Tod im Kraftwerk – Polizeiruf 110 Episode 155 #Crimetime 980 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Wittenberg #Beck #MDR #Kraftwerk #Tod

Crimetime 980 - Titelfoto © MDR

Als die Drogentaxis zweirädig waren

Die Gelände-Motorräder der Jugendgang sind im Grunde keine Drogentaxis, aber es ging um ein griffiges Bild, das heutzutage jeder versteht. Der Stoff wird ja in einer „Großdisco“, also in einem Club, abgesetzt. Sogar das Wort „Designerdroge“ wird in einem Polizeiruf aus dem Jahr 1993 schon verwendet. Das Chemielabor ist das neue Mohnfeld oder die zeitgemäße Hanfplantage. Mittendrin Kommmissar Beck, der alte Vopo. Der Kriminaler, der aus der DDR kam, ermittelt nun in der Lutherstadt Wittenberg – oder weshalb ist er dort? Es steht in der -> Rezension

Handlung (Wikipedia)

Hauptkommissar Beck ist zu Besuch in Wittenberg. Kurz nach der Ankunft wird er Zeuge eines Unfalls. Während er zu helfen versucht, wird ihm sein Gepäck gestohlen. Die Brüder Tommy und Ralf Schroth und ihre Freunde Otto und Leo, die Verursacher dieses gestellten Unfalls und Diebe von Becks Tasche, haben keine feste Arbeit und fahren tagsüber Motorrad in einer Industrieruine. Zudem verbringen sie ihre Zeit mit der jungen Tina, die ihrer Tante Hilde im Hotel aushilft. Beck kommt in Hildes Hotel unter, in dem er 1944 die Bombardierung der Stadt erlebte. Das Hotel weckt in ihm besondere Erinnerungen, verbrachte er doch mehrere Tage in einem der Zimmer und wartete auf seine Eltern, die jedoch während der Bombardierung ums Leben kamen und deren Grab sich auf dem Friedhof in Wittenberg befindet.

Tommy ist der Anführer der Motorradbande, die ihr Geld seit einiger Zeit mit dem Verkauf von synthetischen Drogen verdient. Sie erhalten den Stoff von Vater Schroths Bekanntem Müller, der einst Laborleiter im Chemischen Kombinat der Stadt war und die Drogen in einem Privatlabor herstellt. Mit den Motorrädern erreicht die Bande einen Umschlagskreis von 40 Kilometern rund um Wittenberg, sodass bald professionelle Rauschgifthändler auf sie aufmerksam werden. Beim Besuch einer Großdisko, in der Tommy und die anderen nachts Drogen verkaufen, lauern ihnen die Händler auf. Die Bande kann nur knapp entkommen. Tina ahnt, dass die Bande und vor allem ihr Freund Ralf in krumme Geschäfte verwickelt sind, weiß jedoch nicht, in welche. Sie würde sich gern Beck anvertrauen, doch will sie ihre Freunde nicht in Schwierigkeiten bringen.

Bei Beck erscheint eines Tages Oberkommissar Weibrecht. Der ermittelt seit längerer Zeit im Fall der synthetischen Drogen und beginnt nach erfolglosen Ermittlungen in Magdeburg nun in Wittenberg mit der Suche nach der Drogenquelle. Ein Grund ist, dass bei Veranstaltungen mit zahlreichen Drogenkonsumenten seit geraumer Zeit Motorräder mit Wittenberger Kennzeichen auffallen. Auch die Rauschgifthändler machen Jagd auf den Hintermann und zerstören neben verschiedenen chemischen Laboren in der Stadt schließlich auch Müllers Arbeitslabor. Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Müller sucht unterdessen Tina auf und rät ihr, aus der Stadt zu verschwinden; er befürchtet, dass sie sich Beck anvertrauen wird. Ralf geht dazwischen und droht Müller, ihn bei der Polizei anzuzeigen. Der tritt wenig später in der alten Kraftwerksruine Ralf entgegen und will ihn bestechen, damit er mit Tina aus der Stadt verschwindet. Ralf weigert sich und fährt in eine Falle Müllers, Müller fesselt ihn und sediert ihn in der Ruine mit Drogen aus seinem dortigen illegalen Labor. Tommy, der Ralf gesucht hat, kommt dazu und es kommt zum Handgemenge mit Müller, der ihn am Ende erschießt. Zu dem Zeitpunkt sind auch Beck und Tina am Kraftwerk angekommen, wusste Tina doch, dass Ralf am Abend auf dem Kraftwerksgelände mit seinem Motorrad fahren wollte. Sie hören die Schüsse und Beck kann Müller überwältigen. Die Leiche Tomms wird gefunden, wie auch der stark unter Drogen stehende Ralf. Tina bricht bei seinem Anblick in Tränen aus.i

Rezension

„Michael Knofs Film gelingt es, die düsteren Schatten der DDR-Vergangenheit in todtraurige Bilder zu übersetzen“, schrieb Der Spiegel anlässlich der Erstausstrahlung 1993.[3] Die Stuttgarter Zeitung kritisierte die Folge als „eher naiv erzählte… und realisierte… Story“, die wie eine „Erinnerung an die sechziger Jahre“ wirke: „Das betuliche Deutsch der Dialoge, die aufgesetzt wirkende Spielweise von Schauspielern, die noch nicht als psychologisch-stimmige Charaktere geformt wurden, oder die Denkweise der Story, die jeden Gedanken, jede Szene ausführen muß, anstatt schon mal einen Gedankenstrich oder einen Schnitt zu machen. Da wirbelt nun in zweiter Serienfolge der Staub der Fernsehgeschichte und – wie einst – ersetzt die Moral des Drehbuchs das, was sein Inhalt nur dünn produziert.“– Stuttgarter Zeitung 1993[4]

Eine Variante, mit der man in Rezensionen einsteigen kann, ist, zunächst andere zu Wort kommen zu lassen. Zeitgenössische Stimmen in diesem Fall. Danach erfolgt die Prüfung dieser Meinungen anhand eigener Eindrücke. Dabei kann es leicht passieren, dass eine Verteidigungshaltung entsteht, wenn jemand sich gar zu negativ über ein Werk geäußert hat. In der Tat, man kann die Erzählweise des Films für naiv halten, aber die Frage ist, worauf bezieht sich diese Aussage? Es mangelt „Tod im Kraftwerk“ an dramaturgischer Verdichtung, das ist offensichtlich. Die Szenenfolgen sind einfach aneinandergereiht, das ist schon in den frühen Polizeirufen ein auffälliges Problem gewesen, insofern ist auch der Rückgriff auf die 1960er richtig – bzw. auf die frühen 1970er, als die Reihe gestartet wurde und noch stark an den Stil der 1960er angelehnt war. Damals war es auch der Kürze der Filme geschuldet, dass es kein großes Auf und Ab gab. Doch im Laufe der Jahre verstand man es immer besser, dem Polizeiruf eine besondere Note zu verleihen und, da das Psychologische oben schon angesprochen wurde, psychologisch immer mehr Tiefe zu geben.

Warum sollte man davon in der Nachwendezeit nicht profitieren? Sie bot sich mit ihren Verwerfungen und der Entwurzelung, die wir bei den Jugendlichen im 155. Polizeiruf sehen, geradezu für solche Dramen an. Es gibt in diesem Film auch keine erwachsene Person, die nicht von der Wende durchgeschüttelt wurde und die Kinder spüren natürlich, dass die Zeiten sich ändern, ohne gleich so viel besser zu werden, wie man sich’s wenige Jahre zuvor erträumt hatte. Zunächst einmal wurden Jugendliche damit konfrontiert, dass ihre Eltern Schwierigkeiten haben, diese Zeit durchzustehen und nutzen die neue Freiheit auf ihre Weise. Die Drogendealerei wird ein wenig rudimentär dargestellt, da ertappt man sich schonmal bei dem Gedanken: Kein Wunder, dass diese Typen, auch die im Mercedes mit Kennzeichen aus Frankfurt am Main, bald darauf leichte Beute für die Clans wurden, die deren Geschäft übernahmen. Doch erst einmal frisst der westdeutsche Mittelstand die ostdeutschen Kleinunternehmer, das soll damit wohl ausgesagt sein, auch mit den beiden unterschiedlich alten Mercedes-Modellen.

Die Stimmung ist jedoch intensiv und erinnert sehr an den Ton in den frühen Ehrlicher-Kain-Tatorten. Kein Wunder. Sie stammen vom selben Sender und es gab beim künstlerischen Personal Überschneidungen. Die Tatorte wirkten aber etwas mühevoller. Zum einen, weil das Schema, dass alles mit einer Leiche beginnt, im Osten nicht so eingeübt war, zum anderen, weil insbesondere Bruno Ehrlicher den Ossi dermaßen raushängen ließ, dass man sich als Westler diskriminiert und in eine Schublade gesteckt fühlte. Dies ist nicht Kommissar Becks Beritt und sein Darsteller Günter Naumann schafft es, eine starke Präsenz durch die Wende hindurch zu retten, die auch das Überleben dieses knorrigen Kommissars im neuen System authentisch wirken lässt. Es war auf jeden Fall eine richtige Entscheidung, die wichtigsten Ermittler der Vorwendezeit „mitzunehmen“. Der filmische Gedankenstrich war in den späten Polizeirufen der DDR-Zeit durchaus schon ein gängiges Mitel, aber er ist immer dann gut einsetzbar, wenn eine Situation eingeübt ist, wenn Chiffres von allen verstanden werden.

Die Nachwendezeit brachte für die meisten Menschen in Ostdeutschland aber so viel Neues, dass man sich auch in Krimis vorsichtshalber aufs Erklären verlegte. Ein gewisser Mangel an Vertrauen und Selbstvertrauen könnte dabei durchaus eine Rolle gespielt haben, aber es waren nicht alle Polizeiruf, die damals entstanden sind, gleich. Kürzlich hatte ich Hans-Werner Honerts „In Erinnerung an …“ rezensiert, den direkten Nachfolger von „Tod im Kraftwerk“. Die Episode 156 ist mehr aufs Zeigen ausgerichtet, ohne das Erklären zu vernachlässigen.

Vor allem die Schauspieler werden von der Stuttgarter Zeitung zu sehr abgewertet – gemeint sind die jungen Kräfte, welche die Motorradgang spielen. Günter Naumann ist ohnehin untadelig, Wolfgang Winkler als Dauerbesoffener gewöhnungsbedürftig und unter Wert eingesetzt, Renate Kössner bleibt recht blass, anders als ihr Film-Ehemann Rolf Römer als der Ex-Chemie-Manager, der sich jetzt als Giftmischer betätigt. Unter den Nachwuchsschauspielern ragt Stefanie Stappenbeck als Tina heraus, die eine beherzte Vorstellung liefert und auch Robert Gallinowski ist längst ein bekanntes Gesicht im deutschen Fernsehen.

Finale

Die Handlungsbeschreibung der Wikipedia stellt das Ende so dar, dass Ralf nicht verstorben ist. Ich war mir dessen nicht so sicher, weil eben Tina eine so starke Reaktion zeigt. Es könnte ja auch aus ihr herausgebrochen sein, ohne dass ihr Freund gleich tot sein muss. Wer diese Filme heute anschaut und über sie schreibt, hat natürlich einen Vorteil. Er weiß, wie es weiterging. 1993 waren die Rezensenten im Westen möglicherweise schon ziemlich genervt vom im Osten um sich greifenden Phänomen, die Wende zu bejammern und ich habe auch manchmal Probleme damit, Ehrlicher, wie er in jenen Jahren war – später wurde er in etwas weniger wie eie Anklage formulierte Episoden gesteckt – ohne einen gewissen Anflug von Ärger zu rezensieren.

Aber da Beck vergleichsweise neutral ist, bleibt mehr Raum dafür, den Zeiten tatsächlich nachzuspüren und sich an sie zu erinnern, auch an die ersten Reisen in die sogenannten neuen Bundesländer. Entwurzelung ist nicht zu unterschätzen und Tristesse wirkt anders, wenn überall sonst auf der Welt die Menschen die Freiheit ausleben dürfen. Wittenberg sieht in den Bildern dieses Films auch noch sehr unrestauriert aus und das Kraftwerk stellt eine besonders düstere Ruine dar. Es hat nie Strom produziert. Nie gelebt.

7/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Michael Knof
Drehbuch Uwe Petzold
Michael Knof
Produktion Werner Uwe Kraft
Walter Heigl
Musik Christoph Schambach
Hartmut Behrsing
Kamera Thomas Plenert
Schnitt Renate Schäfer
Besetzung

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