Küss mich, Dummkopf (Kiss Me, Stupid, USA 1964) #Filmfest 488

Filmfest 488 Cinema

Nach „Das Appartement„, „Eins, zwei, Drei“, der etwas unter die Räder der Geschichte kam und „Das Mädchen Irma la Douce“ drehte Billy Wilder diesen Film, der nach allgemeiner Ansicht nicht an seine Superklassiker herankommt, die bis 1960 entstanden waren. Ich würde ihn heute auch nicht mehr mit „Manche mögen’s heiß“ und „Das Appartement“ auf eine Stufe stellen, zumal ich auch diese beiden Werke aus persönlicher Sicht nicht ganz gleich bewerte. Ich nehme aber an, nach einer Neusichtung würde es für 80/100 oder leicht darüber noch reichen. Jedenfalls war ich beim ersten Anschauen Ende der 1980er vollkommen frei von jenen moralischen Bedenken, mit denen dieser Film zur Zeit seiner Entstehung konfrontiert war und die ihn letztlich wichtiger erscheinen ließen, als er war.

Sich zu einem Zeitpunkt mit einem Rückzugsgefecht der Fimmoralisten vom Dienst befassen zu müssen, zu dem der Hays Code in Aufhebung begriffen war, das konnte wohl vor allem einem Regisseur passieren, der viele große Erfolge hatte, aber dem man bisher wegen der vielen Zweideutigkeiten in seinen Filmen nicht so eindeutig beikommen konnte. Nicht so gut wie anhand eines Streifens, der den Weg allen Fleisches etwas erdiger darstellt als zuvor „Irma la Douce“, der in Paris spielt, wo bekanntlich andere Sitten herrschen als in der amerikanischen Provinz bzw. gar keine.

„Wilders Komödie ist eine bis zum Zynismus perfekt kalkulierte Mischung aus Slapstick, Turbulenz und Starkult-Parodie.[…] Einer der kältesten Filme Wilders, dem in seiner höhnischen Bloßstellung jede Wärme und ‚Barmherzigkeit‘ fehlt.“– Lexikon des internationalen Films[4]

„Hätte man Wilders Film in Ruhe gelassen, wäre er das geblieben was er war – eine kluge und charmante Verurteilung der Unmoral.“ – Newsweek

„Ray Walston ist in der Hauptrolle einzigartig uncharmant.“ – Pauline Kael

In den obigen Kritiken findet der Kampf um einige Szenen, die entfernt wurden, um weitere Szenen und den Tenor des Films ein Echo. Gut, dass sie Barmherzigkeit im Lexikon des internationalen FIlms wenigstens in Anführungszeichen gesetzt haben. So kalt kam mir der Film in jenen goldenen Jahren der ersten sexuellen Erfahrungen wohl nicht vor. Ray Walston irritiert in einer Hauptrolle, die wieder einmal perfekt für Jack Lemmon geeignet gewesen wäre, in der Tat, während Dean Martin eine formidable Selbstparodie abliefert. Dabei kam ihm zugute, dass er dem Showbiz, dessen unbestrittener Mittelpunkt er als zeitweise bestverdienender Entertainer der Welt war, ziemlich reserviert gegenüberstand.

Für einen Wilder-Film sind die 7/10, die „Küss mich, Dummkopf“ aktuell von den IMDb-Nutzer*innen erhält, recht wenig, gleichwohl weisen sie darauf hin, dass der Film nicht gänzlich misslungen sein kann. Diese und selbst die nachfolgende Komödie „Der Glückspilz“ hat Wilder wieder einmal in Schwarz-Weiß gefilmt, obwohl das in den 1960ern, auch und gerade in diesem Genre, nicht mehr üblich war (nur „Irma“ und „Das verflixte siebte Jahr“ bildeten bis dahin bunte Ausnahmen in Wilders Werk).

© 2021, 1989 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Billy Wilder
Drehbuch I. A. L. Diamond
Billy Wilder
Produktion Billy Wilder
für Mirisch Corporation
Musik André Previn
Kamera Joseph LaShelle
Schnitt Daniel Mandell
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s