Der Präsident – Tatort 468 #Crimetime 1007 #Tatort #Ludwigshafen #Odenthal #Kopper #SWR #Präsident

Crimetime 7xx - Titelfoto © SWR

Dekonstruktion eines Idols

Je mehr Odenthal-Filme aus den späten 1990ern und den 2000ern wiederholt werden, desto klarer erschließt sich, warum dies die beste Zeit der Ludwigshafener Rekord-Kommissarin (längste Dienstzeit aller aktiven und inaktiven Ermittler*innen) war. Die Krimis waren für ihre Zeit oft innovativ oder behandelten Themen mit einer neuen Sichtweise, bei der es durchaus eine Rolle spielte, dass mit Lena Odenthal die Perspektive einer Frau eingenommen wurde. In „Der Präsident“ geht es um den Polizeipräsidenten von Ludwigshafen, der einst Lenas Förderer war und nun bei einem Autounfall ums Leben kommt. Ob Lena in dieem Fall ermitteln dürfte, ist eine andere Frage, sie bekommt ohnehin Hilfe vom BKA. Kann das gutgehen? Es wird aufgeklärt in der -> Rezension.

Handlung

Eine friedliche Vorortsiedlung, ein schmuckes Einfamilienhaus und darin eine Familie in ihrem Blut – Lena Odenthal und Mario Kopper sind erschüttert.

Offensichtlich hat der Familienvater in einer Verzweiflungstat seine drei Kinder, seine Ehefrau und sich selbst getötet. Lena, mitgenommen von der Familientragödie, ist bei der eilig einberufenen Pressekonferenz noch nicht cool genug. Polizeipräsident Karl Kaysser persönlich schirmt sie mit seiner Autorität souverän gegen unfaire Fragen ab und macht ihr damit wieder einmal bewusst, wie wichtig er für sie ist, nicht nur als Vorgesetzter, sondern als Vertrauter und Mentor.

In der Nacht jedoch kommt Kaysser ums Leben, als sich sein Auto an einer Baustelle überschlägt. Es sieht aus wie ein spektakulärer Unfall. Die Ermittlungen ergeben allerdings schnell, dass Kayssers Wagen manipuliert wurde.

Voller Trauer beginnt Lena mit der Suche nach dem Täter. Kayssers Tochter Christa, eine Bildhauerin, die kaum noch Kontakt zu ihrem Vater hatte, begegnet Lena überraschenderweise mit Ablehnung, die auf Eifersucht zu beruhen scheint. Sie hat keine sehr gute Meinung von ihrem Vater und ruft damit Lenas Widerspruch hervor, aber die Kommissarin spürt auch einen Schmerz in der Bildhauerin, der sie für Christa einnimmt.

Rezension

In letzter Zeit zeigen wir auffällig viele Ludwigshafen-Tatorte in „Crimetime“, das ist aber Zufall, ausnahmsweise steht kein Jubiläum an. Lena Odenthal hatte ihr Dreißigjähriges bereits im Jahr 2019 und ist damit die dienstälteste aktive Ermittlerin im Tatortland und es gab eine Zeit, da durfte sie viele richtig gute Fälle lösen.

Dass „Der Präsident“ als einer der besseren Odenthal-Fälle gilt, haben wir in der Vorschau erwähnt. Ich muss gleich hinzufügen, dass Lena zu der Zeit auch stilistisch auf dem Höhepunkt ihres Schaffens war, mit hellem Rolli, runder Sonnenbrille und noch kurzen Haaren, aber weicher konturiert als in den ersten Jahren. Dafür hat sich in diesem Film die Maske erstaunlich zurückgehalten, was man an Hautunreinheiten bei verschiedenen Darsteller*innen sieht, besonders bei Odenthal bzw. Ulrike Folkerts selbst. Vielleicht war das programmatisch gemeint, denn die Maskierten stehen den Ehrlichen gegenüber: Odenthals Chef, den sie so sehr bewundert, wie eine „Kampfemanze“ (Spruch von dessen Nachfolger) einen Mann halt bewundern kann, zählt zu jenen, die eine Maske tragen, Odenthal und Kopper tun das erkennbar nicht.

Über „Kampfemanze“ musste ich wirklich schmunzeln, denn Odenthal empfinde ich bei allem, was ihre Darstellerin an weiblicher Avantgarde verkörpert, nie so – was vielleicht auch damit zu tun hat, dass wir gegenüber der Entstehung des Films 20 Jahre weiter sind und die ungeahnten Möglichkeiten der sozialen Netzwerke einigen Extremisten aller Art eine Bühne bieten, die ebenjene Extremisten, auch „Kampfemanzen“, wirken lässt, als müsse man sich im Realleben wirklich vor ihnen fürchten. Meist wird aber nicht so heiß gegessen wie gekocht. Ein Narrativ ist ein Narrativ und darin, Narrative über sich selbst zu erstellen und damit kleine „Influencer*innen“ zu werden, sind manche Menschen wirklich gut.

Der kleine Exkurs wurde mit Bedacht geschrieben. Denn wie hat man das vor der Möglichkeit gemacht, sich medial selbst zu verklären? Als man noch auf die Frontalberichterstattung angewiesen war? Man hat mit manchmal hohem inneren Aufwand versucht, ein Bild von sich in der Öffentlichkeit zu erzeugen, das dem Selbstbild entweder entspricht oder dem Bild, das man von sich selbst nur zu gerne hätte. So, wie es bei Karl Kaysser, dem Polizeipräsidenten, der Fall ist, der von Michael Mendl wieder einmal eindrucksvoll verkörpert wird und eine Präsenz erhält, die den Hintergrund, der sich allmählich zeigt, gut erläutert. Der Name, der von der üblichen Schreibweise „Kaiser“ abweicht, deutet bereits auf eine Dissonanz hin. Die sieht man aber nur, wenn man den Namen liest, nicht in der gesprochenen Version – nun, vielleicht mit einem etwas mehr betonten „s“, das ihn knackiger wirken lässt. Das ist klug ausgedacht, aber dahinter versteckt sich Verunsicherung und versteckt sich eine tiefe Depression. Der Mensch, den wir zu Beginn unscharf und nur von hinten sehen, einer Therapeutin gegenübersitzend, schluckt Psychopharmaka, um überhaupt weitermachen zu können und eine wichtige Rolle spielt dabei das Verhältnis zu seiner Tochter, das er als gescheitert ansieht, weil sie sich von ihm abgewendet hat und Kunst macht.

„Das reicht so nicht aus“, sagt die Helferin sinngemäß und meint damit, er muss unbedingt eine fundierte Therapie angehen. Dies an alle, die glauben, man kann seine depressiven Tendenzen dauerhaft nur mit chemischen Eingriffen beseitigen, obwohl noch immer nicht klar ist, wie genau welche Wirkstoffe, die sich auf Serotonin, Dopamin etc auswirken, überhaupt individuell helfen oder nicht. Das Ganze läuft immer noch mehr nach dem Prinzip „Trial and Error“, als dass es darüber gesicherte Erkenntnisse gäbe. Also doch reingucken in die Seele, es könnte sich lohnen, auch wenn der Belohnung – mehr Klarheit und im eigentlichen Sinne des Wortes Selbstverständnis – meist ein schmerzhafter Prozess vorausgeht. Aber ist im Leben etwas Gutes wirklich leicht? Sind komplexe Zusammenhänge jemals auf einfache Formeln zu reduzieren? Ich denke gerade an die vielen Menschen, die offenbar den Zugang zu sich selbst und zur Welt verloren haben, weil sie den schwierigen Weg eben nicht gehen wollen, der zur inneren Mitte führt. Die Menschen, die man aktuell so zahlreich wie nie auf der Straße freidrehen sieht, anstatt, dass wir alle gemeinsam und einigermaßen diszipliniert den Angriff eines Virus meistern.

Nur darf man es mit dem Festzurren des Inneren eben auch nicht übertreiben, wie es Kaysser getan hat. Er wollte immer anerkannt werden, nicht gefallen, konnte zu wenig Empathie gegenüber seiner Tochter entwickeln und projizierte das, was er für sie hätte empfinden sollen, auf Lena Odenthal, seiner Meisterschülerin. Selbst spätere Mitarbeiter mussten darunter leiden und sie darf nun darüber nachdenken, was es bedeutet, so herausgehoben zu werden. Ist es nur, weil man wirklich gut ist, oder ist es auch deswegen, weil jemand einen „Narren gefressen hat“ und dadurch notabene ein nicht ganz gesundes Verhältnis entsteht, in dem sehr hohe Erwartungen nicht enttäuscht werden dürfen und das andere Menschen ausschließt oder zurücksetzt.

Auf diese Problematik geht der 468. Tatort auf eine recht gründliche und bis dahin seltene Weise ein, die bereits andeutet, dass man in den 2000ern gewillt war, endlich wieder etwas mehr in die Tiefe zu gehen und die Dimension des Psychologischen mehr auszuloten, die bei den Tatorten zwischenzeitlich zu schwach ausgeprägt war. Irgendwann, es war wohl in den 1980ern, verlor man ein wenig den Faden, was auch unrealistischen, aber für die kindlichen Anteile in uns allen geschaffenen Figuren wie Horst Schimanski zu verdanken war – anders als in den Polizeirufen der DDR übrigens, die sich in der Hinsicht qualitativ weiterentwickeln konnten. Dass der Tatort „zurückkommen“ konnte und sich bis heute hält, ist auch einer Qualitätsoffensive in den späten 1990ern und 2000ern zu verdanken, eines der Ergebnisse ist sicher „Der Präsident“. Nicht alles, was man in diesem Film sieht, ist auf heutigem Stand, aber er ist auch ein Statement. Wir trauen uns, Menschen zu entzaubern, zu dekonstruieren, bleiben nicht an der Oberfläche.

Das BKA wirkt indes etwas übermotiviert, wie es versucht, das Bild des Kaysser postum zu bewahren und dabei Lena Odenthal in ihrer Arbeit zu behindern. Dass man sogar so weit geht, der Tochter von Kaysser einen Mord unterzuschieben – nun ja. Die Fassade ist alles. Nicht nur die des einzelnen Menschen, sondern auch die einer Institution. Und da gibt es sehr wohl einen Unterschied zu heute: Die Verblödung der Selbstdarstellung von Menschen, die sehr große Toleranz gegenüber jedweder Betise, die wir mittlerweile an den Tag legen, hat nicht nur Vorteile, wie: Wir sind eben alle nur Menschen und machen Fehler. Sie zerstört auch die Exzellenz, die man den Inhabern bestimmter Ämter zurechnet, macht jeder Mann und auch viele Frauen angreifbar, der Respekt, die Achtung vor der politischen Klasse und auch vor der Exekutive geht verloren. Die Ergebnisse dieses fatalen Prozesses sieht man immer mehr – der Unterschied zwischen der eigenen, persönlichen Relevanz und der einer wichtigen Position in der Gesellschaft („Stütze der GesellschafT“, heißt es noch einmal und quasi abschließend in der Grabrede für Kaysser) verwischt sich. Die „Würde des Amtes“ wird allzu häufig von Amtshinhaber*innen mit Füßen getreten, die auf eine beinahe beängstigende Weise glauben, sie müssen der allgemeinen Tendenz zur Veräußerlichung und damit nicht selten zur Infantilisierung folgen.

Sicher ist ein Leben als Fassadenmensch kein einfaches, aber wer sich eine Position ausgesucht hat und sie haben wollte, der muss sie eben auch so bekleiden können, dass in schwierigen Zeiten der allgemeine Zusammenhalt nicht durch ständige Enthüllungen und kognitive Ausfälle, die man sich leistet, weiter geschwächt wird. Es ist nun einmal so, dass die Vorbildfunktion immer wichtig bleiben und diese kann z. B. die aktuelle Politiker*innengeneration, die sich gar zu sehr darauf verlässt, dass wir als Bürger*innen von der persönlichen Bereicherungsabsicht als Karriere-Antrieb anstatt der Absicht, dem Gemeinwohl zu dienen, bis hin zu fortgesetzt illegalem Handeln wirklich alles hinnehmen, nicht mehr ausfüllen.

Wer z. B. als Trainer gearbeitet hat, wie das bei mir der Fall war, der kennt diesen Mechanismus, der auch zwischen Odenthal und ihrem Mentor wirkt. Irgendwann setzt man sich davon ab, gewinnt Eigenständigkeit, das gehört zum erwachsen werden und zur Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit, aber auf dem Weg dorthin ist es nicht schlecht, wenn es Vorbilder gibt, die man nicht ständig in Frage stellen muss; die Vertrauen erwecken und den Eindruck, dass sie aus Erfahrung etwas mehr Bescheid wissen und etwas Wertvolles weitervermitteln können. Das hat wenig mit autoritärem Denken zu tun, aber viel mit dem natürlichen Kreislauf oder Verlauf des Lebens.

Finale

Eine zweite Schwäche des Films ist vielleicht, dass wenig darüber reflektiert wird, wie es Lena Odenthal damit geht, dass das Bild, das sie von Kaysser hatte, zu Staub zerfällt und dass eine der wenigen Autoritäten, die sie anerkennt, nicht mehr mit ihrem eigenen Leben klarkommt. Dass der Mann einen Unfall inszeniert, den das BKA dann ungehindert seiner Tochter zurechnen kann, weil er das bereits so vorbereitet – aus Rache, wie man annehmen darf, und weil er eben nicht hinter seine eigenen mentalen Probleme gestiegen ist.

Das ist traurig und macht nachdenklich und so ging es mir auch nach diesem Film, denn selbstverständlich kennt jeder von uns den Unterschied zwischen Außenwirkung und dem inneren Selbst. Man versucht zwar mehr und mehr, diese Lücke zu schließen, siehe oben, aber ob das in allen Fällen richtig ist, darüber kann man durchaus diskutieren. Also kann es auch eine Stärke von „Der Präsident“ sein, dass man nicht geleitet, nicht bezüglich der Interpretation an die Hand genommen wird.

Es ist auch legitim, Dinge für sich zu behalten und sich aus Selbstschutzgrüden etwas abzugrenzen. Das gilt m. E. heute aber nicht mehr dafür, dass man seine sexuelle Orientierung etc. verbergen muss oder seine kulturelle Identität nicht leben darf – vorsorglich geschrieben, damit diese Überlegungen, die auf eine unangreifbare Ausübung wichtiger Positionen gerichtet sind, nicht missverstanden werden. Ja, Kaysser sagt es auch zu Lena: Man darf sich nicht angreifbar machen. Aber solange unsere Gesellschaft so ist, wie sie ist, ist das tatsächlich auch wichtig. Alles andere obliegt einem Wandel, den wir in den letzten, neoliberalen Jahrzehnten eben gerade nicht vollzogen haben, im Gegenteil: Dem Umbau der Gesellschaft hin zu mehr Menschlichkeit, zu einem Umgang miteinander, bei dem Schwächen nicht ausgenutzt werden.

8/10

© 201 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Der Bundespräsident überlebt

In der Tatort-Folge 468 „Der Präsident“ muss die Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) aus Ludwigshafen unter erschwerten Umständen ermitteln, denn die sonst so kühl und distanziert auftretende Ermittlerin ist emotional von dem zu lösenden Fall betroffen. Nachdem sie noch völlig erschüttert davon ist, dass ein Familienvater seine Kinder, Frau und sich selbst getötet hat, gerät ihre Welt noch mehr aus den Fugen: Der Polizeipräsident wird Opfer eines Mordanschlags und mit ihm verliert Lena Odenthal ihren Mentor und Vertrauten. (Redaktion Tatort Fans)

Kurz vor dem Start in den zweiten Teil der Tatortpremieren-Saison packen die Sender noch einige Filme aus, die man nicht alle Tage vorgesetzt bekommt. Schon gar nicht vom SWR, der sich bisher nicht angeschickt hat, die ARD-Mediathek mit älteren Filmen zu bestücken, wie es z. B. NDR und WDR tun. Es kommt auch nicht alle Tage vor, dass ein Odenthal-Film wiederholt wird, der von den Nutzern der Plattform Tatort-Fundus mehr als 7/10 zugebilligt bekommt. Aber „Der Präsident“ zählt zu diesen Filmen und steht derzeit auf Rang 14 von 71 in der Odenthal-Rangliste und insgesamt auf Platz 229 von 1149. Die 2000er waren ohnehin die Zeit, in der, überschlägig betrachtet, die besten Filme mit der Ludwigshafen-Ermittlerin entstanden, der Tatort Nr. 468 wurde im Jahr 2001 veröffentlicht.

Der SWR zeigt ihn am Mittwoch, dem 26.08.2020, um 23:30 Uhr, sozusagen als Spätvorstellung. Wie immer, wenn wir eine Vorschau veröffentlichen: Eine Rezension steht aus, weil ich diesen Tatort noch nicht gesehen habe. Es ist recht spannend, in diesen Sommermonaten, auch ohne Premieren. Die Bewertungen der Mehrzahl der Nutzer im Tatort-Fundus lassen vor allem einen gut gespielten Film erwarten, die Handlungskonstruktion wurde unterschiedlich bewertet.

Besetzung und Stab

Kommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Kommissar Mario Kopper – Andreas Hoppe
Christa Kaysser – Annett Renneberg
Frau Dr. Zordick – Gila von Weitershausen
Friedrichs – Hans-Günter Martens
Georg von Manikowsky – Jürgen Schornagel
Karl Kaysser – Michael Mendl
Renate Stern – Petra Wolf
Ulrich Roland – Bernhard Bettermann
u.a.

Drehbuch – Thomas Bohn
Regie – Thomas Bohn
Kamera – Hans-Jörg Allgeier
Schnitt – Gudrun Böhl
Musik – Hans Franek

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