Der Mann, der Liberty Valance erschoss (The Man Who Shot Liberty Valance, USA 1962) #Filmfest 531

Filmfest 531 Cinema

Der Mann, der Liberty Valance erschoß (Originaltitel: The Man Who Shot Liberty Valance) ist ein US-amerikanischer Spätwestern, den John Ford 1962 mit John Wayne, James Stewart und Lee Marvin in Schwarz-Weiß drehte. Als Vorlage diente eine gleichnamige Erzählung von Dorothy M. Johnson, in der ein idealistischer junger Anwalt im unzivilisierten Westen für Recht und Gesetz kämpft.

Man mag es kaum glauben: heute zählt nicht ein einziger Film des Regisseurs John Ford noch zu den Top 250 in der Internet Movie Database. „Zwar haben drei seiner Filme mit 8,1/10 in etwa das Durchschnittsvotum, mit dem das untere Ende der Liste beginnt, aber es reicht nicht mehr ganz für die Aufnahme.“ So schrieben wir, als wir den Entwurf dieses Textes im Jahr 2015 verfassten. Jetzt sind es noch zwei, die so knapp dran sind, und er am höchsten bewertete davon ist – „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“. Knapp gefolgt von „Die Früchte des Zorns“, den wir kürzlich erstmals angeschaut und im Anschluss rezensiert haben. John Ford hat vier Regie-Oscars erhalten, die Bestmarke bis heute, und gilt als einer der einflussreichsten Regisseure des amerikanischen Films. Mehr noch, ihm wird ein großer Anteil an der Mythenbildung über Amerikas Nationwerdung zugeschrieben, weil viele seiner besten Filme klassische Western und Kavallerie-Opern waren. Mehr zu dem aktuell von den IMDb-Nutzer:innen am höchsten bewerteten John-Ford-Werk steht in der –> Rezension.

Handlung (1)

Senator Stoddard, der seine Karriere vor Jahrzehnten in der Kleinstadt Shinbone begann, kehrt mit seiner Frau zur Beerdigung eines alten Freundes, Tom Doniphon, zurück. Im Ort gibt es nur wenige Menschen, die den alten Rancher noch kennen, da er sich die letzten Jahre immer mehr auf seine Ranch zurückgezogen hat. Neugierig gewordenen Journalisten erzählt er die Geschichte ihrer Bekanntschaft. Stoddard, der junge idealistische Anwalt, war hier schnell in Konflikt mit dem gefürchteten Banditen Liberty Valance geraten, der das Städtchen und seine Umgebung terrorisierte. Valance hatte nur vor dem raubeinigen Cowboy Doniphon Respekt.

Stoddards Versuche, Valance mit rechtsstaatlichen Mitteln zu stoppen, scheiterten. Als Stoddard sich gegen die Landbesitzer engagierte, die Valance bezahlten, kam es zum Showdown, an dessen Ende Stoddard als „Mann, der Liberty Valance erschoss“, gefeiert wurde. Valance aber fiel nicht in einem fairen Zweikampf mit dem miserablen Schützen Stoddard. Er wurde vielmehr von Doniphon aus dem Hinterhalt erschossen, um Stoddards Leben zu retten, was aber niemand bemerkte. Der so entstandene Mythos ermöglichte Stoddard den politischen Aufstieg in höchste Ämter. Stoddard verdankt Doniphon nicht nur Leben und Karriere, er bekam auch die Frau, die dieser geliebt hatte.

Rezension

„Einer der drei Filme, die aber in jener Liste auf 8,1/10 kommen, ist „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“. Die anderen: „Früchte des Zorns“, kein Western, aus dem Jahr 1940 und „The Searchers“ von 1956“ (zitiert aus dem Entwurf von 2015). Ist es ein gutes oder schlechtes Zeichen, dass der Rächerfilm „The Searches“ als einziger dieser Filme mittlerweile 0,2/10  verloren hat? Da wir ihn immer noch nicht gesehen haben, müssen wir es offen lassen. Unter diesen dreien aber steht „The Man Who Shot Liberty Valance“ weiterhin vorne.  Wenn wir die Aussagekraft, welche die Liste für uns besitzt, nicht standardmäßig ein wenig relativieren würden, müssten wir also sagen, „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ ist John Fords Meisterwerk. Damit steht er auch über dem Klassiker „Stagecoach“ (1939), den wir demnächst rezensieren werden und der nur auf 7,9/10 kommt. Auch die objektiv gute, aber im Kontext vergleichsweise niedrige Bewertung dieses Film-Meilensteins ist recht fragwürdig.

Eines ist aber John Fords Film über den Tod des Banditen und Postkutschenräubers Liberty Valance ganz gewiss: Eine Art von Abschlussarbeit über den Western. Nicht nur, dass im Film Einwohner eines kleinen Westernstädtchens Demokratie gelehrt (nicht gelernt) werden, es wird insgesamt in Bildern und Worten vergleichsweise viel doziert. Im Grunde ist das Ford-untypisch, andererseits sind die Filme der frühen 1960er bekanntermaßen sehr dialoglastig, bei Ford auch in „Zwei ritten zusammen“ zu beobachten, der ein Jahr vor „Liberty Valance“ entstand. Gerade im Westerngenre ist die Zunahme an psychologisierendem Dialog erstaunlich, wo dieses Genre sich doch so gut eignet, Dinge nicht zu verbalisieren, sondern zu zeigen, und wo John Ford doch ein Meister des Zeigens und insbesondere der Bildkomposition war.

Diese kann man auch in „Liberty Valance“ bewundern, aber der Film ist auch ein Statement zu einem Genre und eine Hommage und trägt ganz schön viel Inhalt und Symbolik mit sich herum, was ihn ein wenig unhandlich macht. Hollywoods Filmstil hatte zu Beginn der 1960er ganz schön Speck angesetzt, und so ist auch „Liberty Valance“ kein gnadenlos straffes Spannungsmovie mehr, sondern sehr reflexiv und sogar mit einer Rahmenhandlung ausgestattet, die ihm epische Tiefe geben soll – und auch gibt. Sogar die Spannung, die für einen Western innerhalb des Rahmens eher durchschnittlich ist, steigert sich durch die Enthüllung einer Lebenslüge, die bis in die Zeit durchgeschleppt wird, die den Rahmen bildet und aus der Binnenhandlung resultiert, die wohl vierzig Jahre früher liegt als die Rückkehr des alternden Senators Stoddard an den Ort, in dem er als junger Anwalt und Kämpfer für Recht und Demokratie berühmt wurde.

Dass ihm dabei von einem gewissen, beinahe unbekannt gebliebenen Tom Toniphon geholfen wurde, dass er überhaupt am Leben blieb und Politik machen konnte, erfahren wir im Verlauf und die Allegorie auf die Mythenbildung der USA ist sehr deutlich: John Ford denkt dabei auch über sein eigenes Schaffen nach. Nicht ohne Stolz und im aufgeschlossenen politischen Klima der Kennedy-Ära, das solche Reflektionen befördert hat. Dafür setzt er auch seinen Lieblingsschauspieler John Wayne ein und James Stewart, die ebenfalls Symbole sind. John Wayne spielte in seinen vielen Western ausschließlich fiktive Figuren, Pioniere mit Colt und manchmal mit Visionen, die den Westen „gemacht“ haben, gerne auch ohne Rücksicht auf die Ureinwohner oder überhaupt auf andere Menschen, während Stewart der aufrechte Amerikaner der zivilisierten Ära ist. Eine überragende, nicht zu toppende Rollenbesetzung, die andererseits auf der Hand lag. Stewart hatte schon 1939 Demokratieschulung betrieben, in „Mr. Smith Goes to Washington“, seine Westernhelden waren oft gebrochene Persönlichkeiten (in den Filmen unter der Regie von Anthony Mann), und 1959 in „Anatomie eines Mordes“, den wir als einen der besten Gerichts- und James-Stewart-Filme ansehen – auch dort ist er Anwalt und verteidigt unter anderem Zivilisation.

Die Geschichte von den beiden Männern, die bis auf die Liebe zur selben Frau wenig gemein haben und von dem Banditen, der sich der einsetzenden Herrschaft von Recht und Ordnung im vormals wilden Westen entgegenstellt, ist eine Zusammenfassung beinahe von all dem, was den Western ausmacht, und selbst, wenn es Filme des Genres gibt, die berührender oder spannender sind, ist dieses Werk in seiner Vielschichtigkeit gelungen. Man muss sich ein wenig mit dem Genre auskennen, auch mit der Geschichte der USA, um all das zu erkennen, was Ford hier reingepackt hat, und es war gewiss nicht einfach, dies alles so zusammenzufügen, dass es nicht wie eine Abhandlung, eine Dokumentation wirkt, sondern lebendige Figuren zeigt und auch auf emotionaler Ebene etwas zu bieten hat.

Ford hat sich dafür nicht nur zweier Superstars bedient, die zu Beginn der 1960er bereits Ikonen waren, sondern auch eines Kunstgriffs, der irgendwie doch wieder typisch Ford ist: Er drehte den Film zwar in einem etwas breiteren Format, aber ansonsten im Stil der 1930er und 1940er. Das heißt, er filmte in Schwarz-Weiß, was er nach 1950 („Rio Grande“) nicht mehr getan hatte, und vor allem in deutlich künstlichen, studiohaften Kulissen. Dafür geht er sogar technisch hinter seine berühmten Kavallerie-Western zurück, die von ihren fantastischen Außenaufnahmen, u. a. am „John-Ford-Felsen“ profitierten. So wirkt die Szene des Postkutschen-Überfalls sehr beengt und ist erkennbar im Studio entstanden, ebenso hören wir den Geräuschen an, dass sie nicht in der freien Natur, sondern unter dem Dach eines Ateliers stattfinden – auffällig während der „Außenaufnahmen“, die in den Kulissen der Westernstadt gedreht wurden. Der Film hat dadurch tatsächlich eine Anmutung wie ein Produkt aus den 1930ern. Sogar die Saloonszenen und die Typen, das Klaviergeklimper mit diesem Lied, das in unzähligen Western zu hören ist, alles eindeutig auf Nostalgie getrimmt; da dampft und brodelt es und es ist nichts von der Reduktion oder diesem elegischen Touch zu sehen, den die Western später bekamen, auch die vielen Gespräche ändern nichts an der urtümlichen Atmosphäre. Da Episch-Elegische wird durch die Rahmenhandlung beigefügt, durch das Erinnerungsmoment und das Gedenken an Tom Doniphon, der mit einem Schuss aus dem Hinterhalt unerkannt dafür gesorgt hat, dass Stoddard als der Mann galt, der Liberty Valance zur Strecke bringen konnte. Im Film ist übrigens nicht ganz eindeutig zu sehen, ob er das nicht selbst glaubte – es wirkt aber so, denn sonst hätte er sich gewiss aus dem Affekt heraus einmal umgedreht. Dass ihm die Zusammenhänge aber mindestens später klar wurden, erschließt sich wiederum aus der Rahmenhandlung, als er in den Ort zurückkehrt, der inzwischen prosperiert und eine Eisenbahn hat, um Tom Doniphon die letzte Ehre zu erweisen.

Finale

„Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ war aber nicht nur, neben seinem besonderen Umgang mit dem Western und der US-Geschichte, ein schönes Star-Vehikel für John Wayne und James Stewart, sondern auch der Durchbruch für Lee Marvin, der den Banditen Liberty Valance spielt, welcher in seiner rauen, ungezügelten Art der natürliche Gegenspieler für Tom Doniphon aus der alten Zeit ist, in der Männer mit der Waffe in der Hand das Recht oder das, was sie dafür hielten, selbst durchsetzten – allerdings nicht von hinten schießend, sondern im Showdown auf offener Straße. Liberty Valance kann diese Regel, die ebenfalls zu den Mythen des Westerns gehört, nicht mehr für sich in Anspruch nehmen, dass man einem Gegner, was für ein Schurke er auch sein mag, immer offen und mit dem Gesicht voran gegenübertritt und eine echte Duellsituation erschafft.

Nebenbei entzaubert „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ auch diesen Mythos, diese psychologische Fehlkalkulation, wenn man so will. Denn diese Duellregeln suggerieren, dass im Wilden Westen niemand so unzivilisiert war, seinen Gegner einfach über den Haufen zu ballern, sondern dass in etwa die Gesetze galten, die in Europa für Duelle als Ehrenhandel eine ebenso lange wie fragwürdige Tradition hatten und nur unter Privilegierten, die mit Satisfaktionsfähigkeit ausgestattet waren, ausgeführt werden konnten. So edel war der Westen aber nur selten, denn die Menschen, die es dorthin verschlug und die tatsächlich so gut schießen konnten, dass ein Pistolenduell eine gewisse Spannung in sich tragen konnte, waren eher von der weniger ehrenhaften und dem Gegner selten eine faire Chance bietenden Sorte.

Wir hatten das Glück, eine Version des Films zu sehen, in der zum Beispiel auch Stoddards Tätigkeit als Lehrer der einfachen Menschen enthalten ist, die aus Gründen der gestrafften Dramaturgie in der ursprünglichen deutschen Fassung nicht enthalten war und können dadurch besser beurteilen, ob die Dramaturgie tatsächlich gelungen ist – fraglos ist dies vor allem für die Amerikaner ein toller und auch wichtiger Film. Aufgrund der Ausnahmestellung der Schauspieler Wayne und Stewart wird es ihnen auch nicht so viel ausgemacht haben, dass Stewart für den jungen Anwalt, den er in er Binnenhandlung verkörpert, mit über 50 Jahren deutlich zu alt ist, oder dass zeitweilig der Film doch unter der Last seiner vielen Bezugspunkte zum Genre Western und zur US-Geschichte ächzt. Der beste John Ford-Film ist er nach unserer hier von der IMDb-Liste abweichenden Ansicht nicht, das bekräftigen wir anlässlich der Veröffentlichung des Textes im Jahr 2021, nachdem wir „Früchte des Zorns“ gesehen haben – doch das bedeutet lediglich, dass er nicht das Meisterwerk unter Meisterwerken darstellt.

84/100

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie John Ford
Drehbuch James Warner Bellah
Willis Goldbeck
Produktion Willis Goldbeck
John Ford
Musik Cyril J. Mockridge
Alfred Newman
Kamera William H. Clothier
Schnitt Otho Lovering
Besetzung

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