Immer Ärger mit Harry (The Trouble with Harry, USA 1955) #Filmfest 400

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2021-03-14 FF 0400 Immer Ärger mit Harry The Trouble with Harry USA 1955

Immer Ärger mit Harry (Originaltitel The Trouble with Harry) ist eine US-amerikanische Filmkomödie. Sie wurde 1955 von Alfred Hitchcock nach einem Roman von Jack Trevor Story gedreht und ist von dem für Hitchcock typischen Schwarzen Humor geprägt. Der Film handelt davon, wie eine Leiche die Bewohner eines kleinen Dorfes beunruhigt, da sie fürchten, etwas mit ihr zu tun zu haben. In den Hauptrollen spielen Edmund Gwenn, John Forsythe, Mildred Natwick sowie Shirley MacLaine in ihrem Filmdebüt. Der Film ist eine der wenigen Komödien Hitchcocks. (1)

Meine Begeisterung nach dem Anschauen des Films in den 1980ern erschließt sich bereits in Zeile zwei. Zu einer Bewertung wie dieser könnte es heute nicht mehr kommen, da wir nie mehr als 10/10 (100/100, nach aktuellem Schema) vergeben. Diese volle Punktzahl ist in bisher 400 Rezensionen, die auf dem Filmfest gezeigt wurden, noch nicht einmal erreicht worden. Auf jeden Fall ist „Immer Ärger mit Harry“ für mich immer noch gut genug, um ihn mit einer runden Rezensionsnummer zu würdigen.

Viele Kinostücke aus der Mitte der 1950er und aus den USA zählten damals und zählen noch heute zu meinen Lieblingsfilmen, obwohl sich mein Spektrum erheblich erweitert hat. Prägung durch das, was in der Jugend im Fernsehen lief, ist durch nichts zu ersetzen außer durch noch mehr Prägung durch noch mehr Filme. Außerdem war es eine Sensation, als die von Alfred Hitchcock aus dem Verkehr gezogenen Klassiker Mitte der 1980er wieder gezeigt wurden (mehr dazu in der Rezension für „Fenster zum Hof„). So außergewöhnlich der Film für einen Hitchcock ist, er hat sowohl Vorgänger als auch Nachfolger. Deshalb hat mich auch diese Aussage nachdenklich gestimmt:

Der Film war in den Vereinigten Staaten im Herbst 1955 ein finanzieller Misserfolg. Als Gründe wurden angenommen, dass viele Zuschauer von Hitchcock wie üblich einen Kriminalfilm erwarteten und insbesondere die Amerikaner den schwarzen Humor nicht gewöhnt waren. Anders war dies in Europa, wo der Film in Italien und Frankreich über ein Jahr in den Kinos gezeigt wurde.[14]

Sicher hat die Erwartungshaltung eine Rolle gespielt, aber schon „Fenster zum Hof“ ist unverkennbar auch von humorvollen Momenten geprägt, wie überhaupt Hitchcocks Stil in jenen Jahren eine große Ausgewogenheit zwischen Leichtigkeit und der Fähigkeit, Spannung zu erzeugen, erreichte. Ganz sicher tendiert auch „Immer Ärger mit Harry“ am weitesten zur skurril-humorvollen Seite. Aber im selben Jahr lief sehr erfolgreich die Krimikomödie „Ladykillers“, die ich viel makaberer finde als „Immer Ärger mit Harry“ und was ist mit „Arsen und Spitzenhäubchen“ (1944), der Mutter aller Gruselkrimi-Komödien? Vielleicht, weil der Film starbesetzt war und auf einem sehr erfolgreichen Bühnenstück beruhte hatte er mehr Erfolg, aber makaberer geht’s kaum. Noch heute verteidige ich also „Immer Ärger mit Harry“ gegen ein damals ignorantes Publikum, weil er wirklich wundervoll ist. Punktemäßig wäre er nun eher in den hohen 80ern angesiedelt, aber das ändert nichts daran, dass mir die Art von Humor darin sehr gefällt. „Die Zeit“ hat das Essentielle 1984, anlässlich der Wiederaufführung, gut zusammengefasst:

„Die Komik beruht auf Understatement. Man redet von einer Leiche wie von einer verlegten Brille. Diese netten, sympathischen Leutchen, die da unmoralisch und skrupellos mit einem toten Körper hantieren, ihn mal in die Badewanne werfen, mal an den Füßen durch die Gegend schleifen, und alles stets nur unter einem pragmatischen Blickwinkel betrachten, sind die am liebevollsten gezeichneten Menschen, die man, vielleicht einmal von Shadow of a doubt abgesehen, bei Hitchcock finden kann. Ihnen, den kleinen Leuten jenseits der großen aufregenden Weltereignisse, gehört hier seine ganze Sympathie. Sie streben nicht nach den Juwelen, nach dem Geld und der Macht, die in allen anderen Filmen immer Katastrophen auslöst. Teils sind sie schlicht zu alt, teils interessiert es sie einfach nicht.“ – Die Zeit, 1984

Ich finde sie sogar liebevoller gezeichnet, denn es gibt nicht die große Anspannung durch einen Bösewicht, die „Shadow of a Doubt“ sicher viel thrilliger macht, aber uns stets wissen lässt, dass das Unberechenbare und Verworfene nie weit ist. Meine Einschätzung aus dem Jahr 1989 liegt im Trend: Kritiken zu diesem Film werden immer positiver, so steht es jedenfalls in der Wikipedia, u. a. ist von einem „verkannten surrealistischen Meisterwerk“ von Hitchcock die Rede. Ich mag Surrealistisches auch in Literatur und Malerei, daher wohl die immer schon vorhandene Affinität zu diesem Film. Eine unbedingte Empfehlung für alle, die in diesen Zeiten das Böse im Kleinen und das Kleine im Bösen als Kommentar zur Monstrosität dessen verstehen möchten, was unsere Welt kennzeichnet – im Kino wie in der Realität.

© 2021, 1989 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv = Wikipedia / zitiert nach Wikipedia

Regie Alfred Hitchcock
Drehbuch John Michael Hayes
Produktion Alfred Hitchcock
für Paramount Pictures
Musik Bernard Herrmann
Raymond Scott
Kamera Robert Burks
Schnitt Alma Macrorie
Besetzung

 

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