Mitternachtsspitzen (Midnight Lace, USA 1960) #Filmfest 491

Filmfest 491 CInema

Mitternachtsspitzen (Originaltitel: Midnight Lace) ist ein US-amerikanischer Thriller von David Miller aus dem Jahr 1960. Der Film basiert auf dem Bühnenstück Matilda Shouted Fire von Janet Green und ist den Hitchcock-Thrillern nachempfunden.

Nach der Ankündigung in „Filmfest 490“, die Rezensionen zu ein paar Doris-Day-Filmen hintereinander zu bringen, und zwar zu jenen, in denen sie mit Rock Hudson zusammen spielte, fiel uns bei der chronologischen Durchsicht bereits geschriebener Kritiken auch „Mitternachtsspitzen“ in die Hände, der zwischen „Bettegeflüster“ und „Ein Pyjama für zwei“ entstand. Nicht mit Hudson, sondern mit Harrison. Rex Harrison. Nicht mit Hitchcock, aber in dessen Stil. Mit dem oben erwähnten Alfred Hitchcock hat Doris Day ja auch einmal gefilmt, im Farb-Remake von „Der Mann, der zuviel wusste“ (1956). Ist „Mitternachtsspitzen“ vergleichbar gut gelungen, obwohl er nicht vom Altmeister stammt? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung (1)

Die aus reichem Haus stammende Amerikanerin Kit Preston ist seit drei Monaten mit dem britischen Geschäftsmann Anthony Preston verheiratet – und schwebt im siebten Himmel. Beide leben in London, die Hochzeitsreise nach Venedig ist geplant.

Als Kit eines Nachts durch den nebligen Park nach Hause geht, ertönt die verstellte Stimme eines Mannes, der ihr droht, sie innerhalb eines Monats zu ermorden. Zunächst versucht Tony, seine Frau zu beruhigen; es gebe Leute, die mit solch makabren Scherzen ihr Unwesen treiben würden. Doch schon bald meldet sich der Unbekannte erneut, diesmal am Telefon, und droht Kit wiederum mit Mord. Inspektor Byrnes von Scotland Yard, den die Prestons um Hilfe bitten, bleibt zunächst misstrauisch. Er habe schon oft erlebt, dass sich von ihren Männern vernachlässigte Ehefrauen alles Mögliche ausdenken, um die Aufmerksamkeit ihrer Partner zu gewinnen.

An einer Baustelle vor ihrer Wohnung wird Kit fast von einem Stahlträger getroffen. Der Bauleiter Brian Younger kann Kit im letzten Moment retten. Als Kit im Aufzug ihres Hauses stecken bleibt, bekommt sie Panik. Younger kann die inzwischen völlig verängstigte Frau auch dieses Mal retten. Die mit den Prestons befreundete Nachbarin Peggy, Tony und die zu Besuch kommende Tante Bea versuchen alles, um Kit zu beruhigen. Niemand außer Kit hat bisher den Unbekannten am Telefon gehört. Und Kit beschleicht zunehmend der Verdacht, man glaube ihr nicht.

Zudem fühlt sich Kit durch den Sohn ihrer Haushälterin Nora, Malcolm, belästigt, der seine Mutter ständig um Geld erleichtert und nun auch noch Kit anbettelt. Tony verdächtigt ihn wegen der Telefonanrufe. Und dann muss Tony zu allem Überfluss die Reise nach Venedig verschieben. Denn in seiner Firma hat jemand eine Million Dollar in Form von Aktien unterschlagen, offenbar um einen Geschäftspartner zu schädigen.  (…)

Rezension

Für Doris Day war Mitternachtsspitzen der letzte Thriller ihrer Karriere, anschließend drehte sie nur noch Komödien. Während der Dreharbeiten steigerte sie sich sehr in ihre Rolle hinein, sodass sie nach einer dramatischen Szene einmal sogar einen Zusammenbruch erlitt und die Produktion für mehrere Tage gestoppt wurde, damit sie sich davon erholen konnte.[2]

Regisseur David Miller hatte zwei Jahre nach „Mitternachtsspitzen“ den schönen Neo-Western „Einsam sind die Tapferen“ mit Kirk Douglas gemacht, allerdings nach einem sehr  guten Drehbuch von Dalton Trumbo – und den letzten Film der Marx Brothers („Love Happy“, 1949), der als der schlechteste des Komikertrios gilt, den ich aber als einen von ganz wenigen der drei Brüder noch nicht gesehen habe. Die Frage ist, ob man das Miller ankreiden kann, denn die Marxens waren damals mit ihrem im Jazz-Zeitalter geborenen und in der Wirtschaftskrise punktgenau  den Zeitgeist treffenden, absurden Humor schlichtweg out – so schade das auch sein mag.

Miller war versatil, die Genres betreffend, mit einer Tendenz zu den ernsteren und melodramatischen Filmen – und ernst und melodramatisch ist ja auch „Mitternachtsspitzen“, wenn auch Drama im Gewand eines Thrillers. Bei etwas genauerem Hinschauen ist er eine Kreuzung von „Gaslight“ (1940, 1943) mit Ingrid Bergman und von George Cukor (1943) und von „Bei Anruf Mord“ (1954) von Alfred Hitchcock. Der in „Bei Anruf Mord“ vorkommende Scotland Yard-Inspektor wird vom selben, wunderbar prototypisch britisch-beamtenhaft, aber doch clever wirkenden John Williams gespielt. In Hitchcocks Teilvorlage für „Mitternachtsspitzen“ ist er notabene cleverer, als die Polizei dies bei Hitchcock die Polizei üblicherweise sein darf. Das Telefon der Prestons hätten wir allerdings schon früher überwachen lassen und die Tatsache, dass der Mörder in spe die neue Geheimnummer auch gleich wieder kennt, lässt doch sehr darauf schließen, dass er dem engeren Umfeld von Kit angehört.

Aus „Gaslicht“ stammt die Idee, dass eine Frau durch ihren Ehemann so unglaubwürdig gemacht wird, dass er leichtes Spiel mit ihr haben wird, um an ihr Geld zukommen, wobei er mit allen Psychtricks der Vor-Telefonzeit agiert (obwohl es das Telefon auch zu dieser Zeit bereits gibt). Er läuft auf dem Dachboden herum, macht Geräusche, das Gaslicht wird mal schwächer, mal stärker – wobei er diesen Effekt gar nicht einkalkuliert. Er lässt Sachen seiner Frau verschwinden, die sie dann angeblich verlegt hat etc. In „Mitternachtsspitzen“ sind es eben die Anrufe, die Kit in den Wahnsinn treiben sollen. Auch hier ist das Motiv Geld und auch hier ist der Ehemann der Schurke. Noch größer die Ähnlichkeiten mit „Bei Anruf Mord“, bei dem das Telefon ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Dort ist der Ehemann, Tony Wendice, auch ein ähnlicher Typ wie Tony Preston. Den Bezug wollte man, das signalisieren die Namen der männlichen Hauptpersonen und Bösewichte, gar nicht verleugnen – allerdings, wer „Bei Anruf Mord“ kennt, kann bereits aus dieser Kenntnis ableiten, wer Kit nach dem Leben trachtet. Allerdings bringt bei Hitchcock die Verfolgte den gedungenen Mörder um, und das wirkt auf uns überzeugender, als wenn der sozial hochgestellte Ehemann sich eines beinahe albernen technischen Tricks bedient, um höchstselbst einen Telefonmörder zu spielen.

Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob ein solcher Aufwand wie in den erwähnten drei bzw. vier Thrillern otwendig ist, um jemanden um die Ecke zu bringen und sein Vermögen zu erben, aber ohne die Gimmicks keine langsame Spannungssteigerung und eben kein Thriller.

Der Plot, und das dürfen wir nach annähernd 1.000 Rezensionen allein für unsere Rubrik „Crimetime“ beurteilen, ist recht passabel konstruiert. Es gibt ein paar Unschärfen vor allem im Psychologischen, und einige Fragen. Wir hätten’s noch besser gefunden, wenn der Sohn der Haushälterin den Anrufer gespielt hätte, und nicht Preston selbst per Tonband. Denn das wäre genau der richtige Charakter gewesen für eine solche Masche, in die auch die nette Nachbarin verstrickt ist. Wir hatten den Film vor Jahren schon einmal gesehen und kannten den Ausgang daher, außerdem ist für den geübten Krimigucker dieser Preston etwas zu glatt und zu undurchsichtig, um nicht schwer verdächtig zu wirken. Zumal, wenn der Krimigucker die oben erwähnten Kino-Vorlagen kennt.

Ein ziemliches Rätsel ist für uns geblieben, ob der herabfallende Stahlträger nun eine Manipulation von Preston war oder ein „normaler“ Bauunfall. Und vor allem, was da auf der Straßenseite noch an das Nachbarhaus angebaut werden soll. Ebenfalls nicht klar: Wie der gute, böse Preston die Sache mit dem Band so organisiert hat, als er während eines Telefonanrufs tatsächlich anwesend war. Deswegen wär’s besser gewesen, ein (weiterer) Helfer wäre vorhanden gewesen oder die Nachbarin hätte das Bandgerät eingeschaltet – darauf gibt es aber keinen Hinweis.

Nicht so rätselhaft hingegen ist, dass man ausgerechnet die Komödienspezialistin Doris Day für die Hauptrolle ausgewählt hat. Nach „Bettgeflüster“ aus dem Vorjahr war sie endgültig zum Superstar avanciert und für Hitchcock hatte sie schon einmal in einem Thriller gespielt. Sie konnte auch dramatisch, das hat man im Hitchcock-Film gesehen oder in ihrer Ruth-Etting-Biografie „Love Me or Leave Me“ (1955). Und sie kann es dort nach unserer Ansicht sogar noch etwas besser als in „Mitternachtsspitzen“. Es ist eben noch ergreifender, wenn eine Mutter spürt, dass ihr Kind in Gefahr ist, als wenn man wegen des eigenen Lebens außer Fassung gerät.

Diesen Trick hat Hitchcock unseres Wissens nur dieses eine Mal angewendet, um die Emotionalisierung des  Zuschauers zu steigern. Beim Original aus dem Jahr 1934, das ebenfalls von Hitchcock stammt, war das Kind weiblich. Zu „Der Mann, der zuviel wusste“ gibt es immerhin die Verbindung, dass das Telefon eine wichtige Rolle beim Kontakt mit dem Täter oder den Tätern spielt.

Was Miller von den Hitchcocks der späten 1950er deutlich unterscheidet, ist der Inszenierungsstil. Der von Miller ist zwar ebenfalls farbsymbolisch angereichert, aber bei meist nicht so subjektiv und suggestiv. Die Kamera-Einstellungen sind etwas konventioneller und Schockeffekte sind in „Mitternachtsspitzen“ kaum zu verzeichnen – bis auf die Klimax mit Kit und den beiden Männern im Schlafzimmer, die beide nicht vorhaben, sie ins Bett zu kriegen, ist die Aktion relativ begrenzt. Auch insofern entspricht der Film mehr dem Stil der Zeit mit seinem Akzent auf dem psychologisierenden Drama und nicht dem klassischen „Crime“-Sensationsgenre.

Wir haben uns gefragt, ob dieses Szenario der Geldgier, das nicht nur bei Preston, sondern bei weiteren Figuren im Film zu beobachten ist, kapitalismuskritische Züge des Films offenbart, aber da wollen wir mal nicht zu weit gehen – auch die guten Figuren kommen ja aus „besseren“ Verhältnissen und wir sehen keinen, wenn man so will, systematisch-systemkritischen Ansatz. Man kann natürlich immer sagen: Das kommt von sowas. Der hoch seriös wirkende Chefbuchhalter der Firma Preston verzockt sein Geld bei Pferderennen, der Chef selbst veruntreut Aktien im Wert von einer Million Pfund. Damals eine enorme Summe und etwas verwunderlich, dass das überhaupt ohne Mitwisser in der Firma möglich ist, auch wenn Preston (Mit-) Inhaber zu sein scheint.

Interessant ist aber eine weitere Zuschreibung, die in diesem Film vorgenommen wird. Inspektor Byrnes macht die Kriegsfolgen für die Zunahme von Terroranrufen und ähnlichen psychologisch auffälligen Verhaltensweisen verantwortlich. Was nichts anderes heißt, als dass es in der guten alten Zeit keine psychopathischen Serienmörder etc. gegeben haben sollte. Stimmt aber gerade für England nicht, wie wir wissen, und das Telefon musste erst eine gewisse Verbreitung finden, um als alltägliches Terrorinstrument nutzbar zu sein. Wenn man sieht, wie heute im Internet gepöbel und gehasst wird, kann man das nur noch mühsam mit Folgen des Zweiten Weltkriegs erklären – auch wenn gerade in Deutschland das, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschah, mehr weiterwirkt, als wir es gerne wahrhaben und wir es als einen der Gründe für bestimmte seltsam anmutende Verhaltensweisen in Betracht ziehen möchten.

Finale

Der Film ist nach einem Nachtkleid benannt, das Kit Preston ersteht und ihrem Mann vorführt, und sie trägt es in dem Moment, als sie ermordet werden soll. Das scheint etwa um Mitternacht zu sein. Die packende Dichte der meisten Hitchcock-Thriller  hat „Mitternachtsspitzen“ nicht, und bei genauerem Hinsehen ist auch der Plot nicht ganz so makellos wie in den besseren Hitchcocks, aber die Idee, auf den Thrillerzug aufzuspringen, kann man nicht als gescheitert ansehen, zumal die Schauspielleistungen okay, die Dekors hübsch und die Nebelschwaden von London wirklich besonders dick sind – man sieht buchstäblich kaum die Hand vor den Augen.

71/100

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie David Miller
Drehbuch Janet Green,
Ivan Goff,
Ben Roberts
Produktion Ross Hunter,
Martin Melcher,
Edward Muhl,
Universal
Musik Frank Skinner,
Curly Howard
Kamera Russell Metty
Schnitt Leon Barsha,
Russell F. Schoengarth
Besetzung

 

 

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