Weint um die Verdammten (Band of Angels, USA 1957) #Filmfest 446

Filmfest 446 Cinema

Die sehr allmähliche Annäherung an das Rassendrama in den Südstaaten

Weint um die Verdammten (Originaltitel: Band of Angels) ist ein romantisches Filmdrama aus dem Jahr 1957, dessen Handlung vor und während des Amerikanischen Bürgerkriegs angesiedelt ist und auf dem (im Original) gleichnamigen Roman von Robert Penn Warren basiert. Die Hauptrollen wurden mit Clark Gable und Yvonne De Carlo besetzt. Sidney Poitier ist in einer imposanten Nebenrolle zu sehen. Regie führte Raoul Walsh.

Raoul Walsh zählte sicher zu den besten Kräften im klassischen Hollywood, die nie einen Oscar erhalten haben: Seine Hauptwerke wie „White Heat“ (1949), der als einer der besten Films noirs gilt oder der Gangsterfilm „The Roaring Twenties“, der zu den vielen fantastischen Produktionen des Spitzenjahres 1939 rechnet, sind große Klassiker. Allerdings hat Walsh sich in verschiedenen Genres versucht, sogar bei Komödien, und da wir bisher recht wenige seiner Werke angeschaut haben, können wir noch kein verbindendes Stilmerkmal erkennen.  Bekannt ist aber Walshs Sympathie für Randfiguren und Ausgestoßene, und die kann er in „Band of Angels“, wie der Film im Original heißt, ausspielen. Ob das gelungen ist, darüber steht mehr in der -> Rezension.

Handlung (2)

Kentucky, in Zeiten des Amerikanischen Bürgerkriegs: Amantha Starr, die hellhäutige Tochter eines verschuldeten Plantagenbesitzers, muss bei dessen Tod erfahren, dass ihre Mutter eine schwarze Sklavin war und sie somit nicht Erbin des Anwesens ist, sondern lediglich zum Inventar gehört. Weil sie das Geld für die Hypotheken nicht aufbringen kann, wird sie von dem skrupellosen Gläubiger Calloway auf dem Sklavenmarkt verkauft. Hamish Bond, ein Plantagenbesitzer und ehemaliger Sklavenhändler aus New Orleans, ersteigert sie. Er verliebt sich in Amantha und überhäuft sie mit Geschenken und Privilegien.

Doch das scheinbare Idyll wird zerstört, als der Dandy Charles de Marigny Amantha zu vergewaltigen versucht und nur durch die Schläge des Sklaven Rau-Ru davon abgehalten werden kann. Um einer Bestrafung zu entgehen, schließt sich Rau-Ru den Nordstaaten an, deren Truppen bald näher rücken.

Als diese nicht mehr aufzuhalten sind, fackelt Bond seine Plantagen ab und entlässt die Sklaven in die Freiheit. Doch Amantha möchte bei ihm bleiben, auch wenn er jetzt zu den Gejagten gehört. Ausgerechnet Rau-Ru findet den Flüchtigen. Jetzt ist es an ihm, seinem ehemaligen Besitzer die Freiheit zu schenken und so den Liebenden eine Flucht zu ermöglichen.

Rezension 

Bei Hauptdarsteller Clark Gable fällt es relativ leicht, eine Linie zu ziehen. Wer im Mega-Südstaatendrama „Vom Winde verweht“ (1939) die männliche Hauptrolle spielen konnte, den flamboyanten Captain Rhett Buttler, der konnte in einem Südstaaten-Drama von 1957 gewiss auch erfolgreich sein. Aber zwischen den Figuren und dem Gable von 1940 und jenem von 1957 liegen beinahe Welten, und die geradezu melancholische, vergangenheitslastige Anlage seiner Figur in „Weint um die Verdammten“ lässt ihn tatsächlich eine Generation älter wirken als 1939, die teilergrauten Haare sind nun, im Gegensatz zu seiner Optik in „GWTW“ echt. Es gibt durchaus Szenen, in denen noch eine gute Portion Macho-Power sichtbar wird, zum Beispiel, als Hamish seinen Nachbarn zum Duell fordert und sich als der schlechtere Schütze darauf verlässt, dass dieser kneift, aber der Tenor ist dezenter geworden.

„ARTE“ hält im Kurzdossier zum Film „Weint um die Verdammten“ für besser als „GWTW“ und „Gable und Yvonne de Carlo für eines der sinnlichsten Liebespaare, die uns Hollywood je geschenkt hat“. Keine Frage, dass Gable einer der Schauspieler seiner Zeit mit der erotischsten Wirkung auf Frauen war, übertroffen vermutlich nur von Erol Flynn in seinen besten Jahren, und von Yvonne de Carlos Sinnlichkeit konnten wir uns in ihrem frühen Werk „Gewagtes Alibi“ / „Criss Cross“ (1949) ein Bild machen, in dem sie als unfreiwillige Femme fatale Burt Lancaster und sich selbst in den Tod führt. Gable ist auch 1957 absolut unverwechselbar, die Paarung mit Yvonne de Carlo funktioniert und sie hat einige wunderschöne Soloszenen, aber es hätte weitere Schauspielerinnen für dies Rolle gegeben. Die Vorstellungen, die Gable evoziert, wenn er in einem Südstaatendrama auftritt, sind ganz auf ihn bezogen – und bestenfalls auf Vivien Leigh, die Scarlett O’Hara aus „Vom Winde verweht“.

Ob der neuere Film der bessere ist, darüber kann man sich bestens streiten. Sicher nicht als Melodram und nicht als Epos, deswegen ist diese einheitliche Aussage ein wenig zu platt. Wir können uns aber gut vorstellen, wo sie herkommt: Bezüglich der Rassenfrage ist deutlich zu merken, dass 1936, als „Vom Winde verweht“ als Buch erschien und drei Jahre später, als es verfilmt wurde, eine andere Grundstimmung herrschte als Ende der 1950er, als die Rassenfrage wirklich auf dem Tisch lag und die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung sich gerade auf den langen Marsch nach Washington gemacht hatte. So wenig, wie eine einheitliche Aussage zu „besser“ oder „schlechter“ richtig ist, so wenig ist es eine Frage, dass „Weint um die Verdammten“ einen ganz anderen Akzent setzt und mindestens drei sehr differenzierte Figuren zeigt, während es in „GWTW“ nur deren eine gab, die weibliche Hauptfigur Scarlett O’Hara.

Hier erleben wir den nunmehr gütigen Sklavenhalter und eine ganze Kette von Unternehmen und Plantagen betreibenden Hamis Bond (Gable), seine schlussendliche Geliebte und wohl Frau in spe Amantha Starr (De Carlo) und Hamishs gebildeten und mit Buchführungsaufgaben betrauten Haussklaven und späteren U.S.-Sergeant Rau-Ru (Sidney Poitier). Jede dieser Rollen vollzieht Wandlungen im Status oder in der Haltung, wobei die Rolle des Afroamerikaners im Grunde die interessanteste ist, nicht nur, weil sie vom kommenden ersten farbigen US-Kinostar und ersten männlichen afroamerikanischen Oscarpreisträger interpretiert wird.

Wie die Verhältnisse Menschen zerrütten können, lässt sich an allen drei Schicksalen ablesen. Der Weiße, der einst mit rüdem Sklavenhandel sein Geld verdiente, um dann, geläutert, vergleichsweise fair mit seinen allerdings immer noch unfreien Landarbeitern und dem Hauspersonal umzugehen, der im Sumpf des Sklavenverbrechens ein Baby rettet, dessen  Mutter in einem Massaker durch einen Stamm getötet wurde, der Hamish beim Zusammentreiben von Sklaven zur Hand ging. Dieses Baby wächst zu einem stattlichen, begabten und kultivierten Mann heran, der sich auf die Seite der Nordstaaten stellt und zerrissen ist zwischen dem Ideal der Freiheit, für das er kämpft, und der Solidarität mit und Liebe für den Mann, der ihm eine Ausgangsposition im Leben verschafft hat, die weit über jene der meisten Afroamerikaner jener Zeit hinausreicht. Und die Frau, die als dunkeläugige Südstaaten-Schönheit mit allen Privilegien aufwachsen durfte und feststellen muss, dass in ihr „schwarzes“ Blut fließt, die dadurch zur Sklavin wird – und von Hamish gekauft. Er will sie freilassen, doch in Freiheit entscheidet sie sich, bei ihm zu bleiben.

Der Film ist ebenso zerrissen wie seine Figuren – die Notwendigkeit, die Sklaverei abzuschaffen, ist schon weitaus mehr anerkannt als im sehr südstaaten-freundlichen „GWTW“, aber es gibt auch viele Hinweise, die offenbar genau jenen Süden bei der Stange halten sollen, in dem es heute noch zu häufigen rassistischen Übergriffen kommt und der 1957, als der Film entstand, ein richtiger Hexenkessel mit unkontrollierten Hassausbrüchen gegenüber den Afroamerikanern geprägt war, die erst einmal nichts weiter wollten, als dieselben Verkehrsmittel und Parkbänke benutzen wie die  Weißen, eine Aufhebung der formalen Segregation. Grundsätzlich werden die Ideen Lincolns gutgehießen, aber dass die meisten Afroamerikaner sich die Freiheit viel zu einfach darstellen, wird nicht ausgelassen, und Hamish sagt, es wird ein Jahrhundert dauern, bis wirklich aus der Freiheit eine Form von Gleichheit werden könne – denn die Voraussetzungen sind nun einmal unterschiedlich, durch die langandauernde Unfreiheit der Afroamerikaner im Süden. Auch heute sind die Voraussetzungen noch nicht gleich, und wir sind vom Film aus betrachtet noch einmal beinahe 60 Jahre weiter. Aber natürlich hatte man die Unruhen und die Bürgerbewegung der 1950er im Blick, als das Drehbuch verfasst wurde und die Hoffnung, die sich damit für die Unterprivilegierten verband.

Zudem werden viele Angehörige der Nordstreitkräfte als kulturlose und übergriffige Raufbolde dargestellt, ganz wie in „GWTW“, allerdings ein wenig abgemildert in den Konsequenzen. Kein Vergewaltigungsversuch mehr, sondern nur noch Pöbeln auf offener Straße, und eine funktionierende interne Ermittlung – von einem freundlichen Offizier wird Amantha, die sich der Annäherungsversuche einfacher Soldaten erwehren muss, aufgefordert, Beschwerde einzulegen.

Andererseits wird ein Prediger, der zum Hauptmann bei den Nordstreitkräften aufsteigt, als fanatischer Freiheits-Eiferer dargestellt, gleichwohl versucht er gegenüber Amantha sein Wissen um deren nicht ganz weiße Herkunft auszunutzen, als es darauf ankommt, Kavalier und Gentleman oder doch nur moralisches Mittelmaß zu sein.

Es gibt einige Stereotypen, von denen man nicht lassen konnte, wie die kräftige afroamerikanische Köchin, die an „Mammy“ aus „GWTW“ angelehnt ist und das naiv-freche, plapperfreudige Zimmermädchen, das an „Prissy“ aus dem obigen Film erinnert. Und natürlich ist sie es auch, die sich schon darauf freut, sich baldigst von den Weißen bedienen zu lassen, wenn die Nordarmee den Süden besiegt haben wird. Eine ähnliche Szene gibt es in „GWTW“ ebenfalls schon, und es ist bezeichnend, dass immer die erkennbar weniger durchdrungenen Figuren so laut von der Freiheit und – hier ausdrücklich – vom Faulenzen träumen.

Man kann dem Film, der im Deutschen einen jener geradezu  unverantwortlich reißerischen Titel trägt, die damals offenbar von den Verleihern für kassennotwendig erachtet wurden, nicht vorwerfen, dass er nicht viele Linien und Schattierungen hat, dass er einseitig wäre, aber er ist in vieler Hinsicht ein Kind jener Zeit, als man sehr vorsichtig war im Umgang mit den rassistischen Weißen in den Südstaaten. Was New Hollywood und engagierte Darsteller*innen später leisten konnten (von „Heat oft he Night“ aus 1967 und mit Sidney Poitier in einer nun prototypisch emanzipierten Rolle bis „Mississippi Burning“ von 1988), das war 1957 sichtbar noch nicht möglich, deswegen wird auch zwischen gut behandelten Unfreien und denen, welche die Peitsche zu spüren bekommen, so deutlich unterschieden, einerseits, andererseits aber berechtigterweise nicht vergessen, dass es nicht nur auf die tatsächliche Handhabung ankommt, sondern auch auf die formalen Verhältnisse und Rechte.

Finale

Selbstvreständlich ist der Film auch eine Liebesgeschichte, und die funktioniert sowohl von der Logik als auch emotional recht gut. Rassenfragen konnte man damals eben nur so verpacken, und dass sogar eine der Hauptfiguren, die letztlich einen Weißen erobern wird, „dunkles“ Blut hat, kann man gewiss als Fortschritt ansehen. Die bezüglich der beteiligten Geschlechter gegenpolige Variante gab es erstmalig in „Rat mal wer zum Essen kommt“,  im selben Jahr wie der wichtige „Heat oft he Night“ entstanden, und wieder mit Sidney Poitier in der Rolle des Schrankenbrechers. Mit seiner aristokratischen, für einigermaßen aufgeklärte Weiße in den 1960ern akzeptablen Ausstrahlung hat er viel für die Sache der Afroamerikaner tun können, in einem Film wie „Band of Angels“ zeigt sich aber auch, wie schmal der Grat zwischen Humanismus und allfälligen Rechtfertigungsversuchen für Weiße in den Südstaaten war – und in den Niederungen des Alltags, nicht mehr im Kino, heute noch ist.

70/100

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Raoul Walsh
Drehbuch John Twist,
Ivan Goff,
Ben Roberts
Produktion Warner Bros.
Musik Max Steiner
Kamera Lucien Ballard
Schnitt Folmar Blangsted
Besetzung

 

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