Fieber – Polizeiruf 110 Episode 331 #Crimetime 1032 #München #Muenchen #vonMeuffels #BR #Fieber

Crimetime 1032 - Titelfoto © BR / Die Film GmbH, Jacqueline Krause-Burberg

Die Menschenexperimente spuken noch durch die Köpfe

Es ist schon eine tolle Sache, wenn man Hauptdarsteller wie Edgar Selge, der den Tauber spielte, von Meuffels Vorgänger,  den ich gerade wieder in dem wunderbaren „Silikon Walli“ gesehen habe – oder eben Matthias Brandt, der bis vor kurzem in Einsatz war und nun den Stab an eine junge Kollegin weitergereicht hat. Mit ihnen kann man Filme kreieren, die ganz auf die Perspektive des Ermittlers abgestellt sind, diese Person ist immer im Bild, ihr persönliches Erleben steht komplett im Mittelpunkt der Handlung. Ist diese Variante der Handlungsführung im Fall von „Fieber“ gut umgesetzt und spannend? Das klärt sich in der -> Rezension.

Handlung (1)

Ein Geiselnehmer war in einen Kindergarten eingedrungen und drohte ein Kind zu töten. Obwohl das SEK bereitstand stürmte von Meuffels Assistentin, Anna Burnhauser, in das Gebäude, um die Aufmerksamkeit des Geiselnehmers von dem Kind abzulenken. Von Meuffels folgt ihr und in einem beginnenden Schusswechsel wird der Kommissar getroffen. Er wird in ein Krankenhaus gebracht und notoperiert. In der Phase der Genesung erhält er starke Schmerzmittel und es fällt ihm schwer, die Realität von seinen Wahnvorstellungen zu unterscheiden. Häufig begegnet ihm sogar der Mann, der ihn bei dem Einsatz angeschossen hatte und der eigentlich im Koma liegt.

Trotz seiner Fieberträume ist sich von Meuffels sicher, seinem ehemaligen Internatskamerden Detlef Ellermann als Patient begegnet zu sein und obwohl Ellermann am nächsten Tag entlassen werden sollte, stirbt er noch in der Nacht. Sein Bettnachbar berichtet sogar von Menschenversuchen im Keller der Klinik, weshalb immer mal wieder Patienten plötzlich verschwinden würden. Von Meuffels versucht dem nachzugehen. Dabei belauscht er Gespräche zwischen den Ärzten, die ihm geheimnisvoll vorkommen. Es gelingt ihm die Medizinakte von Ellermann zu stehlen, woraus ersichtlich ist, dass ein Nierenproblem die Todesursache war. Im Krankenhaus hatte er sich aber einer ganz anderen OP unterzogen. Um das zu klären, bittet er Burnhauser, die ihn regelmäßig besuchen kommt, mit Ellermanns Frau zu sprechen, damit sie eine Obduktion beantragt. Doch die Witwe lehnt ab.

Von Meuffels beginnt den Ärzten unangenehme Fragen zu stellen, dabei kann er das Vertrauen von Frau Dr. Oblenkow gewinnen, die bereit ist mit ihm zu reden. Ehe es jedoch dazu kommt, begeht sie angeblich Suizid. Ihr Vorgesetzter Dr. Klenk gibt an, dass sie schwer tablettenabhängig gewesen wäre und eine drohende Kündigung sie sehr belastet hätte.

Am Ende bringen von Meuffels Verdächtigungen gegen die Klinik ihn selber in höchste Lebensgefahr. Er ist kurz davor, den Vertuschungsversuch von MRSA aufzudecken. Die betroffenen Patienten hatten sich mit dem Krankenhauskeim infiziert, was auf dem Totenschein nicht vermerkt wurde. Da der Kommissar mit einem solchen Patienten auf einem Zimmer lag, hat er sich selber infiziert und kann nur mit großer Anstrengung der Ärzte gerettet werden.

Für den Tod von Dr. Oblenkow kann Schwester Angela verantwortlich gemacht werden, die zum einen eifersüchtig auf die junge Ärztin war und zum andern befürchtete, dass sie die Klinik verraten würde. Auch ein Abrechnungsskandal wird aufgedeckt. Da Chefarztoperationen hochwertiger sind, wurden diese häufig bei der Krankenkasse abgerechnet, obwohl ein ganz anderer Arzt operiert hatte.

Rezension

Geschlossene oder fast geschlossene Settings, wie Rehakliniken, Senioreneinrichtungen oder eben ein normales Krankenhaus, wie in diesem Fall, sind hervorragend geeignet um einen Ermittler quasi von alleine loslaufen zu lassen, indem er selbst entweder undercover dorthin geht oder doch offiziell ermittelt wie z.b. in „Nachtdienst„, oder durch eine Verletzung, die er sich im Einsatz zugezogen hat, in einer Klinik zum Liegen kommt – in der natürlich etwas nicht stimmt.

„Fieber“ aus dem Jahr 2012 stellt eine massive Kritik am gewinnorientierten Gesundheitssystem dar, in diesem Fall lässt es die kaufmännische Kalkulation nach Ansicht des Chefarztes nicht zu, dass eine mit Keimen verseuchte Station geschlossen wird, woraufhin mehrere Patienten versterben.

An einer Stelle wird auch gesagt dass es mehrere zehntausend Menschen in Deutschland jährlich sind, die sich erst im Krankenhaus so anstecken, dass sie deswegen zu Tode kommen. Offensichtlich hat sich daran bis heute nichts geändert, wie die Tagesschau im Jahr 2019 vermeldete:

Das Robert Koch-Institut hat neue Zahlen zu Infektionen in Kliniken veröffentlicht. Demnach sterben jährlich schätzungsweise bis zu 20.000 Menschen durch Krankenhauskeime. Vor allem immungeschwächte Patienten sind gefährdet. In Deutschland gibt es nach aktuellen Schätzungen jährlich bis zu 600.000 Krankenhausinfektionen. Das geht aus einer vom Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlichten neuen Studie hervor. Die Zahl der durch Krankenhauskeime verursachten Todesfälle liegt bei schätzungsweise 10.000 bis 20.000 pro Jahr.  (ARD-Tagesschau)

Im Grunde ist das ein Riesenskandal, der aber durch Corona etwas in den Hintergrund getreten ist, obwohl er natürlich dann, wenn Intensiv- und andere Betten durch Covid19-Patienten belegt sind, noch mehr an Relevanz gewinnt.

In der Beispielklinik in „Fieber“ läuft es so: Mitten in die Behandlung der Patienten hinein platzen chinesische Investoren, die die Klinik kaufen wollen, weil man mit Krankenhäusern, der Behandlung von Krankheiten, mit dem Gesundheitsbusiness, in Deutschland mittlerweile prima Profit machen kann. Selbstverständlich konzentrieren sich Krankenhäuser nicht mehr auf das gesundheitlich Notwendige oder gar Beste, sondern auf das, was am meisten Geld einbringt. Sicher bestünde theoretisch die Möglichkeit, Identität zwischen beidem herzustellen, aber in der Praxis scheint das nicht zu funktionieren.

Der Film ist gerade wegen der Corona-Krise wieder aktuell. Besonders zu Beginn der Krise wurden aus dem Gesundheitsversorgungssystem Hilferufe gemeldet, die von einer Überlastung kündeten, die noch stärker war, als sie normalerweise schon ist, in den Zeiten des Pflegenotstands.

Nun ist Deutschland aber bisher mit vergleichsweise wenig Todesfällen davon gekommen, deshalb hat sich die Diskussion nicht in dieser Schärfe entwickelt, wie es teilweise in anderen Ländern der Fall ist (2). Es gab zwar Engpässe bei der Schutzkleidung, es kam zu Ansteckungen von Klinikmitarbeitenden, sogar zu  Todesfällen, die mit besserer Ausrüstung hätten vermieden werden können – aber eine tatsächliche Überlastung des gesamten Systems ist bislang nicht eingetreten.

Das ändert nichts daran, dass Patienten nur noch als Fälle angesehen werden, die mit Fallpauschalen abgerechnet werden. Von einer sozialen und linken Position aus ist es komplett abzulehnen, dass das Gesundheitssystem Profit für Anleger abwerfen muss. Das heißt nicht, dass man nicht auf eine gewisse Effizienz achten soll, aber sie darf nicht als wichtiger angesehen werdenn als eine optimale Gesundheitsversorgung.

Interessant ist, dass dieser Film weder ein richtiger Whodunnit noch ein kompletter Howcatchem ist. Man weiß ab einem bestimmten Punkt, das in der Klinik etwas nicht stimmt, aber nicht genau, wer in welchem Maße und in welche der unterschiedlichen Vorgänge involviert ist. Dass Dr. Klenk (Peter Jordan, der auch den Führungsoffizier von Cenk Batu im Hamburg-Tatort darstellte) in der ganzen Geschichte eine zentrale Rolle spielt ist allerdings früh klar.

Ansonsten gibt es auch die üblichen privaten Verwicklungen, die aber in diesem Fall nicht entscheidend dafür sind, dass sich das Tatgeschehen so entwickelt, dass Patienten dabei sterben. Auch eine junge Ärztin wird umgebracht, weil sie angefangen hat, auf eigene Faust zu recherchieren. Das Herausragende an dem Film ist aber nicht die Handlung, sondern wie er inszeniert ist. Natürlich weiß man nachher alles besser, aber zumindest aus dieser wissenden Position heraus lässt sich sagen, dass der Stil auffällig ist, bzw nicht nur auffällig, sondern auch zugeordnet werden kann. Denn dieser München-Polizeiruf wurde von Hendrik Handloegten inszeniert, der wenige Jahre später als einer der drei Erschaffer von Babylon Berlin hervorgetreten ist – zusammen mit Tom Tykwer („Lola rennt“) und Achim von Borries. In den Tatorten „Pechmarie“ und „Der tote Chinese“, die von Handloegten inszeniert wurden, ist der psychedelische Stil allerdings noch nicht so ausgeprägt wie in „Fieber“ und dann in „Babylon Berlin“ (mit der Einschränkung, dass ich nicht weiß, welcher der drei Regisseure welche Folge verantwortet hat).

Die hochgradig subjektive Visualität, die z.b. das Eingesperrtsein im berüchtigten Raum 0-13, gut illustriert von von Meuffels, dieses Gefühl des Ausgeliefertseins und des Übergangs von Realität und Traum bis hin zu eindeutigen Traumszenen am Berg, die Hitchcocks Dali-Sequenz aus „Spellbound“ ein wenig nachempfunden sind, das alles erinnert stark an den fulimanenten Stil von Babylon Berlin. Dort ist es eine Droge, die der kriegsgeschädigte Kommissar Rath nehmen muss, die Halos befördert und auch Erinnerungen hervorbringt, in „Fieber“ sind es die Schmerzmittel, die von Meuffels verabreicht bekommt.

Die stark subjektiven Kamera-Einstellungen, die Verschiebung der Raumperspektiven, das illustriert den Fieber-Zustand, in den von Meuffels zunächst mehr mental, dann aber auch tatsächlich gerät. Es gibt einen weiteren Anklang an Babylon Berlin. Liv Lisa Fries, die eine der beiden Hauptrollen im Berlin-Krimi gespielt hat, darf sich hier als junge Frau mit Tattoo auf dem Unterarm und Lippenpiercing, die während des Dienstes Joints raucht, und ein soziales Jahr absolviert, schon mal ein wenig warmlaufen für ihren großen Einsatz im Babylon des Jahres 1929. Was Babylon Berlin ebenfalls ähnlich ist, ist eine zwar sehr ästhetische Bildgestaltung, die aber trotzdem Menschen absolut ungeschönt, und er verbraucht aussehend und immer am Rande ihrer Möglichkeiten zeigt.

Man muss als Darsteller recht uneitel sein, um sich z. B. ständig in fahlem, schweißnassem Zustand und mit tiefen Augenringen zeigen zu lassen, wie Matthias Brandt das in diesem Fall bzw in diesem Film tut. Zu Beginn dachte ich, bei einem Film, der mit „Dancing Cheek to Cheek“ startet, kann ja nicht viel falsch laufen, aber dieses wunderbare Fahren der Kamera über die Berge Hinweg verliert sich dann in den Szenen der Geiselnahme, die alles andere als lyrisch sind, und wird erst am Schluss wieder aufgenommen, als die Ermittlungen abgeschlossen sind und der Kommissar den Anschlag auf sein Leben überstanden hat.

Diesen Anschalg wollte die böse Oberschwester mt dem Namen Angela durchführen, sie wollte ihn umbringen. Doch ausgerechnet der Arzt, der bisher die virenverseuchte Station nicht schließen wollte, Dr. Klenk, erinnert sich gerade rechtzeitig an seinen hippokratischen Eid, um von Meuffels doch lieber nicht sterben zu lassen.

Es ist natürlich eine Drehbuchschwäche, die ein Abrücken von der maximalen Konsequenz einschließt. Er wird ja von seinen Kolleg*innen bereits gesucht, es wäre, damit er überlebt, nur erforderlich gewesen, dass jemand Drittes ihn noch rechtzeitig findet. Diese häufig gebrauchte Variante wollte man hier offensichtlich nicht einsetzen, obwohl seine junge Kollegin bereits im Haus nach ihrem Vorgesetzten forscht und forschen lässt.

Jener wird also nur Sorge wegen unvorhergesehener Todesfällen geplagt, dass es sie gibt, fällt ihm erst auf oder er nimmt entsprechende Erzählungen ernst, als einen Freund dieses Schicksal ereilt, sondern er wird auch noch geplagt von dem Mann, den Geiselnehmer, welchen er erschossen hat, einem Junkie, der eine Frau und ein kleines Kind als Geisel nehmt nimmt. Der Einsatz zu Beginn läuft aus dem Ruder und der Typ, der von Meuffels anschließt, und seinerseits vom SEK erschossen wird, verfolgt den Kommissar, eine Zeitlang weiß man, nicht ob er überlebt, weil er noch im Koma liegt.

Seine Präsenz ruft Zweifel in von Meuffels wach, weil die Aktion Geiselbefreiung so nicht notwendig gewesen wäre, und er nimmt ihn in den Fieberträumen des Kommissars diesen mit auf den schneeweißen Berg der Erkenntnis. Allerdings geht es mehr um die Klärung von zwischenmenschlichen Verhältnissen, als um ein konkretes Helfen bei den Ermittlungen. Das wäre vielleicht etwas zu kitschig gewesen. Doch die Art wie von Meuffels sich in diese Dinge hineinverbeißt, hat sicher auch etwas mit diesen virtuellen Begegnungen zu tun.  

Allerdings geht es mehr um die Klärung von zwischenmenschlichen Verhältnissen, als um ein konkretes Helfen bei den Ermittlungen. Das wäre vielleicht etwas zu kitschig gewesen. Doch die Art wie von Meuffels sich in diese Dinge hineinverbeißt, hat sicher auch etwas mit diesen virtuellen Begegnungen zu tun.

Finale

Bisher habe ich noch keinen schlechten Polizeiruf aus der oVAllerdings geht es mehr um die Klärung von zwischenmenschlichen Verhältnissen, als um ein konkretes Helfen bei den Ermittlungen. Das wäre vielleicht etwas zu kitschig gewesen. Doch die Art wie von Meuffels sich in diese Dinge hineinverbeißt, hat sicher auch etwas mit diesen virtuellen Begegnungen zu tun. Allerdings habe ich bisher noch keinen schlechten Polizeiruf aus der Von-Meuffels-Ära war gesehen, und nur ganz wenige die lediglich mittelplusgut waren. Nichts anderes geht für diesen Klinik-Krimi. 

8/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia
(2) Der Entwurf des Textes stammt aus dem August 2020, geschrieben nach der ersten und vor der zweiten Corona-Welle.

Regie Hendrik Handloegten
Drehbuch Alex Buresch,
Matthias Pacht
Produktion Uli Aselmann,
Sophia Aldenhoven (Producerin)
Musik Bertram Denzel
Kamera Philipp Haberlandt
Schnitt Vera van Appeldorn
Besetzung

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