Leslie Caron, eine Pariserin in Hollywood (Leslie Caron, Française à Hollywood, Américaine à Paris, CA / FR 2014) #Filmfest 564

Filmfest 564 Dokumentation

Um etwas aus den ARTE-Dokumentationen zu Stars des Filmbusiness mitnehmen zu können, sofern sie auf das 50- bis 60-Minuten-Format konfektioniert sind, werden wir ab jetzt unsere Vorgehensweise ändern und nur einige bemerkenswerte Punkte herausheben, die uns neu sind oder über die wir so bisher nicht nachgedacht haben.

Einen wirklich tiefen Einblick können diese Filme nicht geben, zumal, wenn jemand sein Privatleben vergleichsweise gut abschirmt und sich selbst noch in Interviews äußern kann, wie das bei Leslie Caron der Fall ist. Sie wurde 1931 geboren und ist gemäß Wikipedia der älteste noch schauspielerisch aktive Hollywoodstar. Sie hat die Genese meiner Filmleidenschaft mitgeprägt, weil sie in Musicals wie „Ein Amerikaner in Paris“ mitgespielt hat, die wesentlich zu meinem Interesse am Medium Film beitrugen. Nachdem mit Kirk Douglas im vergangenen Jahr der letzte Star verstorben ist, dessen Karriere schon in den 1940ern begann, zählt Caron in der Tat zu den letzten lebenden Legenden. Aber als sie geboren wurde, gab es bereits den Tonfilm und das ist ein Unterschied zu den Superstars, die in den vergangenen Jahren gegangen sind. Sie wuchs bereits mit diesem Medium auf, startete am Theater als Ballerina und fand auf diese Weise mit 19 Jahren den Weg nach Hollywood, weil Gene Kelly sie in Paris in Aktion sah, obwohl sie, wie sie im Interview erklärt, keine Ahnung von Jazz als Tanzmusik und vom Stepptanz hatte. Soweit zum Einstieg, wir machen in der -> Rezension mit diesem Thema weiter.

Inhalt (1)

Große Erfolge feierte die Schauspielerin und Tänzerin Leslie Caron mit Filmen wie „Ein Amerikaner in Paris“ und „Gigi“. Sie führte ein turbulentes Leben, das jedoch ihrer Ausstrahlung nichts anhaben konnte: Bis heute versprüht die mittlerweile 86-Jährige einen unglaublichen Charme.

Leslie Caron verkörpert das goldene Zeitalter des amerikanischen Kinos. Die ausgebildete Tänzerin stand auf zahlreichen Theaterbühnen und spielte in insgesamt 45 Filmen. Als Tochter einer amerikanischen Mutter und eines französischen Vaters wuchs sie in Paris auf. Mit dem Zweiten Weltkrieg nahm ihre bis dahin sorglose Kindheit ein abruptes Ende: Die Bilder des besetzten und zerstörten Frankreichs begleiten sie bis heute. Seither betrachtet sie nichts mehr als selbstverständlich. Von ihrer ambitionierten Mutter wurde Leslie noch während des Krieges zu einer Ballettkarriere gedrängt. So lernte sie schon früh, was Disziplin bedeutet. Mit 18 Jahren nahm ihr Leben erneut eine radikale Wende: Gene Kelly entdeckte sie auf einer Pariser Bühne und holte sie nach Hollywood. Obwohl sie kein Wort Englisch sprach, folgte sie dem Ruf. Bereits ihr erster Film „Ein Amerikaner in Paris“ machte sie berühmt.

Der Erfolg setzte sich fort mit Musikfilmen wie „Daddy Langbein“ mit Fred Astaire oder „Gigi“, der mehrere Oscars gewann, und preisgekrönten Spielfilmen wie „Lili“ und „Das indiskrete Zimmer“. Leslie Caron lebte den Traum von Hollywood: Sie erlangte internationale Berühmtheit, stand auf der Gästeliste exklusiver Partys und hatte Beziehungen zu einflussreichen Männern. Ihre kürzlich erschienenen Memoiren enthüllen neben dem Hollywoodglamour auch die Schattenseiten der MGM-Studios. Sie berichtet darin von ihrer unglaublichen Karriere und einem bewegten Privatleben, verschweigt aber auch nicht, wie sie in späteren Jahren mit der Depression kämpfte und sie letztlich überwand. Zu vielen Stars hatte sie ein persönliches, enges Verhältnis – Carons Blick hinter die Kulissen Hollywoods zeigt Menschen, die ebenso faszinierend wie unausgeglichen und schwierig sind.
 
Rezension
 
Mit „unausgeglichen und schwierig“ ist wohl sie selbst gemeint, wie sie sich immer gesehen hat, jedenfalls erfahren wir über ihre Filmpartner:innen fast nur Gutes, denn Caron ist, das sieht man ihrer Physiognomie noch heute an, oder auch heute mehr denn je, ein freundlicher und sensibler Mensch. Sie war einer jener Stars, die wirklich über Nacht berühmt wurden und sich nicht hochdienen mussten in der Traumfabrik. Schon in „Ein Amerikaner in Paris“ war sie an dritter Stelle genannt und danach hat sie 15 Jahre lang nur Hauptrollen gespielt. Sogar in Dramen, als die Zeit der Musicals vorbei war.
 
Wie alle Franzosen und Französinnen dieser Generation hat sie Jugenderinnerungen an die Zeit der deutschen Besatzung, während ihre Familie nur rudimentär vorkommt. Dass sie aus einem Oberschichthaushalt stammt, kann man aber leicht an dem der Art-Déco-Villa erkennen, die ihr Großvater erbaut hatte und in der sie einen Teil ihrer Jugend verbracht hatte und zu der sie das Filmteam führt. Hinein kommt man nicht, wie auch später in ein weiteres Wohnhaus nur schwierig, in dem sie gelebt hat. Das wirkt geradezu symbolisch, denn … aber dazu später.
 
Der Stechschritt und seine Bedeutung in Hollywood
 
Als Caron nach Hollywood kam, war das Tanzmusical bereits sehr auf die individuelle Darbietung ausgerichtet und da sie nicht steppen konnte, wurden eigens für sie Nummern arrangiert, die das Balletthafte mehr betonten. Tänzer wie Gene Kelly und besonders Fred Astaire konnten dabei natürlich mitgehen, auch wenn es ihnen in den Duos mit ihr nicht möglich war, ihr komplettes Können abzurufen. Es passte aber zum Zeitstil.
 
Als Caron neun Jahre alt war, marschierten die Deutschen in Paris ein und dieses traumatische Erlebnis und die Art, wie der Einmarsch als Triumphzug angelegt war, ist vielen Menschen dort bis heute unvergessen. Ganz sicher haben die Deutschen in Paris nicht, wie Caron im Interview sagt, jeden Sonntag eine solche Parade abgehalten, aber in der Erinnerung verdichtet sich das Bedrohliche, das durch die Uniformen und den Stechschritt symbolisiert wurde. Sie nennt es Gleichschritt, aber der Stechschritt ist eine forcierte und besonders militaristische Form des Gleichschritts. Sie sagt weiter, sie habe nie wieder militärische Paraden sehen gemocht, nicht einmal Cheerleader und ähnliche Darbietungen im US-Sport. Und sie war kein Fan von Busby Berkeley. Von dem Mann, der das Hollywood-Musical in den 1930ern mit seinen famosen Masseninszenierungen geprägt hatte. In der Tat war dafür ein erheblicher Drill notwendig, damit Topshots von fantasievollen, durch Menschen dargestellten Figuren möglich waren, die sich öffneten, entfalteten, schlossen, immer in Bewegung waren. Man hätte auch Massen-Synchronturnen auf Sportfeldern der Nazis als Bildmaterial heranziehen können, wenn man es so sieht.
 
Mir haben die Aussagen von Caron eine ganz neue Sichtweise auf die Uniformität und den Funktionalismus in den frühen Musicals eröffnet. Es war einfach großartig anzusehen, es fasziniert noch heute, aber in einigen Filmen wurde in der Tat an Militärisches angeschlossen, zuweilen auf Schlachtschiffen bzw. Dekorationen von Geschütztürmen. Als Leslie Caron nach Hollywood kam, war das vorbei, es ging mit den Filmen von Esther Williams aus den 1940ern, die Caron als Frau beschreibt, die eine sehr derbe Sprache hatte und die vor ihrer Filmkarriere eine Weltklasseschwimmerin war. Im Wasser hatte man zuletzt diese großen Shows gefilmt, in denen Gleichmaß und Präzision alles waren, und natürlich Größe. Man musste sich ja immer wieder selbst übertreffen. Mit Judy Garland hingegen, die Caron als sehr lieb beschreibt, obwohl die beiden Konkurrentinnen waren, obwohl Garland zehn Jahre zuvor eine ähnliche Karriere begann, kamen die handlungstragenden Musicals. Garland konnte auch Step, aber sie war vor allem eine hervorragende Sängerin. Caron hingegen wurde zumindest in manchen Filmen, auch in „Gigi“, ihrem wohl bekanntesten Film, mit einem Stimmdouble ausgestattet, sie war nicht mehr einer der bei MGM ausgebildeten Allrounderinnen, die wirklich alles konnten, sondern kam eben als Balletttänzerin zu diesem Studio, die sich schauspielerisch als fähig erwies.
 
Am Ende des Tanzmusicals
 
Am Beginn von Carons Karriere hatte das Tanzmusical seinen Höhepunkt erreicht, was sich in sechs Oscars für „An American in Paris“ ausdrückte, während „Gigi“ bereits auf die 1960er mit Filmen wie „My Fair Lady“ hinwies und mehr Handlung und viele Songs hatte, aber keine „Extravaganzas“ mehr, also ausgedehnete Tanznummern, die sozusagen als Solitäre in die Handlung integriert bzw. aus ihr herausgehoben wurden. So, wie das „An American in Paris Ballet“ von George Gershwin, das im gleichnamigen Film hinreißend choreografiert wurde und für die elfenhafte Leslie Caron mit ihrem für Hollywood neuartigen Stil wie geschaffen schien. Vielleicht wurde es vom Synästhetiker Gene Kelly auch an sie angepasst, der schon damals mit an den Choreografien seiner Filme und an weiteren Einfällen Anteil hatte. Aber er tanzte auf der Erde, während Fred Astaire schwebte. Das sagen alle, die den Tanzstil der beiden vergleichen, insofern ist Carons dahingehende Aussage keine Überraschung. Sie hat mit den beiden Superstars des Tanzes nur je einmal zusammengespielt, mit Fred Astaire in „Daddy Longlegs“ im Jahr 1955, als aufgrund des Misserfolgs von Kellys etwa gleichzeitig in den Kinos startendem Film „Always Fair Weather“ klar wurde, dass die Zeit des Stepptanzmusicals mit endgültig vorbei ist.
 
Mit „Funny Face“ aus dem Jahr 1957, in dem nicht Caron, sondern Cyd Charisse seine Partnerin war, ging auch das Tanzmusical als ein geschätztes Genre dem Ende entgegen. Es erlebte ein modernisiertes Revival in „West Side Story“, bevor es bis Ende der 1970er in der Versenkung verschwand, als Filme wie „Fame“, „Footloose“ und „Flashdance“ und „Dirty Dancing“ es auf eine zeitgemäße Weise wiederbelebten. Künstlerisch kommt keiner dieser Filme an die klassischen MGM-Musicals heran.
 
Der künstlerische Höhepunkt dieser Ära verbindet sich wieder mit Leslie Caron, die 1958 die Titelrolle in „Gigi“ verkörperte. Das war ein sehr frivoler Stoff, den man gnädig als Period Picture und in einen Musikfilm einkleidete und damit verhinderte, dass es Probleme mit dem immer noch geltenden Production Code gab. Eine Aufweichung war aber schon festzustellen. Dennoch konnte Caron ihre Karriere im Tanzfilm nicht fortsetzen und hatte anschließend sogar Erfolg mit dramatischen Stoffen wie „Das indiskrete Zimmer“, der in England gedreht wurde. Für ihre Leistung wurde sie, wie schon für ihre Rolle in „An American in Paris“ für den Oscar nominiert, aber zusätzlich mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Erstaunlicherweise hat sie für „Gigi“ keinen der ganz großen Darstellerpreise erhalten, obwohl der Film mit neun Oscars das am höchsten dekorierte Musical aller Zeiten ist. Sie hatte in diesem Jahr allerdings auch sehr starke Konkurrenz, letztlich gewann Susan Hayward in dem Gefängnisdrama „I Want to Live!“, ohne dass Caron allerdings auch nur zu den Nominees zählte.
 
Aus der Familie
 
In der Wikipedia steht, dass Caron vor allem von ihrem Großvater ausgebildet wurde, offenbar auch bezüglich der Allgemeinbildung und dass dieser zu ihr sagte, als sie ans Theater wollte, ob sie eine Hure werden wolle. Sie schildert im Interview, dass dies so in ihr nachgehallt hat, dass sie zeitlebens das Gefühl hatte, in einem niedrigen Beruf tätig zu sein. Nun denken wir an Gigi, in dem ihre Figur zu einer Kurtisane ausgebildet werden soll. Sie erzählt auch, dass die berühmte und etwas anrüchige Zigarrenszene deshalb so gut gelang, weil sie dieses Ritual von ihrem Großvater her kannte, also jenem Mann, der gar nichts für ihren Berufswunsch übrig hatte.
 
Sie schildert sich selbst, obwohl sie beruflich so viel erreichte, als nicht besonders kraftvoll, aber als rebellisch, in „Gigi“ setzt sie sich am Ende insofern durch, als der Mann, dem sie eigentlich einen Liebesdienerin sein soll, sie heiratet. Da hatte sie Glück, aus heutiger Sicht, es hätte auch bei dem Arrangement bleiben können. Bekommt deshalb dieser Film heute nur noch eine Durchschnittswertung von 6,7/10 seitens der IMDb-Nutzer:innen? Das ist ungewöhnlich wenig für eine so prächtig ausgestattete, musikalisch und schauspielerisch erstklassige Produktion. Es könnte in der Tat daran liegen, dass man die Darstellung von Frauen, die nur dazu erzogen werden, als gehobene Prostituierte zu arbeiten, schwierig findet, auch wenn sie so reizend sind und diese Schulung sozusagen an ihnen abprallt, wie es bei Gigi der Fall ist. Was hat wohl der Großvater, falls er noch lebte, zu ihrer Darstellung in diesem Film gesagt?
 
Auch sonst bezieht sie sich auf eine Weise auf die Familie, die aufmerksam macht. Der Vater kommt gar nicht vor, wohl aber die Mutter, ihrerseits Tänzerin, aber depressiv, und Caron sagt, sie habe alles verwirklicht, was die Mutter nicht erreichen konnte. Für die Mutter? Jedenfalls hatte sie Schwierigkeiten, dauerhafte Beziehungen zu managen und geriet mehrfach an ziemlich dominante Männer, mit denen sie nicht lange zusammenblieb. Das Rebellische an ihr kommt wohl am meisten in ihrer Darstellung in „The Glas Slipper“ durch, der „Aschenputtel“ als Musical darbietet und sie ihre Rolle „à la Brando“ interpretiert, wie sie selbst sagt, aufbegehrend, wie jemand, der etwas hätte sein können, wären die Umstände anders gewesen (bezogen auf „On the Waterfront“ aus dem Jahr 1954, vielleicht Brandos bester Film). Sehr persönlich ist auch „Lili“ geworden, ihr zweiter großer Film nach „An American in Paris“, wo sie als ein verlorenes Mädchen auf dem Jahrmarkt steht und sich am liebsten umbringen würde, dann aber dort die Liebe findet. Dieses Musical ist insofern besonders, als es diese Umgebung einmal nicht als Symbol für  Chaos und Verwirrung zeigt, für Gefahr oder gar Verbrechen zeigt, wie wir es aus vielen anderen Werken mindestens seit Chaplins „The Circus“ kennen, sondern als eine Welt, die ein Herz heilen kann. Damit spielte sie sich endgültig in die Herzen der Zuschauer und hatte exakt die richtige Aura für einen Film wie diesen.
 
Sie berichtet, dass sie darin eine so unglamouröse Rolle hatte, dass der Nr.-1-Produzent für Musicals bei MGM, Arthur Freed, ihr sagte, er muss nun etwas anderes mit ihr machen, damit sie wieder zurückbekommt, was sie in „Ein Amerikaner in Paris“ angedeutet hatte, der von ihm produziert wurde, und dann war es „Gigi“. Das hat Caron in der Erinnerung etwas verkürzt, denn es dauerte fünf Jahre und mehrere Filme, die Caron durchaus die Möglichkeit zum Zeigen tänzerischer Anmut boten, lagen zwischen „Lili“ und „Gigi“, der wieder von ihm produziert wurde.
 
Die Traurigkeit über die verlorene Heimat und ein vielleicht harmonischer Schluss
 
Ein Film, der für sie offenbar wichtig ist: „Father Goose“ mit Cary Grant, den sie ähnlich anbetet wie wohl fast alle seine Filmpartnerinnen und Millionen anderer Frauen (und Männer) es taten. Sie äußert, dass sie es schade fand, dass er danach „aufgab“, weil dieser Film nicht gut ankam, vermutlich auch wegen Grants Rollenwechsel in ein Fach, das bisher eher von Humphrey Bogart in „African Queen“ bedient wurde, bei Grant aber dem Publikum vielleicht nicht authentisch genug vorkam. Danach drehte er nur noch einmal, und in diesem letzten Film bekam er nicht mehr das (sehr viel jüngere) Mädchen, wie noch in „Father Goose“ und ein Jahr zuvor im sehr gelungenen „Charade“ mit Audrey Hepburna als Co-Star. Er hätte weitermachen können und wollte nicht mehr, weil er keine Opa-Rollen spielen wollte, Caron hingegen musste kämpfen, um weitermachen zu können, die ganz großen Rollen blieben aus. Sie ging  zurück nach Frankreich und wir erleben sie in Interviews, in denen sie noch dort lebt, aber auf dem Sprung ist und am Ende harmonisch in London angekommen. Sie hat sehr wohl auch in französischen Filmen mitgespielt, aber das scheint in den  Hintergrund zu treten, weil sie sich als eine Fremde gefühlt hat im eigenen Land.
 
Sie ist alledings auch ein „Sonderfall“. Keine andere Französin hatte einen solchen Erfolg in Hollywood, sie wurde kulturell auch aufgrund der Art von Filmen, die sie machte, eher als amerikanisierte Person wahrgenommen, glaube ich. Und damit gehörte sie nicht zu den „Kreisen“ in Frankreich. Jedes Land hat sein spezielles Filmmilieu. In den USA ist man so schnell draußen wie drinnen, dafür sucht man sich dort aufgrund des Studiosystems, wenn man erst einmal ein großer Star ist, selten aus, mit wem man geteamt wird. Nur Indie-Filmer haben das, was in Frankreich, aber auch beim deutschen Autorenfilm nicht unüblich ist, eine Art Entourage, die sich um bekannte Regisseure gruppiert. In Frankreich ist das besonders ausgeprägt. Es war eine bestimmte Meute, die mit den Regisseuren der Nouvelle Vague filmte, ab etwa 1960, es waren andere Stars, die zuvor aktiv waren, nicht immer klappte die Harmonisierung, aber es kam doch im Verlauf der 1960er zu einer Art von Kern. Zu diesem Kern, der das neue französische Kino mitgeprägt hatte, passte Caron einfach nicht und sie war nun einmal ein Star, man hätte sie nicht in Nebenrollen besetzen können. Was sie in Hollywood erreichte, war weder Brigitte Bardot noch Catherine Deneuve vergönnt, keiner Französin vor oder nach ihr. Ebenso erging es den männlichen Stars. Während z. B. Jean-Paul Belmondo als Typ gar nicht erst den Sprung machen konnte, war das für Alain Delon zwar möglich, weil er die Optik dafür hatte, sich dort als Leading Man zu etablieren, aber letztlich blieben seine US-Engagementes episodisch. Auch Jean Gabin wurde nicht zum Hollywoodschauspieler, obwohl ihm Marlene Dietrich, mit der er zeitweilig zusammen war, die Türen hätte öffnen können und es wohl auch versuchte. Die Amerikaner zeigten in jenen Jahren eine große Offenheit gegenüber europäischer Kultur, aber in den USA erfolgreich zu sein, war und ist nicht so einfach, aufgrund der Masse an Talent, die in Hollywood versammelt ist. Umgekehrt war das gerade bei den Franzosen nicht der Fall, auch das spielt vielleicht in der Ablehnung, die Caron wahrgenommen hat, eine wichtige Rolle und gilt im Grunde bis heute.
 
Wenn auch verdeckt, wirft Caron ihren Landsleuten Snobismus und Hartherzigkeit vor und damit kommen wir wieder zum Dreh in einem der Häuser, in dem sie in Paris gelebt hat, zu dem, was wir vorhin andeuteten: Eine keifende Concierge versucht, das Filmen zu verhindern und Caron sagt: „So schwierig war es während der deutschen Besatzung nicht, da reinzukommen“ bzw. in Paris zu leben. Insofern deutet der französische Originaltitel der Dokumentation an, dass sie nach ihrer Rückkehr eben eine Amerikanerin in Paris war und nicht als Teil der französischen Filmszene galt. Ihr Freund François Truffaut hatte ihr übrigens prophezeit, dass es schwierig werden würde und von ihm erhielt sie eine ihrer wenigen wichtigen Rollen während jener Jahre.
 
Hingegen lobt sie die Menschen in England, wo sie zuletzt in einer Familienserie mitgespielt hat, für ihre Freundlichkeit und ihren Respekt. Franzosen können biestig und neidisch sein, das ist keine Frage, aber ob das nicht auf die Engländer nach dem Brexit auch verstärkt zutrifft, ist eine weitere. Es braucht eben Menschen und mehr davon, die nur für die Kunst leben und anderen damit Freude machen wollen, gleich, wo auf der Welt. Das hat Leslie Caron getan, sie war in Hollywood eine der bezauberndsten Erscheinungen ihrer Zeit und einige ihrer Filme sind unvergesslich.
 
(1) ARTE
 
 
 

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