Ball der einsamen Herzen – Polizeiruf 110 Episode 140 #Crimetime 969 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Berlin #Erfurt #Fuchs #Grawe #DFF #Herzen #einsam

Crimetime 969 - Titelfoto © DFF / ARD

Ein Womanizer hat Rücken

Und was sich daraus für Verwicklungen ergeben! Der Polizeiruf Nr. 140 zählt zu den „Zwischenfilmen“, nach dem Mauerfall gedreht, noch vor dem Tag der Wiedervereinigung uraufgeführt – im September 1990. Der Film passt wunderbar in eine Zeit, in der viel Abschied genommen wurde und reflektiert ironisch die Polizeirufe, die einige Jahre zuvor entstanden waren, als die DDR noch relativ stabil wirkte. Kaum ein Regisseur war für die Umsetzung eines solchen Übergangsfilms besser geeignet als Helmut Krätzig und auch sein Ensemble verkörpert diesen Wandel. Mehr zu „Ball der einsamen Herzen“ findet sich in der -> Rezension.

Handlung

Klaus-Peter Kern hat einen Schlag bei Frauen und nutzt dieses für seine kriminellen Machenschaften. Zusammen mit seinem Komplizen Jürgen Honz treten sie bei Tanzveranstaltungen in Aktion. Während Honz im Hintergrund bleibt, stiehlt Kern die Wohnungsschlüssel der einsamen Damen, um sie unbemerkt an seinen Partner weiterzuleiten. Dieser fährt dann zu den Wohnungen, um Geld und Wertgegenstände zu stehlen. Anschließend finden die Schlüssel ihren Weg zurück in die Handtaschen. Nach mehreren erfolgreichen Versuchen wird Honz in der Wohnung von Frau Storch durch deren Tochter ertappt. Beim Gerangel mit Honz erleidet die Tochter schwere Verletzungen. Die Kriminalpolizei beginnt ihre Arbeit und ist den Tätern bald auf der Spur, da die beiden Täter zu viele Spuren hinterlassen. So brechen sie mehrmals in Kurkliniken ein, um dem rückenkranken Klaus-Peter Kern mit Schlammpackungen und Wasserbehandlungen Linderung zu verschaffen. Zwischenzeitlich finden sie Unterschlupf bei der mannstollen Elvira Barthel. Bei einem weiteren Einbruch erleidet Jürgen Honz einen Schock, als er sich in einem Schlangenkäfig wiederfindet.

Rezension

Derzeit ist bei den Polizeiruf-Wiederholungen Krätzig-Zeit. In der vorausgehenden Rezension zu „Der Hinterhalt“ haben wir besprochen, warum dieser Regisseur zu den wichtigsten der Reihe zählt und verweisen darauf. Zehn Jahre nach dem gelungenen „Der Hinterhalt“ nun also „Ball der einsamen Herzen“. Die Einsamkeit, ja Verlorenheit der Menschen ist typisch für diese raue Wendezeit und plötzlich konnte man alles offener darstellen, was ohnehin schwelte: Das Auseinanderbrechen nicht nur des Staates, sondern auch der sozialen Beziehungen der Menschen, die verzweifelte Suche nach Bindung, einghergehend mit der Suche nach Orientierung in jenen Jahren. Nicht, dass die Orientierung je gelungen bzw. in die richtige Richtung gegangen wäre, wie man an Vorgängen im politischen Raum sieht. Doch wer nun glaube, es handele sich, wie der Titel vermuten lässt, um einen schwermütigen Film oder gar um eine Vorwegnahme der Ehrlicher-Tatorte, die in der Dresden-Phase so viel Tristesse ausstrahlen, sieht sich getäuscht.

„Ball der einsamen Herzen“ ist ein ironischer Abgesang – zum Beispiel dadurch, indem man Peter Reusse, einen der bekanntesten Frauenschwärme der DDR, einen Mann mittleren Alters mit Rückenproblemen spielen lässt, die all sein Tun bremsen und schließlich auch zu seiner Ergreifung führen. Wenn das nicht sinnbildlich für die allgemeinen Zustände ist, wissen wir’s auch nicht. Aus diesem Rückenproblem ergeben sich komische Situationen. Jemand, der sich versteckt halten müsste, bricht stattdessen mit seinem treuen Adlatus zusammen in eine Poliklinik ein und kann nur knapp entkommen – und wird dann bei einem regulären Besuch, den er machen muss, weil er nicht mehr richtig gehen und sitzen kann, festgenommen. Zuvor betätigte er sich auf den Bällen der einsamen Herzen, die er regelmäßig besuchte, als Trickdieb. Auch dort arbeitet der recht treudoofe Kumpel mit – die beiden lassen nicht etwa die Handtaschen oder Kleidungsstücke, die an der Garderobe hängen, verschwinden, sondern nur die Schlüssel zu den Wohnungen der Frauen. Natürlich, auf einem Ball der Einsamen sind jene Frauen, deren Wohnungen man als während des Tanzvergnügens leerstehend vermuten darf. Leider ist das aber in den gezeigten Fällen nicht so und es kommt zu einer schweren Körperverletzung, weil die Tochter einer Frau aufwacht und den Einbrecher ihrerseits angreift.

Dieser Part ist leider nicht so gut gelungen, denn man spürt als Zuschauer sofort, dass diese Begehungsart viel zu riskant ist, um dauerhaft angewendet zu werden, mithin eine „Masche“ zu werden. Der finale Schlag gegen den biederen Kumpel gelingt allerdings, als er auf konventionelle Weise in ein Haus einsteigt und dort in ein Terrarium fällt, das von Riesenschlangen bevölkert ist. Der Ossi, wie er unversehens ins Westsystem purzelt, in dem es von gefährlichen Elementen nur so wimmelt. Gut, dass es noch Fuchs und Grawe, die braven Vopos, gibt. Wobei Grawe auch schon als „Herr“ angesprochen werden will. Zu diesem Film gibt es in der Wikipedia keine exakten Angaben, wann er gedreht wurde, aber diese kleine Stichelei („Sie sind ein Wendiger“) könnte darauf hindeuten, dass ein Teil der Drehzeit nach der Volkskammerwahl im März 1990 angesiedelt war, durch die sich ergeben hatte, dass es zum Anschluss kommen wird.

In nicht wenigen Polizeirufen werden Frauen als ganz schön niederträchtig dargestellt, in manchen sind sie die treibende Kraft hinter den gezeigten Delikten, in einigen auch Täterinnen – in „Ball der einsamen Herzen“ hingegen bemitleidenswerte Geschöpfe, die verzweifelt einem persönlichen Glück hinterherrennen und dabei aufgrund der Art, wie sie das tun, an die falschen Männer geraten. Merke: Nur auf Arbeit oder beim Studieren lernt man die richtige Person fürs Leben kennen. Zuweilen kommt es zu Sandkastenliebschaften, die zu Ehen führen – da weiß man, was man hat bzw. glaubt es zu wissen. Die Absichten der Frauen auf dem Ball sind aber nicht ganz einheitlich und witzig ist, wie unterschiedlich sie als Charaktere gezeigt werden. Frau Bunt ist ein auffälliger Typ und macht ihrem Namen alle Ehre. Dass sie beklaut wird, hat auch seine witzigen Aspekte. Anders bei Frau Storch, deren Tochter beim Diebstahl in deren Wohnung verletzt wird und die  selbst sehr verletzlich wirkt.

Auch das Verhältnis der beiden Delinquenten zueinander ist sehr asymmetrisch, sodass einem der arme Jürgen leidtun muss, obwohl er die Verletzung der jungen Frau  herbeiführt und sich dafür auch noch einiges von seinem Kumpan anhören muss Nicht einmal die schwere Körperverletzung war von seinem Vorsatz umfasst, er wollte die energische junge Person lediglich abwehren. Aber da auch Klaus-Peter ziemlich gehandicapt ist (Rücken!) bemitleidet man zwischenzeitlich die Täter beinahe mehr als die Opfer und sieht eines der am wenigsten gefährlichen Gaunerduos aller Polizeirufe vor sich. Deswegen wäre es auch höchst inkonsequent gewesen, wenn sich aus deren Tun ein Tötungsdelikt ergeben hätte und wir waren die ganze Zeit über optimistisch, die Überlebenschancen der jüngeren Frau Storch betreffend.

Finale

Ob man „Ball der einsamen Herzen“ zu den besseren Filmen von Helmut Krätzig zählt oder zu den besseren Polizeirufen, hängt stark davon ab, wie man auf die ironisch-melancholisch-humorvolle Art einsteigt, die diesem Werk zu eigen ist. Peter Reusse hat in den frühen 1990ern aufgehört, als Schauspieler zu arbeiten, trotz seiner Beliebtheit in der DDR, Peter Borgelt, der ebenfalls sehr hoch geschätzte Darsteller von Hauptmann / Hauptkommissar Fuchs, verstarb 1994, Andreas-Schmidt-Schaller, der den Oberleutnant / Oberkommissar Grawe spielt, lebt noch, aber drehte den letzten Polizeiruf, der ihn als Grawe zeigt, 1995 – ein Quasi-Einzelstück nach vierjähriger Pause.

Kriminalistisch hat der Film fraglos einige Schwächen, aber die Charakterzeichnungen sind Helmut Krätzig wieder gut gelungen, besonders natürlich diejenigen des Gaunerpärchens. Aber man sieht auch an dem alten Auto, das sie fahren, und dem Gesamtzustand der beiden, dass Verbrechen sich nicht lohnt, da muss gar nicht erst die Polizei zugreifen. Diese kann sich demgemäß nicht so herausragend positionieren, wie es z. B. Hauptmann Fuchs im Krätzig-Polizeiruf „Der Hinterhalt“ und in vielen klassischen Polizeirufen zugebilligt wurde. „Ball der einsamen Herzen“ ist strukturell eine „Manhunt“, aber die Ganoven Klaus-Peter und Jürgen erledigen sich mehr oder weniger selbst, Ersterer in einer wiederum komischen Szene, in welcher er von einer Krankenschwester, an die er sich herangemacht hat, eine Spritze mit Schlafmittel verpasst bekommt (wer würde das in Corona-Zeiten nicht komisch finden?) und die ihn durchschaut hat. Zu den Highlights des Films rechnet die Szene, in welcher er sich während eines Cafébesuchs aus der Tatsache herauszureden versucht, dass er auf einem Fahndungsfoto zu sehen ist. Dieser undefinierbar-eindeutige Blick der Frau, wunderbar gespielt von Heidrun Perdelwitz, die in Polizeirufen häufig zu sehen war. Nostalgie, ein Lächeln mit Seufzer, kein forscher Krimi.

7/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Helmut Krätzig
Drehbuch Helmut Krätzig
Musik Karl-Ernst Sasse
Kamera Walter Küppers
Schnitt Renate Földesi
Besetzung

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