Land der tausend Abenteuer (North to Alaska, USA 1960) #Filmfest 502

Filmfest 502 Cinema

Land der tausend Abenteuer, im Original North to Alaska, ist eine Westernkomödie von Henry Hathaway aus dem Jahre 1960. Sie basiert auf dem Bühnenstück Birthday Gift von Ladislas Fodor. Das Titellied North To Alaska interpretiert Johnny Horton, die deutsche Fassung Weit von Alaska stammt von Ralf Bendix.

Bei den Versuchen, unser Rezensionsschema weiterzuentwickeln, bin ich nach der Liste der positiven Kritiken auf der Suche nach einer negativen gewesen und habe in der IMDb bei den Nutzern nachgeschaut, denn irgendwen, der einen Film partout nicht ausstehen kann, gibt es eigentlich immer. Eigentlich. Nicht in diesem Fall. Einige Meinungen sind durchwachsen, das war’s. Der Gesamtdurchschnitt liegt bei 7/10 ohne Auffälligkeiten bei den Alterskohorten – aber erstaunlicherweise ist dies ein Frauenfilm, denn sie werten mit 7,3/10 um etwa 0,4 Punkte besser als Männer. Vielleicht liegt es daran, wie überaus sympathisch der Fallen Angel „Angel“ bzw. Michelle in der Darstellung von Capucine wirkt. Und sonst? Es steht in der –> Rezension.

Handlung (1)

1900 in Alaska: In der Nähe von Nome betreiben die Goldsucher Sam McCord (Wayne), sein Partner George Pratt (Granger) und dessen jüngerer Bruder Billy (Fabian) eine Goldmine. Zu Beginn der Handlung kommen alle drei nach Nome, um das bisher geschürfte Gold in amerikanische Dollar umzutauschen. Hierbei erhalten sie durch den Tausch eine stattliche Summe, mit welcher sie – abzüglich eines fröhlichen Umtrunks im örtlichen Saloon – im entfernten Seattle schweres Arbeitsgerät und Werkzeug für den zukünftigen Abbau des Edelmetalls erwerben wollen. Als McCord die Schiffsreise antritt, um den Kauf zu erledigen, wird er von Pratt gebeten, auch dessen Braut Jenny mitzubringen; gleichzeitig erhält er von ihm, der seit drei Jahren treu auf Jenny gewartet hat, ein Bild derselbigen und ein Ticket für ihre Seereise in Richtung Nome. Vor Beginn von McCords Seefahrt versucht allerdings der Betrüger „Frankie“ Canon (Kovacs) zweimal, die Tasche mit dem Bargeld der Goldsucher zu stehlen. Dabei wird er zuerst vom zum Trio gehörenden Hund „Clancy“ und dann – in einem Dampfbad – von McCord gestoppt und fängt sich eine rechte Gerade des robusten Goldgräbers ein.

Bei seiner Ankunft in Seattle muss McCord überrascht feststellen, dass besagte Jenny (Lilyan Chauvin) ein Dienstmädchen reicher Herrschaften ist und außerdem schon geheiratet hat, ausgerechnet den hauseigenen Butler (Marcel Hillaire). Sowohl verärgert über Jennys vermeintliche Untreue wie auch in Sorge um die Reaktion von Pratt besucht McCord das Etablissement „Hen House“, wo er sich betrinkt, mit mehreren Schönheiten des leichten Gewerbes flirtet und schließlich im angeheiterten Zustand die Französin Michelle, genannt „Angel“ (Capucine), kennenlernt. Beeindruckt von deren Auftreten („Sie haben Temperament, das wird George besonders gut gefallen!“), ihrer französischen Herkunft und ihrem sehr attraktiven Aussehen schlägt er ihr vor, ihn nach Nome zu begleiten. Michelle, angezogen von McCords Verhalten ihr gegenüber und obendrein geschmeichelt von seinen spontanen Geschenken (die ursprünglich für Jenny gedacht waren), willigt ein.

Vor Beginn der gemeinsamen Reise besuchen sie auf Einladung von McCords altem Kumpel Lars Nordqvist (Swenson) ein sogenanntes Holzfäller-Picknick (McCord hat früher in diesem Metier gearbeitet). Obwohl der im Verlauf jener Party bei einem Wettkampf im Baumstammklettern siegreiche McCord am Ende des Tages vollkommen betrunken zusammenbricht und Michelle ihn mitsamt dem Gepäck an Bord des Schiffes bringen lassen muss, entwickelt sie immer mehr Gefühle für ihn. Diese bekommen jedoch an Bord des Schiffes einen herben Dämpfer, als ihr vom Goldgräber erklärt wird, dass er sie nur als Ersatz für Jenny mitgenommen hat, um den zu erwartenden Kummer seines Freundes zu lindern. Sie hingegen dachte, sie solle ihn (McCord) begleiten und vielleicht seine Partnerin werden. Trotz des Missverständnisses und eines längeren Disputs zwischen den beiden verlässt sie am Ende der Reise zur Überraschung des beim Kapitän bereits ihre Rückfahrt nach Seattle organisiert habenden McCord das Schiff, um sich im Hotel in Nome ein Zimmer zu nehmen. Dieses wird mittlerweile von Canon geleitet (er konnte es sich durch einen Poker-Betrug aneignen), wobei bald offenkundig wird, dass der Halunke früher eine Beziehung mit Michelle geführt hat. Um diesem misslichen Umstand zu entkommen, verlässt sie die Herberge und lässt sich von McCord zur Goldmine bzw. zum gemeinsamen Blockhaus des Männer-Trios mitnehmen. (…)

Rezension

Als ich noch sehr jung war, bin ich ganz sicher mit den erwachsenen Kritikern mitgegangen: 

Das Lexikon des internationalen Films urteilte, Land der tausend Abenteuer sei ein „temperamentvoller und heiterer Abenteuerfilm.

Adolf Heinzlmeier und Berndt Schulz geben dem Film in ihrem Lexikon „Filme im Fernsehen“ drei Sterne (sehr gut) und schreiben: „Der vitale, witzige Film mit einigen der schönsten Prügelszenen des Kinos und gutgelaunten Mimen gefällt durch immer neue Einfälle.“ [

Joe Hembus bezeichnet Land der tausend Abenteuer als einen „Film, der vor lauter Vitalität und Spaß aus allen Schnitten platzt.“

Sight & Sound urteilte: „John Wayne als ein Tristan des Klondyke, mit Capucine als seiner Isolde, in einer von Henry Hathaways ausgelassenen Selbstparodien. Genug Prügeleien und Schlammkämpfe, um jeden normalen Jungen an die Decke gehen zu lassen. Freud hingegen hätte Ursache, die Stirn zu runzeln.“[

Phil Hardy merkt an, der Film sei „höchst unterhaltsam“, das Drehbuch „ausgelassen“. Die „zügellosen Prügeleien“ seien von allen Beteiligten „mit großem Genuss“ ausgeführt worden und gehörten zu den größten, die jemals in Hollywood gefilmt wurden.

Wer würde nicht gerne als Prostituierte eine Chance auf eine Mine mit tonnenweise Gold und zwei Pfundskerle bekommen? Es ist sicher ein Verdienst von „Land der tausend Abenteuer“, dass hier noch vor „Irma la Douce“ (1964) von Billy Wilder eine Sexarbeiterin in den Mittelpunkt gestellt wird, denn zumindest für mich ist sie der Mittelpunkt des Films. Vielleicht kommt es daher, weil John Wayne wieder so typisch spielt, dass man daran nichts Auffällige entdeckt und Stewart Granger zu sehr chargiert, vielleicht, weil er von vornherein wusste, dass er keine Chance auf das Mädchen haben würde, wenn der Duke auch im Film mitmacht.

1960 war Granger allerdings schon nicht mehr einer der führenden MGM-Schauspieler und hinter Wayne müssen in seinen Filmen sowieso alle anderen zurückstehen, egal, ob er dreimal so alt aussieht wie das Mädchen, um das es geht oder doppelt so alt wie die Jungs, die seine Brüder darstellen („Die vier Söhne der Katie Elder“, 1965 und ebenfalls von Henry Hathaway; Zufall, dass wir zwei Wayne-Filme kurz nacheinander auf dem Filmfest vorstellen und man soll es nicht glauben, mit „The Alamo“ wird ein weiterer aus dem Jahr 1960 folgen).

Auf eine andere Art ist der Film ziemlich konservativ, auch das muss bei einem Wayne-Vehikel wohl so sein, denn die Zentrierung liegt darauf, dass die Frau den Mann erobern will, nicht etwa umgekehrt, während dieser doch gar keine Lust auf Verehelichung hat. Aber die Schlammschlacht am Ende, bei der Capucine sich einigermaßen zurückhalten durfte, beweist, dass es hier nicht darum geht, besonders erwachsen sein zu wollen.

Nun ist „Land der tausend Abenteuer“ aber auch eine jener Kino-Ikonen meiner Kindheit, gehört vermutlich zu den ersten hundert Filmen, die ich im Fernsehen sah und damals fand ich ihn himmlisch. Besonders das Baumklettern. Ja, wir sind noch auf Bäume geklettert, wenn auch auf welche mit Ästen, die selbiges erleichtert haben. Das mit den Bäumen hat sich inzwischen erledigt, aber wie hat sich dieser Film gehalten?

Blöd, wenn man inzwischen so anders an die Sache herangeht. Weil man ja über Filme schreibt. Und manche von Hathaways Werken oder sogar welche von Howard Hawks aus den 1960ern sind irgendwie sehr dialoglastig und umständlich geworden. Ein wenig hat mich „Land der tausend Abenteuer“ an „Hatari“ erinnert, obwohl Letzterer ein viel größeres Ensemble hat. Aber man benutzt besondere Settings, seien es die Goldberge von Alaska oder die afrikanische Savanne, um Beziehungsthemen aus männlicher Sicht darzustellen. Aus sehr männlicher Sicht, denn es handelt sich ja nicht um Bankangestellte oder Bügeramtsbeamte, sondern um echte Kerle und Abenteurer, die hier zu Werke gehen, und welche Frau würde da nicht schwach werden? Ich glaube, es sind mehr Frauen, als es heutzutage zugeben würden, aber es nicht wahrhaben zu wollen, ist ja auch leicht, wenn man in einer Großstadt lebt, in der es bestenfalls ein paar selbstverliebte Hipster gibt, die zwar hinreichend affektiert, aber viel weniger kompakt wirken als die Haudegen der ersten und zweiten Hollywood-Generation.

So wahnsinnig viele Abenteuer gibt es aber auch in Alaska nicht zu bestaunen und wenn man den Film mit wirklich actionreichen Streifen vergleicht, auch mit welchen aus der Zeit vor dem heutigen Kino, in dem mit CGI nachgeholfen wird, fällt „Land der tausend Abenteuer“ deutlich ab. Das Versprechen im Titel gibt es aber auch nur bei uns, wo die Verleihfirmen sich damals mit reißerischen Umarbeitungen der Originaltitel überboten haben. In Wahrheit heißt das Werk einfach „North to Alaska“ und daran ist nichts auszusetzen, denn Alaska liegt auf jeden Fall nördlich von Seattle, wo alles seinen Anfang nimmt.

Der Film hat aber etwas, das in den großen Melodramen oder Pferdeopern der 1950er nicht so ausgeprägt war: eine warme emotionale Temperatur. Thrill wird durch Mitfreuen ersetzt, und man hat in der ursprünglichen deutschen Kinofassung diesen Eindruck dadurch verstärkt, dass es zwei Szenen nicht gibt, die in der nun gezeigten Fernsehfassung wieder enthalten sind, die einerseits den Eindruck von viel Dialog verstärken – ach ja, der Film fußt ja auch auf einem Bühnenstück, was bei Western oder Nordwestern eher selten ist – und andererseits ein bisschen emotional sind.

Entfallen ist die  Szene, in der die Frau des Schweden Ole so giftig wegen Michelle und ihrem Beruf ist und etwas später diejenige, in der John Wayne besoffen unterm Tisch liegt. Schade für die ursprünglichen Kinozuschauer. Und auch die Sequenz, in welcher Georges 17jähriges Brüderchen sich an die Schöne heranmachen will, wurde fast komplett extrahiert. Ich kann mir in etwa vorstellen, warum die jeweiligen Momente rausgenommen wurden. Dazu noch ein oder zwei Minuten mit George und Michelle, wo sie den armen Sam sekieren, um ihn eifersüchtig zu machen. Da man die eingefügten Szenen nicht nachsynchronisiert hat, läuft das Verständnis mit Untertiteln, und die sind wirklich klasse. Sogar Geräusche, die von Personen verursacht werden, werden sprachlich dargestellt und „Da di di da“ ist wirklich ein Supersong.

Die Betextung der nur auf englisch zu hörenden Sequenzen war für mich mit das Beste am Film, und da sieht man wieder, wie gut es ist, dass mittlerweile diese ganzen Schnitte, egal ob von der Zensur oder vom Verleih selbstständig initiiert, rückgängig gemacht werden. Oft sind es Momente, die einen Film zwar handlungsseitig nicht sehr voranbringen, aber seine Haltung, seine Botschaft und die emotionale Farbe mitbestimmen. In den meisten Fällen verändern sich die Proportionen dadurch hin zu mehr Dialog.

Finale

Für mich hat „Land der tausend Abenteuer“ einen hohen Nostalgiewert und immerhin ist es mir ja gelungen, ein paar Abenteuer zu erleben, von denen ich gewiss geträumt habe, als ich den Film erstmalig sah. Damals wusste ich natürlich nicht, dass Kneipenschlägereien im Western- und Abenteuerkino, und „North to Alaska“ ist ja auch ein Western, damals schon ein ziemlich abgestandener Standard waren und dass wir mal so einen zotteligen Terrier haben würden wie Sam und George und Billy. Da es die IMDb noch nicht gab, konnte ich noch nicht nachlesen, dass sie Capucine wirklich an den Füßen gekitzelt haben und ihre darauf folgenden Lacher echt waren.

Natürlich hatte ich auch noch nicht auf der Pfanne, dass der Schauspieler-Sänger Fabian, von dem ich nie zuvor gehört habe, auch nicht, bevor ich den Film jetzt fürs Schreiben über angeschaut habe bzw. seine Rollenfigur typisch für jene Jahre war, um jüngere Zuschauer zu binden und dass mich das an „Rio Bravo“ oder auch „Die glorreichen Sieben“ erinnert hat, wo ebenfalls ein Jungspund dabei war und dass ich beim Weiterlesen dann auch feststellte, dass „Land der tausend Abenteuer“ tatsächlich als Projekt von Regisseur Howard Hawks mit John Wayne und Dean Martin, den Helden von „Rio Bravo“ als eine Art nördlichen Fortsetzung geplant war. Und natürlich mit einem Jungen, der singen kann. Das konnte allerdings auch Dean Martin, sodass in „Rio Bravo“ ein Duett mit Ricky Nelson möglich war, Stewart Granger konnte – vielleicht glücklicherweise – nicht mit Fabian zusammen ein Ständchen für Capucine bringen.

Heute reiht sich der Film ein in das typische Western- und Abenteuerkino seiner Zeit, aber, könnte man sagen, in die „Light Side“, die zu Beginn der 1960er besonders in Mode war – jedes Genre, das jahrelang eher für Melodramen, harte Jungs und eherne Prinzipien stand, erhielt zunehmend einen komödiantischen Einschlag, ohne dass man gleich von einer Dekonstruktion des Mythos sprechen kann. Dass die Handlungen dabei ihre Stringenz verloren und der Humor von damals manchmal etwas sehr old School und betulich wirkt, muss ich leider auch über „Land der tausend Abenteuer“ schreiben, trotzdem ist es immer noch ein netter und ansehnlicher Film. Die Durchschnittsbewertung der IMDb-Nutze*innen trifft es nach meiner Ansicht ziemlich genau und hat sich bis zur Veröffentlichung dieses Textes im Jahr 2021 nicht sichtbar verändert.

70/100

© 2021 (Entwurf 2017) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Henry Hathaway
Drehbuch John Lee Mahin
Martin Rackin
Claude Binyon
basiert auf dem Bühnenstück Birthday Gift von Ladislas Fodor nach einer Idee von John Kafka
Produktion Henry Hathaway
Musik Lionel Newman
Kamera Leon Shamroy
Schnitt Dorothy Spencer
Besetzung

 

 

 

 

 

 

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