In den Wind geschrieben (Written on the Wind, USA 1956) #Filmfest 429 DGR

Filmfeste 429 Cinema – Die große Rezension

Wo die Seelen ebenso schwer sind wie die Geldbörsen

In den Wind geschrieben ist ein US-amerikanischer Spielfilm aus dem Jahre 1956. Das Melodram unter der Regie von Douglas Sirk basiert auf dem Roman In den Wind geschrieben (Originaltitel: Written on the Wind) von Robert Wilder.

Die Handlung in einem Satz: Zwei Freunde, der Sohn eines Texas-Ölmagnaten und der Ingenieur der Firma, verlieben sich in dieselbe Frau, doch Rock Hudson steht zurück, um sie Robert Stack, dem Ölmilliardär zu überlassen, was aufgrund dessen labiler Verfassung nicht gutgehen kann, zumal er auch noch mit einer bösen Schwester gesegnet ist, die ihn gegen Mitch (Hudson) instruiert, den sie selbst nie haben konnte, und so kommt es zu einer Verkettung verhängnisvoller Umstände und einem ebenso verhängnisvollen Schuss.

„Wer den Melodramen nichts abgewinnen kann, die Douglas Sirk in den 1950ern in den USA gemacht hat, der hat vielleicht kein Herz – oder schränkt sich aus intellektuellen oder ideologischen Gründen ein, was das Medium Film angeht.“ Selbstzitat aus dem Entwurf zur Rezension, der vor sieben Jahren geschrieben wurde. Ob man es so absolut sehen muss, ist die eine Sache, alles andere steht in der -> Rezension.

Handlung (5)

Die Familie Hadley aus Texas ist durch Öl schwer reich geworden. Vater Jasper Hadley ließ seine Kinder gemeinsam mit Mitch Wayne, dem Sohn eines Freundes, aufwachsen. Mitch Wayne kommt aus ärmeren Verhältnissen als die Hadley-Kinder Kyle und Marylee. Kyle ist ein notorischer Trinker und Playboy. Marylee, die seit der Kindheit in Mitch verliebt ist, ihn aber nicht bekommen kann, führt ein flatterhaftes Leben. Mitch ist hingegen ein reifer und verantwortungsbewusster Mann, der sich immer als „großer Bruder“ um die Familie und das Unternehmen kümmert.

Kyle lernt gemeinsam mit Mitch die Sekretärin Lucy Moore kennen. Beide verlieben sich in sie. Kyle drängt sich vor Mitch und will Lucy zunächst verführen, doch als sie ihn zurückweist, heiratet er sie vom Fleck weg. Er ist sehr glücklich und schafft es sogar, ein Jahr lang nicht zu trinken. Der alte Hadley erleidet aber derweil, durch die Leichtlebigkeit seiner Tochter bekümmert, einen schweren Herzinfarkt und stirbt.

Kyle sehnt sich nach einem Kind. Als dies zunächst nicht klappt, lässt er sich mit Lucy ärztlich untersuchen. Obwohl die Tests noch nicht abgeschlossen sind, steigert sich Kyle in den Gedanken hinein, dass er zeugungsunfähig sei, was dazu führt, dass er wieder zu trinken beginnt. Mitch dagegen liebt Lucy weiterhin und beschließt, für ein anderes Ölunternehmen in den Iran zu gehen. Die eifersüchtige Marylee redet ihrem Bruder ein, dass Mitch ein Verhältnis mit Lucy habe. Als diese dann doch von Kyle schwanger wird, glaubt dieser, dass Mitch der Vater sei. In betrunkenem Zustand schlägt er Lucy, die daraufhin eine Fehlgeburt erleidet. Mitch wirft ihn aus dem eigenen Haus und droht im Zorn, ihn umzubringen.

Der völlig betrunkene Kyle kommt nachts zurück, um Mitch umzubringen. Er erfährt allerdings von Mitch, dass er tatsächlich der Vater des Kindes von Lucy gewesen sei. Marylee versucht, ihrem Bruder die Waffe zu entwenden. Dabei löst sich ein Schuss, der Kyle tötet.

Es kommt zu einer Zeugenanhörung vor Gericht. Mitch steht wegen seiner Drohungen unter dem Verdacht, Kyle umgebracht zu haben. Marylee hatte Mitch angedroht, sollte er sie nicht heiraten, würde sie ihn vor Gericht belasten. Sie besinnt sich jedoch eines Besseren und gesteht vor Gericht die Wahrheit. Der Liebe zwischen Mitch und Lucy steht nun nichts mehr im Wege. Die beiden gehen zusammen fort, und die verzweifelte Marylee bleibt allein im jetzt leeren Haus ihrer Familie zurück.

Rezension

Man kann eine ganze Menge gegen Werke wie „In den Wind geschrieben“ vorbringen, zum Beispiel, wenn man den Stil jener Zeit als zu pathetisch empfindet und zudem das Gefühl hat, Sirk treibt es damit wirklich auf die Spitze. Man kann sagen, in diesem Film wird ganz schön überagiert. Das stimmt – allerdings nicht von allen Schauspielern gleichermaßen, und das macht es wiederum interessant. Während Rock Hudson und vor allem Lauren Bacall ihre Rollen vergleichsweise zeitlos und dezent spielen, hat Robert Stack den trinkenden Millionärssohn in die Richtung von James Deans hypertheatralischen Darstellungen ausgeformt und Dorothy Malone als dessen Schwester chargiert stellenweise.

Das liegt nicht daran, dass sie generell keine gute Schauspielerin war, sondern ist wohl eher in der Tatsache begründet, dass Sirk hier offenbar hin- und hergerissen war, ob er einen monolithisch schlechten Charakter auf die Leinwand bringen wollte oder, seiner eigentlichen Veranlagung gemäß, eine differenzierte Figur, die nicht nur Schwächen hat. Dabei kam der einzige wesentliche Charakter des Films heraus, der zeitweise nicht konsistent wirkt. Interessanterweise erhielt Malone für diese etwas übertriebene Rolle den Oscar als beste Darstellerin in einer Nebenrolle, während Hudson und Bacall nicht einmal für ihre Hauptrollen nominiert waren (Nebenrolle meint alle Schauspieler jenseits der Protagonisten, die Figur Marylee hat ähnlich viel Spielzeit wie etwa Lucy in Person von Lauren Bacall). Für die beste Nebenrolle männlich wurde allerdings auch Robert Stack als Kyle Hadley nominiert, verlor aber gegen Anthony Quinn, der den Maler Paul Gauguin im van Gogh-Biopic „Lust for Life“ porträtierte.

Man kann schon sagen, wir sind Fans von Douglas Sirks Kleinstadtmelodram „Was der Himmel erlaubt“, in dem Jane Wyman und Rock Hudson hervorragend zusammen agieren und das erstmals bei Sirk in voller Ausprägung jene farbenprächtige Intimität hat, die alle späteren Melodramen blass wirken lässt, gleich, wer sie inzseniert hat. Von diesem Film aus betrachtet, wirkt „In den Wind geschrieben“ nicht ganz so wunderbar gefühlsecht, außerdem ist die Sozialkritik eher in das Setting gepackt als so deutlich ausgedrückt wie in „Was der Himmel erlaubt“. Weniger mochten wir den bisher einzigen Film des Regisseurs, den wir bereits für den Wahlberliner rezensiert haben – „Zu neuen Ufern“, noch in Deutschland unter seinem eigentlichen Namen Detlef Sierck gedreht (Anmerkung: Auf dem Filmfest des neuen Wahlberliners wurde die Rezension noch nicht gezeigt, da wir aktuell überwiegend nach 1.) nach Ländern und 2.) chronologisch vorgehen, wobei die USA selbstredend an erster Stelle stehen).

Was die Künstler deutscher Zunge Hollywood gegeben haben, lässt sich nicht in bescheidene Worte fassen. William Wyler machte diese wunderbaren Schauspielerfilme, künstlerischer und zurückhaltender als Sirk, Billy Wilder konnte vom Thriller bis zur ulkigen Komödie alles auf höchstem Niveau und in der zweiten Reihe standen andere, namhafte Kräfte, die, wie Sierck, aus politischen Gründen Deutschland verlassen hatten und, oft auf Umwegen, in die USA emigriert waren.

„In den Wind geschrieben“ hat nicht so sehr diese doch recht deutsch wirkende Romantik in sich wie „Was der Himmel erlaubt“, aber eine ganze Menge mehr an nordischer Schwere. Sierck ist ja auch kein Süddeutscher gewesen, sondern im Hamburg aufgewachsen und mit Dänemark konnotiert. Wenn man Sirks Melodramen begreifen will, muss man diese nordische Seele verstehen und Dichter wie Hans Christian Andersen kennen. Sirks Melodramen sind Märchen für Erwachsene, die so tief in die Seelen der Figuren blicken wie kaum Filme zuvor – oder mit mehr direkten Ausdruck der psychischen Qualen als zuvor. Manches wirkt überdeutlich, von den Dialogsätzen, deren jeder einzelne ein Drama für sich darstellt bis zur Farbsymbolik in prächtigen Dekors. Die geschmackvolle Inszenierung des Inneren durch äußere Kennzeichen ist atemberaubend.

Selbst deutsche Autorenfilmer wie Rainer Werner Fassbinder und französische Nouvelle-Vague-Künstler gaben kund, durch Sirk beeinflusst worden zu sein – und das war nicht nur gegen die reine Lehre vom distanzierten Sozialfilm, sondern eine Verbeugung vor jenem Stil, den man doch hinter sich lassen wollte, als in den 1960ern Kino neu definiert wurde. Aber natürlich hatten die neuen Filmkünstler, anders als die zeitgenössische Kritik, ein Gespür dafür, wo alles nur Konvention und läppische Routine war und wo andererseits beseelte Leute wie Sirk am Werk waren, die ganz sicher auch selbst an das glaubten, was sie auf Zelluloid bannten.

Ob es deswegen immer glaubhaft wirkt, ist eine andere Sache. Dimmt man den übermächtigen Zeitstil, der auch in Nicht-Sirk-Filmen deutlich zutage tritt, ein wenig herunter, warum nicht? Man kann Authentizität herstellen, indem aus einigen übertriebenen Szenen das destilliert, was möglich ist und zu allen Zeiten vorkam, weil es ewig menschlich ist.

Wie zum Beispiel die Tatsache, dass ein reicher Texaner zwei Kinder hat, die sich ungünstig entwickeln. „In den Wind geschrieben“ macht dafür den frühen Tod der Mutter verantwortlich und der Vater hatte wohl keine Zeit, neben seinen Geschäften positiv auf die Persönlichkeitswerdung der nächsten Generation entscheidenden Einfluss zu nehmen. Für einen Ölmann wirkt er sehr zurückhaltend, emotional gebildet, ja melancholisch. Aber er hat ja etwas getan, indem er dafür gesorgt hat, dass der patente Mitch immer an der Seite seines Sohnes ist und seine positiven Eigenschaften vorbildhaft vermitteln kann.

Der Film enthält sich jeder Aussage darüber, ob schlechter Charakter in den Genen liegt oder in der Art, wie Menschen aufwachsen, seine Wurzeln hat – und das ist gut so, denn die Ansichten, welche Anteile der Persönlichkeit auf welche Faktoren zurückzuführen sind, hat seit der Entstehungszeit von „In den Wind geschrieben“ mehrfach gewechselt.

Schon diese Namen: „Die wunderbare Macht“; „Was der Himmel erlaubt“; „Zeit der Liebe, Zeit des Abschieds“; „In den Wind geschrieben“ – solche Überschriften gab es gehäuft nur in jenem voluminösen Jahrzehnt nach dem  Zweiten Weltkrieg. Sirks Filme waren mit so grandiosen Titeln ausgestattet, dass ausnahmsweise der deutsche Verleih, der sonst für jede reißerische Umbenennung eher nüchterner US-Originaltitel gut war, ohne Änderungen verfuhr. Nur sein letzter Film und Höhepunkt seines Schaffens von 1959, der im Original „Imitation of Life“ heißt, wird im Deutschen zu „Solange es Menschen gibt“ und man merkt gleich, während Sirk bis zuletzt am Stil arbeitete und auf der Höhe der Zeit bleiben wollte, war man hierzulande nicht bereit, von diesen hochtrabenden Formulierungen der Mittfünfziger zu trennen. Einschränkend sei hinzugefügt, dass die Werke von Douglas Sirk meist nach zeitgenössischen Romanen entstanden und die Titel unverändert für die Kinoadaptionen übernommen wurden.

„In den Wind geschrieben“ weist aber nicht nur die etwas schwülstige Zeitstilistik auf und hebt sie auf höchstmögliches Niveau, sondern hat auch innovative Ansätze. Dazu gehört zum Beispiel die Anfangssequenz, ohne Vorspann, in der gleich ein Spannungselement enthalten ist. Da rast Kyle Hadley (Robert Stack) mit seinem gelben Sportwagen durch den Herbstabend, stark angetrunken, kommt nach Hause, Lichter gehen an, ein Schuss fällt, eine Frau sinkt zu Boden. Dann erst der Vorspann, allerdings wieder mit der Integration eines jener Lieder, die typischerweise in jenen Jahren einen Film einleiteten und manchmal, wie auch hier, sagen wir, etwas schmalzig waren. Dann erfolgt die eigentliche Erzählung per Rückblende und endet nach mehr als 80 Minuten wieder genau dort, wo die Einleitung uns bereits hingeführt hat. Die Andeutungen werden vervollständigt, das Rätsel der Anfangs-Plansequenz wird gelöst.

Die Exposition ist auch sehr modern gefilmt, und die Symbolik ist sofort klar. Wer so ein Retromobil mit freistehenden Kotflügeln durch die Gegend knattern lässt, dazu in Quietschgelb anstatt in schönem Himmelblau oder Rosa, was damals durchaus ging, der ist nicht bei sich selbst. Außerdem ist Abendstimmung und es stürmt und die Blätter fallen und werden vom Wind ins Haus gedrückt, als der Mann aus dem Auto steigt und es betritt. Wer da noch nicht gemerkt hat, dass Drama und Tod und sogar seelische Ausnahmezustände bevorstehen, dem ist nicht zu helfen.

Daher versteht es sich von selbst, dass die Menschen regelmäßig Kleidung tragen, die zur Stimmung passt, besonders deutlich an Marylee, der Schwester von Kyle zu sehen, die ihren Jungmädchenträumen nachhängt und immer, wenn sie das tut, eine grobkarierte Bluse trägt und eine ebenso rurale Hose. Als sie hingegen mit sich selbst und dem Bild von Mitch tanzt und alles um sich in ihrer Selbstbezogenheit vergisst und auch nicht mitbekommt, dass ihr Vater stirbt, als er zu ihr will und sich vermutlich über die laute Musik beschweren, da ist sie ein blonder Vamp im lachsroten Négligé, das im Grunde keinen Sinn hat als den, ihren aufschäumenden Gefühlszustand zu reflektieren. Am Schönsten aber die Endszene, als sie vor Gericht als Zeugin einen etwas zu großen schwarzen Hut zum schwarzen Kostüm trägt, der ihr etwas dämonisch-übertrieben Mondänes gibt und der  Zuschauer nicht wissen kann, ob sie nun Mitch belasten wird oder die Wahrheit sagen – und ihn ziehen lassen, mit der Frau des toten Hadley. Am Ende kann sie loslassen. Sie geht ins Büro des Vaters, nimmt dessen Platz am Schreibtisch ein und umklammert verzweifelt das Bohrturm-Modell, das dort steht und das ihr Vater auf dem großen Bild hinter dem Schreibtisch ebenfalls umfasst hält. Voilà. Da, wo alle Zwischemenchlichkeit zu Ende ist, bleibt doch immer noch das Imperium. Deswegen gebührt ihr auch die letzte Einstellung, nicht den beiden, die für immer die Sphäre der Hadleys verlassen werden.

Es war klug von Sirk, nicht allen Figuren gleichermaßen eine sehr dominante Symbolik zuzuordnen wie Marylee, denn das wäre in einer einzigen Szene per Bildsprache schwer umzusetzen gewesen. Recht deutlich wird dieses Verfahren auch in den verschiedenen Kleidungsstücken, die Lucy (Lauren Bacall) trägt, die Männer hingegen werden, wie es bei Männern üblich ist, eher über ihre Autos definiert. Hadley über die Potzenzkrücke Sportwagen (die Schwester hat natürlich ein ähnliches Modell in Rot), während der Ingenieur immer eine schlichte, schwarze Limousine mit Firmenlogos auf den Türen fährt. Ein Mann, welcher so pragmatisch und treu, wie es irgend geht, der Sache dient und nicht sich selbst und seine Befindlichkeiten in den Vordergrund stellt. Die Menschen, die mit ihrem Selbst nicht klarkommen, werden aber von Sirk nicht verurteilt oder gar lächerlich gemacht, wie es viele Parodien solcher Melodramen gerne zeigen. Der Regisseur weiß, dass er innerlich zerrissene Menschen gut kann und aus deren Kämpfen mit sich und der Umwelt großes Drama zu bauen in der Lage ist.

Sicher haben seine Film auch etwas Theaterhaftes, wie auch die Verfilmungen etwa der Tennessee-Williams-Stücke, die damals auch in Mode kamen – wer zum Beispiel „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ mit den Topschauspielern Elizabeth Taylor und Paul Newman kennt, der bemerkt sofort die Ähnlichkeiten in der grundsätzlichen Anlage. Nur, dass die Dramenverfilmungen noch exaltierter und die Personen noch theaterhafter angelegt sind, was diesen Filmen aber interessanterweise weniger angekreidet wird. Da spielen Kritikermanierismen ebenso eine Rolle wie die literarisch hoch angesehenen Vorlagen, die man ja gleich mitkritisiert hätte, deren Art von Kritik am amerikanischen Traum, die auch Sirk-Filme wie „In den Wind geschrieben“ in sich tragen, die aber kurz vor der Kennedy-Ära und dem Aufschwung der Bürgerrechtsbewegung und des politischen Liberalismus in den USA sehr positiv aufgenommen wurden.

Eine Frage, der man sich angesichts der exaltierten Vorstellung und des All-in-One-Themenangebots im Film (vom Wohlstandsalkoholismus über Impotenz einerseits und Nymphanie andererseits, Eifersucht, Potenzneid, Rivalität, Depression, Libertinität, versteckter: Inzest und Homosexualität, Vater-Sohn-Konflikt, vor allem aber: Die Sehnsucht nach Liebe und die Unmöglichkeit, sie zu finden), ist, wie sehr steckt Ironie hinter allem? Wir meinen, man sollte Sirk diesbezüglich nicht überbewerten. Schon die deutschen Filme sind alles andere als Komödien und auch in den USA hat Sirk wenige Filmmomente geschaffen, die seinen eigenen Stil parodieren. Dass unterschwellige Kritik am ausufernden, hohl wirkenden und anti-intellektuellen Lebensstil der geschäftstüchtigen Oberen Mittelschicht in den US vorhanden ist (man beachte, wie Hadley nach einer archaischen Pistole zur Regelung seiner Probleme sucht und dafür Bücher aus der Hausbibliothek zerstört), dass hin und wieder sexuelle Anspielungen vorkommen, die nicht so einfach zu erkennen sind wie z. B. die Farb-, Dekor- und Bekleidungssymbolik, steht der überwiegenden Ernsthaftigkeit und Nähe von Sirk seinem eigenen Werk gegenüber nicht entgegen. Dass er die natürlichen Gaben seiner Darsteller ausschöpft, auch, wenn diese in der Produktion überdeutlicher Momente gipfeln, ebenfalls nicht (1).

„Ich wollte die innere
Gewaltsamkeit der Figuren
zum Ausdruck bringen, ihre
Energie, die nicht ausbrechen
kann.“
(Douglas Sirk)

Diese Worte des Regisseurs, zitiert nach (2), sprechen wie unsere Beobachtungen zum Film eher gegen eine allzu deutliche Ironisierung und eine Art stilles Amüsement des Regisseurs bei der Inszenierung seiner gequälten Menschen.

Kritikenspiegel, zitiert nach (5)

Ähnlich wie die meisten Filme von Sirk wurde Written on the Wind von Kritikern der 1950er-Jahre nur wenig begeistert aufgenommen. So kritisierte Bosley Crowther in der New York Times vom 12. Januar 1957, dass die Komplikationen zwischen den Charakteren niemals klar seien, außerdem würden die Schauspielleistungen von Stack und Malone absurd sein.[3] Durch die Neubewertung von Sirks Werk ab den 1960ern fand der Film aber in späteren Jahren Zuspruch von Filmkritikern. Bei Rotten Tomatoes fallen 17 der 21 Kritiken positiv aus, womit der Film eine positive Wertung von 81 % besitzt.[4]

„Mit einem sensiblen Gespür für menschliche Untiefen und schwierige Beziehungskonstellationen ist Douglas Sirk hier eine packend-pathologische Familiengeschichte mit einer für die 1950er Jahre erstaunlich tiefschichtigen Perspektive gelungen. Mit seiner blumigen bis beinahe schrillen Farbästhetik, seinem hervorragend agierenden Ensemble und seinen symbolträchtigen Bildkompositionen überzeugt „In den Wind geschrieben“ als für die damalige Zeit innovativ inszeniertes, melancholisches Melodram, dessen brisante Thematik auch heute noch brennend aktuell ist.“ – kino-zeit.de[5]

„Effektvolle Kolportage in luxuriöser Kulisse; die vorgebliche Tragik des Melodrams ist jedoch wenig glaubhaft.“ – Lexikons des Internationalen Films[6]

„Douglas Sirks Familiengemälde von 1956 ist mit dem Spachtel gemalt. Überschwänglich sind die Gesten, jeder Dialog eine Lebensbeichte, Farben schreien dich an. Aber Written on the Wind gehört zum Besten, was das Hollywood-Melodram der 50er-Jahre zu bieten hatte.“ – filmzentrale.de[7]

Frieda Grafe meint, Sirks Kritik ziele nicht auf die Kinder der Reichen, sondern auf die „beiden berechnenden Normalen“, die Bacall und Hudson spielen. Zu begreifen, dass diese die eigentlichen negativen Figuren seien, sei „Sirks Herausforderung an sein Publikum, dessen Identfikationsneigungen und -gewohnheiten er damit empfindlich stört.“ Sirks Hass an Amerika gelte weniger den „ganz Reichen, sondern den Wohlsituierten, die die Utopie von freiheitlicher Selbstentfaltung in kleinliches Erfolgsdenken umgemünzt haben.“[8]

Letztere Ansicht hat uns verblüfft. Sicher hat Sirk Rock Hudson unterschiedliche Figuren spielen lassen, man vergleiche etwa seinen anfänglichen, später geläuterten Playboy in „Die wunderbare Macht“ mit dem soliden Naturburschen-Gärtner in „Was der Himmel erlaubt“. Aber in „Die wunderbare Macht“ ist es ein Reicher, der einen schweren Unfall verursacht und sich läutern muss und so negativ, wie sie hier beschrieben werden, habe ich die Figuren von Hudson und Bacall nicht wahrgenommen. Vielleicht werden wir uns den Film noch einmal anschauen und eine Neubewertung vornehme, aktuell aber halten wir diese Auslegung für etwas zu sehr um die Ecke gedacht. Das Overacting von Malone und Stack hingegen, das wir ausgemacht haben, wird auch an von anderen identifiziert.

Finale

Es wäre grundfalsch, die Klassifizierung von „In den Wind geschrieben“ als Melodram so zu interpretieren, dass der Film billiger Kitsch wäre. Klar ist er kitschig, aber nicht auf die sehr simple Art, in welcher US-Fernsehserien, Rosamunde Pilcher-Verfilmungen und ähnliche Machwerke seelische Zustände reflektieren oder dies vorgeben.

Sirks Film ist viel fordernder und mächtiger, hinter der pompösen Fassade vergleichsweise unsentimental und hinterfragt mehr, als man das offenbar in den 1950ern erkannt hat (wo er beim Publikum viel besser ankam als bei der Kritik) das gesamte System, in dem sich die soziale Interaktion der Figuren abspielt. Er stellt uns Fragen über die Sozialisierung in einer materiell vom Überfluss, aber emotional von Armut geprägten Welt, die verlorene Menschen hervorbringt wie die Hadley-Geschwister, erzählt uns von der Ohnmacht der Eltern wie der Kinder gegenüber einem System, dessen unreflektiertes Ausleben ein gewaltiges Maß an innerer Leere  zurücklässt.

Dass Sirk in „In den Wind geschrieben“ mehr mit Subtext gearbeitet hat als in einigen anderen seiner erfolgreichen 50er JahreFilme und schon gar nicht ein Sozialdrama im Stil von Tennessee Williams schuf, wozu das Szenario gut getaugt hätte, lässt ihn dem echten Kitsch zunächst näher erscheinen.

Die Nutzer der IMDb optieren aber richtig, wenn sie alle die Sirk-Melodramen jener Glanzzeit des Regisseurs von 1953-1959 auf beinahe gleicher Höhe ansiedeln (sie liegen im Bereich von 7,5/10, wie „In den Wind geschrieben“ bis 7,8/10 („Solange es Menschen gibt“) (3). Keiner dieser Filme schafft es aber in die Top 250 der besten Kinowerke aller Zeiten, wofür etwa 8,0 bis 8,1/10 notwendig wären.

Einzeln gehören diese Filme wohl auch nicht in diese alleroberste Riege der Topfilme aller Zeiten (4). Aber würde man sie zu einer Art Essenz verdichten und einen einzigen Film daraus machen, dann käme das definitive Melodram mit erstklassigen Figuren, großer Botschaft und schwelgerischer Optik dabei heraus, das seinen Platz in der Liste der beliebtesten, ewigen Genres und Stoffe haben sollte.

78/100

© 2021 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

  1. Zu diesem Abschnitt siehe die Kritik von Roger Ebert, der „In den Wind geschrieben“ auch deshalb so gut findet, weil er Sirk ebenjene parodistischen Ansätze unterstellt.
  2. Ulrich Behrens, follow me now.
  3. Stand 8. Januar 2014.
  4. Wir haben an anderer Stelle angemerkt, dass wir neuere Filme oftmals für überbewertet halten.
Regie Douglas Sirk
Drehbuch George Zuckerman
Produktion Albert Zugsmith für
Universal Pictures
Musik Frank Skinner
Kamera Russell Metty
Schnitt Russell F. Schoengarth
Besetzung

 

 

 

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s