Bravados (The Bravados, USA 1958) #Filmfest 476

Filmfest 476 Cinema

Die andere Seite der Medaille

Bravados (Originaltitel: The Bravados) ist ein US-amerikanischer Western des Regisseurs Henry King aus dem Jahr 1958, der auf dem gleichnamigen Roman von Frank O’Rourke basiert. In Deutschland wurde der Film am 1. August 1958 uraufgeführt. Der Streifen um einen fatalen Rachefeldzug zählt zu den besten Werken des sehr routinierten, jedoch vergleichsweise selten im US-Heimatgenre eingesetzten Regie-Handwerkers der 20th Century Fox; es war zugleich die fünfte von sechs Zusammenarbeiten Kings mit Hauptdarsteller Gregory Peck.

Vielleicht, um sich von seiner grandios gutmenschlichen, liberalen Rolle in „Weites Land“ zu erholen, hat Gregory Peck im Anschluss die Hauptrolle in „Bravados“ gespielt. „Weites Land“ ist einer unserer Lieblingswestern, schon immer gewesen. Und in Rollen, in denen er etwas overacten darf und ironisch sein, engagiert oder auch in Maßen komödiantisch, ist Peck auch gut. Aber sein ausgeprägtes Method Acting kann auch künstlich wirken, und in „Bravados“ gibt es Momente, in denen wir ihm den finsteren Rächer nicht abkaufen, weil er so gewollt wirkt. Wir sind schon recht froh, dass er nicht die Rolle des Will Kane in „Zwölf Uhr mittags“ erhalten hat, die Gary Cooper dann spielte – der Film wäre mit Peck nicht so gestanzt, die Figur des einsamen Sheriffs nicht so monolithisch-mythisch geworden.

Handlung (1)

Der Rancher Jim Douglass kommt nach vergeblicher Verfolgung der vermeintlichen Mörder seiner Frau in die Kleinstadt Rio Arriba, um zu erkunden, ob die dort für den nächsten Morgen zum Tod durch den Strang verurteilten vier Bankräuber Bill Zachary, Ed Taylor, Leandro Lujan und Alfonso Parral die gesuchten Täter sind, die er zwar nicht vom Sehen kennt, deren Beschreibung aber auf die Todeskandidaten zutrifft. Es kommt zu einem unerwarteten Wiedersehen mit Josefa Velarde, mit der er fünf Jahre früher in New Orleans ein Verhältnis hatte, bevor er eine andere heiratete und Vater einer Tochter namens Helen wurde. Wegen des Verbrechens an seiner Frau ist er zu keiner Wiederbelebung der Affäre bereit. Er will Josefas Bitte zunächst auch nicht nachkommen, sie in die Kirche zu begleiten, wo eine Messe wegen des außergewöhnlichen Ereignisses abgehalten wird. Doch er überlegt es sich anders und betritt das Gotteshaus. Dies erfreut einen anderen Fremden, der sich gegenüber Sheriff Sanchez als Henker Simms ausgibt. In Wirklichkeit ist er aber ein Komplize, der den vier Verurteilten zur Flucht verhilft, dabei aber schließlich selbst getötet wird. Als die vier Flüchtigen sich im örtlichen Laden Gewehre und Munition besorgen, taucht dort gerade Emma Steinmetz auf, um für ihren Vater, der in der Kirche Schmerzen bekommen hat, etwas Arznei zu besorgen. Der auf Frauen fixierte Flüchtling Zachary nimmt sie sofort als willkommene Geisel. Während die vier wegreiten, alarmiert der schwerverletzte Sheriff die Einwohner.

Auf Drängen von Emmas Vater wird eine Posse zusammengestellt, doch Douglass will zur Verwunderung Josefas zunächst nicht mitreiten. Er glaubt an sein Wissen über die Handlungsmuster der Verbrecher und daran, dass er allein eine bessere Chance hat sie aufzuspüren. Die Flüchtigen fürchten weniger die Posse als vielmehr den Einzelgänger, der ihnen trotz vorausgegangener Gegenüberstellung im Sheriff-Gewahrsam völlig unbekannt ist. Während Douglass nun selbst die Verfolgung aufnimmt, wird von der Posse die Leiche eines Unbekannten entdeckt. Es handelt sich offenkundig um den echten Henker. Die Outlaws beschließen, Alfonso Parral zurückzulassen, damit dieser Douglass aus dem Hinterhalt erschießt. Douglas erkennt allerdings den Hinterhalt und kann den lauernden Parral im hohen Gras stellen. Douglass beschuldigt ihn des Mordes an seiner Frau und zeigt ihm ein Bild von ihr, das er in seiner Taschenuhr mit sich trägt, und obwohl Parral beteuert, sie nie zuvor gesehen zu haben, erschießt er ihn. Danach soll Ed Taylor die Eliminierung des Unbarmherzigen übernehmen, dessen Versuch jedoch ebenfalls scheitert. Er wird von Douglass kopfüber an einem Baum aufgehängt und stirbt. Derweil hat Josefa vom Pater etwas mehr über ihren früheren Geliebten erfahren und will sich um dessen Tochter Helen kümmern, die bei mexikanischen Ranchgehilfen untergekommenen ist. Zusammen mit einem Bekannten reitet sie der Posse und Douglass nach. (…)

Rezension

„Bravados“ ist auch ein Peck-Film, wenn man ihn vom Hintergrund her betrachtet. Der Mann mit den fortschrittlichen Ansichten, dem wir niemals die durch das manchmal bemüht wirkende Ringen um das Richtige so aussagestarke Rolle des Anwalts in „Wer die Nachtigall stört“ vergessen werden, einem der berührendsten Filme seiner Zeit, hatte auch in diesem Henry-King-Western eine Botschaft zu vermitteln: Rache mag Blutwurst sein, aber was, wenn man drei Menschen umbringt und dann feststellt, dass es die falschen waren und es in Wirklichkeit nur einen Täter gab, dem man als einfach und geradlinig denkender Mann nicht zugetraut hat, dass er so fies sein kann, wegen eines Beutels Gold zu morden und dann den Verdacht geschickt auf andere zu lenken, die in der Tat Halunken sind und selbst im Laufe von „Bravados“ Tötungshandlungen begehen?

Da kann man nur in die Kirche gehen und hoffen, dass Gott vergibt. Es ist auch eine tolle, eine prächtige katholische Kirche, die von innen mächtig viel größer wirkt als das Gebäude, in dem dieses Innenleben angeblich untergebracht ist. Die Macht des Allmächtigen offenbart sich erst, wenn man sein Haus betreten hat, in ihrem Glanz.  Sonst ist der Film nicht sehr stilisiert, aber hier wirkt er so, denn die Dialektik, die den Herrn sagen lässt, die Rache ist mein!  Der Farmer mit dem Adlerauge ist jedoch für die wirkliche Bösartigkeit blind und insofern ist auch die Aussage dieses Films ganz gut ins Schema einzuordnen, das die Pecks Filme zu der Zeit auszeichnete, als er sich die Rollen mehr oder weniger aussuchen konnte.

Eigentlich will seine Figur gar nicht selbst eingreifen, sondern sich nur anschauen, wie die vier Banditen zu Galgenstricken werden – doch dann brechen sie aus und Jim Douglas wird der Anführer der Verfolgergruppe, die ohne den angeschlagenen Sheriff auskommen muss. Einen nach dem anderen erledigt er die Bande – nur Nr. 4 überlebt. Der „Indianer“, seinerseits der Beschlagenste unter den vier, schafft es, mit Hilfe seiner Frau Douglas zu überwinden und klärt ihn über die wahren Gegebenheiten auf. Diese Szene ist etwas seltsam, denn es sollte doch anzunehmen gewesen sein, dass Douglas den entfernten Nachbarn hätte kennen müssen und außerdem wirkt es plötzlich, als seien sie quasi gleichgestellt, mit Frau und Kind – sind sie aber nicht, wenn man ihre Jobs vergleicht.

Am Ende zieht Douglas mit einer Frau davon, die ihn vor einigen Jahren nicht heiraten wollte und von Joan Collins dargestellt wird. Damals war der Farmer ihr wohl etwas zu wenig vermögend, man sieht schon leichte Ansätze von Alexis Colby vom Denver-Clan durchschimmern. Aber am Ende nimmt sie Douglass, denn in Wahrheit ist er der einzige Mann in der Stadt, den man ernsthaft in Betracht ziehen kann, nicht nur aus optischen Gründen. Lächelnd gehen sie in der Schlussszene, frisch verheiratet, durch das Spalier der Städtchen-Bewohner*innen, die sich, genau wie die beiden selbst, nicht mehr daran stören, dass einige Unschuldige ums Leben gekommen sind, durch die Hand des vormals braven Farmers Douglas. Oder ist da doch etwas Säuerliches in diesem Schlusslächeln, etwas Zweifelndes? Wir wollen es mal nicht biegen, bis es passt, sondern so belassen, wie es initial auf uns wirkte: Das Ende ist etwas zu süßlich geraten, der Wandel vom moralisch schwer angeschlagenen Mann allein in der Kirche zum Helden des Tages kommt zu schnell.

Das ist aber ein typisches Problem von Filmen, die eigentlich ein Fullsize-Setting haben und auch den Cast, der über eine längere Strecke gehen kann. So komplex wie „Weites Land“ (165 Minuten Spielzeit gegenüber 97 von „Bravados“) ist er ohnehin nicht, aber am Ende fehlen ein paar Minuten für ein gut getimtes Finale. Dieser Hinweis muss jedoch sein: Wir haben nicht gestoppt, vielleicht haben sie aus der deutschen Version mal wieder genau das rausgeschnitten, was den Film noch etwas runder hätte wirken lassen. Ungewöhnlich war das leider damals nicht.

Finale

Henry King (nicht zu verwechseln mit King Vidor, der Gregory Peck in seinem ersten Western betreute, dem berühmten und berüchtigten „Duel in the Sun“ aus dem Jahr 1946) hat oft und gerne mit dem Mann aus La Jolla, San Diego, Kalifornien, gefilmt, wir freuen uns auf „Der Scharfschütze“, noch in Schwarz-Weiß gedreht, aus dem Jahr 1950, den wir aufgezeichnet haben. Ein weiterer Film, für den die beiden zusammengearbeitet haben, war „Schnee am Kilimandscharo“ (1952), und der gehört zu denen, die wir „generisch“ nennen: Sie haben unsere Vorstellung von dieser Kunstform geprägt, als sie im Fernsehen liefen.

71/100

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Henry King
Drehbuch Philip Yordan
Produktion Herbert B. Swope jr.
Musik Lionel Newman (Titelthema:Alfred Newman, Hugo Friedhofer) (Neufassung 1962)
Kamera Leon Shamroy
Schnitt William Mace
Besetzung

 

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