The Naked Spur (Nackte Gewalt, USA 1953) #Filmfest 36.1

Filmfest 36.1 A

Kopfgeld oder Liebe?

Nackte Gewalt ist ein US-amerikanischer Western des Regisseurs Anthony Mann aus dem Jahr 1953. Titel in der DDR war Blanke Sporen.

Einst friedlicher Farmer mit einer Ranch und einer Verlobten, muss Howard Kemp (James Stewart) nach seiner Rückkehr aus dem Bürgerkrieg die bittere Erfahrung machen, dass seine Liebste sich inzwischen einen anderen Mann erwählt und die Farm verkauft hat, um mit jenem anderen Mann auf und davon zu gehen. Um die beträchtliche Summe für den Rückkauf von Haus und Land aufzutreiben, verdingt sich der sichere Schütze Kemp als Kopfgeldjäger. Mehr zum Film steht in der -> Rezension, deren Urversion am 9. April 2011 als FilmAnthologie Nr. 3 im „ersten“ Wahlberliner veröffentlicht wurde.

Handlung  (1)

Der ehemalige Farmer Howard Kemp macht sich auf die Jagd nach dem flüchtigen Mörder Ben Vandergroat, auf dessen Kopf eine Belohnung von 5.000 Dollar ausgesetzt ist. Mit diesem Geld will Howard eine Ranch zurückkaufen, die er einst an seine untreue Verlobte verlor. In den Bergen von Colorado trifft er den alten Goldgräber Jesse Tate und den unehrenhaft entlassenen UnionsOffizier Roy Anderson, die sich ihm anschließen.

Gemeinsam gelingt es ihnen, Ben Vandergroat und seine Begleiterin Lina gefangen zu nehmen. Auf dem langen Rückweg schafft es der gerissene Ben, die drei Kopfgeldjäger gegeneinander auszuspielen und Zwietracht zu säen. Als Howard bei einem Indianerüberfall verletzt wird und von Lina gepflegt werden muss, verliebt sich diese in ihn. Zwar verhilft sie Ben zur Flucht, doch als dieser den alten Jesse kaltblütig ermordet, wendet sie sich endgültig von ihm ab.

Howard und Roy gelingt es, Ben zu erschießen; seine Leiche stürzt jedoch in einen reißenden Fluss. Roy kommt bei einem Bergungsversuch ums Leben. Auf Linas Bitte hin erklärt sich Howard bereit, auf das Kopfgeld zu verzichten, da ihm ihre Liebe wichtiger ist.

Kurzkritik aus „Das Internationale Filmverzeichnis Nr. 8“ (1989)

2021-01-22 FF 0036.1 Nackte Gewalt The Naked Spur USA 1953 Text

2020-08-14 Filmfest ARezension 2011, überarbeitet 2014 und 2019

In den 1950er Jahren etablierte sich der Regisseur Anthony Mann vor allem durch seine Filme mit James Stewart in der Hauptrolle als bedeutender Western-Regisseur, der auf eine sorgfältige Charakterzeichnung seiner Figuren sowie auf  psychologische Aspekte setzte.

Nackte Gewalt von 1953, der eine Oscar-Nominierung für das Beste Drehbuch von Sam Rolfe und Harold Jack Bloom erhielt, entstammt dieser Schaffensperiode, die 1950 mit Winchester ´73 und Meuterei am Schlangenfluss / Bend of the River (1952) begann, sich mit Über den Todespass / The Far Country (1954) und Der Mann aus Laramie / The Man from Laramie (1955) fortsetzte und eine Spielart des Genres entwickelte, die weniger pathetisch wirkt als etwa die berühmten Western von John Ford und auf einen einzelnen Mann mit gebrochener Biografie fokussiert ist, der vor einer Entscheidung steht die einen Wendepunkt in seinem Leben, einen Wandel seines Charakters bedeuten könnte. In der Regel entscheidet der Protagonist sich für die Rückkehr in die Ordnung der Zivilisation.

Nach „Die Welle“, den wir am selben Abend gesehen hatten, wollten wir eine weitere Versuchsanordnung begutachten und sind dafür filmhistorisch ein gutes Stück rückwärts gewandert. Aber alte Filme haben oft große Stärken in ihrer schnörkellosen Art, auf Themen zuzugehen – und sind darüber hinaus nicht von allen möglichen visuellen Gimmicks überlagert. Insbesondere jene Filme, die heute noch von den Öffentlich-Rechtlichen gezeigt werden, sollte man rezensieren, denn das Angebot an Filmen aus der klassischen Hollywood-Epoche dort ist mitterweile so ausgedünnt, dass man dahinter schon eine qualitative Selektion jenseits einstmals gekaufter Filmpakete großer Hollywood-Studios vermuten darf.

„The naked Spur“ (wörtlich: „Nackte Sporen“, der Titel in der DDR lautete „Blanke Sporen) ist eine Versuchsanordnung, ein psychologischer Western. Wenige Personen finden zufällig zusammen und verfolgen ein gemeinsames Ziel. Einen Mörder zu finden und die Belohnung von 5.000 US-$ dafür zu kassieren. Wie in „Der Schatz der Sierra Madre“ (Treasure of the Sierra Mardre, John Huston, 1947) ordnet sich das ganze Verhalten einer Gruppe dem Ziel unter. Aber, wie in dem legendären Schatzsucherfilm mit Humphrey Bogart, treten Risse in der Gruppe auf und auch die Personen zeigen hinter der Fassade divergente Eigenschaften. Damit kommen Probleme zwischen ihnen auf, welche die Lage komplizieren. Hinzu tritt, dass das Objekt der Begierde, als es endlich in den Händen der Verfolger ist, sich keineswegs geschlagen gibt und stumm abtrangsportieren lässt, sondern mit den Jägern interagiert, sie manipuliert und zusätzliche Spannungen heraufbeschwört.

Bei aller psychologischen Feinzeichnung, die den Film bei Kritikern seinerzeit so beliebt gemacht hat: Man konnte in 90 Minuten nicht alles erklärbar machen und hätte man, wie zuweilen im schwarzen Film der 40er Jahre, mehr in einer Art  Andeutung gezeigt als explizit in Dialogen und Gesten, hätte  mehr Interpretationsspielraum angeboten, wären die fraglichen Aspekte nicht so aufgefallen, die aus heutiger Sicht kaum zu übersehen sind.

  • So wirkt zum Beispiel der alte Goldsucher Jerry Tate anfangs zwar glücklos, aber auch stoisch und erfahren, keineswegs so dumm, wie er sich dann verhält, indem er dem Gefangenen zur Flucht verhilft, nur, weil dieser ihm eine Gelegenheit vorlügt, wie man schnell reich werden kann – und dann von diesem, arglos wie ein Kind, hereingelegt und erschossen zu werden. Eine Figur, die James Stewart auf ähnliche Weise in Schwierigkeiten bringt und dafür sterben muss, gibt der wunderbare Walter Brennan, der Sidekick großer Stars, in „Über den Todespass“, wobei diese Entwicklung aufgrund der langjährigen Freundschaft der beiden ungleichen Männer berührender – aber auch ein wenig melodramatischer und kompromissbereiter wirkt als die Anordnung in „The Naked Spur“.
  • Weiterhin kommt es überaus plötzlich, in jenem Moment, da das Drehbuch es zwecks Fortführung der Handung gerade verlangt, dass der flüchtige Verbrecher plötzlich etwas mit Gold zu tun haben soll. Da mussten sich die Figurenzeichnung und auch die Logik klar der Dramaturgie oder auch dem Wunsch, aus einer Plotsackgasse zu kommen, unterordnen.
  • Der Schurke Vandergroat bzw. sein Darsteller Robert Ryan überzieht zuweilen. Dabei wird nicht klar, ob er seine sich mit der Zeit entblätternden Hintergründe, sein Wissen über Kemp, nicht nur manipulativ einsetzt, oder ob er wirklich eine vielschichtige Figur ist. Man darf eher von Ersterem ausgehen, diese manchmal exzessiv durchtriebene Mimik, die man der Figur mitgegeben hat, deutet darauf hin. Das Handlungselement, dass Kemp mit einem alten Bekannten konfrontiert wird, gibt es auch in „Meuterei am Schlangenfluss“. Das weite Land des Westens ist eben doch nicht so gut geeignet, die Vergangenheit abzuschütteln, wie man denken mag.
  • James Stewart war nie schlecht in einem Film, er ist wunderbar als verbissener Howard Kemp, als jener betrogene Farmer, der zum Egozentriker geworden ist, dem es nur ums Geld geht. Dank Stewarts schauspielerischen Fähigkeiten ist seine Figur in ihrer Gebrochenheit nachvollziehbar und er trägt demgemäß den Film, weil er als wichtigster Charakter genug Identifikationspottnzial einerseits und Spannung andererseits vermittelt. Man nimmt ihm den sturen Westerner, der sich nicht etwa woanders eine Farm sucht, sondern den verlorenen Grund und Boden zurückhaben will, ohne Weiteres ab. Diese langsame, aber entschlossene Sprechweise, die dem angepassten Bewegungen und der wache, aber skeptische Blick – perfekt. Das personifizierte, vorsichtige Misstrauen, das aus schlechten Erfahrungen herrürht.
  • Nicht ganz ausgeformt sind die Charaktere des unehrenhaft aus der Armee entlassenen Offiziers Roy Anderson und der einzigen Frau, Lina Patch, die sich vom Verbrecher Vandergoat ab- und Howard Kemp zuwendet. Als Love Interest in einem Western ist die zu Beginn der 1950er sehr gefragte Janet Leigh zu hübsch, man hat das mit einer einfachen, kurzen Frisur und einem eher männlichen Outfit etwas zu dämpfen versucht.

Bei genauerem Hinsehen hat man gerade in „Nackte Gewalt“ – und zwar mehr als in anderen Stewart / Mann-Filmen, die Psychologie der Charaktere einem spannungsreichen Plot und dessen Twists untergeordnet. Die Interaktionen der Menschen miteinander, die Gier, die immer wieder aufflammt und das gemeinsame Vorhaben letztlich zum Scheitern bringt, ist aber stark und realistisch inszeniert und hat eine klare Botschaft. Diese Botschaft mit der Feinzeichnung und Stringenz aller Figuren in Einklang zu bringen, war in den vorgegebenen 90 Minuten offenbar nicht möglich. Gelungen erscheint in „Nackte Gewalt“ wiederum die Implementierung der Hintergründe der Figuren in die Handlung. Sie wirkt stimmig und logisch in Bezug auf das, wie diese Menschen (geworden) sind und wie sie sich (zunächst) verhalten.

Der Film ist für damalige Verhältnisse reich an Gewaltszenen, daher ist der Titel berechtigt – obwohl ja gerade Wert auf die Dialoge und die Hintergründe der Figuren gelegt wird. Eine straffe Dramaturgie und die Konzentration auf wenige Akteure lassen Spannung und gleichermaßen das Gefühl aufkommen, dass die Geschichte sich entwickeln darf.

Kritiken (1)

  • Lexikon des internationalen Films: „Ein für damalige Verhältnisse recht harter Western, der dank seiner konsequenten und psychologisch glaubwürdigen Handlungsführung und glänzender Darsteller zu den überdurchschnittlichen Filmen des Genres zählt.[1]
  • Der US-amerikanische Filmkritiker Leonard Maltin bezeichnete Nackte Gewalt als einen der besten Western aller Zeiten.
  • … was die Charakterisierung seiner Helden angeht, sicherlich einer der bedeutendsten Western nach dem Krieg“. (Thomas Jeier)[2]

Finale

In den psychologischen Ansätzen wollte die Kritik seinerzeit etwas Neues erkennen (das Drehbuch wurde für den Oscar nominiert), mit dem heutigen Überblick kann man feststellen: Es gab Entwicklungslinien hin zum Spätwestern mit seiner Entmythologisierung des amerikanischsten aller Genres, der naturalistischen Inszenierungsweise und den gebrochenen, teilweise verrohten Figuren, wie sie etwa Sam Peckinpah bis in die Siebziger gezeigt hat. Hingegen ist eine Verbindung zu den Italo-Western der folgenden Dekade eher unscharf, trotz des Schurken Vandergoat, der eine Art Prototyp für die fiesen Kerle darzustellen scheint, die in den Spaghetti-Versionen eines amerikanischen Genres kunstvoll zu Tode gebracht werden. Im Grunde ist er aber als Role Model nicht lakonisch genug.

Trotz einiger Schwachpunkte gerade in dem Bereich, für den man diesen Film gerne preist, ein spannender und kompakt inszenierter Western mit guten Schauspielern.

73/100

© 2021, 2019, 2014, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) und kursiv ohne Nummerierung: Wikipedia 

Regie Anthony Mann
Drehbuch Sam Rolfe
Harold Jack Bloom
Produktion William H. Wright
Musik Bronislau Kaper
Kamera William C. Mellor
Schnitt George White
Besetzung

Alle Änderungen in 36.1: Kurzkritik 1989 beigefügt, Kritikenspiegel Wikipedia beigefügt, Einleitung Grunddaten aus Wikipedia hinzugefügt, Handlung aus „Kino-Zeit“ durch Handlungsbeschreibung aus der Wikipedia ersetzt, Logo Filmfest A 2019 durch Logo 2020 ersetzt und vom Start zum Beginn der Rezension 2011 versetzt. Bewertung um zwei Punkte reduziert aufgrund Bewertung 1989.

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