Fluss ohne Wiederkehr (River of No Return, USA 1954) #Filmfest 378

Filmfest 378 Cinema

One Marilyn, changing movies

One silver dollar, bright silver dollar
Changing hands, changing hands.

Endlessly rolling, wasted and stolen
Changing hands, changing hands
Spent for a baby’s trinket
Won by a gambler’s lust
Pierced by an outlaw’s bullet
And lost in the blood red dust.

One silver dollar, bright silver dollar
Changing hands, changing hands.

Love is a shining dollar
Bright as a church bell’s chime
Gambled and spent and wasted
And lost in the dust of time
Wooo…

One silver dollar, one silver dollar
Changing hearts
Changing lives
Changing hands.

Dies ist der Text des zweiten Songs im Film. Marylin Monroe gibt ihn als Sängerin nicht einmal in einer gestandenen Westernbar, sondern in einem Zelt zum Besten, prall gefüllt mit Goldsuchern, Glücksrittern, die dem Silberdollar nachjagen. Die meisten werden leer ausgehen, das weiß man sofort. Hier glitzern keine goldenen Nuggets, sondern Marylin Monroe ist das Goldstück von „River of No Return“.

Wenn sie singt, und das tut sie oft, dann strahlt ihre Magie von der breitformatigen Leinwand und jeder Mann sollte wissen: Sie zu gewinnen und heimzuführen, das ist das große Los, und nicht die Chimäre einer Goldmine. Denn das Mädchen ist keine Erscheinung, auch wenn sie so irreal herausgeputzt ist. Regisseur Otto Preminger, unsterblich geworden mit dem schwarzen Thriller „Laura“, hatte eine ironische Ader, wenn er seine Brot-und-Butter-Jobs erledigte – und ein solcher war das frühe Cinemascope-Spektakel „River of No Return“ ganz gewiss. Vielleicht ist er aber auch ein bisschen mehr. Das untersuchen wir in der -> Rezension.

Handlung

Der Film beginnt 1875 in einer Goldgräberstadt im Nordwesten der USA. Matt Calder, der lange Zeit wegen eines Mordes im Gefängnis saß, hat sich eine neue Existenz als Farmer aufgebaut. Er kommt in die Stadt, um seinen neunjährigen Sohn Mark zu sich holen, dessen Mutter gestorben ist. Die Sängerin Kay hat sich seiner angenommen.

Etwas später leben Matt und Mark auf ihrer Farm am „Fluss ohne Wiederkehr“. Matt rettet die Sängerin Kay und ihren Liebhaber, den Glücksspieler Harry Weston, die mit einem Floß auf den gefährlichen Stromschnellen des Flusses unterwegs in die nächstgelegene Stadt Council City sind, um dort eine Goldmine registrieren zu lassen. Weil die Fahrt auf dem Floß sich als zu gefährlich erwiesen hat, schlägt Weston Calder nieder und stiehlt dessen Pferd und Gewehr. Da Matt bewusstlos liegen bleibt, weigert sich Kay, ihn einfach seinem Schicksal zu überlassen. Sie bleibt auf der Farm und Weston verspricht nach Registrierung der Goldmine dorthin zurückzukehren.

Als Indianer die Farm angreifen, retten sich Matt, Mark und Kay auf das Floß. Ihre Fahrt auf dem wilden Fluss wird zu einem lebensgefährlichen Erlebnis. Während eines Nachtlagers wird Mark von einer großen Wildkatze bedroht. Als Matt mit dem Tier kämpft, erschießt ein Goldsucher die Katze. Dem Mann hat Harry Weston im Glücksspiel die Mine abgenommen. Da der Goldsucher Kay Avancen macht, gerät Matt in Streit mit ihm und prügelt sich mit ihm. Nachdem er ihn besiegt hat, kann er dessen Gewehr an sich nehmen. Während der weiteren Floßfahrt werden sie wiederholt von Indianern angegriffen, können die Angriffe aber abwehren, weil sie jetzt das Gewehr und Munition besitzen.

In der Stadt angekommen will Matt Harry Weston zur Rechenschaft ziehen. Als letzterer im Begriff ist, den unbewaffneten Matt zu töten, erschießt der kleine Mark den Spieler von hinten. Kay bleibt nur noch die Möglichkeit, im örtlichen Saloon wieder als Sängerin zu arbeiten. Da aber Matt und Kay im Laufe ihrer Flussfahrt zueinander gefunden haben, tritt er nach einer ihrer Gesangsnummern ans Klavier, ergreift Kay und trägt sie auf der Schulter zu seinem Wagen. Als sie fragt, wohin er sie bringe, entgegnet er: „Nach Hause.“

Hintergrund (1)

  • Fluß ohne Wiederkehrwurde in Kanada in Nationalparks in CinemaScope gedreht und ist durch seine Naturaufnahmen gekennzeichnet. Die Nahaufnahmen der Floßfahrt wurden im Rückprojektionsverfahren im Studio gedreht, wobei der Kontakt der Schauspieler mit dem eiskalten Wasser echt war.
  • Marilyn Monroe brach sich während der Dreharbeiten ein Bein, sodass die Produktion des Films verzögert wurde. In vielen Szenen des Films sieht man Monroe nur mit verdeckten Beinen.
  • Die Filmpremiere war in den USA am 30. April 1954, in Deutschland am 10. September 1954.
  • Bis in die 1990er Jahre wurden im deutschen Fernsehen Filmkopien gezeigt, die etwa ab Filmmitte spiegelverkehrt angeklebt wurden. Erkennbar ist dies an den „verkehrt“ geknöpften Jacken der Schauspieler und zum Filmende an der Beschriftung der Gebäude. Die letzten Minuten sind wieder richtig montiert.

2021-02-06 Filmfest Cinema 2021Rezension

Der Film spart nur die Klischees aus, die aufgrund seiner relativen Kürze nicht hineinpassen. Die meisten der frühen Cinemascope-Filme waren aufgrund des Aufwandes für die Technik und weil man erst lernen musste, die gewaltigen Bildbreiten sinnvoll zu füllen, vergleichsweise kurz. Ansonsten wird mit Western-Versatzstücken gearbeitet, was das Zeug hält.

Da ist die Hauptfigur Matt Calder (gespielt von Robert Mitchum), ein Typ, der einen Mord gemäß amerikanischer Definition begangen hat, lange im Gefängnis saß und ehrlicher Farmer werden will. Wer Robert Mitchums Filmografie betrachtet, denkt sofort an den großartigen film noir „Out oft he Past“, außerdem ist der Neuanfang ein uramerikanisches Thema, denn schließlich speiste sich die Einwanderernation aus Menschen, die ihr früheres Leben, wo immer es stattgefunden hatte, hinter sich ließen und im gelobten, weiten Land neu begannen. Die Vergangenheit zählte nicht und jeder hatte das Recht auf eine zweite Chance. Diese Mentalität hat das Land geprägt und natürlich auch seine Filme. Für Europäer, die nicht einfach das Gestern abstreifen können wie eine nutzlose Hülle, wie einen Ballast ohne Sinn, ist diese Sichtweise umso faszinierender. Auch der Jugendkult, der von den USA ausging und sich teilweise ins Absurde entwickelt hat, ist allerdings ein Merkmal, das aus dem Mythos vom „Young Land“ generiert wurde. Allerdings sollte man die 1950er auch nicht mit den heutigen Zeiten verwechseln.

Jeder ist seines Schicksals Schmied, ist ein wichtiger Bestandteil des amerikanischen Mythos. So überrascht es nicht, dass am Ende Calder die Sängerin Kay (Marylin Monroe) gewinnt und nicht deren bisheriger Freund Weston, ein Glücksritter und plötzlicher Minenbesitzer, der Calder Pferd und Gewehr wegnimmt, um das Eintragen seiner Mine zu beschleunigen, anstatt weiter auf einem unsicheren Floß den Fluss ohne Wiederkehr hinabzutreiben. Wer aber einem Mann Pferd und Gewehr wegnimmt, in einer mit gefährlichen Indianern gespickten Wildnis, der bringt ihn gleichsam um und muss dessen Rache erleiden, falls der Beraubte überlebt. So geschieht es in „River of No Return“ und der Kreis schließt sich.

Die 50er Jahre waren die Zeit des mit Symbolen aufgeladenen US- Films, psychologisierend und voller Zeichen,  mit überlebensgroßen Mythen und Figuren wurde die Leinwand in diesem satten Jahrzehnt gefüllt. Verschwunden war die vergleichsweise einfache und realistische Darstellung der 30er und die dunklen Schatten der 40er hatten sich in Filme mit Happy End transzendiert, wie eben River of No Return. Für den Regisseur Preminger war es ein Leichtes, jede Figur und beinahe jeden Dialogsatz in diesem bezüglich der Handlungsstruktur sehr einfachen Film als Teil eines Gleichnisses anzulegen.

Den Fluss als Symbol des Lebensstroms wird zur Liebe in Bezug gesetzt, diese übergeordnete symbolhafte Konstruktion kann  man entschlüsseln, ohne dass man Filmsprache studiert haben muss.

If you listen, you can hear it call, Wailaree! (Wailaree!)
There is a river called the River of No Return
Sometimes it’s peaceful, and sometimes wild and free.
Love is a traveler on the River of No Return.
Swept on forever to be lost in the stormy sea. (Wailaree!)
I can hear the river call, No return, no return, No return, no return. (Wailaree!)
I can hear my lover call, „Come to me.“ (No return, no return)
I lost my love on the river and forever my heart will yearn.
Gone, gone forever down the River of No Return. Wailaree! (Wailaree!) Wailaree!
You never return to me. (No return, no return).

So lautet der Text des in der Tat wunderschönen Titelsongs. Auf der kathartischen und gefährlichen Floßfahrt auf jenem besungenen Fluss, welche die Sängerin Kay in ein neues, reiches Leben mit Westen fahren will, geraten diese in symbolische Strudel und müssen vom ehemaligen Gefängnisinsassen und Neufarmer Calder gerettet werden. In diesem Moment entpuppt sich der schmierige Weston als der Mistkerl, welchen man schon in ihm vermutet hat, er stiehlt Calder Gewehr und Pferd und macht sich davon. Kay aber bleibt bei dem Siedler, fährt mit ihm und dessen neunjährigem Sohn weiter flussabwärts und wird dabei ziemlich nass. Es versteht sich von selbst, dass der raue Westerner und das blonde Herzchen dabei einander finden. Es gibt sogar eine eindeutige Schlüsselszene, in welcher sie ihre Liebe füreinander entdecken, das ist so ein schweigender Moment ohne Musikuntermalung, in dem sie einander in die Augen schauen. Der Moment währt nicht lang, aber ist filmisch so schön gemacht, dass man wieder einmal schmunzeln muss, wie selbstverständlich Regisseur Preminger mit unseren Erwartungen und Projektionen spielt.

Wenn man die Motive des Films analysiert, darf man die Rache und die Gerechtigkeit nicht außer Acht lassen. Was geht, in diesem Land, was ist richtig und was ist falsch? Man bekommt nicht heraus, warum Calder im Gefängnis sitzen musste, obwohl er offenbar einem Freund in Notwehr beistand und dabei einen Widersache – allerdings von hinten, was im Westen nicht gerne gesehen wird – erschoss. Man könnte jetzt auf die Idee kommen, dass hier Moral gelehrt wird, und zwar richtige Moral, die sich gegen ein Westernklischee wendet: Den Showdown, in dem es wirklich zugeht wie in einem regulären Duell und die Kontrahenten einander gegenüberstehen. Auf einer Ebene stimmt das wohl. Nicht auf die Form kommt es an, sondern auf die Intention. Das zeigt sich am Ende, als Colders kleiner Sohn diesen rettet, indem er – sic! – Weston von hinten erschießt. Besser kann man’s nicht zeigen. Auch dem Jungen, der zuvor in  Zweifel über die Integrität des Vaters geraten war, nachdem er zufällig von dessen Vorleben erfährt (indem er ein Gespräch zwischen Kay und Matt belauscht).

Da schwingt aber noch etwas anderes mit, was Filme der frühen 50er, besonders den für Gleichnisse und Anspielungen aufgrund seiner archaischen Settings und seiner vermeintlich einfachen und der Verdichtung besonders zugänglichen Rahmenbedingungen in der Pionierzeit sehr geeigneten Western stark durchzogen hat.

Es ging um Amerika, um was sonst? Es ging um den ersten in der Fremde geführten Krieg, der moralisch nicht eindeutig war – denjenigen in Korea, der gerade zu Ende gegangen war, als „River of No Return“ erschien und in dem die USA erstmalig nicht eindeutig obsiegten. Korea wurde bekanntlich geteilt. Es geht um die Rechtfertigung überlegener Mittel für die richtige Sache, zum Beispiel, um Freunden Nothilfe zu leisten. Wer jemand anderem in den Rücken schießt, ist diesem gegenüber im Vorteil, ebenso wie derjenige, der überlegene Waffentechnik einsetzt, eine Ungleichheit, die sich in einem Duell verbieten würde. Den realpolitischen Kontext sollte man einbeziehen, wenn man sich die Filme der Zeit anschaut. Am Ende geht es um den Zweck, und der kann die Mittel heiligen. So die eindeutige und einzig mögliche Interpretation der Lektion, die der Calder junior durch eigene Erfahrung und eigenes, instinktives Handeln zum Schutz seines Vaters zu lernen hat.

So zwingend die Logik erscheint, mit welcher das Motiv der Selbstverteidgung oder Verteidigung von nahestehenden Personen ausgeformt wurde, so fragwürdig sind andere Momente diesbezüglich.

Die ganze Indianersache ist wenig liebevoll inszeniert, das gilt sowohl für die Native Americans selbst, die als simple, unbestimmte und stets Bedrohung daherkommen und von denen keiner Persönlichkeit gewinnt. Auch Preminger dürft sein lässiger Umgang mit der Gefahrenquelle bewusst gewesen sein und dass hier Szenarien aufgebaut werden, die man getrost als Märchen bezeichnen kann. Dass darunter auch das Gebäude der gerechten Rache leidet und beinahe niederbrennt, wie Colers kleine Anfängerfarm, wollen wir nicht vertiefen. In einem Satz sagt Kay, die Indianer hätten die Farm wohl auch niedergebrannt, wenn Weston sich nicht mit dessen Wehrmitteln davon gemacht hätte. Calder antwortet: Nicht so leicht, wenn ich  mein Gewehr gehabt hätte. Das ist schon wieder eine geradezu ironische Anspielung auf den Waffenwahn der Amerikaner. Damit es noch halbwegs glaubhaft wirkt, dass ein einzelner Farmer in der Einöde einem ganzen Indianerstamm hätte standhalten können, dürfen diese selbst keine Schusswaffen haben – was aber angesichts der gefühlten Zeit im späten 19. Jahrhundert, die wir an den Kostümen ableiten ebenso unwahrscheinlich ist wie die Möglichkeit, dem Pfeilhagel Dutzenden von Männern zu Pferd Tag und Nacht standzuhalten, denn auch schlafen dürfte man dann ja nicht, um sich vor Überraschungsangriffen zu schützen.

Im Grunde ist es sogar so, dass Calder seinem Sohn, den er aus dem Goldgräberlager holt, ein beinahe unmögliches Leben zumutet. Ein Mann und ein Kind als Farmgemeinschaft ist schon harter Tobak, aber es ist eben alles Mythos, und Preminger weiß das. Ein Weißer kann sich mit einer guten Flinte und der richtigen Einstellung gegen einen ganzen Indianerstamm behaupten, wie sonst hätten die USA so groß werden können? Die Wirklichkeit sah erheblich anders aus, Unzählige Weiße wurden Opfer ihrer Abenteuerlust und ihrer Gier, bis die Natives mit erheblicher technischer Überlegenheit und durch die schier unendlichen Ströme immer neuer Siedler endlich niedergezwungen waren. Hier und in anderen klassischen Western wird dieses Szenario einfach umgedreht und außerdem suggeriert, dass Weiße wie Bill Calder den kamperfahrenen Ureinwohnern an Mut und Geschicklichkeit weit überlegen waren.

Im Gegensatz zu anderen Western muss man hier aber konzedieren, dass die Art, wie die Indianer so blöd sind, immer auf den gleiche Pfahl auf dem Floß zu schießen, anstatt endlich  mal den Jungen daneben zu treffen oder den breitschultrigen Mann oder die auffällig gekleidete Frau, die sich ebenfalls auf diesem rudimentären Flussfahrzeug befinden, schon darauf hindeutet, dass man diesen Part nicht so ernst nehmen sollte und die Regie gar nicht vorhatte, die Kämpfe mit den Indianern eher als notwendiges Übel für den Vortrieb der Handlung anzusehen. Ausgerechnet in diesem Zusammenhang schweigt augenfällig die sonst reichhaltige Symbolik des Films.

Großartig sind die Landschaftsaufnahmen. Preminger hat das Breitwandformat von Beginn an verstanden, das  zeigt sich hier – die Flussfahrt hingegen entspricht den Möglichkeiten der Zeit und wirkt in den Teilen, in denen mit Rückprojektion gearbeitet wird, etwas künstlich und im Ganzen würde man hier in einem modernen Film höhere Ansprüche an die Action stellen. Der zeitweilige Zauber, den der Film ausstrahlt, wird durch dieses Studiohafte eher verstärkt. Wir sind noch nicht in der Zeit der Rückkehr zu einer realistischeren Darstellung.

Das gilt auch für die Art, wie die Schauspieler ins Setting gestellt werden. Hingebungsvoll stellt die Kamera Marylin Monroe in den Vordergrund, vor allem, wenn sie singt. So, als wollte die Regie sagen, ihr wolltet den Star aus „Gentlemen Prefer Blondes“ und „How to Marry a Millionaire“, mit dem das Studio 20th Century Fox ein Jahr vor „River of No Return“ große Kasse machte und mit denen die Monroe den Durchbruch zum Superstar schaffte, also, ihr wolltet, dass dieses neue Juwel des Studios prächtig schimmert, also machen wir das so, auch wenn das Westernszenario dazu weniger als die Welt der Großstadtmodels von New York. Aber umso besser kann man eine einzige schöne Frau in den Mittelpunkt rücken, wo sonst nur harte Kerle und weite Wälder und ein paar angemalte Typen, die aus diesen Wäldern stammen, die Landwand bevölkern!

Am Ende „schmeißt sich Robert Mitchum die Salonpuppe über die Schulter“ (Adolf Heinzlmeier in „Die Unsterblichen des Kinos“, Band 2, S. 167) und schleppt sie in die Wildnis. Ihre roten, glitzernden Schuhe bleiben im Staub der Straße zurück. So, wie zwei Jahre zuvor der Sheriffstern von Will Kane in „High Noon“. Willkommen in einem neuen, einfachen, ehrlichen Leben an der Seite eines wortkargen und aufrechten Burschen wie Matt Calder und dessen Sohn, der Kay von Beginn an bewundert hat. Symbole und Happy Endings sind so schön und ein kleines Augenzwinkern seitens des Regisseurs darf angenommen werden.

Dass dieser auch Dinge gesagt haben soll wie „Sie (die Monroe) ist nichts weiter als ein Vakuum mit Brustwarzen“ (zitiert nach Heinzlmeier, a. a. O.) gehört zu den weniger schönen Hintergründen des Films, wird aber sicher dazu beigetragen haben, dass Marylin Monroe ihren Vertrag bei der Fox gekündigt hat und den Titanenkampf mit der echten Schauspielerei aufnahm.

Ob es eine spezielle Chemie zwischen Mitchum und Monroe gab, wie manche Kritiker sagen, ist Ansichtssache. Wir meinen, Mitchum hat hinreichend Präsenz, um gegen den aufsteigenden Kurvenstar nicht unterzugehen, aber ein anderer Leading Man der A-Klasse hätte diese auch gehabt. Wir könnten uns für die Rolle des geläuterten Gewalttäters ebenso gut Gary Cooper oder James Stewart vorstellen. Auch Gregory Peck wäre eine gute Wahl gewesen. Sie alle hätten die in „River of No Return“ vertretenen Prinzipien auf ihre Art interpretiert (wir berücksichtigen jetzt nicht die jeweiligen Vertragsverhältnisse der genannten Stars mit bestimmten Studios). Die Monroe dominiert zwar die Gesangszenen, die übrigen aber nicht auf eine Art, die keinen Platz für einen guten männlichen Schauspieler lassen würde.

Finale

Auch „River of no Return“ gehört zu den Filmen, die uns über viele Jahre begleitet haben und die Mythen, die von ihm den Fluss hinunter ins offene Meer transportiert werden, woben sich in unser Leben ein und diese Stehaufmännchen-Mentalität von Leuten wie Matt Calder hat uns gerade in schwierigen Momenten etwas bedeutet. Da ist, jenseits aller in der Rezension aufgearbeiteten Überhöhungen und Künstlichkeiten, etwas, das uns berührt. Deswegen weichen wir auch von der Meinung jener Kritiker ab, die dem Regisseur Preminger so etwas wie Objektivität bescheinigen (siehe u. a. Phil Hardy, einsehbar in der Wikipedia).

Auch wenn diese nur auf die Figuren bezogen sein sollte, nicht einmal bei deren Darstellung, meinen wir, gibt es auch nur einen objektiven Ansatz. Vielmehr ist „River of No Return“ sehr manipulativ und wir erspüren in jeder Sekunde ganz genau, was die Inszenierung uns sagen will. Genauer, unzweifelhafter als in vielen anderen Filmen. Nämlich genau das, was wir von ihr erwarten – dass wir erbaut werden und uns als Teil eines Mythos empfinden, der von Unbezwingbarkeit und immerwährender Stärke kündet, die von innen kommt, von einem stolzen und mutigen Herzen. Lange Zeit hat das gut funktioniert, auch die USA betreffend. Auch heute ist die Wirkung noch nicht ganz verflogen – in guten Momenten.

Dass gespielt wird mit uns, das nehmen wir dem durchaus zum Zynismus (siehe Zitat über Marilyn Monroe) fähigen und als schwierig bekannten Otto Preminger nicht übel, der aus demselben Land stammt wie sein ebenfalls vielschichtiger und sehr berühmter Kollege Billy Wilder – der bei Marylin Monroes nächstem Film „Das verflixte siebte Jahr“ hinter der Kamera stand und daher für eine der bekanntesten Szenen der Filmgeschichte verantwortlich ist: Für Marylins über dem U-Bahn-Schacht emporwehenden Rock.

Jene berechnenden Mitteleuropäer und begnadeten Regisseure haben mit dafür gesorgt, dass dieses einfache, amerikanische Mädchen, das eine große Schauspielerin werden wollte, nie wirklich über den Status des Sexsymbols hinauskam – und sie wussten, was sie taten und ihr antaten.

76/100

© 2021, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Otto Preminger
Drehbuch Frank Fenton
Produktion Stanley Rubin für
Twentieth Century Fox
Musik Cyril J. Mockridge
Kamera Joseph LaShelle
Schnitt Louis Loeffler
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s