Stern des Gesetzes (The Tin Star, USA 1957) #Filmfest 526

Filmfest 526 Cinema

Stern des Gesetzes (Originaltitel: The Tin Star) ist ein US-amerikanischer Western von Anthony Mann aus dem Jahre 1957. Das Drehbuch des Films basiert auf einer Erzählung von Joel Kane und Barney Slater. Der Film kam am 28. Februar 1958 in die deutschen Kinos. Im deutschen Fernsehen wurde der Film erstmals am 5. Juni 1969 gezeigt.

Wenn man sich einen Western von Anthony Mann aus den 1950ern anschaut, bevor er mehr oder weniger erstaunlich, ins Monumentalfilmgenre wechselte, sind sie alle recht konzentriert, knapp gehalten, mit einer guten bis sehr guten Dramaturgie ausgestattet und sie zeigen Charaktere, über die zu diskutieren sich lohnt. Allerdings ist es bei mir so, dass ich bei seinen Filmen nach 1955 immer denke: Wie hätte Jimmy Stewart die Hauptfigur gespielt? So ging es mir bei Gary Cooper als Star in „Der Mann aus dem Westen“ (1958) und die Frage stellt sich auch bei Henry Fonda, der in „The Tin Star“ einen Kopfgeldjäger spielt, der einmal Sheriff war. 

Handlung (1)

Als der Kopfgeldjäger Morgan Hickman die Leiche eines berüchtigten Verbrechers in eine kleine Stadt bringt, fällt sein Empfang kühl aus. Der furchtsame Sheriff Ben Owens muss, bevor er Hickman auszahlen kann, die Identität des Verbrechers bestätigen. Hickman verbringt die Zeit, indem er sich zu einem Mietstall begibt. Dort lernt er den jungen Kip Mayfield kennen. Er begleitet ihn nach Hause. Kip und seine verwitwete Mutter Nona leben am Rand der Stadt. Nona bietet Hickman Logis an. Abends erklärt er der Frau, dass er selbst Frau und Kind verloren habe. Nona erwidert, ihr gestorbener Mann sei Indianer gewesen. Hickmans Überraschung verärgert Nona, die ihn auffordert, am Morgen zu verschwinden.

Am nächsten Tag sucht Millie Parker ihren Freund, Sheriff Owens auf. Sie erinnert Owens, der nur übergangsweise als Sheriff fungiert, an sein Versprechen, den Stern niederzulegen, sobald ein Vollzeit-Sheriff gefunden sei. Doch Owens plant, den Posten zu behalten. Der alte Dr. McCord versichert Millie, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauche, doch Millie hat Angst, dass Ben ebenso wie ihr Vater, der vorher der Sheriff der Stadt war, getötet werden würde. Bart Bogardus, ein Cousin des von Hickman getöteten Verbrechers, erschießt einen Halb-Indianer und gibt vor, in Notwehr gehandelt zu haben. Als Owens Bogardus Waffe einziehen will, wird er von ihm bedroht. Hickman schießt Bogardus die Waffe aus der Hand. Später erklärt er Owens, dass er früher selbst einmal Sheriff war und weiß, wie er solche Leute zu behandeln habe.

Am Abend erklärt Hickman Nona dass er, wie die meisten weißen Kinder, damit erzogen worden sei, Indianer zu hassen. Nona berichtet ihm, ihr Mann sei wegen seiner Aufrichtigkeit getötet worden, nun würde der Hass ihr und ihrem Sohn gelten. Als Owens am nächsten Morgen die Nachricht, der Richter habe Bogardus freigelassen, überbringt, ist Hickman bereit, Owens im Gebrauch von Waffen und in der Behandlung von Tätern zu unterweisen. Als ein Kutschenfahrer von zwei Banditen erschossen wird, organisiert Owens eine Verfolgung. Hickman bleibt in der Stadt, weil er geschworen hat, nie wieder einen Stern zu tragen. Er kassiert die ausgelobte Belohnung und kauft ein Pony für Kip.

In der Nacht wird Dr. McCord von Ed McGaffey aufgehalten. Eds Bruder Zeke braucht ärztliche Hilfe, er sei bei einem Jagdunfall angeschossen worden. Bei Tagesanbruch will der Doktor nach Hause, doch Ed ist sich sicher, dass der Doktor nicht an die Jagd-Geschichte glaubt. Zeke will den Arzt gehen lassen, doch Ed erschießt McCord, der an diesem Tag Geburtstag hat. Die ganze Stadt will mit ihrem Arzt feiern, doch die Nachricht von seiner Ermordung lässt alle erstarren. Als der Bürgermeister in den Aufzeichnungen des Arztes von Zekes Verletzung liest, lässt er Steckbriefe für die Brüder anbringen. Eine wütende Menge macht sich auf den Weg zum Haus der McGaffeys. Die Männer um Bogardus kommen an Nonas Haus vorbei. Der kleine Kip sieht sie und verfolgt sie auf seinem Pony. Hickman macht sich selber zur Verfolgung bereit, als Nona Kips Verschwinden bemerkt und Hickman bittet Kip zu suchen.

Die Menge kommt am Haus der McGaffeys an. Bogardus lässt das Haus anzünden. Nachdem die Leute weg sind, kommt Kip am Haus an und sieht einen Hund. Der Hund rennt in ein Tal hinter dem Haus, der Junge folgt dem Tier. Hickman und Owens sind Kips Hufspuren gefolgt und kommen in dem Moment an, als Ed McGaffey aus einer Höhle heraus auf den Jungen schießt. Die Männer bringen Kip in Sicherheit. Owens will die beiden Brüder lebendig, wird aber von Hickman zurück in Deckung gezwungen. Hickman legt am Höhleneingang Feuer. Die McGaffey-Brüder sind durch den Rauch gezwungen, nach draußen zu kommen und aufzugeben. (…)

Rezension

Am Ende ist jener Hickman einen Kreis gegangen. Er integriert sich wieder in die Gesellschaft und bekommt zum Lohn das zurück, was er einst verloren hat: Eine Frau, die er lieben kann und einen Jungen, mit dem er vielleicht keine Pferde stehlen wird, sondern dem er im Verlauf des Films ein Pferd schenkt, von seiner aktuellen Kopfgeldjäger-Prämie. Es ist genau die gleiche Art von Figur, wie Jimmy Stewart sie in Manns Filmen zuweilen spielte, besonders exakt in „Nackte Gewalt“ aus dem Jahr 1953, in dem er einer Bounty von Kopfgeldjägern angehört. Die Prüfung eines Menschen, der Schicksalsschläge erlitten hat und dadurch zum Einzelgänger geworden ist, die Rückkehr in die Zivilisation, das spielt in Manns Westernwelt eine wichtige Rolle und daher gibt es auch keine Western Noirs bei ihm. Es muss sich lohnen, die Mühsal auf sich zu nehmen, wieder mit anderen zu kommunizieren und sogar Verantwortung in einer Gemeinschaft zu übernehmen. Manchmal siedeln die Westerner sich nur dort an, wo sie ihre Liebe gefunden haben, aber in „The Tin Star“ nimmt ein Ex-Sheriff sogar seinen alten Job wieder auf, obwohl er gute Gründe hatte, ihn aufzugeben.

Wenn jede ärztliche Leistung privat bezahlt werden muss und eine Frau stirbt, weil er Mann von seinem Job als Gesetzeshüter, der mal nicht bestechlich ist, nicht genug Kohle zusammenkratzen kann und auch keinen Kredit bekommt, dann kann er auf die Idee kommen, sich nach einem besser bezahlten Job umzusehen, in dem er seine Skills ebenso einsetzen kann. Mag sein, dass die gesellschaftliche Reputation dabei sinkt, aber was ist eine Gesellschaft wert, die dem wichtigsten Mann in der Stadt nicht hilft, demjenigen, wenn seine Frau operiert werden muss? Dem Mann, der für andere für lausige 30 Dollar pro Monat oder was ein Sheriff damals so verdient hat, den Kopf hinhält, damit die anderen ruhig schlafen können? Dieser Aspekt kommt zu kurz, wenn man nur das Ergebnis sieht und die beeindruckende Wandlung außerdem, die Anthony Perkins in diesem Film als Nachwuchssheriff vollzieht. Owens, sein Charakter, schafft es mit Hickman zusammen, zwei Verbrecher lebend zu fangen, obwohl der Bürgermeister die Parole: tot oder lebendig! ausgegeben hat. Das Ergebnis ist, dass ein Mob daherkommt und sie lynchen will und nun erst die eigentliche Probe für die neue Freundschaft des Kopfgeldjäges und des jungen Sheriffs kommt.

„Der filmsprachlich vielleicht lehrreichste Western überhaupt. […] Anthony Mann [lehrt] den Zuschauer alles, was es über Raumgestaltung, Kameraführung und Schnitt des klassischen Genrewestern zu wissen gilt. Lange Zeit als billiger Abklatsch von 12 Uhr mittags verkannt, gehört Stern des Gesetzes zu den Paradebeispielen der amerikanischen Kinomythenproduktion.“ – Lexikon des internationalen Films[1]

„Western, der dank faszinierender Bildsprache zum Kinomythos wurde.“ – Cinema[2]

„Ein Wildwester, der sich ehrlich bemüht, der mit dem Sheriffsamt verbundenen menschlichen Verantwortung das Wort zu geben. Diese Idee kommt wegen des zu starken Festhaltens an Klischees des Routine-Western nicht ganz zur beabsichtigten Geltung. Gleichwohl als spannende Unterhaltung ab 12 geeignet.“ – Evangelischer Filmbeobachter[3]

Die IMDb-Nutzer vergeben aktuell 7,3/10. Damit reiht sich der Film in die übrigen Anthony-Mann-Werke der 1950er ein, wird nicht ganz so hoch eingestuft wie sein erster Western mit James Stewart, „Winchester 73„, aber ähnlich wie die folgenden Stewart-Mann-Kooperationen.

Der Film ist nicht ganz so spannend wie einige vergleichbare Produktionen, weil er realtiv viel Dialog dieses Mal wirklich benötigt, um seine Absichten klar herauszustellen, nur weniges kann man als Beiwerk bezeichnen und er baut seine Spannung auch eher langsam auf. Das ist zwar für Manns Western nicht untypisch, wirkt bei „The Tin Star“ aber besonders ausgeprägt. Dafür lassen die letzten 20 Minuten nicht mehr los und der Trick ist, dass ein Kind in Gefahr gerät. Zu einem solchen Mittel, um die Zuschauer einzubinden, hatte Mann zuvor nicht gegriffen. Dieses und viele andere Details unterscheiden den Film deutlich von „High Noon“, der vom selben Studio fünf Jahre zuvor produziert worden war und den Western revolutionierte. An diesen Film hat mich schon der Titel erinnert, aber Sheriffsterne im Staub waren 1957 schon wieder aus der Mode und sowohl die Ausgangslage als auch das Personaltableau sind deutlich anders. Sicher, dass die Freundin des Sheriffs diesen nur heiraten will, wenn er den gefährlichen Beruf aufgibt, erinnert an Will Kanes Frau, aber dieses Mal gibt es keinerlei religiösen Hintergrund damit liegt der Konflikt auf einer mehr praktischen Ebene: Die Frau will nicht schon bald Witwe sein, zumal der Junge ihrer Wahl anfangs in der Tat noch ein Junge ist. Anthony Perkins wirkt in seiner Rolle allerdings auch so und es ist nicht ganz einfach, darzustellen, wie er sich innerhalb weniger Tage und mit Hickman als Coach so sehr wandelt, dass er nun alles beherrscht, was einen Law-and-Order-Mann, und das ist hier ausnahmsweise nicht negativ gemeint, ausmacht. Autorität, die vor allem aus Gesten und Ansprachen resultiert, nicht aus Aktion.

Damit entschlüsselt der Film viele Elemente der Filmsprache im Allgemeinen, nicht nur des Westerns und natürlich auch psychologische Muster, Verhaltensweisen, von der Mimik bis zur gut getimten und rhetorisch ausgefeilten Rede bis zum Gang, die darüber bestimmen, wie wir von außen wahrgenommen werden. Das alles wird hier auf einem leicht verständlichen Niveau erklärt. Einige Zweifel bleiben, auch Hickman muss sich gewisser Schubladen bedienen, um in der Kürze der Zeit aus einem Jungen, der willig ist, einen Mann, der fähig ist, zu formen. Als es so weit ist, kommt es zu jener Szene, die allein den gesamten Film wert ist: Owens tritt dem Mobführer Bogardus gegenüber und findet zur richtigen, beeindruckenden Haltung und in dem Moment, als es beinahe zum Showdown kommt, treten die Umstehenden rasch zur Seite, um nicht von Kugeln getroffen zu werden, anstatt sich mit ihrem „Anführer“ gegen den Sheriff zu stellen. Diesen Realismus sieht man in klassischen Western selten, zumindest wird er nicht filmsprachlich so reizvoll umgesetzt.

Allerdings muss man eine Prämisse erwähnen, die es in vielen Western gar nicht gibt: Nämlich, dass man versucht, erst zu reden und dann zu schießen, nicht umgekehrt. Das Argument und der Rechtsstaat genießen Priorität gegenüber der Waffengewalt. Bis heute ist das Problem dieser Dualität in den USA keineswegs gelöst und dadurch kommt es zu einer für uns in Europa unvorstellbar raschen Anwendung von Waffengewalt im Alltag, wenn zwischenmenschliche Konflikte entstehen und nicht etwa nur durch ein paar brutale Gangster, wie es sie fast überall gibt, wo etwas zu holen ist. Aber es ist eben auch eine Haltung des Regisseurs, diese Waffengewalt zu hinterfragen und den ewigen Unfrieden zu thematisieren, der dadurch entstanden ist.

Finale

Aufgrund des Kampfes der Zivilisation mit roher Gewalt, den man gar nicht oft genug in immer neuen Varianten zeigen kann und der zugunsten der Zivilisation ausgehen sollte, auch in unseren zynischen Tagen oder gerade, weil wir in einer solchen Zeit leben, ist „The Tin Star“ immer noch aktuell oder hat einen bleibenden Wert. Dass er auch einige Klischees beinhaltet, soll nicht verschwiegen werden, aber in der damals für Anthony Mann noch üblichen kurzen Spielzeit kann man bestimmte Dinge nicht ausdifferenzieren, wenn nicht der Fokus aufs Wesentliche verlorengehen soll. Insofern ist „The Tin Star“ wieder ein sehr honorables Werk geworden und ich konnte mich auch mit Henry Fondas von derjenigen James Stewarts abweichenden Darstellungskunst arrangieren.

Vielleicht war es sogar gut, dass Mann nicht mit demselben Star weitergefilmt hat, denn Fonda wirkt ein wenig abgründiger, während Stewart diese gebrochenen Charaktere immer so spielte, dass man merkt, das ist eigentlich ein Guter. Fonda hingegen muss dem Zuschauer erklären, dass er auch mal Sheriff war, damit Beruhigung eintritt, bis zu einem gewissen Grad jedenfalls und insofern, als dieser Hintergrund wichtig ist, damit man sich mit dem Kopfgeldjäger identifiziert. In den 1950ern war ein solcher noch relativ selten Mittelpunkt eines Westerns, der Italo-Western hat dann richtiggehend ein Subgenre mit solchen Typen erfunden. Mit einem wichtigen Unterschied: Es wird nicht viel Wesens um die Hintergründe der Person gemacht und sie wirkt in einer archaischen Welt, wie sie in dieser Western-Spielart meist gezeigt wird, authentisch. In einem der wenigen Italo-Western, in dem das nicht der Fall ist, hat Henry Fonda dann eine Glanzrolle als Schurke: „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass der Film glaubhaft wirkt, ist, dass man es im Wesentlichen mit eher mittelmäßigen Personen zu tun hat, aus denen Hickman heraussticht. Nur unter bei Berücksichtigung dieses Tatbestands wirkt es authentisch, dass Owens so rasch eine Wandlung vollzieht, mit welcher er in der Lage ist, den fiesen Bogardus und letztlich die gesamte Stadt in Schach zu halten. Dadurch kann sich die Massenhysterie nicht entwickelt, die unweigerlich zum Lynchmord geführt hätte. Es ist einige Zeit her, dass ich über einen Anthony-Mann-Western mit typischem Szenario geschrieben habe, auch deshalb war es interessant und gewinnbringend, das mal wieder zu tun und dann ein wenig nachzudenken. Zum Beispiel über die Bewertung. Eine Acht für diesen ansehnlichen und recht vielschichtigen Western ist drin. Nach längerer Zeit hat Anthony Mann wieder in Schwarz-Weiß gefilmt, doch Graustufen sind durchaus sichtbar.

80/100

© 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursive / zitierte Textteile: Wikipedia

Regie Anthony Mann
Drehbuch Dudley Nichols
Produktion George Seaton,
William Perlberg
Musik Elmer Bernstein
Kamera Loyal Griggs
Schnitt Alma Macrorie
Besetzung

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