Geld oder Leben – Tatort 368 #Crimetime 964 #Tatort #Berlin #Roiter #SFB #RBB #Geld #Leben

Crimetime 964 - Titelfoto ©  SFB / RBB

Wie man einen Porsche im Wald parkt

Bereits in der Vorschau schrieben wir, die Handlungsangabe erinnert uns an den Plot eines alten Polizeirufs, in ihm ging es um den Transport von Lohngeldern, nicht um einen Banküberfall – aber das mit dem vertauschten Koffer … auch nach dem Anschauen des 368. Tatorts haben wir das Gefühl, da ist einiges abgekupfert, aber nicht nur von diesem DDR-Polizeiruf. Man kann es aber auch so sehen: Es geht um Krimi-Versatzstücke, mit denen dieser Tatort spielt. Ein Modell- oder Spielzeugauto spielt ebenfalls eine Rolle. Haben wir mitgespielt? Darüber mehr in der -> Rezension.

Handlung

Bei einem Banküberfall wird der Kurier einer Geldtransportfirma von Bankräubern in der Schalterhalle erschossen. Der unscheinbare Kassierer Schubert nutzt das allgemeine Tohuwabohu und tauscht in einem vermeintlich unbeobachteten Moment die gerade angelieferten vollen Geldkoffer gegen leere aus.

Die beiden Bankräuber stürmen mit den leeren Koffern und ohne Beute davon, während Schubert die Tageslieferung von 850.000 DM verschwinden läßt und am Abend in seiner Wohnung versteckt. Doch dann bekommt er ungebetenen Besuch: Der Bankräuber Kalster dringt in Schuberts Wohnung ein, um sich die Beute zurückzuholen. Bei einem Handgemenge stürzt Kalster aus dem Fenster und schlägt auf dem Bürgersteig vor Schuberts Haus auf. Schubert nutzt die Dunkelheit der Nacht, um die Leiche Kalsters in die Spree zu werfen. Als der Tote geborgen wird, identifizieren die beiden Berliner Kommissare Roiter und Zorowski diesen als Mitarbeiter der Geldtransportfirma, die am Tag des Überfalls die Bank mit den gesuchten 850.000 DM belieferte. Doch wer war sein Komplize?

Eine Frage, die auch Schubert stark beschäftigt: Könnte nicht seine junge, attraktive Kollegin, Fräulein Schneider, die ihm, dem mausgrauen Schubert neuerdings Avancen macht, der zweite gesuchte Bankräuber sein? Doch auch die macht sich so ihre Gedanken: Könnte nicht der kreuzbrave Schubert die Bankräuber um ihre Beute gebracht haben? Beide umlauern sich – und verlieben sich ineinander. In einem Berliner Parkhaus kommt es nach einer Auseinandersetzung mit Filialleiter Steinhoff, der auch hinter der Beute her ist, zum Showdown für das ungleiche Paar: Schubert und Schneider müssen sich entscheiden – Geld oder Leben!

Rezension

Man mag die Roiter-Ära des SFB für eine furchtbare Zeit halten und wir müssen auch bedenken, dass wir einen der am höchsten bewerteten von seinen neun Filmen vor uns haben. Der sich übrigens durch die Ausstrahlung vor wenigen Tagen um einige Plätze in der Rangliste des Tatort-Fundus verbessern konnte. Vielleicht kommt heute der skurrile Humor dieses Werkes wieder besser zur Geltung – je absurder die Realität wird, desto weniger unrealistisch wirkt ein Film mit vielen absurden Elementen. Eines Tages wird „Geld oder Leben“ vielleicht noch zum Kultfilm.

Das Potenzial dazu hat er nach unserer Ansicht. Die Qualität der Darstellung schwankt zwar, die Qualität des Bildes ist mies, auch in HD wird aus Videomaterial der 1990er eben kein 35mm-Film, aber die Gestaltung des Visuellen ist nicht viel schlechter als bei anderen Filmen jener Zeit. Nun ja, als bei einigen anderen. Die heutige Hochglanzoptik war damals allgemein nicht üblich und die etwas rudimentäre Gestaltung passt zur trashigen Handlung und zu einigen Schlampereien, von denen man den Eindruck hat, sie sind mehr oder weniger bewusst in Kauf genommen worden, damit niemand auf die Idee kommt, den Plot für genial zu halten. Was er im Grunde ist. Heute kaum filmbar, weil der richtige Ton in unserer Zeit kaum zu treffen wäre, aber darum hatte man sich Mitte der 1990er gar nicht erst geschert, sondern das Ding durchgezogen.

Im Grunde ist „Geld oder Leben“ ein sehr anrührender Film, philsophisch, psychologisch gar nicht so dumm und dies im Sinne und im Stil eines Märchens für Menschen, die sich zum Beispiel in der Figur Schubert wiedererkennen. Das waren in den 1990ern sicher noch sehr viele. Heute will jeder das Weltereignis sein und fühlt sich vielleicht peinlich berührt, für die Generation Hipster ist diese Figur sicher unzugänglich. Oder doch nicht? Die meisten wissen sehr wohl, dass sie nur kleine Rädchen im Getriebe sind, egal ob hinter dem Bankschalter oder als Feelancer im Coworking-Space. Und warum sollte nicht mal so ein Ende winken wie hier? Ab mit der schnellen Kiste und der scharfen Braut, ab in den Osten, Herr Schalterbeamter. Waren Banker wirklich mal Beamte? Schubert wirkt durchaus wie ein ebensolcher, und das ist gar nicht despektierlich gemeint.

Das Alberne an dem Film ist nicht die unwahrscheinliche, aber eben nicht unmögliche Lovestory, von der man bis kurz vor Schluss glaubt, sie ist nicht echt, die Frau Schneider ist nur hinter dem Geld her, das Schubert versteckt hat. Man wird Opfer seiner Wahrnehmung, die auch durch Kommissar Roiter bestärkt wird: Diese Frau gibt sich niemals ohne berechnende Hintergedanken mit diesem Typ ab, der einen halben Kopf kleiner ist als sie und so unscheinbar. Es gibt aber Paare, die sind bezüglich ihrer äußeren Attraktivität asymmetrisch und es muss etwas anderes sein, was sie zusammengeführt hat und zusammenhält. Es ist eben nur nicht die Regel – aus der Ausnahme kann man aber die bessere Story machen. Und die ist humorvoll und emotional stark.

Hingegen müssen die Ermittler, vor allem Winfried Glatzeder als Roiter, schon sehr zurückstecken. Die Ermittlungsarbeit ist grausam und von wirklich bescheuerten Zufällen abhängig, wie dem Auffinden der Sonnenbrille – und dann plötzlich ist da eine weit überdurchschnittliche Intuition zu beobachten. Oder das Video mit den unterschiedlichen Bildausschnitten: „Irgendwas haben wir übersehen“. Solche Sätze sind so klassisch, dass man ihre persiflierende Verwendung bemerkt. Trotzdem ist der Clou sicher nicht diese Art von Ermittlung, sondern die Geschichte der Episodenfiguren. Die hat zwar, von der Logik her, auch Macken, man merkt eben, dies findet alles in einem Berlin statt, das für den Film geschaffen wurde: Der verrückte Fenstersturz des Räubers und wie er dann allein auf der Straße liegt, ohne dass es jemand bemerkt. Sogar diese Umarmung am Brückengeländer, als die Polizei vorbeifährt, ist übrigens ein Filmzitat – ein Zitat-Zitat, denn es gab wiederum mehrere Filme, in denen eine Leiche behandelt wurde, als sei sie ein Betrunkener, damit Passanten nicht merken, dass die Person tot ist. Da gibt es sicher noch viel mehr.

Normalerweise finden wir’s nicht gut, wenn die Polizei die Rechtsstaatlichkeit nicht wahrt, aber in dem Fall soll sie dadurch ja sympathischer werden, dass sie es gut sein lässt und die beiden im Porsche abhauen dürfen.

Finale

Politisch korrekt müsste man schreiben, dieser Tatort unterstützt die neoliberale Erzählung, dass Geld glücklich macht, das geht nicht. Aber darf man einen Film so ernst nehmen, der solche bezaubernden Momente hat? Wie etwa den, der uns zum Titel verleitet hat? Wer möchte nicht hin und wieder einen Porsche im Wald parken, zumal, wenn er zuvor mehrere Jahre nur BVG gefahren ist und immer zuschauen musste, wenn die anderen Hirsche röhrten und nicht ins Restaurant ging, weil er als Single auf die Paare dort neidisch war. Würde man dem Herrn Schubert heute Parship empfehlen? Lieber nicht. Zumindest nicht vor dem ominösen Überfall auf seinen Arbeitsort. Beim Dating geht es nämlich auch stark um den Marktwert, und einen wahrnehmbaren Marktwert hat Schubert erst, nachdem er die Zufallsbeute an sich gebracht hat. Das ist vielleicht die Lesart, die dem Film gerecht wird: Erst durch Kohle beginnt das Abenteuer. Meistens endet es bescheiden, aber das ist eine andere Geschichte.

7,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Der Kracher des Jahrzehnts?

Heute Abend wird ein Tatort mit dem Berliner Kommissar Roiter ausgestrahlt, gespielt von Winfried Glatzeder. Glatzeder ist eines der markantesten Gesichter in der deutschen Fernsehlandschaft, aber die Roiter-Tatorte – nun, fangen wir so an: Unseres Wissens wurde keiner von ihnen ausgestrahlt, seit wir Tatorte rezensieren. Also seit Anfang April 2011. Wieso nicht?

Einer von ihnen, „Tod im Jaguar“, ist im Giftschrank gelandet, weil offenbar antisemitisch konnotiert – aber die übrigen, warum werden die nicht gesendet, wo doch Markowitz-Filme noch älter sind und der RBB in de letzten Jahren sogar die Archive des Vorgängers SFB durchgegangen ist, noch viel ältere Filme restauriert hat und dabei manches Werk auf den Bildschirm kam, das qualitativ nicht gerade zu den Highlights aus 50 Jahren Tatortgeschichte zählt? Hin und wieder mit Darstellungen, die man heute aus Gründen der politischen Korrektheit ziemlich diskussionswürdig finden kann.

Weil die Roiter-Filme als noch schwächer gelten. Vom Technischen bis zum Inhaltlichen sieht man ds, was Mitte der 1990er nach Markowitz gedreht wurde, als schwächste Phase des ohnehin immer mal wieder durchhängenden Berliner Tatorts an. Beleg: „Geld oder Leben“ steht unter den Roiter-Tatorten auf Rang 2 von 12, insgesamt aber auf Rang 923 von 1143 in der Fundus-Liste. Man weiß also, dass unter den 20 Prozent Tatorten, die am schwächsten bewertet werden, 10 von 12 „Roiters“ zu finden sein werden. Da verwundert es kaum noch, dass auch das Schlusslicht dieser langen, langen Liste aller Tatorte ein Roiter ist: „Ein Hauch von Hollywood“. Und dann heißt der Kommissar Roiter tatsächlich mit Vornamen Ernst. Deshalb auch mit „oi“. Welch ein Konzept.

Allerdings hoffen wir nicht darauf, dass wir über dieses qualitativ offenbar besonders finstere Tatort-Zeitalter umfassend instruiert werden, denn es ist nicht der RBB, der seine Vergangenheitsbewältigung nun in die Nachwendezeit hinein fortsetzt, sondern der MDR zeigt heute Abend „Geld oder Leben.“ Und das ist wirklich ein Ereignis und was immer dahintersteckt, wir finden es super, dass wir wenigstens anhand eines einzigen Roiter-Tatorts erste Einblicke in diese Schaffensphase unseres Haussenders bzw. von dessen Vorgänger gewinnen können. Wir werden den Film auf jeden Fall aufzeichnen und darüber schreiben. Erst schauen wir aber nochmal nach, ob es sich nicht um einen Irrtum handelt. Nein, der Film wird tatsächlich wiederholt. Die Handlung liest sich übrigens, als sei sie weitgehend einem DDR-Polizeiruf nachgebildet, nur dass es damals um Lohngelder ging, die in einem normalen Pkw von Mitarbeitern des VEB, der die  Gelder auszuzahlen hatte, von der Bank abgeholt wurden und auf dem Transportweg wurden die Geldkoffer vertauscht. Schade, dass uns dessen Name dieses plotseitigen Vorläufer gerade nicht einfällt.

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Ernst Roiter – Winfried Glatzeder
Michael Zorowski – Robinson Reichel
Schubert – Gerd Wameling
Fräulein Schneider-Inga Busch
Steinhoff – Peter Fritz
Schwandtke – Brigitte Hanelt
Schmidtke – Udo Heiland
Chef Safeway – Anton Rattinger
u.a.

Regie – Berno Kürten
Buch – Berno Kürten
Kamera – Michael Wiesweg
Schnitt – Kerstin Kexel
Musik – Rainer Lingk

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