Ben Hur (USA 1959) #Filmfest 480 #Top250 #DGR

Filmfest 480 Cinema – Concept IMDb Top 250 of All Time (61) – Die große Rezension

Spiel’s noch einmal, MGM

Ben Hur ist ein US-amerikanischer Monumental- und Historienfilm von William Wyler aus dem Jahr 1959. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman von Lew Wallace. Charlton Heston spielt die Titelrolle des israelitischen Prinzen Judah Ben-Hur, dessen Konflikt mit seinem ehemaligen Freund Messala (Stephen Boyd) tragische Folgen hat. Der Film stellte zahlreiche Produktionsrekorde auf und wurde unter anderem mit elf Oscars ausgezeichnet. Diese Marke, die sich Ben Hur noch mit den Filmen Titanic und Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs teilt, ist bis heute unübertroffen.

Das römische Imperiums war kurz nach Christi Geburt noch in der Ausdehnung begriffen, das Film-Imperium MGM, das zwar in der Filmindustrie nicht ganz die Stellung des Römischen Weltreiches hatte, aber das Mächtigste in Hollywood war, kam in den 1950ern dem Ruin nah. Die wunderschönen Musicals, für die MGM bekannt war und Familienunterhaltung auf unverbindlichem Nibeau, sie kamen aus der Mode, andere Studios hatten, was Stoffe und Darsteller betraf, den Puls näher am Gefühl der Zeit, vor allem Warner Bros. und 20th Century Fox kamen stark auf.

MGM suchte dringend nach einem Thema für den lange vermissten Blockbuster, und wie schon häufiger in diesem Jahrzehnt, grub man einen alten Stoff aus, an dem man die Rechte bereits besaß und fertigte ein Remake. Aber in diesem Fall ein wirklich ernst gemeintes, das der bis dahin teuerste Hollywoodfilm werden sollte. Man versuchte sogar, die vorhandenen Kopien des „Originals“ von 1925 zu vernichten, obwohl es zur eigenen Firmengeschichte gehörte und einen Höhepunkt des MGM-Schaffens während der 1920er darstellte. Weiter in der -> Rezension.

Handlung (1)

Der Film beschreibt das Leben des fiktiven jüdischen Fürsten Judah Ben Hur, ansässig in Jerusalem in dem Moment, in dem die Zeitenwende zum Christentum geschieht. Er zerstreitet sich mit seinem Jugendfreund, dem Römer Messala, durch einen unglücklichen Zufall wird es dem Soldaten möglich, Ben Hur zu einer Galeerenstrafe zu verurteilen und auf dem Weg zur Küste trifft der verdurstende Ben Hur auf Jesus von Nazareth, der ihm zu trinken gibt. Für die Römer rudert Ben Hur drei Jahre lang, dann bringt eine Seeschlacht mit Piraten die Wendung: Er rettet einem römischen Konsul das Leben und wird von diesem zum Dank als Sohn angenommen. Er kehrt nach Judäa zurück, um seine  Mutter und seine Schwester zu finden, die ebenfalls verurteilt, aber eingekerkert worden waren. Nach längerer Suche wird er gewahr, dass sie noch leben. Sie haben Lepra und werden ins Tal der Aussätzigen geschickt. Ben Hur, der in Rom zum Wagenlenker ausgebildet worden war, fordert Ex-Freund Messala heraus, den lokalen, unbesiegten Champion, besiegt diesen und Messala wird so schwer verletzt, dass er bald darauf stirbt. Ben Hur meint, er sei mit den Römern noch nicht fertig, doch am Ende und im Umfeld einer Predigt von Jesus verfliegt der Rachedurst, er begegnet Christus noch einmal auf dem Kreuzweg und dieser heilt sozusagen im Vorbeigehen die Mutter und die Schwester von Ben Hur. Dies bringt den Fürsten endgültig von weiteren Racheplänen ab. (…)

2021-02-06 Filmfest Cinema 2021Rezension

Er war genau das, was das Remake 1959 auch darstellte, ein Flaggschiff-Projekt und ein Meilenstein technischer Art. Schon, wenn man selbst auf einem 16:9-Fernseher das Geschehen nur auf einem schmalen Mittelstreifen sieht, ist klar, hier war allergrößter Aufwand angesagt. Das Original-Bildverhältnis von 2,66:1, das breiteste, das wir je gesehen haben, wurde bei der Ausstrahlung in HD und im originalen 6-Kanal-Stereo übernommen und wir haben den Reiz, das vollständige Bild zu betrachten, der Idee vorgezogen, durch  Zoomen alles etwas größer zu bekommen.

Konnte jedoch der abermalige Rückgriff in die Vergangenheit funktionieren, um die Zukunft des Studios zu sichern?

Er konnte. Elf Oscars, die bis dahin höchste erreichte Zahl, eine großartige Rezeption an der Kinokasse waren der Lohn für das Wagnis, noch einmal ganz nach vorne zu wollen. Freilich war das eine Momentaufnahme. Allerdings gab es einen Umstand, der MGM zugute kam. Die 1950er waren wieder eine Zeit der Großfilme, wie schon die späten 1930er und die fortgeschrittene Stummfilmzeit. Biblische Themen, gewaltige Epen, die in den 1940ern mit ihrem vergleichsweise realistischen Kino niemanden interessiert hatten, kamen in Mode wie nie zuvor. „Die Zehn Gebote“ (1956) wies den Weg, denn auch dieser Film war sehr erfolgreich gewesen. MGM selbst hatte sich schon 1951 mit „Quo Vadis“ auf eine heute noch ansehnliche Weise in der Zeit des frühen Christentums umgetan und die Zustände im alten Rom dabei unter die Lupe genommen.

Wie aber verfiel man ausgerechnet auf William Wyler als Regisseur dieses Monumentalwerkes? Die einzige Qualifikation, die wir gefunden haben, war, dass er bereits in Assistenzfunktion des Regisseurs Fred Niblo am „Original“ von 1925 mitgewirkt hatte (bereits 1907 gab es eine erste Fassung, die aber begreiflicherweise nicht mit den späteren Filmen vergleichbar war und nur zwölf Mimuten Spielzeit aufwies). Wenn man von dieser Tätigkeit absieht, war das Genre Bibelepen vielleicht das Panier von Cecil B. DeMille, aber nicht von William Wyler, der uns einige der wundervollsten Dramen und Romanzen geschenkt und einer der besten Schauspieler-Regisseure seiner Zeit war. Unter seiner Leitung fanden Filme und Darsteller*innen zu beachtlicher Stimmigkeit, in der Art des geborenen Elsässers, Menschen für uns verständlich und mit hohem Identifikationspotenzial handeln zu lassen, vereinten sich beste französische und deutsche Kinotraditionen.

Seiner Regie ist es sicher zu verdanken, dass es einige große Menschenmomente in diesem sehr langen Film gibt, wie etwa die Wiedersehensszene zwischen Ben Hur und Messala, die bereits Spannungen offenbart und auch die Folgebegegnungen, in denen sich das Verhältnis der Männer, die sich während langer Trennung unterschiedlich entwickelt hatten, immer mehr verschlechtert, sind sehr gut inszeniert. Angeblich soll es in diesem Verhältnis sogar ein homoerotisches Element gegeben haben, sodass der beachtliche Hass, den Messala gegenüber Ben Hur entwickelt, sich nicht nur aus seiner messianischen Einstellung zur römischen Macht und Staatsidee speist, sondern auch aus dem abgewiesen werden, das seinen Freund ihm zum Feind werden lässt. Dass Judah Ben Hur nicht die Namen der Romkritiker in den eigenen Reihen preisgeben will, empfindet Messala als persönliche Demütigung. Offen geschrieben, ja, die Freundschaft wirkt sehr herzlich und vielschichtig, aber das homosexuelle Moment ist gut versteckt und wir sind erst im Nachgang und beim Lesen der essentiellen Informationen zum Film darauf gestoßen worden. Verständlich, dass man in der Beziehung eher verdeckt agierte, man befand sich im Jahr 1959, und da war es nicht angezeigt, ausgerechnet in einem Bibelfilm die Pforten für Queeres im Kino zu öffnen. Doch bereits ein Jahr später, im wesentlich progressiveren nächsten großen Rom-Film Hollywoods namens „Spartacus“ wurde das Thema bereits deutlicher (Rezension beim Wahlberliner).

Doch bei aller Kunst William Wylers, aus Figuren Charaktere zu formen, in erster Linie ist „Ben Hur“ keine tiefgründige Abhandlung über Religion und Ethik, sondern eher eine plakative Gegenüberstellung und Konfrontation weltlicher Machtansprüche , von wem auch immer in imperialer Überdehnung gestellt, gegenüber dem Reich Gottes. Die Freiheit, von der Ben Hur immer wieder spricht, wirkt relativ, weil die Freiheit damals immer die Freiheit weniger meinte, das Volk hatte nichts zu sagen unter den Fürsten und Königen. Das wäre auch nicht anders gewesen, wenn nicht römische, sondern einheimische Herrscher regiert hätten und es keine Besatzung gegeben hätte. Die Segnungen der römischen Zivilisation wären dann allerdings nicht nach Judäa gelangt. Wo Messala Recht hat, muss man ihm Recht geben. Dies ist ein Grundproblem vieler historisierender Filme, die von Unterdrückung und Freiheit handeln – dass die ideelen Gesichtspunkte immer eine Sache der Oberen Zehntausend ist, die sich von einer objektiv möglicherweise der eigenen Regierungsfähigkeit überlegenen, moderneren Besatzung fremdbestimmt fühlen und dass manche Fremdherrschaft für die einfachen Menschen vielleicht mehr tat und echte Verbesserungen brachte, die man unter der absolutistischen Knute der örtlichen Aristokratie kaum erfahren hätte.

Gerade die römische Weltherrschaft ihrer Zeit ist das wohl prägendeste Beispiel dafür, dass Zivilisation autoritär verordnet sein kann und wie sie verschwindet, wenn die Autorität schwindet, die sie mitgebracht hat. Auch wenn die Verwendung und Verkürzung des Begriffs der Freiheit in vielen Filmen das Gegenteil suggerieren möchte, um Freiheit im Sinn der Selbstbestimmtheit des Volkes als Souverän, also um eine echte Demokratie, geht es gerade beim Rückgriff auf weit zurückliegende Zeitalter sehr selten. Die Mächtigen ringen miteinander und es wirkt manches asymmetrisch, dadurch entsteht Sympathie seitens des Zuschauers für die weniger mächtig erscheinende Partei, die aber derselben Klasse angehört wie ihre Widersacher.

Der gezeigte Gegensatz zwischen dem Prinzip der Rache und dem der Vergeltung funktioniert schon eher, aber auch der ist im jüdisch dominierten Hollywood im Grunde immer ein Eiertanz, denn das Judentum, mithin das Alte Testament und die darauf fußenden Bücher, kennt die christliche Lehre der Vergebung nicht. Als im Film am Ende proklamiert wird, Gewalt bringe nur immer neue Gewalt hervor, bleibt es nicht aus, dass man bei einem Film, der im heutigen Israel und Palästina spielt, an den ewigen Nahostkonflikt denkt, der genau aus jenem Grund so ist, wie er ist. Wenn man so will, stehen vorchristliche Weltauffassungen einander gegenüber (was nicht heißt, dass christliche Herrscher christlich gehandelt hätten, und ist sogar verwerflicher, wenn die oft und über Jahrhunderte als Staatsreligion wichtiger Länder Europas inthronisierte Lehre es eigentlich gebietet, als wenn es keinen pazifistischen Ansatz darin gibt) (2).

Die Vielschichtigkeit und Komplexität dieses Großthemas Religion und Politik kann auch ein beinahe dreieinhalbstündiger Film nicht wiedergeben, zumal dann nicht, wenn viel Zeit für die Massenszenen verwendet wird, die in der Tat grandios sind. Über das Wagenrennen muss man kaum noch schreiben – oder doch, ein wenig jedenfalls. Zum einen ist klar erkennbar, dass auch 1959 noch im Zeitraffer gefilmt wurde, damit alles  viel rasanter aussieht als in der Wirklichkeit, zum anderen sind rund um das Rennen einige historische Knackpunkte zu bemerken, die sich zu jenen gesellen, welche an anderen Stellen die historische Genauigkeit mit Füßen treten, die auch bei einem fiktionalen Stoff bzw. einer fiktionalen Hauptfigur hätte mehr berücksichtigt werden können.

Teilweise sind die Probleme schon im Buch angelegt. Die ganze Handlung hätte nicht funktioniert, hätte die Vorlage von Lew Wallace nicht Tatsachen suggeriert, die es nicht gab. Der Wendepunkt der Handlung, die Galeerenhaft von Ben Hur, ist historisch falsch, denn zur Zeit des Römischen Imperiums gab es keine Sklaven auf Militärschiffen, schon aus Gründen der mangelnden Professionalität einer solchen Besatzung nicht. Man muss sich stets vor Augen halten, wie weit überlegen die römische Armee technisch dem Rest der Welt war, weshalb man sie auch beherrschen konnte. Wir meinen auch, diese quasi Gleichheit der Schiffstechnik zwischen den Römern und den Piraten, die man im Film sieht, kann es so nicht gegeben haben. Nun kann man anmerken, als Lew Wallace 1880 seinen Roman veröffentlichte, wusste man manches noch nicht. 1959 aber schon. Doch auf der nächsten Stufe wird es schon wieder schwierig: Man hätte unmöglich diese pittoreske Seeschlacht weglassen können und zudem Ben Hur ein anderes Schicksal in Gefangenschaft verpassen können. Da wäre das Publikum, viele werden den 1925er Film schon gesehen haben, sicher enttäuscht gewesen, hätte man z. B. Ben Hur, was realistischer gewesen wäre, in die Sklaverei verkauft und er wäre dann von einem Händler wie Peter Ustinov, wie er in „Spartacus“ auftritt, ausgelöst worden, um zum Gladiator ausgebildet zu werden – so, wie es sein späterer Ziehvater hier auch macht, nachdem er den kräftigen und gewandten, kognitiv sehr gut organisierten Ben Hur beim Rudern beobachtet hat. Nein, dann lieber historisch fehlerhaft. Das wird sich auch die AMPAS gesagt haben, als sie dem Film auch einen Oscar fürs Drehbuch zusprach, das alle Fehler des Buches übernahm.

Allerdings hat sich der lässige Umgang mit der Akkuratheit auch in der Ausstattung fortgesetzt, es gab zum Beispiel nie einen mit Spornen auf der Radnabe bewehrten „griechischen Wagen“ als Gipfel der unfairen Renngestaltung, zudem hätten die Sporne nichts genützt, weil das Gespann vor den Wagen, vier Pferde nebeneinander, viel breiter war als die Wagen selbst, diese hätten sich also nicht berühren können. Ganz so fies wie im Film gezeigt, ging es bei den Wagenrennen in Wirklichkeit wohl nicht zu, das betrifft auch die Ausfallquote von 70 Prozent, die beinahe ausschließlich durch Fremdeinwirkung zustande kommt (nur 3 von 10 Gespannen „überleben“, durchs Ziel gehen allerdings vier).

Es gibt eine Reihe weiterer Punkte, die nicht ganz so auffällig sind und auf die wir hier nicht eingehen können. Bleibt aber festzuhalten, dass es an der Wende zu den 1960ern schon Filme gab, die exakter in der Abbildung historischer Verhältnisse waren als „Ben Hur“, der in manchen Punkten aus Gründen der impressiveren Optik sogar hinter dem älteren Film von 1925 zurückbleibt – unter anderem einige Kostüme betreffend.

Was uns ein Film aber jenseits solcher Mäkeleien wert ist, bemisst sich an Faktoren, die in „Ben Hur“ einzeln zu betrachten sind. Zum einen ist da die emotionale Einbindung. Die hat bei uns nur in wenigen Szenen funktioniert, interessanterweise am besten in dem Moment, als der Konsul Quintus Arrius den in seinem Haus Versammelten die Aufnahme von Judah Ben Hur als Sohn verkündet, hingegen nicht in den wenigen, eher zurückhaltend gefilmten Liebeszenen oder etwa im Tal der Aussätzigen. Vielleicht hat die Faszination fürs Visuelle, die Pracht, die Konzentration auf technische Aspekte, uns ein wenig zu sehr absorbiert. Auch eine hervorragende Botschaft kann ein Aspekt sein, der einen Film besonders macht. Eine Idee, die für Überraschung sorgt, ein Handlungsverlauf, der uns verblüfft, ohne dass wir ihn allzu absurd finden – zumindest sollte er das bei einem Drama nicht sein. Da wir die Handlung von „Ben Hur“ bereits kannten. Filme dieser Art haben  selten das Überraschungsmoment auf ihrer Seite, da die Botschaft immer in die gleiche Richtung zielt und es nur noch auf die Qualität der Darbietung ankommt. Dafür kann der einzelne Film nichts, denn er ist, was er ist, durch seine vielfach vorher adaptierte Vorlage, sodass das Interessanteste die Unterschiede zu anderen Verfilmungen ist; 2016 gab es ja wieder eine. Die inneren Differenzen sind aber bei „Ben Hur“ 1959, und das ist vielleicht das Überraschendste, sehr gering. Es gibt im Wesentlichen keine Veränderungen, keine Anpassung von Sichtweisen, keine Adaption von Zeitströmungen, die es 1925 noch nicht gegeben haben konnte.

Man kann natürlich in die Römer jedwede sogenannte Rasse von Herrschenden hineinlesen, und ganz sicher klingt da etwas aus der damals jüngsten Geschichte an, es wurde in die Szene, in der Messala von Judah fordert, die Andersdenkenden zu verraten, auch ein Bezug zur im Hollywood der 1950er sehr präsenten Kommunistenhetze und dem sogenannten McCarthyismus, hineingelegt, viele Filme der Zeit enthalten solche Anspielungen. Einige setzten Zeichen, indem sie Mitwirkende beschäftigten, die wenige Jahre zuvor noch auf der Schwarzen Liste standen (für den erwähnten „Spartacus“ etwa konnte Dalton Trumbo, einer der Gelisteten, kurz nach „Ben Hur“ wieder unter eigenem Namen ein Drehbuch verfassen). Viele kleine Anspielungen kann ein einzelner Kritiker nicht erfassen, sie sind, wenn man so will, Ergebnis cineastischer Schwarm-Intelligenz, aber in einer umfangreichen Rezension dürfen sie, entsprechend gekennzeichnet, selbstverständlich nicht fehlen.

Fazit

„Ben Hur“ ist eher beeindruckend als anziehend. Wie der Film sich verändert hätte, wären die ursprünglich vorgesehenen Rock Hudson oder Paul Newman als Judah Ben Hur besetzt worden, Charlton Heston hingegen als Messala, wie es anfangs vorgesehen war, darüber kann man spekulieren. Insbesondere Paul Newman wäre sicher für die Rolle geeignet gewesen. Dann wäre der Römer der körperlich Größere gewesen, das hätte einen gewissen Unterschied ausgemacht. Regisseur William Wyler hatte mit Charlton Heston bereits im Vorjahr zusammengearbeitet, in dem pazifistischen Western „Weites Land“. Dort war Gregory Peck als kultivierter Städter der Protagonist und Ggenspieler von Heston, der in der Rolle des konservativen Cowboys sehr natürlich wirkte. Sein Spiel als Judah Ben Hur, der im Grunde ein sensibler Typ ist, hat ihn aber zum Oscar geführt und selbst wenn man der Ansicht ist, der Film im Ganzen sei etwas überbewertet, kann man nicht umhin, sich Gedanken darüber zu machen, ob die AMPAS sich danach gesehnt hatte, endlich wieder einen eindeutigen Megabuster klassischer Machart mit Preisen überschütten zu dürfen, anstatt sich zwischen vielen ganz unterschiedlichen Konzepten und schwierigen Stoffen entscheiden und ihre Gunst auf viele Werke verteilen zu müssen. Hestons Darstellung ist gut und eindeutig die Eindrucksvollste in einem Film der nicht in erster Linie ein Schauspielerfilm ist.

Es gibt einen Aspekt, der zur Abwertung führt, der sowohl Auswirkungen auf die Dramaturgie wie hat wie auf die Rezeption in einer Zeit, in der wir Botschaften nicht mehr eingehämmert bekommen wollen, weil wir die Botschaften kennen und ihrer angesichts des Weltenlaufes manchmal auch ein wenig überdrüssig geworden sind. Zumindest dann, wenn sie als Allheilmittel gepriesen werden und zu sehr darauf bestanden wird, dass es nur eine absolute Wahrheit, nur einen wahren Gott und was noch alles gibt. Dieser Absolutismus, den im Film die Römer zeigen, ihr Imperium betreffend, den kann man genauso gut oder noch besser auf religiöse Fanatiker übertragen, und was diese anrichten, wissen wir. Daher sind Weltanschauungen oder Religionen, wenn man sie zu unreflektiert in sich aufsaugt, deren Riten ausübt, immer das, was sie in „Ben Hur“ zeigen: Gefäße, in die man Humanismus, aber auch Verblendung gießen kann.

Nach dem Wagenrennen zeigt der Film einen deutlichen dramaturgischen Einbruch, der sich aus der Tatsache speist, dass das Religiöse so übermäßig, überdeutlich und überlang in Szene gesetzt wird, während die Luft aus der Handlung beinahe raus ist. Bei einem Bibelfilm mag das noch angehen, aber das ist „Ben Hur“ nicht, sondern er ist Fiktion. Freilich kann man die Bibel auch weitgehend als Fiktion betrachten. Wie man die Botschaft nicht vergisst, sie aber packend in einer stimmige Dramatik einbindet, hat der ebenfalls nicht gerade kurze „Quo Vadis“ gültig gezeigt, der bis zum Schluss spannend bleibt und, daran führt nichts vorbei, von packenderen menschlichen Schicksalen und deren Darstellung, insbesondere durch Peter Ustinov als römischer Kaiser Nero lebt.

Die Vermutung, dass einfache Naturen die Aussagen in Filmen zu wörtlich nehmen, ebenso wie bestimmte Sprüche in der Bibel oder anderen Religionsgrundlagenwerken, dass schöne Ideen wie die der Vergebung den Feinden missbraucht oder ins Gegenteil verkehrt werden, wenn die Natur des Menschen mal wieder nicht zu den goldenen Worten passen will,  ist aber nicht ein Grund, Filme wie „Ben Hur“ abzuwerten, und wir stellen auch unsere persönlichen Ansichten nicht zu sehr in den Vordergrund. Objektiv hat der Film aber nicht nur Stärken, objektiv ist er dennoch ein gewaltiger Auftrag gewesen, der in weiten Teilen erfüllt wurde und gehört zu den großen Hollywoodfilmen, die sich der Alterung dadurch entgegenstemmen, dass sie auf technisch immer noch beeindruckende Weise ein Thema behandeln, das man entweder generell als out und die eigene Person nicht ansprechend empfindet oder für überzeitlich und damit als stets aktuell ansieht.

83/100

© 2021 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv: Wikipedia
(2) Dass die Veröffentlichung der Rezension gerade jetzt vorgenommen, wo der Israel-Palästina-Konflikt wieder einmal eskaliert, ist, wie schon kürzlich bei „Exodus“, Zufall bzw. bedingt durch eine bereits mehrfach erläuterte (beinahe) exakt chronologische Vorgehensweise beim Zeigen oder Republizieren vorhandener Kritiken. Aber auch die Asymmetrie spielt hier wieder eine Rolle: Wer wird als Macht und Besatzer wahrgenommen, wer als weitgehend ohnmächtig und unterdrückt angesehen?

Regie William Wyler
Drehbuch Karl Tunberg
Gore Vidal
Christopher Fry
Maxwell Anderson
S. N. Behrman
Produktion Sam Zimbalist
für Metro-Goldwyn-Mayer
Musik Miklós Rózsa
Kamera Robert Surtees
Schnitt John D. Dunning
Ralph E. Winters
Besetzung

 

 

 

 

 

 

 

 

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