Lebensläufe – Der Schauspieler Jürgen Frohriep. Zwischen Höhenflügen und Abgründen ::: #50 JahrePolizeiruf110 ::: #Crimetime Special #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Hübner #OL

Crimetime Special 50 Jahre Polizeiruf 110

Der Schauspieler Jürgen Frohriep. Zwischen Höhenflügen und Abgründen.

Film von Kathrin Heim

Jürgen Frohriep (* 28. April 1928 in Rostock; † 13. Juli 1993 in Berlin) war ein deutscher Schauspieler und Synchronsprecher. Er war der Bruder des Schriftstellers Ulrich Frohriep.

Am 27.06.1971 wurde die erste Episode der Krimireihe „Polizeiruf 110“ ausgestrahlt, „Der Fall Lisa Murnau„. Damit steuern wir heute auf den Höhepunkt unseres Juni-Specials „50 Jahre Polizeiruf 110“ zu und schreiben unter anderem über die beiden wichtigsten Darsteller der Reihe während der DDR-Zeit. Wir beginnen mit Jürgen Frohriep, der im sechsten Polizeiruf erstmals zum Einsatz kam.  

Inhalt (MDR)

Jürgen Frohriep gehörte über Jahrzehnte zu den markanten Gesichtern und Stimmen in der Fernsehlandschaft der DDR. Spätestens in seiner Rolle als „Polizeiruf“-Kommissar Oberleutnant Hübner wurde er Millionen Fernsehzuschauern ein Begriff: kantige Züge, unverkennbare Stimme, Verführerblick. Dabei hat der gebürtige Rostocker nie eine Schauspielschule von innen gesehen. Seine Karriere begann er als Laiendarsteller in FDJ-Schauspieltruppen. Mit der Hauptrolle im DEFA-Film „Sterne“ unter der Regie von Konrad Wolf im Jahr 1959 gelang ihm der Durchbruch.

Es folgten mehrere Rollen in DEFA-Filmen, u. a. spielte er den Rennfahrer Manfred von Brauchitsch. 1962 überzeugte er als Antonio Morena in dem TV-Mehrteiler „Das grüne Ungeheuer“. Zu seinen Paraderollen gehörte auch der Leutnant Fitz in der TV-Produktion „Wolf unter Wölfen“. Im DEFA-Kultfilm „Die Legende von Paul und Paula“ spielt er in einer Nebenrolle mit und auch in zahlreichen DEFA-Indianerfilmen war er zu sehen.

Seit 1973 spielte Jürgen Frohriep im DFF den Oberleutnant Hübner im „Polizeiruf 110“. Am Anfang stand er noch im Schatten von Peter Borgelt, alias Hauptmann Fuchs. Aber im Laufe der Zeit gelang es ihm, seiner Rolle mehr und mehr Profil zu verleihen. Über 60 Mal verkörperte er bis 1991 den charismatischen Ermittler.

Nach der Wende blieben die Rollenangebote aus. Frohriep hatte zunehmend Alkoholprobleme, unter denen auch seine zweite Ehe mit der Schauspielerin Kati Székeli litt. Sie waren bereits getrennt, als die ARD ihn noch einmal für seine Paraderolle engagierte, nun als Oberkommissar Hübner. Noch vor der Ausstrahlung dieser „Polizeiruf“-Folge starb Frohriep im Juli 1993 vereinsamt in seinem Berliner Haus.

Jürgen Frohriep wird mehreren Generationen als „Polizeiruf“-Kommissar in Erinnerung bleiben.

Über die Dokumentation

Es ist bemerkenswert und macht nachdenklich. Bisher haben wir nicht sehr häufig über Schauspieler:innen geschrieben; wenn, dann meist aufgrund von  längeren Formaten, für ARTE gedrehte ca. 55-minütige Porträts waren die kürzesten davon. Bei ihnen hat uns oft etwas gefehlt, außerdem werden darin genannte Fakten nicht immer gut recherchiert. Noch schwieriger ist es, sich an den Mann durch ein kurzes Feature namens „Lebensläufe“ anzunähern, bei dem zwangsläufig vieles nicht dargestellt werden kann. Der Film stellt die Reihe „Polizeiruf 110“ als für den zuvor vielseitig eingesetzten Frohriep eher als negativen Endpunkt seiner Karriere denn als sicheren Hafen in unruhigen Zeiten dar.

Seine Frau, die in der Schweiz lebt, erzählt, dass der Haussegen schief hing, weil sie nicht wollte, dass er die Rolle als Oberleutnant Jürgen Hübner annahm. Sie ging davon aus, er würde ab diesem Moment nur noch „getypecasted“, wo er doch zuvor auch schon nach seinem Geschmack zu häufig Uniformträger spielen musste. Nun sieht man die Kriminaler im Polizeiruf 110 in Zivil. Aber das andere?

Es stimmt, vor allem in den 1980ern weist die Wikipedia-Filmografie kaum noch Produktionen mit ihm außerhalb seiner Rolle als Oberleutnant Jürgen Hübner aus. In dieser Rolle habe ich ihn häufig als ein wenig unterspielend wahrgenommen, gar nicht so viel anders als in „Sterne“, dem DEFA-Film, mit dem er berühmt wurde und anders als in den kurzen Ausschnitten von Werken, in denen er zwischen „Sterne“ und seiner Polizeiruf-Karriere aufgetreten war, damals als zeitweiliger Star Nr. 1 der DDR.

Doch, das war so, zumindest gemäß der auch im Arbeiter- und Bauernstaat offenbar nicht wegzudenkenden Rankings beliebter Schauspieler:innen. In einem Ausschnitt, das Jahr und der Mont, in dem die Filmzeitschrift eschien, wurde leider nicht genannt, ist er vor Manfred Krug und Armin Mueller-Stahl zu sehen, die ebenfalls auf dem Treppchen landeten Vor lauter Frust gingen die beiden, die niemals so ihr Licht unter den Scheffel stellten, wie es Frohriep als Typ eigen war, in den Westen. Es war nicht der böse Sozialismus, es war die persönliche Eitelkeit. Spaß, muss auch mal sein. Sie konnten trotz großer Erfolge in der DDR nicht erwarten, in der BRD gleich wieder ganz vorne zu sein, aber sie machten auch dort beeindruckend ihren Weg, während Frohriep Gefangener in einem vielleicht zu kleinen Staat blieb und letztlich ein Gefangener des Alkohols wurde. Der Polizeiruf geht mit diesem Thema zuweilen sehr offen um, mach es, anders als die westdeutsche Prallelreihe, sogar zum Auslöser von Verbrechen, und ich fragte mich hin und wieder, was Frohriep gedacht hat, als er in Person von OL Hübner Taten aufzuklären hatte, bei deren Entstehung der Alkohol eine wichtige Rolle spielte.

Anders als in der Wikipedia zu lesen, die den Verlauf aufgrund von Auslassungen so wirken lässt, als ob Hübner erst nach der Wende keine Angebote mehr erhalten hätte und mehr oder weniger dadurch zum Alkoholiker wurde, lässt der Film keinen  Zweifel daran, dass Frohriep schon in den 1970ern Trinker war. Die Bilder lügen auch nicht, man sieht es in einigen der späten DDR-Polizeirufe deutlich. Trotzdem hat man ihm diese wichtige Rolle nicht weggenommen und mir fällt dabei Harald Juhnke ein, der trotz seiner Probleme immer ein beliebter Schauspieler und Entertainer blieb. Allerdings war er ein offensiverer Typ als Frohriep und konnte seine Sucht sogar im Film „Der Trinker“ selbst porträtieren.

Kein Wort über Peter Borgelt. Was hat es für Frohriep bedeutet, dass er als einstiger Star Nr. 1 der DDR hinter Peter Borgelt zurückgesetzt wurde, der erst durch die Polizeirufe richtig bekannt und auch sehr beliebt wurde. Nach allem, was ich gesehen habe, und mir fehlt nun kaum noch ein Polizieiruf aus der DDR in der Rezensionssammlung (einige Kritiken sind noch nicht veröffentlicht), war OL, später Hauptmann Fuchs, von Borgelt gespielt, die klare Nummer eins. Besonders deutlich wurde das, wenn beide  zusammen ermittelten, dann war Fuchs stets der Leitende und auch der Dominante.

Interessant fand ich die Aussagen des Regisseurs von „Das grüne Ungeheuer“, Rudi Kurz, der im letzten Herbst verstarb, über diese Generation der Frohrieps und so vieler anderer, die Deutschland in den Nachkriegsjahren prägten bzw. die Nachfolgegeneration der Wiederaufbauer:innen waren. „Kuhlenkampffs Schuhe“ kam mir in den Sinn, ein sehr genaues Porträt der Westdeutschen oder nach Westdeutschland Geflüchteten, die zwischen Baum und Borke in den 1920ern geboren und in den Nazistaat hineingewachsen waren. Zu jung die meisten von ihnen, um sich im Dritten Reich noch richtig schuldig zu machen, zu alt, um vergessen zu können, obwohl ein Neuanfang so wichtig war und doch so belastet. Viele von ihnen in der Hitlerjugend indoktriniert, missbraucht, fanatisiert und dann alleine. Der westdeutsche Materialismus und der ostdeutsche Scheinsozialismus konnten die Lücke nicht füllen, die der Zusammenbruch der Welt auslöste, in der diese Menschen groß geworden waren. Der Materialismus in der BRD füllte wenigstens den Magen und man kehrte diese Trümmer der Vergangenheit unter den Teppich, auch wenn da eigentlich zu wenig Platz war. Im Osten war man zusätzlich dem Stress ausgesetzt, dass das Land offiziell antifaschistisch war und zum Beweis antifaschistische Filme drehte. Einer davon war „Sterne“, in dem ein notabene in seiner Rolle als Besatzer unsicherer deutscher Soldat die Gegenseite kennen- und lieben lernt: eine jüdische Gefangene, interniert in einem Lager im ehemaligen Jugoslawien.

Hinzu kam ein weiteres Problem, das trotz aller Propaganda und trotz der Mauer als Abwehr von Massenfluchten in den 1970ern manifest wurde: Wieso war und blieb der Westen erfolgreicher? Warum waren die Tatorte länger, von Beginn an in Farbe und zumindest in den 1970ern konzeptionell weit voraus? Wieso war man immer irgendwie hintendran? Was zieht man daraus für persönliche Konsequenzen? Bleib ich oder geh ich und wofür steh ich? Ab 1962 war diese Frage geklärt, die DDR hatte ihre Bürger:innen vom ärgsten inneren Konflikt befreit und zumindest in der Wikipedia und in der kurzen Dokumentation ist nichts enthalten, was darauf deuten könnte, dass der nachdenkliche Mann, dessen großen, fragenden Augen eines seiner Markenzeichen waren, ans Auswandern dachte, wie die beiden oben erwähnten Kollegen. Denn der Exodus von Künstlern aus der DDR hielt sehr wohl an und man konnte sie nicht einfach wegsperren, weil sie dazu viel zu bekannt waren. Im Kontext wird Frohrieps ihm eigene und wohl auch in dieser Sache etwas zu passive Haltung aber verständlich, weil er in den 1960ern eine überragende Stellung beim Publikum hatte. Vielleicht wiederholen sie irgendwann mal den Propaganda-Politthriller „Das grüne Ungeheuer“, in dem er die Hauptrolle spielt und seine spätere Frau kennenlernte, die Deutsch-Ungarin Kati Székely.

Nicht, dass eine Liebe am Set woanders nie vorgekommen wäre, aber es muss damals in der DDR die Lovestory im Filmbusiness gewesen sein und trug sowohl zur Popularität des Films als auch seiner Darsteller:innen bei. Umso mehr schade, dass Frohrieps recht früher Tod mit 65 Jahren, direkt nach dem Abdrehen des letzten Polizeirufs, in dem er mitgespielt hatte (Titel suchen), bei mir immer ein Gefühl von Traurigkeit hervorruft. Das Ende war eben traurig, den wirklichen Neuanfang des Polizeirufs, der nun zum 50-Jährigen geführt hat, den hat Frohriep nicht mehr miterleben und vor allem nicht mehr mitgestalten dürfen.

Eine Dokumentation über Peter Borgelt, den Chef unter den Polizeiruf-Ermittler:innen, gibt es in derselben Reihe „Lebensläufe“ ebenfalls, über sie werden wir demnächst schreiben. Beide Texte haben wir im Rahmen unseres Specials „50 Jahre Polizeiruf“ verfasst.

Als Titelfoto haben wir ein Still aus „Blutgruppe AB“ ausgewählt, dem ersten Polizeiruf, in dem Jürgen Frohriep als Oberleutnant Hübner zum Einsatz kam und der sogleich einige Brisanz auswies, denn erstmals wurde in diesem sechsten Polizeiruf das Thema der Sexualdelikte in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt, dessen präzise und sachkundige Darstellung zu einem Markenzeichen der Polizeirufe wurde.

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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