Tatort 1141 – Krank #Crimetime 920 #Tatort #Wien #Eisner #Fellner #ORF #krank

Crimetime 920 - Titelfoto © ARD Degeto / ORF  /Lotus Film, Anjeza Cikopano

Wer ist schon wirklich gesund?

Etwa zehn Prozent der Bevölkerung haben wirklich gar nix, und selbst da würde mich die genaue Definition interessieren. Wenn man aber, wie ich gerade beim Schreiben, das spürt, was den Eisner im Film plagt, ist das schon etwas von dieser berüchtigten Ironie des Lebens. Aber ebenso wie Moritz werde ich mich schön davon fernhalten, die Ursachen vermutungsweise so zu benennen, dass sie in ein Weltbild passen, das mehr die Spiegelung meiner Dämonen wäre, als dass man mit dieser Art von Forschung eine Heilung bewirken könnte. Und die Globuli? Ich finde, einige Kritiker*innen, die vorab über den Film geschrieben haben, waren etwas zu sehr auf der verharmlosenden Schiene unterwegs (siehe Vorschau). Und wie ist der Film nun? Es steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Nachdem ein kleines Mädchen nach Behandlung mit sanfter Medizin infolge einer bakteriellen Infektion stirbt, kommt es zu einem Streit zwischen Vertretern von Schulmedizin und alternativer Heilmethoden um die Frage, ob das Mädchen mit anderen Methoden hätte gerettet werden können.

Peter Simon, der Vater des Mädchens, der sie nicht mit Antibiotika behandeln lassen wollte und Mitbegründer des Unternehmens Medicina Lenia, das sich auf Naturheilverfahren spezialisiert hatte, wird in einem Gerichtsverfahren wegen grober Vernachlässigung der Fürsorgepflicht freigesprochen. Allerdings wird er kurz nach seinem Freispruch von einem Auto überfahren und getötet.

Zu den Verdächtigen gehört Peter Simons Ex-Frau Maria, die in Kolumbien der Guerilla-Bewegung Ejército de Liberación Nacional (ELN) angehört hatte. In der Folge kommen weitere Beteiligte ums Leben, das Ermittlerduo Eisner und Fellner ist der Meinung, dass die Frau eine Liste abarbeite.[1][2][3][4]
Rezension

Wir fangen mal bei den guten Sachen an, insbesondere nach dem „Züri brännt“-Fail, der mir passiert ist. Dieses Mal haben sie das Wienerisch so weit zurückgenommen, dass man nicht vom Zuhören noch stärkere Rücken-, wahlweise Kopfschmerzen bekommt. Tadellos, ohne, dass man das Gefühl gehabt hätte, man sei nicht in Österreich. Nun ja, nicht ganz so,  zumal der Kampf Schulmedizin gegen Alternativmedizin bei uns auch ein harter ist. Ob es so hart zugeht bei der sanften Medizin, wie hier dargestellt, und zwar auf der Ebene, wie Firmen einander austricksen? Selbst in der Pharmaindustrie wird doch eher gekungelt, vor allem mit der Politik, und zwar zulasten des Geldbeutels der Patienten, aber diese Überteuerung, die etwas Mafiöses hat, ist auch wirklich ein speziell deutsches Phänomen. Dummerweise ist Alternativmedizin noch aufwendiger, zumal, wenn sie nicht von den Kassen übernommen wird. Man kann auch sagen, die Globuli sind mehr für den gehobenen Mittelstand und die esoterischen Methoden sowieso. Was war noch ansehnlich? Das Spiel von Eisner und Fellner natürlich, wobei „Rücken“ bei Moritz schon verdammt echt gewirkt hat. Allerdings entnahm ich diesem Interview, dass er zu den Personen rechnet, die mit einer hohen Resilienz ausgestattet sind, sowohl die Corona-Krise betreffend wie auch den Quatsch betreffend, den einige nun von sich geben wie auch allgemein. Weil er so gestrickt ist, wie er ist und auch ein wenig politisch denkt, nimmt er die Krise ernst.

Auf das Interview gekommen bin ich aber durch den Artikel, der erst dorthin verlinkt, und der besagt, die Zuschauerzahl war okay, aber nicht überragend (8,18 Millionen), die Quote (23,3 Prozent) ebenfalls. Danach haben einige Tatorte aus Städten, von denen man das bisher nicht gewöhnt war, die 10-Millionen-Marke überschritten und die Diskussion, ob der Tatort in Corona-Zeiten noch wichtiger geworden ist, läuft mittlerweile auf Hochtouren. Nun ja, in einem kleinen Kreis. Allerdings geht es in den Kommentaren auch um eine Sache, die mich ebenfalls mehr als nur genervt hat: Um das unglaublich Verquasselte dieses Films. Die Figuren müssen die halbe Zeit als Talking Heads herhalten, damit das Pensum an Informationen und Ansichten abgespult werden konnte, das in diesem Film enthalten ist. Mit der Handlung bin ich einigermaßen mitgekommen, aber deswegen meine ich auch, ohne Zögern schreiben zu dürfen: Unglaubwürdig bis lächerlich. Man soll den Freiheitskampf von Menschen in Südamerika nicht missbrauchen, um sie zu spinnerten Rachefeldzügler*innen zu machen und was auch immer mit der Alternativmedizin los ist: Die vielen Unwägbarkeiten in dem Komplott, das hier geschmiedet wird, würden jeden halbwegs strategisch orientierten Menschen zurückschrecken lassen, solche, wie heißen die Dinger – Doppelkreuze? – zu produzieren.

Obwohl ein kleines Mädchen durch Alternativmedizin in den Tod geschickt wird, hat man vor lauter Wortklaubereien keine Zeit, darüber so richtig traurig zu sein und die Mutter wird nur dadurch wenigstens in geringem Maße zur Identifikationsfigur, weil sie so exzellent dargestellt wird. Weil es aer nichts Richtiges im Falschen gibt, nämlich, sie als Stadtguerillera zu auftreten zu lassen, auch wenn sie als Typ verdammt echt wirkt, wird aus „Krank“ noch kein guter Tatort, weil Sabine Timoteo fast ohne ein Wort sehr präsent wirkt. Immerhin hebt sich die Figur durch ihre Dialogarmut geradezu positiv ab.

Sicher hat Heilungswirkung auch etwas mit Glauben zu tun, sonst gäbe es keine Placebo-Effekte, Herr Laborchef, das ist uns klar. Dafür muss man nicht mit dem Stuhl in ebenjenem Labor herumfahren, nur, um einen visuellen Reiz zu produzieren. Naja, die Regie hat versucht, das Drehbuch ein wenig aufzulockern, das ziemlich dick ausgefallen sein dürfte. Die Tendenz moderner Tatorte, zu viel zu wollen, zu viel zu beinhalten und dadurch den Fokus zu verliern, ist ja nichts Neues, aber hier ist das Verbale so ausgeprägt, dass die Dynamik neben der erwähnten Plausibilität auch noch verloren geht. Und das ist so schade, denn die beiden Wiener können in schnellen, auch mal hanebüchenen Handlungen eingesetzt werden. Wenn sie aber schon hanebüchen sind, dann doch lieber schnell und aktionsreich. In „Krank“ hat man die Chance mehr oder weniger vergeben, den Streit zwischen den Richtungen in der Medizin so darzustellen, dass ein Erkenntnisgewinn für den Zuschauer entsteht. Wer sich jetzt über seine eigenen Glaubenssätze bezüglich dem, was heilt oder nicht, Gedanken macht, der hat es wohl vor „Krank“ auch schon getan. Vor allem werden die Anhänger der Alternativmedizin ziemlich sauer über die Manipulation sein, die hier, trotz aller Inbezugnahme des Glaubens als Heilkraftquelle, eindeutig zugunsten der Schulmedizin stattfindet.

Die Österreicher*innen sind nach meiner Erfahrung noch mehr esoterisch als wir unterwegs bzw. noch mehr von ihnen sind anteilsmäßig so unterwegs, was vermutlich auch daran liegt, dass es der Mehrzahl der Menschen dort materiell noch etwas besser geht und sie daher mehr Zeit, Geld und Kraft für die Sinnsuche haben. Die Renten sind vor allem erheblich höher als bei uns, das schafft Spielraum zum Ausprobieren von allen möglichen Sachen und die meisten fangen schon viel früher damit an. Ob es so dort so große Alternativmedizinkonzerne gibt wie die dargestellte Firma, weiß ich nicht, aber kenne diese Art von Geschäft aus dem Fitnessbereich, dort sind auch nicht die Verträge und auch nicht die Kurse das, womit am meisten Geld gemacht wird.

Finale

Hingegen sollte man die Ansicht nicht unterschätzen, dass viele Krankheiten psychosomatisch sind, besonders diejenigen, die man „Zivilisationskrankheiten“ nennt, und man sich vor allem mal um sein inneres Selbst kümmern sollte, bevor man Tonnen von Pillen etc. aus der klassischen Pharmaküche schluckt oder ebenso viele alternative Produkte. Freilich trifft das nicht auf Krankheitsbilder zu, in denen es nur noch darum geht, ob schnell operiert wird, wie im vorliegenden Fall, oder ob spinnerte Angehörige die notwendige Hilfe vereiteln, nachdem ihr Verhalten diese erst notwendig gemacht hat. Manche Menschen können da auch ganz gut trennen und verlassen sich im Ernstfall doch lieber auf Ärzte. Es ist wirklich ein Jammer, dass der Film so aus der Form gegangen ist, denn mit dem tollen Zusammenspiel von Eisner und Fellner hat man im Prinzip alles, was man braucht, um die nötigen Infos so zu platzieren, dass sie auch noch witzig wirken. Ist es schon mal passiert, dass wir Moritz und Bibi mit einer so niedrigen Punktzahl haben nach Hause gehen lassen? Vermutlich nicht.

5,5/10

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Titel und Ermittler*innen: krank in dieser Zeit

„Krank“ als Titel eines Tatorts, während nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, wo dieser Tatort herkommt, die zweite Corona-Welle höher steigt als die erste im Frühjahr, das klingt makaber und passt allzu gut. Nicht nur zu diesem Tatbestand, sondern auch zur Weltlage. Irgendwann müssten sie ja kommen, die Filme der Reihe, die das Thema unserer Tage aufgreifen. Allerdings wurde „Krank“ im August und September 2019 gedreht, damals kannte niemand das Virus, das uns alle befällt und / oder beherrscht. Mittlerweile werden also Premieren so gestreckt, dass die Erstausstrahlung mehr als ein Jahr später erfolgt als der Dreh. Trotzdem ist es nach „Pumpen“ (Nr. 1136) der zweite Wien-Tatort innerhalb weniger Monate; Moritz und Bibi haben auch das zweite Tatort-Halbjahr 2020 eingeläutet.

„In „Krank“ bekommen es Chefinspektor Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Majorin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) mit einer kolumbianischen Guerilla außer Rand und Band zu tun, die den unnötigen Tod ihrer kleinen Tochter rächen will. Heimlich in einem Seefrachtcontainer lebend, plant sie hier ihre nächsten Anschläge. Der vom ORF produzierte 24. gemeinsame Tatort von Eisner und Fellner aus Wien wird am Sonntag, den 25. Oktober 2020 um 20.15 Uhr in Das Erste erstgesendet. Der Titel „Krank“ bezieht sich sowohl auf die fünfjährige Rosa, die auf tragische Weise verstirbt, als auch auf den Inspektor Moritz Eisner, den in diesem Einsatz schwere Rückenschmerzen plagen. Ein guter Grund, um noch stärker als sonst zu granteln. Solange, bis Bibi nur noch das Augenrollen bleibt.“ (Redaktion Tatort Fans)

Und die Meinung der Redaktion? Verhalten bis wenig begeistert. Einmal 3/5 und der Film sei solide bzw. wenig packend. Ich muss zugeben, mir sind die Wiener, wenn sie nur solide sind oder auch mal wenig packend, lieber als einige andere, wenn sie versuchen, einen Hype zu produzieren. Die Zeit nach Bibi Fellners Beitritt zum Team, als die ORF-Tatorte zu den besten der Reihe zählten, mögen vorbei sein, es lässt sich auch nicht jedes Thema so makaber aufputzen wie die Gangs of Vienna in „Kein Entkommen“ aus dem Jahr 2012, der nach Meinung der Tatort-Fundus-Nutzer immer noch das Beste darstellt, was man für dieses Team geschrieben und inszeniert hat.

Außerdem ist der Begriff „Wien-Tatort“ mehr ein Label. Besonders in der Zeit, als Eisner noch allein ermittelte, fuhr er im ganzen Land herum, löste Fälle, manchmal fielen sie ihm im Urlaub vor die Füße, und er durfte Werbung für die schönen Gegenden machen. Das hatte sich mit dem Einsatz von Bibi Fellner erst einmal geändert, die Filme wurden großstädtischer. Doch auch die beiden machten (zuletzt vermehrt) Ausflüge ins Grüne. Österreich hat eben nur einen Tatort, und der muss Stadt und Land gleichermaßen zeigen. Ich könnte mir einen zweiten im Westen (Salzburg mit Bezug zu Bayern oder Tirol) vorzustellen, schließlich kommen in Deutschland, auf die Einwohnerzahl gerechnet, mehr als doppelt so viele Teams zum Einsatz. Andererseits: Es ist auch genug. Es ist eher schon etwas zu viel. Fünfzehn statt derzeit 21 Standorte würden vollkommen ausreichen.

Und was ist das Thema und was sagen weitere Stimmen?

Der SWR3-Tatortcheck verortet das Thema als Glaubensfrage: Schulmedizin oder Naturheilkunde, sieht charmante Figuren am Werk und eine Überdosis an Inhalt und hängt drei Elchgeweihe (von fünf möglichen) auf.

Volker Bergmeister vergibt in Tittelbach-TV 4 von 6  Sternen und konstatiert: „Kaputter Rücken bei Moritz Eisner, kranke Seele bei der Mutter, die ihr Kind verloren hat, kranke Hirne bei den miesen Geschäftemachern im Glaubenskrieg zwischen Schulmedizin und alternativen Heilmethoden: Der ORF-„Tatort – Krank“ dreht sich um ein gesellschaftspolitisches Thema.“ Gesellschaftspolitische Themen belegen, dass etwas in der Gesellschaft nicht gesund ist, sonst wäre nichts zu diskutieren, zumindest nicht in einem Krimi als Trägergenre. Allerdings seien großartige Darsteller*innen teilweise in einem B-Plot verschenkt, heißt es ebenfalls, hingegen: „Was auch bei diesem ORF-„Tatort“ auffällt: Man arbeitet erneut bei der Besetzung nicht mit dem einen (oder anderen) großen Namen, sondern setzt eher auf ein stimmiges Ensemble, aus dem keiner der Darsteller herausragt. Die Akteure sind – und das ist als Lob für die schauspielerische Arbeit zu verstehen – in erster Linie Funktionsträger für die Geschichte (…).“

Die Steilvorlage ist leider zu gut gewesen, also titelt Bild: „Ein echt KRANKER TV-Thriller“ (das „kranker“ muss man sich geschrien vorstellen) und dort kommt man darauf, dass der oben erwähnte Glaubenskrieg mit mörderischen Mitteln fortgesetzt wird. Er mündet wohl eher in Mord und Totschlag.

Eine Tendenz erkennt Kino.de: Globuli-Kritik, also eine Parteinahme für die Schulmedizin, allerdings: „Zum einen will Autor und Regisseur Rupert Henning der Profitsucht mancher Alternativmediziner den Spiegel vorhalten, zum anderen traut er seiner eigenen Courage nicht. Das ist besonders bedauerlich, denn genau in der Ermittlungsarbeit gegen die vermeintlichen Halbgötter der Globuli-Glückseligkeit liegen die stärksten Momente seines „Tatorts“, die durch den unnötig übergestülpten Rachefeldzug an Kraft und Glaubwürdigkeit verlieren.“

Deswegen raunt „Tittelbach-TV“ vermutlich auch von einem verschenkten Talent in einem B-Plot. Ich werde mich überraschen lassen. Nachdem die Arbeiten an der dritten Staffeln von „Babylon Berlin“ sich, zumindest die zwölf Folgen betreffend, dem Ende zuneigt, kann ich die neuen Tatorte hoffentlich  bald zeitnäher rezensieren als zuletzt. Jedenfalls wird heute Abend aufgezeichnet und dann sehen wir die Nr. 1141 und weiter.

Regie Rupert Henning
Drehbuch Rupert Henning
Produktion Peter Wirthensohn,
Tommy Pridnig
Musik Kyrre Kvam
Kamera Josef Mittendorfer
Schnitt Britta Nahler
Besetzung

2 Kommentare

  1. „Ist es schon mal passiert, dass wir Moritz und Bibi mit einer so niedrigen Punktzahl haben nach Hause gehen lassen? Vermutlich nicht.“

    Das führt mich zu einer Frage, die mir schon länger auf den Nägeln brennt. Gibt es eine Gesamtübersicht aller Tatort-Rezensionen des Wahlberliners? Also so etwas in der Art, wie es der Tatort-Fundus macht, idealerweise sortierbar nach laufender Nummer, Titel, Ermittler und Bewertung? Vermutlich nicht, oder? 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für das Interesse!

      Leider noch nicht. Ein Gesamt-Artikelverzeichnis, aus dem auch eine Übersicht der Tatort-Rezensionen generiert werden kann, wird in diesem Jahr auf jeden Fall kommen, aber vorerst geht’s nur, indem man die Suchfunktion bedient und schaut, ob es zu einem bestimmten Tatort schon was gibt.

      Viele Grüße
      TH

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