Keimzelle für alle später in Polizeirufen und auch in den Dresden-Leipziger Tatorten dargestellten Geschäftsfelder, die vor allem eines sind: voller Fallen. Mit dem bösen Fotografen Tommy Kellner (Joachim Lätsch) gibt es sogar schon eine Figur, die westlich wirkt, bevor die Ex-DDR vom Westen wirklich überrannt wurde.

Nicht alle Szenen sind gelungen, besonders auffällig wird das in einem Moment mit den Krügers und Tommy im Büro der Krügers, der ziemlich unglaubwürdig wirkt, sehr gestellt, die Anordnung der Figuren und deren Verhalten machen den Eindruck, man friert einige davon ein, damit die anderen einigermaßen sicher durch die Dialoge kommen können, ohne dass die emotionale Fragwürdigkeit des Szenarios auffällt. Im Grunde ist dieses „Herausnehmen“ nichts Besonderes, aber dadurch, dass alle gleichzeitig im Bild sind, tritt es mehr hervor als üblich.

Wie in vielen Polizeirufen aus der DDR-Zeit hat Saufen in diesem Film etwas Bedrohliches, hoch Gefährliches, während es in den Tatorten jener Zeit eher beiläufig gezeigt wurde und selten die Ursache für den Zerfall einer Familie war, wie es hier zu sehen ist – weil Vater Krüger (Joachim Zschocke) sich nach dem Tod seiner Frau nicht mehr im Griff hat. Wir beneiden die Darsteller nicht, die solche Charaktere spielen mussten. Zum Ausgleich bekommen wir mit seiner Tochter Heike eine Identifikationsfigur, die von der vielleicht apartesten ostdeutschen Nachwuchsschauspielerin jener Jahre, Anja Kling, verkörpert wird. Am Ende stehen Vater und Tochter ratlos voreinander auf der Straße und doch hat man das Gefühl, Letztere wird den Zusammenbruch des Familiensystems überstehen. Ihren Bruder hat es fortgerissen, er war der Herausforderung, die Firma ohne den ständig besoffenen Vater führen zu müssen, nicht gewachsen. Sie jedoch hat genug Möglichkeiten – nun ja, um gerade im richtigen Alter in die neue Zeit starten zu können, das hat sich auch in der Realität für die Darstellerin bewiesen.

Eine etwas unglückliche Rolle, vor allem in Bezug auf sie, verkörpert der spätere Darsteller des Tatort-Kommissars Fritz Dellwo (FFM), Jörg Schüttauf, den sie aufgrund ihres sanften Wesens aber auch nicht frühzeitig genug abweist. Wenn man einen Mann einmal ranlässt – nun ja, es hat keine Konsequenzen, dieser Strang läuft ziemlich ins Leere, aber auch hier ein Reality-Check: Weiter in derselben Firma zusammenarbeiten, ist schwierig, wenn ein Beteiligter sich emotional nicht lösen kann.

Finale

Die Lage ist vertrackt und es tauchen bereits Elemente auf wie das Modelbusiness, die dem DDR-System fremd waren, sie deuten Zerfall im moralischen Sinne an, während die harte Arbeit der Krügers, die letztlich nicht rentiert und außerdem das Familiensystem zerstört, bereits einen Ausblick auf die vielen gescheiterten Selbstständigkeitsversuche in Ostdeutschland nach der Wende gibt. Auch im Westen müssen die meisten, die den Schritt ins Unternehmertum wagen, wieder aufgeben, aber das Chaos, das sich in der schwierigen Ersatzteillage ausdrückt, zerstört Existenzen, die ohnehin finanziell und mental nicht gerade sicher wirken. Der Zerfall der Familie Krüger wirkt wie eine düstere Ahnung, wie ein Symbol für die bevorstehenden Kämpfe im Kapitalismus, denen die meisten nicht gewachsen waren, die dem Versprechen von Freiheit und Glück glaubten. Eine Aufarbeitung der Zeit ist bis jetzt nicht geschehen und wenn sie kommt, werden Schicksale wie jene der Krügers vermutlich eine untergeordnete Rolle spielen, weil sie sich nicht mit dem Wirken der Treuhand in Verbindung bringen lassen.

Eine der wenigen komischen Szenen des Films: Wie Kellners Freundin (Janina Hartwig) den Trick mit der Unterbrechung der Stromversorgung an Stelle von Tommy ausführt, weil dieser schon gesucht wird – und leider funktioniert das Auto doch und die neue Besitzerin fährt mit diesem Wagen davon, der einem Kunden der Werkstatt Krüger gehört. Dass die Krügers bei diesem erneuten Betrug nun wissentlich mitmachen, gehört zu den schwächsten Elementen des Films. Wenigstens die Kinder hätten das nicht zulassen dürfen, wenn schon der Vater durch seinen Alkoholismus zu sehr geschwächt ist, um sich gegen Tommys Manipulationen zu wehren. Stattdessen – wird der Sohn zum Ausführenden eines Tötungsdelikts. Natürlich hat er den Tod der widerspenstigen Frau Gellweit nicht gewollt. Es ist bis heute eine Auffälligkeit deutscher Krimis, dass so viele Todesfälle ungewollt passieren. Im angloamerikanischen oder skandinavischen Raum kommt das so gut wie nie vor. Woher der Unterschied? Wir haben dazu eine Idee.

7/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wir haben als Titelbild das aktuelle Polizeiruf-Logo verwendet, da im Netz zu diesem Fil kein qualitativ adäquates Foto zu finden war.
(2) Wikipedia

Regie Thomas Jacob
Drehbuch Percy Dreger
Thomas Jacob
Produktion Hans-Jörg Gläser
Musik Arnold Fritzsch
Kamera Wolfgang Huthmann
Schnitt Imke Gerber
Besetzung

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