Der Hinterhalt – Polizeiruf 110 Episode 68 #Crimetime 967 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Fuchs #Hübner #Hinterhalt

Crimetime 967 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD, Herbert Schulze (Der Film ist in Farbe gedreht)

Eine alte Geschichte, frisch erzählt

Ein Mann kommt aus dem Gefängnis. Zwei Jahre sind eine Zeit. Aber keine Ewigkeit. Schon im Knast sucht er nach einer Freundin für später. Es glückt. Doch alte böse Kontakte greifen wieder nach demjenigen, der sich nun in der Gesellschaft zu bewähren hat. Wird er’s schaffen?

„Der Hinterhalt wurde 1981 von der Sektion Fernsehkunst im II. Jahresleistungsvergleich der im Vorjahr im DDR-Fernsehen inszenierten Fernsehfilme und -spiele mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ ausgezeichnet.„[1]

So steht es in der Wikipedia. Weil die Bewährung, weil die Resozialisierung funktioniert? Wir erklären in der -> Rezension, warum der Film eine Prämierung erhielt, es lässt sich nämlich recht gut nachvollziehen – und ist doch auf eine Weise überraschend.

Handlung (Wikipedia)

Nach zwei Jahren Haft wegen Einbruchs und schweren Diebstahls wird Heiner Bauer aus dem Gefängnis entlassen. Schon während der Haft hatte er auf eine Partneranzeige von Schaufensterdekorateurin Kerstin Mai geantwortet. Er gab vor, sich auf einem Auslandseinsatz zu befinden. Nun, nach seiner Haft, wollen sie sich zum ersten Mal treffen. Kerstin überquert mit dem Fahrrad unvorsichtig die Straße und wird prompt von dem Polizeiwagen angefahren, in dem Hauptmann Peter Fuchs sitzt. Er hat gerade den Trickbetrüger Frank Dietrich Kummernuss gefasst und wollte mit ihm auf die Wache. Nun kümmert er sich um Kerstin, die ihm unbedingt noch etwas Wichtiges sagen will. Sie bittet ihn im Krankenwagen, Heiner am Treffpunkt zu erwarten und ihm zu sagen, dass sie nicht kommen kann. Peter Fuchs übernimmt die Aufgabe und erkennt in Heiner einen „alten Bekannten“. Er hatte seinen Fall damals bearbeitet.

Beide Männer besuchen Kerstin gemeinsam im Krankenhaus. Kerstin fasst sofort Vertrauen zu Heiner und übergibt ihm ihre Wohnungsschlüssel. Er soll für sie einige Sachen aus der Wohnung holen. Sie bietet ihm auch an, in der Wohnung zu leben, solange sie im Krankenhaus ist. Er soll sich um ihre kleine Tochter Ute kümmern, die noch in den Kindergarten geht und derzeit bei Verwandten zu Besuch ist. Peter Fuchs sieht die Angelegenheit mit gemischten Gefühlen, vertraut Heiner aber. Der missbraucht das Vertrauen. Nach wenigen Tagen sieht er die Taschendiebin Ingelore Bludau wieder, die wie ihr Freund „Fettbacke“ Bogner Teil seines früheren kriminellen Lebens ist. Er verbringt mit ihr die Nacht und öffnet Peter Fuchs und Ute am nächsten Morgen verkatert die Tür. Ingelore ist noch bei ihm, reagiert auf Peter Fuchs arrogant und geht. Peter Fuchs ist enttäuscht und bittet Heiner, den Schlüssel zurückzugeben und Kerstin endlich die Wahrheit zu sagen. Heiner beichtet Kerstin, dass er mit einer anderen Frau in ihrer Wohnung war und gibt ihr den Schlüssel. Zu seiner Vergangenheit sagt er nichts, bricht jedoch weinend zusammen, als Kerstin ihm den Schlüssel wiedergibt, weil er ehrlich zu ihr war.

Peter Fuchs und sein Team suchen bereits seit längerer Zeit einen Dieb, der auf Beerdigungen den Trauergästen die Taschen stiehlt. Bei einer stark bewachten Beerdigung können sie zwar Bogner stellen, ihm jedoch nichts nachweisen. Sie ahnen zu spät, dass er mit mindestens einer weiteren Person zusammenarbeitet. Sie lassen Bogner laufen, und er und Ingelore entscheiden sich, ihre Kleindiebstähle aufzugeben. Sie wollen einen großen Coup landen, für den sie den Einbruchsspezialisten Heiner brauchen. Heiner lehnt eine Zusammenarbeit strikt ab. Bogner, der sich vor Kerstin als ein Verwandter Heiners ausgegeben hat, droht nun, Kerstin alles über Heiners Vergangenheit zu erzählen. Zudem hat er in Kerstins Wohnung wertvollen Schmuck mitgehen lassen, dessen Diebstahl er Heiner anhängen würde. Während Heiner von Bogner und Ingelore erpresst wird, berichtet Peter Fuchs Kerstin von Heiners Vergangenheit. Sie will sich spontan von Heiner trennen, überdenkt die Angelegenheit jedoch noch einmal. Heiner hat unter Druck bei der Vorbereitung des Coups mitgemacht. Bogner und Ingelore wollen eine Lederreinigung überfallen und wertvolle Pelze stehlen. Heiner zeichnet den Grundriss des Gebäudes mit Fluchtwegen und Fenstern. Er übergibt den Plan an Bogner, zieht sich jedoch aus dem Coup zurück. Bogner ist einverstanden und begeht den Einbruch zusammen mit Ingelore. Heiner wiederum hatte ein schlechtes Gewissen, hat den Laden jeden Abend beobachtet und schließlich rechtzeitig die Polizei gerufen. Bogner und Ingelore werden festgenommen. Kerstin hat erkannt, dass sich Heiner ändern will. Er versichert ihr, dass er keine weiteren Geheimnisse vor ihr hat, und beide werden ein Paar.

Rezension

Regisseur Helmut Krätzig war nun wirklich einer der Polizeiruf-Filmer der ersten Stunde. Nein, er war der Macher, in jener etwas ruckeligen Anfangszeit. Die Fälle Nr. 1 bis 4 hat er inszeniert, leider sind Nr. 2 und 3 („Die Maske“ und „Die Schrottwaage“ verschollen), ausgerechnet Nr. 1, „Der Fall Lisa Murnau“, haben wir noch nicht gesehen – dafür aber als einen der ersten Polizeirufe die Nr. 4, „Der Tote im Fließ“. Der älteste Film der Reihe, den wir kennen, stammt also von Helmut Krätzig, danach machte er eine Pause und erst die Nr. 19 stammt wieder von ihm. Bis nach der Wende hat Krätzig gedreht, auch den Tatort „Unter Brüdern“, in dem er die Ostermittler Fuchs und Hübner mit den Westkommissaren Schimanski und Thanner zusammenführte.

Der Tote im Fließ“ hat unser Bild von Krätzigs Filmen zunächst bestimmt, ein ziemlich roher, bedrückender Krimi in Schwarz-Weiß, aber Krätzig war vor allem eines: sehr vielseitig. Seine Filme haben keinen bestimmten Ton, wie das etwa bei den Werken von Manfred Mosblech der Fall ist, sondern zeigen verschiedene Stimmungen für verschiedene Zwecke. Allerdings konnte er Humor, das haben wir nach „Der Tote im Fließ“ hin und wieder vergessen, es aber zuvor schon beispielsweise in „Draußen am See“ bemerkt. Ernst wiederum wurde es in den Alkohol-Krimis „Unheil aus der Flasche„, der erstmals in der Reihe eine weibliche Person als Alkoholikerin porträtiert und „Flüssige Waffe„.

Wenn es etwas gibt, was Krätzigs Filme besonders kennzeichnet, dann wohl die Klarheit, die Eindeutigkeit. Um diese steigern zu können, hat Krätzig häufig die Drehbücher für seine Polizeirufe selbst geschrieben – wie dasjenige für „Der Hinterhalt“ (1). Warum fanden die Juroren der DDR-Fernsehpreise den Film so gut? Weil er eindeutig im moralischen Sinn ist? Das ist er sicher, aber er hat einen Vorzug vor den vielen anderen Filmen dieser Art, die wir schon gesehen haben: Es wird nicht erklärt, es wird gezeigt, und das auf eine verblüffend humorvolle Weise. Die Lockerheit, mit der hier zum Beispiel Hauptmann Fuchs (Peter Borgelt) spielt, nimmt ihm nichts von seiner natürlichen Autorität, im Gegenteil: Weil er so menschlich rüberkommt, sich für den Ex-Knacki einsetzt, auch mal Pech bei einer versuchten Festnahme inflagranti hat und trotzdem genau das Richtige tut, zum Schluss den Erfolg verbuchen kann und viel dazu beiträgt, alles zum Guten zu wenden, kann man in diesem Film gar nicht anders, als ihn mögen.

Dass er hintenrum der Neuen des früheren Sträflings erzählt, dass dieser nicht auf Auslandsmontage war, sondern in der Nähe und hinter Gittern, ist ein wenig tricky, aber seine Menschenkenntnis ist gut genug um zu wissen, dass er damit dem jungen Mann und seiner Partnerin einen Gefallen tut – denn dadurch ist Heiner Bauer (Henry Hübchen) nicht mehr erpressbar und kann aus dem Bruch im Pelzlager aussteigen und der Polizei gleichzeitig zwei lange gesuchte Trickdiebe zuführen, die sich darauf spezialisiert haben, auf Friedhöfen zu klauen – während Trauerfeiern. Anfangs wird bereits ein weiterer Trickbetrüger festgenommen, der auf andere Weise Menschen ausnimmt, deren Angehörige gerade verstorben sind. Schon diese Sequenz ist sehr witzig, ja geradezu knuffig gefilmt.

Es gab in der DDR keine Ermittlerteams, die auf bestimmte Eigenheiten getrimmt waren, wie im Westen, auch wenn Fuchs klar dominanter wirkt als Kollege Hübner, der folgerichtig, wenn er mit Fuch zusammenarbeitet,  nur die zweite Geige spielt, aber die beiden und Vera Arndt und Lutz Subras, in jenen Jahren auch noch Kommissar Bergmann, müssen verschiedene Spielarten draufhaben, deswegen wirken sie manchmal staatstragend-moralisch-streng, in anderen Filmen wiederum so, dass man ihnen wirklich vertrauen, sich ihnen anvertrauen würde, wenn man in der Bredouille wäre. Das ist es wohl auch, was den Film „besonders wertvoll“ macht. Man wusste 1980 längst, dass nicht die ständige Indoktrinierung, sondern das soziale Vorbild, dass man ihnen vertraut und ihnen das Gefühl gibt, vertrauen zu können, die wirksamste Methode ist, um gefährdete Menschen in der Bahn zu halten. Deswegen kommt Bauer auch immer wieder selbst zu Fuchs und gibt auch zu, dass er’s einfach nicht schafft, seiner Freundin reinen Wein einzuscheken.

Psychologisch wirken viele Polizeirufe stimmiger und gekonnter als Tatorte aus jener Zeit, aber hier ist dieser Vorzug besonders ausgesprägt. Das galt besonders für die 1980er, in denen der Tatort die Progressivität und Feinsinnigkeit der ersten Jahre zu verlieren drohte, während man sich bei den Polizeirufen um immer bessere Charakterzeichnung bemühte. Zur Wendezeit war nach unserer Ansicht ein durchschnittlicher Polizeiruf besser als ein durchschnittlicher Tatort, obwohl die Plotgestaltungsmöglichkeiten in der DDR viel enger eingegrenzt waren. Vor allem bezüglich der Milieus. Schön exploitative Darstellungen der OK konnte man nicht zeigen, weil es die Organisierte Krimanalität im Sinne der Mafia in der DDR nicht gab, sondern allenfalls Kollektive von Werktätigen, die gemeinsam ihre Betriebe berauben. Dass derlei vorkam, hat man nicht ausgespart. Allerdings hat dieses Ergebnis unseres Vergleichs vor allem damit zu tun, dass die Tatorte in jenen Jahren stark von Schimanski geprägt waren und einige der Filme imit ihm sind richtig schlecht, während andere Schienen, um sich von ihm abzugrenzen, betont konservativ aufgestellt wurden (etwa in Person von Kommissar Brinkmann in Frankfurt am Main).

Die Konzentration liegt in den meisten Polizeirufen, so auch in der Nr. 68, auf den Einzelpersonen und dem Format kommt dabei zu Hilfe, dass die Handlung nicht von der berüchtigten Anfangsleiche her entwickelt werden musste. Was an Varianz bei den Milieus und den Verbrechensarten und Settings fehlte, machte man durch eine mehr thrillerartige, manchmal auch als Howcatchem ausgeführte Plotgestaltung wett. Der Thrill in „Der Hinterhalt“ ergibt sich daraus, dass man mitbangen darf, ob Heiner Bauer sauber bleibt und seine Beziehung erhalten. Helmut Krätzig spielt auch damit, dass im verlauf der neun Jahre, in denen es die Reihe gab, als die 1980er anbrachen, einige Krimis das Scheitern der Resozialisation zum Thema hatten. Mehrheitlich war das aber nicht der Fall, nur wurde für die schwierige Erprobung neuer Charakterfestigkeit meist die ernste Variante gewählt. Dass es anders geht und sehr gut, beweist der nach Wikipedia-Zählung 68. Polizeiruf.

Finale

Natürlich ist es auch ein Glück, dass mit Henry Hübchen ein Typ zur Verfügung stand, der den immer wieder in Versuchung Geführten gut darstellen konnte und er darf auch einmal die Ziele schmeißen, indem er ind er Wohnung der Neuen Sex mit einer Altbekannten hat. Dass dies nicht schon dafür sorgt, dass alles schiefgeht und er abrutscht, ist nur darstellbar gewesen, weil eine große Toleranz in diesen Dingen herrschte. Ob das der Realität entsprach, ist zumindest für uns schwierig zu beurteilen und wir wollen nicht zu sehr eigene, zwangsläufig anekdotische Eindrücke aus unserer Zeit in Berlin als Maßstab heranziehen. Ein weiteres Plus des Films ist, dass man ein sehr aufgewecktes etwa fünfjähriges Mädchen einsetzen konnte, das sich offenbar glänzend in seiner Rolle einfand und das dem neuen Familienglück von Heiner Bauer etwas ungwöhnlich Warmherziges verleiht.

Ganz sicher ist „Der Hinterhalt“ ein schönes Stück sozialistischer Realismus mit ein paar kleinen Ärgernissen, die wir eher belustigt zur Kenntnis genommen haben: Akademiker sind grundsätzlich arrogant; das ist in Polizeirufen wirklich ein Standard – und Hübner hat einen Einszenen-Kurzeinsatz, der ihm aber in der nach Peter Hoff gestalteten Wikipedia-Polizeiruf-Liste ein Häkchen für Anwesenheit in diesem Fall sichert, obwohl er nichts zu den Ermittlungen beiträgt. In umgekehrter Richtung hatten wir das kürzlich beim ebenfalls von Helmut Krätzig inszenierten „Trüffeljagd“ gesehen, da ist Fuchs nur einmal kurz im Bild, um ein paar nicht auf den Fall bezogene Sätze zu sagen. Auch in diesem Film spielt Henry Hübchen mit, allerdings geht es darin nicht so gut für seine Figur aus wie in „Der Hinterhalt“ und er scheidet frühzeitig aus dem Rennen.

8/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Das haben allerdings viele Regisseure der Reihe während der DDR-Zeit getan, wie nach dem Anschauen fast der kompletten damaligen Produktion nun klar ist. Auch heute gibt es diese Einheit in den Reihen Polizeiruf 110 und Tatort.

Regie Helmut Krätzig
Drehbuch Helmut Krätzig
Produktion Ingeborg Trenkler
Musik Hartmut Behrsing
Kamera Walter Küppers
Schnitt Karola Mittelstädt
Besetzung

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