Borowski und die Angst der weißen Männer – Tatort 1159 #Crimetime 946 #Tatort #Kiel #Borowski #Sahin #NDR #Männer #weiß #Incel #14

Crimetime 946 - Titelfoto © NDR, Christine Schröder

Der Stand der Dinge: Frauenhass

Den Titel der Vorschau übernehme ich nicht, denn ein Kommentar und auch der Tatort selbst haben mich nachdenklich gemacht: Ist das wirklich ein guter Film zum Weltfrauentag? Sicher ist er nicht in der Absicht gedreht worden, genau das zu sein, denn u. a. die Pandemie hat die Premierentermine für neue Tatorte und Polizeirufe mittlerweile ganz schön durcheinandergewirbelt. Aber der 1159. Tatort ist sehr lehrreich und enthielt zumindest für mich einige Neuigkeiten. Über den Informationsgehalt und über meine Eindrücke sprechen wir in der -> Rezension.

Handlung

Auf einer Brachfläche in der Nähe eines beliebten Kieler Clubs wird die misshandelte Leiche einer jungen Frau aufgefunden. Die Videoüberwachung des Clubs liefert Klaus Borowski und Mila Sahin ziemlich bald einen Verdächtigen: Mario Lohse. Der verschüchtert wirkende Außenseiter schaut sich regelmäßig im Internetforum des sogenannten „Pick-Up-Artists“ Hank Massmann frauenverachtende Videos an.

Da Lohse kein stichhaltiges Alibi vorweisen kann, entscheiden sich Borowski und Sahin zu einer vorübergehenden Festnahme. Doch Borowski bemerkt bald Anzeichen, die die Tat in völlig anderem Licht erscheinen lassen: In unmittelbarer Nähe des Tatortes meint er eine in den weichen Boden getrampelte „14“ erkannt zu haben, ein Erkennungssymbol amerikanischer Neonazis.

Als Mila Sahin herausfindet, dass auf Hass-Listen im Internet weitere Attacken auf Frauen in Kiel propagiert werden, ist auch sie alarmiert. Beim Versuch, die offenbar akut bedrohte Kieler Politikerin Birte Reimers zu warnen, stößt sie auf ein Vergewaltigungsopfer. Als Undercover-Agent im Umfeld von Massmann muss Borowski erleben, welch enorme Energie hinter den Aufrufen steckt.

Zusatzinfo

Mit „Borowski und die Angst der weißen Männer“ greift der NDR ein hochaktuelles Thema auf: Frauenfeindlichkeit funktioniert in der rechten Szene als „Einstiegsdroge“ in ein destruktives Menschenbild. Der Film rekonstruiert, wie die Gefahr aus dem Netz in reale Gewalt mündet. Regie führte die mehrfache Grimme-Preisträgerin Nicole Weegmann.

Quotenmeter

Selbstverständlich holte der neue Tatort gestern auch den Primetime-Sieg im deutschen Fernsehen, mit 9,16 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von 26 Prozent. Traditionell zählen Borowski-Tatorte nicht zu jenen mit den höchsten Quoten, über 9 Millionen bei der Premiere sind für einen Kiel-Tatort auf jeden Fall in Ordnung.

Rezension

Zunächst einige Infos. Ich wusste zwar, dass es Menschen gibt, die Seminare dazu anbieten, wie man mehr Erfolg bei Frauen (oder Männern(!)) hat, das Seminarbusiness zur Selbstoptimierung ist ohnehin eine der größten Gauklerbranchen in diesem Land, gemessen an der Relation zwischen Kosten und Erfolg. Andererseits kann man es niemandem verwehren, sich neue Ideen, Inspiration und auch mehr Selbstbewusstsein zu schenken oder käuflich zu erwerben, die guten Eigenschaften mehr zu pflegen, vielleicht auch ein paar negative zu bekämpfen; darauf basieren schließlich auch seriöse Psychotherapien, dass man hinterher besser aufgestellt ist als zuvor. Und Know-How ist Know-How, daran führt nichts vorbei.

Dass allerdings solche Seminare einen so frauenfeindlichen Einschlag haben können wie die Veranstaltungen von Hank Massmann, dass sie ineinanderfließen mit Rassismus und allgemein mit rechten Spins, war mir bisher nicht bewusst. Klar ist das, was dort verkauft wird, sexistisch, zumindest,  wenn man es generalisiert. Dass es Frauen gibt, die dominante Männer schick finden, ist dadurch nicht ausgeschlossen, ebenso wie es Männer gibt, die auf einen sehr forschen Frauentyp stehen. Das Problem entsteht vor allem dann, wenn individuelle Eigenschaften und Vorlieben generalisiert werden und wenn Menschen, die sich selbst für unattraktiv oder / und unterprivilegiert halten, Hass ansammeln, weil sie nach eigener Ansicht nicht diesem vermeintlichen Idealbild aller Angehörigen eines anderen Geschlechts entsprechen und dadurch immer mehr abdriften, anstatt geduldig nach jemandem zu suchen, der passen könnte. Oder warten, dass jemand auf einen zugeht, auf eine Weise, die klarmacht, dass keine Missverständnisse entstehen können – oder sollten.  So, wie die ebenfalls ziemlich unsichere Vicki vielleicht ganz gut zu Mario gepasst hätte, unter der Voraussetzung, dass er in einer Beziehung lernt, seine Probleme aufzuarbeiten, ohne dass es zu Ausbrüchen und Gewalt kommt. So wenig erfolgreich ist er ja auch nicht: Drei fremde Mädels „adoptieren“ ihn kurzzeitig, damit er ins „Paradise“ kann, eine von ihnen lässt sich trotz seiner Mischung aus linkisch und knapp übergriffig auf einen Thekentalk mit ihm ein und will vielleicht sogar Sex mit ihm. Dass sie draußen umkippt, weil ihr die eigenen Freundinnen zu viele Tropfen verabreicht haben, ist nicht seine Schuld. Er hat sie auch nicht getreten und die 14 in den Sand geschrieben, sondern es waren die „Maskenmänner“, die in diesen Corona-Zeiten besonders gespenstisch wirken.

Eine Szene musste ich mir noch einmal anschauen: In einer privaten Diskussion über den Film wurde geäußert, dass er Vicki auch etwas in den Drink getan hat. Es gibt diese Rückblende aber nicht, es ist Kommissarin Mila Sahin, die eine Proble von dem Getränk entnimmt. Es hätte auch nicht dazu gepasst, dass er’s erst einmal mit Hank Massmanns Sprüchen versuchen will – okay, doppelt manipuliert funktioniert besser, wäre auch eine Möglichkeit gewesen, aber so radikal ist er zu dem Zeitpunkt noch nicht. Eigentlich ist er eine verlorene Seele und fast bis zum Schluss hat er mir leidgetan, auch deshalb, weil er sich in ein negatives Selbstbild verrannt hat, das ihn anfällig für die Rattenfänger à la Massmann macht. Interessant fand ich Marios Verhältnis zu seiner Chefin: Klar, sie ist ein derber, gebieterischer Typ, aber wie kommt jemand in eine Situation wie seine? Wie kommt es, dass er nicht angemessen reagieren kann? Indem in seiner Biografie bereits viele Verunsicherungen, Demütigungen, Diskriminierungen liegen, und die haben vermutlich nicht Frauen, Mädchen, verursacht, sondern z. B. ein gewalttätiger Vater oder eine männerhassende Mutter, die ihn dominiert hat, daraufhin wurde er zum unsicheren Einzelgänger. Seine fettigen, heruntergekämmten Haare, sein niedergeschlagener Blick, den Mila Sahin bemerkt – und dann die plötzliche Wandlung zur „Glatze“. Sowas kommt von sowas, könnte man beinahe sagen, aber es ist keine Entschuldigung für Gewalt gegenüber Frauen,  zumal ich in seine Biografie als eine Variante einen gewalttätigen Mann hineininterpretiert habe, der ihn von kleinauf negativ beeinflusst hat. Auf jeden Fall ist er nicht von Grund auf „böse“ oder gar mit dem „Mördergen“ ausgestattet. In der Gemeinschaft der Incels wäre er wohl auch nur ein Mitläufer geblieben. Was nicht bedeutet, dass er sich nicht an Gewaltakten wie den gegen die Politikerin Birte Reimers bzw. gegen deren Bürochefin beteiligt hätte. Wenn man selbst keiner Gruppe so eng angehört, dass man für sie fanatische Dinge unternehmen würde, muss man sich immer erst ins Gedächtnis rufen, wie sehr abhängig manche Menschen davon sind, von einer Gruppe akzeptiert zu werden und deren Gebräuche so gut wie möglich zu adaptieren und zu pflegen. Wenn das Fundament einer Gruppe Hass ist und man sich dort mit den eigenen Ressentiments endlich verstanden fühlt, dann kommt es z. B. zu Incels. Damit zu den Incels. Hank ist übrigens ein Pick-UP-Artist, damit wir auch für diesen Seminarguru die korrekte Bezeichnung haben. Hier sind alle nicht so gebräuchlichen Begriffe gut erklärt: „Tatort“ aus Kiel und Borowoski. Wer sind die Incels? Vier Fragen | WEB.DE.

Die Bezeichnung stammt aus Amerika, gemeint sind „Involuntary Celibates“, also unfreiwillig im Zölibat (ohne Sex) lebende Männer, bei denen dieser Zustand zu einem extremen Frauenhass geführt hat. Die Journalistin und Wissenschaftlerin Veronika Kracher, Autorin des Buches „Incels: Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults“, beschreibt sie in den Presseinformationen des NDR als Männer, die sich von der Natur benachteiligt fühlen. Sie fänden sich selbst z. B. zu unattraktiv, um dem herkömmlichen Bild zu entsprechen, das sie Frauen bezüglich der von ihnen bevorzugten Männer zurechnen. Was mir gerade durch den Kopf schießt: Gibt es  eventuell Pauschal-Männerhasserinnen, die mit einer ähnlichen Mentalität unterwegs sind und sie „Feminismus“ nennen? Oh, oh. Dünnes Eis. Keinesfalls soll das ein Angriff auf den Feminismus sein, aber generell führen nicht verarbeitete Herabsetzungen gerne zu extremen Positionen (außer beim Klassenkampf, der ist nicht persönlich, sondern resultiert aus einer solidarischen Grundhaltung der „von unten“ kämpfenden Menschen). Es lässt ich indes anführen, dass die Neigung zur physischen Gewalt dennoch unterschiedlich ausgeprägt ist.

Eine wichtige Rolle dürften dabei generell auch narzisstische Tendenzen spielen. Unter den Männern, die dem Hank Massmann lauschen, sah ich welche, die physisch gar nicht so unattraktiv wirkten, vielleicht ist es bei ihnen das Gefühl intellektueller / sozialer Unterlegenheit, verbunden mit ohnehin vorhandenen rassistischen Weltbildern. Diese halte ich ohnehin für eine wesentliche Triebfeder auch des Frauenhasses, vielleicht sogar eher als umgekehrt. Nun ist es bei Narzissten aber so, dass auch schon ein ganz normales Maß an Zurückweisungen zu erheblichen Problemen führen kann. Wenn also ein Mann eigentlich eher offensiv ist, weil er sich eben gerade für attraktiv hält und sich dabei hin und wieder eine Abfuhr holt, ist das normal – aber wenn man Kränkungen nicht relativieren und die eigenen Anteile sehen kann, wird’s trotzdem schwierig. Narzissten sind z. B. oft auf Rache aus und manipulieren ohne Ende, wenn sie es intellektuell drauf haben. Hank Massmann selbst ist für mich solch ein Kandidat, auch wenn er für eine Führungsfigur im „kernigen“ rechten Milieu etwas zu schmächtig geraten ist. Seine Botschaft verkauft er gut, sogar in der öffentlichen Diskussion, verrät uns dabei einiges darüber, wie schwer es sein kann, auf diese Argumenten immer sofort adäquat zu antworten, weil man differenzierter argumentieren muss als jemand wie Massmann, und differenziert wirkt immer weniger eingängig – und er leidet nicht so offensichtlich unter Minderwertigkeitskomplexen wie etwa Mario, der auch noch Lohse heißt oder hat sie kultiviert und ein Businessmodell daraus gemacht. Einiges ist allerdings in dem Film rhetorisch auch ein wenig zu gut gemacht – einen bösen Satz über eine bestimmten Kategorie von Frauen, die aus rechten oder auch stark von relgiösem Fanatismus geprägten Weltbildern generiert wird und eine bestimmte Gruppe von Immigranten werde ich nicht so schnell vergessen.

Wir arbeiten uns zur 14 vor. Also, dass man 17b anstatt 18 schreiben muss, wenn es um Aufzählungen geht, ebenso 87a anstatt 88, das wusste ich, nicht zu vergessen die 12a. Die 42 ist auch nicht so ohne. Aber dass 14 sich auf 14 Worte eines Kernsatzes der White-Supremacy-Bewegung in den USA bezieht, das war mir nicht bekannt. Wenn das so weitergeht, ist bald jede dritte Zahl nicht mehr verwendbar. Der Satz lautet, ins Deutsche übersetzt: „Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für die weißen Kinder sichern“, im Original: „We must secure the existence of our people and a future for White children.“ Dahinter steht die rassistische Überzeugung, es drohe ein „weißer Genozid“: Weiße seien durch Einwanderer und interkulturelle Ehen vom Aussterben bedroht.

Auch die Wirkung von K.O.-Tropfen wird besprochen: Es sei widerlegt, dass man sie gezielt zur Gefügigmachung einsetzen kann, wegen der dazu notwendigen genauen Dosierung. Vielmehr sei zu befürchten, dass genau das eintritt, was der Disco-Besucherin passiert, mit der Mario flirtet: Herzstillstand, wenn zu viel von der Substanz eingenommen wurde.

Nach diesen Novitäten beschleicht mich wieder einmal das Gefühl, es gibt in Deutschland mehr Milieus als Menschen. Theroetisch möglich ist dies, denn jeder Mensch kann unterschiedlichen Gruppen angehören und pflegt mehrere (Teil-) Identitäten. Aber die Unübersichtlichkeit des Ganzen oder zumindest die Wahrnehmung der Szenen mit ihren verschiedenen Erscheinungsformen, Radikalitätsgraden und Zugängen verstärkt den Eindruck von einer überkomplexen Welt, in der unsere Gesellschaft zudem konsequent in die falsche Richtung rennt. Kein Wunder, dass einige sich die Welt als Ganzes mit einfachen Verschwörungstheorien oder mit esoterischen Ansätzen erklären wollen. Nicht so schlimm, solange es nicht in Aktionen wie diejenigen der Corona-Leugner mündet und dadurch andere gefährdet werden. Nicht so schlimm, solange daraus kein Hass auf andere resultiert, der sich in Gewalt äußert. Wir spinnen alle mindestens hin und wieder ein wenig, aber es kommt eben auf das Maß an und worauf dies alles gerichtet ist und ob es durch Selbstironie gemildert oder gar zu besonderer Friedfertigkeit gewendet wird.

So wie bei Klaus Borowski. Warum können nicht alle Männer sein wie er? Frage ich als Mann und will damit nicht ausdrücken, dass alle Frauen ihn toll finden sollen. Aber seine Souveränität ist eben etwas sehr Wünschenswertes, auch wenn sie stellenweise zu körperlichen Einwirkungen führt. Sich selbst ein Bild machen, ist sein Ding, nicht dozieren. Er ist immer noch neugierig. Was er sieht, reicht ihm aus, er muss es dem Zuschauer nicht mehr erklären und es ist sicher ein Pluspunkt des Films, dass überwiegend so verfahren wird. Einen Talking Head in Person des PC-Extremismusexperten bei der Mordkommission gibt es allerdings auch, sonst wären die oben genannten Informationen nicht in hinreichender Kürze unterzubringen gewesen. Mila Sahin hingegen fand ich gegenüber ihrem eitlen, übergriffigen Ex aus Berlin eher zu passiv – aber ansonsten wirkt sie ebenfalls sehr stimmig und ich habe schon wieder eine Frage: Warum können nicht alle Tatort-Teams so uneitel und produktiv zusammenarbeiten wie Borowski und Sahin in diesem Fall? Weil es z. B. viele dünne viele Fälle gibt, die müssen mit künstlich wirkenden Querelen aufgepolstert werden.

Finale

Für mich hat die Kiel-Schiene mit diesem Film wieder ein sehr gutes Niveu erreicht. Es gibt keine größeren Schwächen, ein wichtiges und für Frauen, aber auch für Männer, die sich Sorgen um den Ruf ihres Geschlechts und über die mögliche Wirksamkeit der Massmannschen Parolen machen, wichtiges Thema wird weitgehend adäquat behandelt. Ja, man kann kritisieren, dass das Todesopfer von seinen Freundinnen „vergiftet“ wurde, unabsichtlich natürlich, die Konsequenzen betreffend, man kann es nervig finden, dass Mila Sahin ausgerechnet in dem Moment, in dem der Ex sie diskriminiert, nicht so taff wirkt wie sonst. Man muss sich sogar Gedanken darüber machen, ob nicht allzu viel Verständnis für Männer, die Gewalt gegen Frauen ausüben, gezeigt wird, weil die Identifikation mit Mario doch recht leicht fällt, wenigstens, bis er sich bewaffnet. In dem Moment, als er Vicki zu Gast hat, die Polizei reinplatzt und ihm alles kaputtmacht, also einige Zeit vorher, scheint sogar Borowski die Lust an der Dekonstruktion eines jungen Außenseiters zu packen. Es sind ein paar Unausgewogenheiten in „Borowski und die weißen Männer“ zu entdecken, die dem Plakativen geschuldet sind. Aber ein Tatort, der davon gar nichts zeigt, wird uns wohl nicht mehr präsentiert werden. Es ist der Zeitstil, der seinen Tribut fordert. Da die Zeit jedoch ebenfalls ihren Tribut fordert, nämlich von Männern, dass sie viel wachsamer und achtsamer gegenüber der Gewalt gegen Frauen sind und Frauen unterstützen, die sich dagegen einsetzen, ist das schon okay. Deshalb auch eine gute Bewertung für „Borowski und die Angst der weißen Männer“.

8/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorwort: Der Tatort zum internationalen Frauentag

Wenigstens lautet der Titel nicht „Die Angst der alten weißen Männer“ oder gar „Die Angst der weißen alten Männer“, sonst hätte ich mich sofort angesprochen, wenn nicht sogar diskriminiert gefühlt und Kommissar Borowski als Leidensgenossen identifiziert oder für mich in Anspruch genommen. Ich finde aber, er ist seit seinem Einstieg als Kieler Ermittler im Jahr 2002 gut gealtert – auch, weil die Borowski-Rolle recht zeitlos angelegt ist.

Brummel-Borowski (Axel Milberg) und seine schlagfertige Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik) arbeiten ein fünftes Mal an einem gemeinsamen Fall: Der NDR-Tatort „Borowski und die Angst der weißen Männer“ führt vom Mord an einer jungen Discobesucherin in das Milieu von militanten Männerrechtlern, die sich im Internet gegen die bösen selbstbestimmten Frauen formieren“, leitet die Redaktion von Tatort-Fans ihre Beschreibung zum Film ein und vergibt 2 und 4 Sterne. Die niedrigere Wertung kommt auch dadurch zustande, so heißt es, dass er Film zu viel will und abhebt. Ich habe immerhin aus der obigen Einleitung gelernt, dass es Männerrechtler gibt. Ich fühle mich nicht mehr so schutzlos in einer fast durchweg feministischen Welt. Aber Militanz ist natürlich und jede Rechtsverteidigung oder -erwirkung betreffend, eine andere Sache.

Gutes Thema – Spannung erst später titelt Michael Haas im SWR3-Tatortcheck und meint, der Film käme vor allem im letzen Drittel in Fahrt und das Thema zum Weltfrauentag stünde zunächst im Vordergrund: Frauenhass als Einstiegsdroge in die rechte Szene. Am Schluss hängen drei von fünf möglichen Elchgeweihen an der Wand.

Mit „Mario, mach Männchen!“ findet Chrstian Buß im Spiegel wieder mal eine Schlagzeile, die sofort Aufmerksamkeit erregt. Von Machos in Männerseminaren bis zu misogynen Trollen im Internet: Der Kiel-»Tatort« zeigt Facetten von Frauenhass – und wie er sich in Gewalt entlädt.“ Allerdings findet Buß noch etwas, nämlich kritische Töne, zum Beispiel, weil es Handlungselemente gibt, die eine Mitschuld der Frauen am konkreten Delikt suggerieren – wenn auch wohl auf einer anderen Ebene angesiedelt als die Diskussion, die z. B. anlässlich von „Angeklagt“ in den späten 1980ern stattfand, das Thema Gewalt gegen Frauen aber wenigstens auf die Tagesordnung der Mainstream-Diskurse gebracht hat.

Der Begriff Femizid („Frauen werden von Männern ermordet, weil sie Frauen sind und keine Männer“, verkürzt ausgedrückt) ist freilich jüngeren Datums.

Thomas Gehringer schreibt in „Tittelbach-TV“: Der „Tatort“ in seinem Element: Mit der Episode „Borowski und die Angst der weißen Männer“ (NDR / Nordfilm Kiel) setzt die ARD am Vorabend des Weltfrauentags ein klares Statement gegen Hass und Gewalt. Die weibliche Disco-Bekanntschaft eines jungen Einzelgängers, der sich in Internet-Foren von Frauen-Hassern tummelt, wird tot aufgefunden. Auch die Büroleiterin einer angefeindeten Politikerin wird überfallen. Der Film von Nicole Weegmann greift das besorgniserregende Phänomen der sogenannten „Incels“ auf. Das sind – zum Teil rechtsextreme, rassistische – Männer, die insbesondere die Frauen-Emanzipation für ihr „unfreiwilliges Zölibat“ (engl.: „involuntary celibat“) verantwortlich machen und sich im Netz gegenseitig aufstacheln.“ Trotz einiger Schwächen sei ihm dieser Film 4,5/6 wert. Daran hatte ich nicht gedacht: Am 8. März ist Weltfrauentag. Wahrscheinlich kommt das daher, weil für mich jeden Tag Frauentag ist und ich mich lieber über den echten Gender Pay Gap unterhalt als über den, der ca. am 8. März ausgeglichen sein soll (bedeutet: Bis etwa zu diesem Tag im Jahr verdienen Männer alleine, Frauen gar nicht – dieser Tag liegt allerdings nicht auf dem 8. März, sondern selbstverständlich je nach Land an einem anderen).

 Für mich ist die Kiel-Schiene mit Kommissar Borowski und seinen bisher drei Ermittlungspartnerinnen noch heute eine derjenigen, die ich am liebsten sehe. Der etwas umständliche Satz deutet es aber an: Es ist nicht mehr ganz so cool mit dem Nordlicht und seinen Fällen wie vor ein paar Jahren, wo sie zu den besten der Reihe zählten. Es fehlt ein wenig der makabere Thrill, den Hits wie „Die Frau am Fenster“ auslösten, die in der Regel als Howcatchem und eben als Thriller angelegt waren. Am Sonntagabend wissen wir wieder einmal mehr und ich freue mich auf jeden Fall auf das Schreiben der Rezension zu „Borowski und der Angst der weißen Männer“ und habe auch keine Angst davor.

TH

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Klaus Borowski – Axel Milberg
Kommissarin Mila Sahin – Almila Bagriacik
Kriminalrat Roland Schladitz – Thomas Kügel
Gerichtsmedizinerin Dr. Kroll – Anja Antonowicz
Paulig, Ermittler für Cybercrime – Jan-Peter Kampwirth
Parkhausangestellter Mario Lohse – Joseph Konrad Bundschuh
seine Bekanntschaft Viktoria „Vicky“ Steffens – Mathilde Bundschuh
Männerrechtler und Trainer Hank Massmann – Arnd Klawitter
Nils Balde, Assistent von Massmann – Patrick Heinrich
Politikerin Birte Reimers – Jördis Triebel
Duschanka Tomi, Assistentin von Reimers – Vidina Popov
u.a.

Drehbuch – Peter Probst
Regie – Nicole Weegmann
Kamera – Willy Dettmeyer
Szenenbild – Sabine Pawlik, Iris Trescher-Lorenz
Schnitt – Andrea Mertens
Ton – Maarten van de Voort
Musik – Florian van Volxem, Sven Rossenbach

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