Weißer Terror (The Intruder, USA 1962) #Filmfest 556

Filmfest 556 Cinema

Weißer Terror (im Original The Intruder) ist ein Film von Roger Corman aus dem Jahr 1962. Als einer der ersten amerikanischen Kinofilme problematisierte er auf schonungslose Weise die gesellschaftlichen Unruhen rund um die Aufhebung der Segregation in den USA der späten 1950er und frühen 1960er Jahre sowie den Rassismus vieler Weißer gegenüber den Schwarzen.

In dem Moment, in dem Adam Cramer im örtlichen Hotel eincheckt und sich als Sozialarbeiter vorstellt, dachten wir: Wir haben uns verguckt. Dieser seltsame Blick von ihm aus dem Bus heraus, den man eigentlich gar nicht sehen kann, weil er eine Sonnenbrille trägt, den haben haben wir falsch interpretiert. Aber wer sonst sollte der Intruder sei? Heute würde man ihn „Influencer“ nennen und er würde sich in den sozialen Netzwerken Gehör verschaffen. Was der Manipulator in den Südstaaten der frühen 1960er macht, beschreibt die – Rezension.

Handlung (1)

Der junge, gutaussehende und charmante Adam Cramer nimmt sich ein Zimmer in einer Kleinstadt tief im Süden der USA. Nachdem er sich unauffällig der wie erwartet negativen Meinung der Bürger bezüglich der staatlich angeordneten Aufhebung der Rassentrennung an der örtlichen High School versichert hat, eröffnet er dem einflussreichen Stadtvater Verne Shipman, eine Rede halten zu wollen, um zum Widerstand gegen diese Maßnahme aufzurufen.

In der agitatorischen Rede vor der Town Hall der Stadt behauptet Cramer, Kommunisten und Juden hätten in Washington Politik und Justiz beeinflusst, um den Süden unter die Herrschaft der Schwarzen zu stellen. Ein tosend applaudierender und aufgeheizter Mob zieht nach Ende der Rede durch die Straßen der Stadt, stoppt das Auto einer schwarzen Familie und droht, die Insassen zu lynchen. Der Chefredakteur der örtlichen Zeitung, Tom McDaniel, bringt die aufgebrachte Menge im letzten Moment zur Vernunft. Er kann jedoch nicht verhindern, dass in den nächsten Tagen Ku-Klux-Klan-artig gekleidete Bürger, unter ihnen Cramer, die schwarze Bevölkerung des Ortes terrorisieren. Bei einem Bombenanschlag auf die Kirche wird der schwarze Pfarrer getötet.

Adam Cramer vergnügt sich derweil mit dem anderen Geschlecht. Nachdem er bereits die minderjährige Tochter McDaniels um den Finger gewickelt und zu Intimitäten verführt hat, tut er selbiges auch mit einer Zimmernachbarin, der emotional instabilen Ehefrau des vierschrötigen Handlungsreisenden Sam Griffin. Sich in Sicherheit wähnend wird er nach einem arbeitsreichen Tag der Aufstachelung in seinem Pensionszimmer von Sam erwartet. Dieser konfrontiert ihn wutentbrannt mit seiner Betrügerei. Cramer versucht auszuweichen und Griffins Frau als notorische Fremdgeherin dastehen zu lassen, die ihn verführt habe. Griffin jedoch erkennt den wahren Charakter Cramers. Als Cramer einen Revolver zieht und droht, Griffin zu erschießen, lacht dieser ihn aus und sagt ihm auf den Kopf zu, dass ihm der Mumm dazu fehlen würde. Er behält recht, und Cramer bleibt gedemütigt zurück.

McDaniel hat sich aufgrund der jüngsten Ereignisse von einem Skeptiker der Aufhebung der Segregation zu einem vehementen Befürworter gewandelt und führt höchstpersönlich die schwarzen Schüler und Schülerinnen an, die einen Spießrutenlauf durch die Stadt auf dem Weg zur Schule zu absolvieren haben. Nach getaner Arbeit wird er von einer Gruppe von Weißen abgefangen und brutal verprügelt. Im Krankenhaus erfährt er im Beisein seiner Tochter und seiner Frau, dass er sein rechtes Auge verloren hat. Cramer, der davon Wind bekommen hat, bedrängt nun McDaniels Tochter, auszusagen, dass einer der schwarzen Schüler, der unerschrockene Joey, sie vergewaltigt habe. Andernfalls werde er dafür sorgen, dass die Schläger erneut über ihren verletzten Vater herfallen und ihm den Rest geben.

Die auf diese Weise eingeschüchterte Tochter spielt zunächst mit. Während sich ein von Cramer befeuerter neuer Mob bildet, der zur Schule zieht, um den vermeintlichen Täter zur Rechenschaft zu ziehen, ist der Schulleiter von Joeys Unschuld überzeugt und will ihn schützen, selbst wenn das die gewaltsame Stürmung der Schule zur Folge haben sollte. Joey jedoch tritt mutig ins Freie und stellt sich der aufgewiegelten Menge. Nachdem Verne Shipman ihn in ein suggestives Kreuzverhör genommen hat, will der Mob Joey an einem Schaukelgerüst eines Spielplatzes hängen. Da jedoch betritt Sam Griffin mit der aufgelösten Tochter McDaniels die Szene. Sie gesteht unter Tränen, die Vergewaltigung nur erfunden zu haben, und dass Cramer sie erpresst hat. Dieser sieht seine Felle davonschwimmen und hält eine letzte wüste Rede, die jedoch nicht verhindern kann, dass sich die Bürger der Kleinstadt nach und nach verwirrt und beschämt abwenden und den Schauplatz verlassen. Der desillusionierte Shipman beendet schließlich Cramers hysterische Rede mit einer krachenden Ohrfeige, Cramers Gesicht landet im Schmutz.

Rezension

Die Abneigung gegen das, was der „Intruder“ darstellt, hat sich bei uns gewiss dadurch verstärkt, dass er von William Shatner gespielt wird, der vier Jahre später zum Kommandanten des Raumschiffs Enterprise wurde. Die USS Enterprise ist für damalige Verhältnisse sehr divers gewesen, den Überzeugungen des Erfinders der Serie, Gene Rodenberry, Ausdruck verleihend, die ein optimistisches Zukunftsbild von der Menschheit vermittelt. Aauch die Mission des Schiffes ist vor allem auf Forschung und Schlichtung von Konflikten im Weltraum bedacht. Shatners erste Kinorolle als Mönch in „Die Brüder Karamasow“ (1958) entsprach dieser wiederum mehr als die geradezu verstörende Darstellung in „Weißer Terror“ („The Intruder“).

Zusammengefasst: Es war schwierig, Shatner in einer so negativen Rolle zu sehen, was das Gefühl des Unbehagens stark gesteigert hat, das der Film in der Tat beim Zuschauer auslösen will.

Der ernsthafte Umgang des US-Kinos mit dem Thema Rassismus begann wohl 1955 mit „Blackboard Jungle“, aber der Film spielt in einer nördlichen Großstadt der USA und zeigt spezielle Probleme an einer Schule, die es damals im Süden noch gar nicht geben konnte, weil sie ethnisch inklusiv war. Der Beginn der Bürgerrechtsbewegung fiel ebenfalls etwa in diese Zeit und der dem Film als Inspiration zugrundeliegende Vorfall der „Little Rock Nine“ ereignete sich 1957. Im Jahr 1962 hatten die Progressiven in den USA eine gute Zeit. Wenn man bedenkt, dass John F. Kennedy 1963 in Texas ermordet wurde, hat man ein Ereignis von hohem Symbolwert als Anhaltspunkt für den Beginn des Niedergangs der Träume, das aber nicht viel über den Alltagsrassismus in den Südstaaten aussagt.

Es war dem Regisseur von Horror-Exploitation Roger Corman vorbehalten, den ersten Film zu machen, der ohne größere Rücksicht auf Verluste die Dinge darstellt, wie sie in etwa damals waren. Der Civil Rights Act von 1964 bestätigte alle Gleichheitsrechte für die nichtweiße Bevölkerung, aber die Strukturen des Rassismus sind bis heute wirksam. Das Vordringen der Nichtweißen vor allem in der Kultur, auch im Film, ändert nichts daran, dass sie bis heute ökonomisch benachteiligt sind – Identitäts- und Symbolpolitik hat auch in den USA Vorrang gegenüber Sozialpolitik, aber es dürfte klar sein, Wokeness reicht nicht aus, um tatsächlich die Machtverhältnisse zu ändern.

1962 musste aber der weiße Mob erst einmal im Film vorgeführt werden. Nach unserer Kenntnis wurde das erst wieder 1988 in „Mississippi Burning“ 26 Jahre später ähnlich offen getan wie in Roger Cormans mit Abstand bestem Film. Die Weißen im Süden dürften wütend gewesen sein, angesichts des Gruselkabinetts, das Corman in dem Film aufmarschieren lässt, sofern sie den Film überhaupt zu sehen bekamen.

Es wirkt, als habe man, bis auf wenige Ausnahmen, die positivere Charaktere darstellen, besonders garstige Physiognomien als Sinnbilder für die miserable innere Einstellung ihrer Träger konzentriert an einem Platz zeigen wollen. Keine Abstraktion möglich, es sind wirklich fast ausschließlich alte weiße Männer am Mob beteiligt, der versucht, einen afroamerikanischen Schüler zu lynchen und nur zu bereitwillig glaubt, dieser habe, schon am zweiten Tag seines Schulbesuchs, versucht, im Vorratslager der Schule eine weiße Schülerin zu vergewaltigen. Auch die Historie solcher falscher Bezichtigungen ist lang und hat zu Todesfällen geführt. Selbst die Zerstörung der Kirche der Farbigen, die Tod des schwarzen Priesters mit sich bringt, ist nicht etwa die  Übertreibung eines Filmemachers, der sich auf schockierende Effekte verstand, solchen weißen Terror gab es tatsächlich. Das brennende Kreuz, die Verkleidung der Weißen als Mitglieder des Ku-Klux-Clans – alles dies ist realistisch.

Ausgerechnet das einzige Element, das eine Art Aufatmen verursacht, wirkt hingegen konstruiert. Offenbar hat man am Ende doch davon absehen wollen, einen Lynchmob zu zeigen, der tatsächlich die Schlinge um den Hals eines unschuldigen Schülers legt – dass das vorgebliche Vergewaltigungsopfer zugibt, gelogen zu haben, löst eine Art von Beschämung bei den wütenden Einwohnern der Stadt aus, die sich vor der Schule versammelt haben, die uns zu plötzlich und vollständig erscheint. Es wirkt mit einem Mal, als ginge es nicht um strukturellen Rassismus, sondern nur um die aufgeheizte Situation infolge eines Sexualverbrechens. Wenn sich dieses Verbrechen als eine Lüge herausstellt, beruhigt sich auch die Situation. Vielleicht werden nun die zehn afroamerikanischem Schüler*innen ohne Anfeindungen zur Schule gehen können, gerade, weil es diese Falschbeschuldigung gab. Uns hat mindestens eine Andeutung gefehlt, dass die Sache damit nicht erledigt ist. Nicht für diese bösartigen Typen, die nur auf eine Gelegenheit gewartet haben, ihre Blutrünstigkeit zum Ausdruck bringen zu können.

Die Art, wie der Intruder schlagartig an Boden verliert und keinen Einfluss mehr auf die Menge hat, wirkt psychologisch nicht ganz stimmig und ist vielleicht auch der Tatsache geschuldet, dass der Film nicht zu lang werden durfte, der Schluss ist etwas gequetscht. Schließlich hat der Mann nicht harmlose Bürger*innen zu  Bestien entwickelt und dann einen Abschaltknopf gedrückt, sondern seine Botschaft traf auf Verblendete, die er lediglich dazu animiert hat, sich zusammenzurotten. In dem Zusammenhang muss man auch festhalten, dass es verwunderlich wirkt, dass zuvor alle so passiv waren, dass es nicht mindestens zu Kommittees kam, die versuchen, politisch Einfluss gegen die Aufhebung der Rassentrennung zu nehmen. Es wirkt, als hätten alle mehr oder weniger zähneknirschend akzeptiert: Gesetz ist Gesetz und erst der Einflussnehmer bringt die Menschen darauf, dass Demokratie auch gegen diskriminierte Minderheiten aktiv eingesetzt werden kann. Andererseits sieht man zu Beginn keinen einzigen Weißen, der die neue Integration wirklich gutheißt – der Schuldirektor und eine Kollegin, die auf seiner Seite ist, werden erst in den letzten Minuten zu wichtigen Figuren.

Eine Schlüsselrolle kommt dem Herausgeber der örtlichen Zeitung zu, der differenziert denkt, aber vom Bürgermeister gezwungen wird, eine rassistische Anzeige herauszubringen, weil dem wirtschaftlich potenten Mann die Aktienmehrheit an der Zeitung gehört. Diesen Seitenhieb auf die Unmöglichkeit einer freien Presse, wenn sie kapitalistisch beherrscht wird, halten wir für sehr wichtig, schließlich sind fast alle großen Presseorgane in der Hand von Medienmogulen oder –dynastien. Deswegen kommt dem öffentlich

rechtlichen Rundfunk trotz allem, was man gegen die Ausgestaltung seiner politischen Einflussnahme in Deutschland einwenden kann, eine wichtige Funktion zu.

Zu dem Zeitpunkt, zu dem der Entwurf dieses Beitrags entstand, war das Thema noch nicht auf der Tagesordnung, aber zum Tag der Veröffentlichung passt ausgezeichnet, dass das deutsche Verfassungsgericht heute bestätigt hat, dass der öffentlich rechtliche Rundfunk angemessen ausgestattet werden muss, um seinen Auftrag der unabhängigen Informierung der Bevölkerung erfüllen zu können.

Finale

Roger Corman setzt seine Fähigkeit der Spannungserzeugung auch in diesem Film ein und es gelingt ihm, seine Horrorvisionen aus anderen Filmen auf den rassistischen Alltagsterror zu übertragen; dabei kommt es plotseitig zu einigen Zugeständnissen, aber sie sind geringer, als wenn ein großes Studio diesen Film zu verantworten gehabt hätte und immer darauf bedacht gewesen wäre, das Mainstream-Publikum nicht vor den Kopf zu stoßen. Der Einflussnehmer muss in der Realität auf eine grobe, gewaltbereite Masse treffen, um jene umgehende Mobilisierung zu erreichen, wie wir sie hier sehen. Die Demagogen der Welt mussten ihre Fähigkeiten erst entdecken und es brauchte Jahre, bis sie eine große, fanatische Anhängerschaft hatten. Mit dieser Wahrheit gehen Hollywoodfilme, auch „Biopics“ oft stark verkürzend um, zum Teil allerdings aus Gründen, die in der Natur des Mediums liegen, in der notwendigen Verdichtung und unter der Prämisse, trotzdem eine spannende und emotional herausfordernde Geschichte erzählen zu wollen. Von nichts kommt nichts, kann man im Fall der politischen Hetze auch sagen. Wie aktuell der Film ist, muss angesichts der Ereignisse der letzten Jahre, wie sie sich auch hierzulande zutrugen, nicht betont werden. 

Eine der größten Leistungen des Films ist, zu zeigen, wie sich der Influencer vom ersten Gewaltausbruch, der brennende Kirche und dem Tod des Geistlichen, scheinbar distanziert, aber weiter die Mentalität befeuert, die derlei Taten erst möglich macht. Wer bei diesem Mann an gewisse Politiker*innen hiesiger rechter Parteien denkt, der denkt keineswegs falsch.

Anmerkung: Der Begriff „Weißer Terror“ ist viel älter und bezieht sich sowohl auf Gegenbewegungen im Verlauf der französischen wie auch der russischen Revolution.

80/100

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Roger Corman
Drehbuch Charles Beaumont,
Roger Corman
Produktion Roger Corman,
Gene Corman
Musik Herman Stein
Kamera Taylor Byars
Schnitt Ronald Sinclair
Besetzung

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