Der Preis der Freiheit – Polizeiruf 110 Episode 356 #Crimetime 1010 ::: #50JahrePolizeiruf10 ::: #Polizeiruf #Polizeiruf 110 #Swiecko #Lenski #Raczek #RBB #Preis #Freiheit

Crimetime 1010 - Titelfoto © RBB,Christoph Assmann

Der Preis der Freiheit ist auch nach 25 Jahren hoch

Vorwort anlässlich der Veröffentlichung der Rezension am 26. Juni 2021

Morgen ist es so weit. Der Polizeiruf wird 50 Jahre alt. Am 27.06.1971 wurde „Der Fall Lisa Murnau“ erstmals gezeigt. Der Polizeiruf 110 ist mittlerweile eine Legende des deutschen Fernsehens, ebenso wie das ursprünglich westdeutsche Pendant Tatort, der im vergangenen Jahr sein Fünzigjähres feierte. 29 Jahre lang war der Polizeiruf ein Produkt aus der DDR, „Der Preis der Freiheit“ reflektiert 25 Jahre nach der Wende die Veränderungen in einem freien Land, das für viele eher Stolpersteine als Möglichkeiten bereithielt und immer noch bereithält. Von der Grenzlandeinsamkeit berichtet der 356. Polizeiruf und jenem rauen Wind, den die Freiheit mit sich bringt, wenn an nicht zu den Wendegewinnern zählt.

Kritik 2020

Der Titel des 356. Polizeirufs erschließt sich nicht auf den ersten Blick, aber da in dem Film darüber diskustiert wird, warum die Polizei im weiten Grenzland nicht so für Ordnung sorgt, wie die Bürger*innen es sich wünschen, ist doch relativ klar zu erkennen, was gemeint ist: Mehr Freiheit bedeutet mehr Unsicherheit. Es gibt keine Freiheit in absoluter Sicherheit, ein Risiko ist immer dabei etc. Wie diese Tatsache im zweiten Film mit Olga Lenski und Adam Raczek erläutert wird, beschreibt die -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Kurz vor der deutsch-polnischen Grenze verunglückt ein Streifenwagen der Polizei bei der Verfolgung eines Geländewagens. Die junge Krakauer Polizistin Katarzyna Ludwinek stirbt und der verfolgte Anton Shevshenko flüchtet zu Fuß weiter.

Adam Raczek und Olga Lenski nehmen sich des Falles an. Lenski ist verwundert, dass die junge Hospitantin allein am Steuer saß und ihr Begleiter, Polizeikommissar Udo Lehde, nicht dabei war. Dieser erklärt, dass Ludwinek einfach losgefahren sei, als sie den flüchtigen Wagen bemerkte und ihn am Waldrand zurückließ. Erste Hinweise führen Lenski und Raczek zu einem Autoschieberring, der von dem Ukrainer Vitali Doroshenko angeführt wird und für den der flüchtige Anton Shevshenko arbeitet. Zudem gibt es Hinweise, dass polnische Polizisten mit in diesem Ring verstrickt sind. Insbesondere gegen Polizeikommissar Udo Lehde verdichten sich Indizien, dass er korrupt ist.

Anton Shevshenko hat inzwischen auf dem Hof von Annemarie Piatkowski Unterschlupf gefunden. Da dieser Hof sehr abgelegen und an der Fluchtroute liegt, kommt Raczek auf die Idee, ihn dort zu suchen, doch er kommt zu spät. Shevshenko hatte den Kommissar bemerkt und war geflohen. Bei seiner Flucht gerät er der Bürgerwehr der Region in die Hände, die ihn nun gefangen hält. Lenski und Raczek kommen dahinter und befreien den Mann. Im Polizeirevier wird er über den Ablauf des Unfalls befragt und er gibt an, dass er nicht willkürlich und abrupt gebremst hatte, sondern dass ihn ein grünes Licht geblendet hatte. Die Erklärung dafür finden die Ermittler bei Piatkowskis Sohn. Lutz Piatkowski hatte ihn des Nachts mit auf seine „Streife“ genommen und er hatte mit einem Laserpointer herumgespielt.

Polizeikommissar Udo Lehde fühlt sich mehr und mehr in die Enge getrieben. In seiner Not kidnappt er Vitali Doroshenko. Lenski und Raczek sind ihm bereits auf der Spur und versuchen, ihn zum Aufgeben zu bewegen. Am Telefon erklärt er, dass er nicht mehr zurück könne. Nachdem er sich mit Doroshenko eingelassen hatte, fing dieser an, ihn unter Druck zu setzen. Seine Familie sei daher in Gefahr. Deshalb wollte er seine junge Kollegin an der Verfolgung des Wagens hindern, doch sie sei einfach losgefahren. Lenski verspricht, ihm zu helfen, doch er ist davon überzeugt, dass Doroshenko, solange er lebt, ihn jagen und sich rächen würde. Nachdem dieser ihm zusätzlich droht, verliert er die Nerven und erschießt er Doroshenko. Als Lenski und Raczek eintreffen, nehmen sie Lehde fest.

Rezension

Mit düsterer Atmosphäre kennt sich Regisseur Stephan Rick aus, denn er hat zwei Jahre vor „Der Preis der Freiheit“ den Magdeburg-Polizeiruf „Eine mörderische Idee“ inszeniert, und es gab niemals in Deutschland einen dunkleren Krimi-Ort als Magdeburg, seit Doreen Brasch dort ermittelt und mit ihrem Charakter das Ihre dazu beiträgt, dass man sich als Zuschauer unwohl fühlt.

Dieser Effekt ist bei Olga Lenski und Adam Raczek nicht vorhanden, die beiden wirken in ihrem zweiten gemeinsamen Fall zwar noch nicht ganz eingespielt, es gibt aber auch keine übertriebenen, gekünstelt wirkenden Konfrontationen. Lenski ist alleinerziehend, das wissen wir schon aus ihrer Brandenburg-Zeit mit Horst Krause, Adam Raczek sagt auf ihre Frage, wer auf seine beiden Kinder aufpasst: „Ich bin Pole, bei mir macht das die Frau.“ Das soll’s geben und viele Polen sind aufgrund ihrer starken religiösen Bindung in der Tat gesellschaftspolitisch konservativer als z. B. Balten oder Tschechen und Slowaken.

Wir werden aber in kommenden Polizeirufen mit den beiden Ermittlern vom deutsch-polnischen Kommissariat in Świecko (Swietzko gesprochen) noch sehen, dass besonders in Familien mit polnischen und deutschen Mitgliedern nicht alles so festgefügt ist.

Trotz der Tatsache, dass die beiden Ermittler eher positive Persönlichkeiten sind und außerdem 2016 noch sehr spannend waren – inzwischen ist klar, dass Maria Simon, die Olga Lenski spielt, aussteigen wird, ohne dass die horizontale Erzählung so gestaltet worden wäre, dass sie eine Wendung wie jüngst bei Buckow und König in Rostock nehmen könnte („Der Tag wird kommen„) – ist die Atmosphäre das Dominierende an diesem Film.

Ich kenne den östlichen Teil Brandenburgs, das Grenzgebiet zu Polen, nicht bei Nacht, aber im Winter und bei schlechtem Wetter spürt man dort auch tagsüber die Landeinsamkeit sehr, aber was man sich nicht so vorstellen kann: Dass dort so häufig eingebrochen oder gestohlen wird, weil man nicht glaubt, da gebe es viel zu holen. Der Autoklau musste in einem deutsch-polnischen Krimi ja mal thematisiert werden, wobei man die Gang vorsichtshalber lieber russisch-ukrainisch gestaltet hat und die fetten SUVs stehen dann doch mehr in den Städten und werden in eine abgelegene ehemalige Fabrikhalle verbracht, um dort für den illegalen Export „umgerüstet“ zu werden, aber es gibt da draußen eine Bürgerwehr und die wird überraschenderweise gar nicht so negativ gezeichnet. Zumindest die beiden Personen aus der Wehr, die im Film eine wichtigere Rolle spielen, wirken in der Tat wie mehr oder weniger normale Bürger, die nachts unterwegs sind, um Polizeiaufgaben wahrzunehmen – sie sind ja auch offizielle „Sicherheitspartner“ der örtlichen Behörde, werden also toleriert.

Wer an Wildweststädte und Hilfssheriffs denkt, liegt nicht falsch, denn in „Der Preis der Freiheit“ wirkt es, als ob die Farmen alle weit auseinander liegen und der Marshal sitzt in der nächsten größeren Stadt, die sicher viele Meilen entfernt ist. Also müssen sich die Farmer gegenseitig gegen das Verbrechen wehren. Aber nicht nur die Landschaft ist etwas anders, als man sie in den amerikanischen Filmen sieht, bei all den Unterschieden, die es auch dort gibt, es sieht auch nicht nach Aufbau und Pioniergeist aus, sondern nach Ausharren in einer Gegend, die sich langsam entleert. Das gilt in der Tat für Gebiete in der Gegend von Frankfurt / Oder. Gibt es in dem kleinen Ort Swiecko aber tatsächlich ein deutsch-polnisches Kommissariat?

Unweit des Ortes befindet sich auf polnischem Territorium der wichtige Autobahngrenzübergang Frankfurt (Oder)-Schwetig (Świecko). Dieser ist der größte und meistfrequentierte Grenzübergang zwischen Deutschland und Polen. In der Einreise bestehen drei Kontrollspuren für LKW, eine für Busse und drei für PKW. Für die Ausreise sind maximal vier Spuren für LKW, ebenfalls eine Busspur und drei Spuren für PKW eingerichtet. Der Grenzübergang liegt auf der direkten Verbindung Berlin–Warschau–Moskau. Seit dem Schengenbeitritt Polens Ende 2007 befindet sich in den ehemaligen Gebäuden der Grenzabfertigungsanlage das Deutsch-Polnische-Polizei- und Zollzentrum, dessen Aufgaben in der Koordination der Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden beider Staaten im beiderseitigen Grenzgebiet besteht.

Ob dort Spezialist*innen für Tötungsdelikte arbeiten, ist mir nicht bekannt, aber zumindest gibt es die Behörde und ihre Ansiedlung ist der Stellung des Grenzübergangs als wichtigster zwischen den beiden Länder zu verdanken.

Die Handlung befasst sich denn auch mit einem typischen Grenzthema, weist aber zwei Kuriositäten auf: Die Verursachung eines Unfalls durch einen Laserpointer und das Ende, das psychologisch ziemlich an den Haaren herbeigezogen wirkt. Der Tatbestand, dass der flüchtende Autodieb von einem Laserpointer geblendet wurde und deshalb auf die Bremse trat, nicht, um gezielt seine Verfolgerin zu bremsen, wobei sie ums Leben kam, kann man allenfalls als fahrlässige Tötung behandeln, weil er mit überhöhter Geschwindigkeit fuhr – und das Blenden mit einem in Deutschland verbotenen Leuchtmittel (nicht nur die Böller, sondern auch die Möglichkeiten für Lichtspiele werden in Polen offenbar freier behandelt)? Jedenfalls gibt es so für den Tod der Polizistin keinen eindeutigen Schuldigen.

Finale

Aber warum der Chef der Autodiebe den Polizisten, den er erpresste und der beinahe bereit war, ihn davonkommen zu lassen, noch einmal so provoziert, dass dieser doch schießt, mag verstehen, wer will. Anstatt später wieder auf das Leck in der Polizei, das man sich sozusagen mit einem Zigarettenanzünder gebrannt hat, zurückzukommen, wird der aufgeregte Mann dazu gebracht, loszuballern. Das kommt davon, dass das Ende heutzutage immer sehr – sic! – knallig sein muss, das gilt für Polizeirufe ebenso wie für Tatorte. Dadurch wird der Polizist nun auf jeden Fall einfahren und seinen Job verlieren, auch wenn die Tötung provoziert war – wohingegen man seine Mithilfe beim Autodiebstahl noch der Erpressungslage zugute halten kann. Realistisch wiederum, dass Banden so etwas mit Angehörigen der Exekutive und auch der Justiz tun. Mehr oder weniger dezent darauf hinweisen, dass die Familie Schaden nehmen könnte, wenn keine Neigung zur Kooperation besteht. Ein schlechter Fall ist „Der Preis der Freiheit“ nicht, weil die Bilder immer wieder einen Sog auslösen und der Rhythmus entspricht dem Visuellen – nicht überragend schnell, aber die Handlung drängt unaufhaltsam vorwärts.

7,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Stephan Rick
Drehbuch Michael Vershinin
Produktion Heike Streich
Musik Alexandra Barkovskaya
Kamera Stefan Unterberger
Schnitt Dan Loghin
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s