Verrat – Tatort 509 #Crimetime 1038 #Tatort #Köln #Ballauf #Schenk #WDR #Verrat

Crimetime 1038 Titelfoto © WDR, Michael Böhme

In Köln, bei den Schlapphüten, wo die Mäntel wehen

Die Handlung in einem Satz, ohne Auflösung: Ein Diplomat wird fachgerecht erschossen, Ballauf und Schenk kommen per Zufall einer Entführungsgeschichte auf die Spur, die beweist, dass die Kolumbianer nicht nur im Drogenbusiness Spitze sind, nebenbei muss Max noch einen unangemessenen Liebhaber von Franziska bearbeiten und Kumpel Freddy unterbringen, mit dem Koffer in der Hand geht’s – nein, nicht durchs ganze Land, sondern in die Männerpension.

Wir schreiben das Jahr 2002 und sehen den 20. Tatort von Max Ballauf und Freddy Schenk, gespielt von Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär. Nur etwas mehr als fünf Jahre haben die beiden gebraucht, um so viele Fälle zu lösen, aber in Köln ist halt immer was los, auch außerhalb der Karnevalszeit. Um was es in „Verrat“ gehen und ob viel auch gut ist, klären wir in der –> Rezension.

Handlung

“Aus der Hüfte durchs Kissen durchs Auge mitten ins Hirn. Ein Profi, “konstatiert Kommissar Freddy Schenk angesichts des Tatopfers: Diplomat Böhling liegt erschossen hinter seinem Schreibtisch.

Der Mann lebte allein. Kein Einbruch, kein Raubmord.Bei ihren Ermittlungen stoßen Freddy Schenk und sein Kollege Max Ballauf auf das dramatische Ende einer Geiselnahme in Kolumbien, bei dem auch eine junge Frau vom Bundesnachrichtendienst ums Leben gekommen sein soll.

Bald sehen sich die Kölner Fahnder in ein kompliziertes Geflecht von Verrat, Betrug und Erpressung verwickelt, das bis ins Auswärtige Amt reicht. Einige Personen, die in den Fall verstrickt sind, haben noch eine Rechnung offen. Die beiden Kommissare kämpfen gegen Tricks und Finten, bis sie plötzlich einer Totgesagten gegenüber stehen.

Vor der Rezension

Erstaunlich, dass es 509 Tatorte gedauert hat, bis ein Fall den megaklassischen Titel „Verrat“ tragen durfte. Vielleicht erklärt dieser Titel auch, warum die Handlung so viele an sich unnötige Elemente enthält. Neben der Hauptgeschichte gibt es noch eine Affäre von Franziska Lüttgenjohann (Teresa Mittelstaedt) und die Tatsache zu bestaunen oder zu beklagen, dass Freddy das eheliche Heim verlässt. Letztere Nebenstränge haben absolut nichts mit der Haupthandlung zu tun, es gibt nicht einmal eine jener zwanghaften Verbindungen, die sonst in Köln manchmal für eine gewisse Unglaubwürdigkeit des Plots sorgen. Dieses Mal steht am Eingangstor, hinter dem viele Kammern liegen, in deren innerster der heilige Gral des Sinns verborgen sein soll, bereits „Warum?“.

Der Titel könnte den Hinweis geben. Die Verbindung der Stränge ist nicht inhaltlich, sondern rein philosophisch. Zwischen einer Lösegeld-Angelegenheit, in der ein Bundesbeamter Lösegeld unterschlagen will, einem Heiratsschwindler und dem Fliehen vom ehelichen Schlachtfeld besteht eine ganz hintergründige Verbindung. Denn überall geht es um Verrat. Geiseln werden im Stich gelassen, die Liebe von Frauen zum Fahrer eines aufgemotzten BMW E36-Cabrios wird ausgenutzt, Freddy verrät die unbedingte Hingabe an seine Frau, indem er sich den vermutlich alltäglichen Diskussion über Themen, von denen wir im Film nichts erfahren, einfach entzieht. Oder seine Frau verrät die Ehe, indem sie ihn rausschmeißt. Da überall so vieles unklar bleibt, bleiben unsere Ausführungen in diesem Absatz vollkommene Spekulation. Die Kritik kann ja nichts hinzuerfinden, also muss sie grübeln. Ob diese Notwendigkeit des Grübelns auf ein tiefgängiges Drehbuchs schließen lässt, ist eine andere Sache, die wir in der Rezension erörtern werden, die im Zusammenhang mit dem (zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung des Textes im Jahr 2015) aktuellen Tatort „Freddy tanzt“ veröffentlicht wird.

Rezension

Wir lösen die Sache auf. Das Grübeln über eine Verbindung zwischen Nebenschauplätzen und Haupthandlung ist ebenso unnötig wie die Nebenstränge selbst, die wohl nur der Tatsache geschuldet sind, dass immer einer der Kommissare in Köln was Privates zu bearbeiten hat und dass die Lissy Pütz-Nachfolgerin Franziska dem Zuschauer offenbar nähergebracht werden soll, und wenn es mit der zweifelhaften Eigenschaft geschieht, sich immer in Filous zu verlieben, dann ist das halt so.

Wir haben also zunächst ermittelt, dass wir nicht an eine philosophische Verbindung mit dem Oberbegriff „Verrat“ glauben und damit einen möglichen Tiefgang ausgelotet und als nicht existent eingestuft.

Vielleicht aber ist die Haupthandlung tiefgründig, spannend, schlüssig? Ein Geiseldrama im Ausland macht immer was her, besonders, wenn dabei so undurchsichtige Vorgänge passieren sind wie im Tatort Nr. 509. Das Dumme ist nur, dass gleich zwei Auffälligkeiten auffällig herausragen und damit der Zuschauer ins Stolpern.

Zum einen wird nach vielen bereits abgespulten Filmmetern überfallartig eine haarsträubende Ehegeschichte entblättert, die zwischen dem Manager König und dessen Frau mitten im Camp der Geiselnehmer stattfindet. Da wird uns dann jemand als Nymphomanin verkauft, den wir vorher überhaupt nicht als Charakter zu sehen bekamen. Die Frage ist wieder – warum? Die Handlung hätte auch ohne diesen Aspekt funktioniert, der lediglich für Irritation sorgt und für das Gefühl, dass hier jemand nicht nachgedacht hat, und nicht nur ein Video als talking Head einsetzt, und selbst das ist nicht notwendig.

Vielleicht geht es aber auch dabei um Verrat. Welch ein Subtext. Seufz. Wir haben daran aber schon in den oben dargestellten Zusammenhängen nicht geglaubt, also tun wir’s auch hier nicht. Das kommt davon, dass Dinge nicht entwickelt, sondern an den Haaren herbeigezogen werden, um das Ganze irgendwie praller wirken zu lassen. Facettenreicher wäre die bessere Option gewesen.

Eine zweite wesentliche Schwäche, um nicht zu sagen, ein Fehler, liegt darin, dass uns der ganz wichtige Aspekt nicht erklärt wird, warum die Agentin Schmidt auf den Fotos tot ist, in Wirklichkeit aber lebt. Wie hat sie das gemacht? Ihren Tod vor den Augen der Geiselnehmer selbst inszeniert oder gar die Medien manipuliert?

Nachdem wir im vorherigen Absatz eine Antwort besprochen haben, zu der es keine Frage gab, ist es hier genau umgekehrt, und das in einem so wichtigen Zusammenhang. Ein komplettes Verständnis des Plots kann also gar nicht entstehen und alle, die hier im Zweifel zurückbleiben, denen versichern wir, dass sie sich keine Sorge über ihre Kognition machen müssen. Je zielstrebiger wir Tatorte analysieren, desto mehr Sorgen machen wir uns allerdings über (… gekürzt bei Veröffentlichung …), die immerhin für die Topserie der deutschen Krimilandschaft (… gecancelt bei Veröffentlichung …). Was, auch hier wieder bleiben wir bei der Logik, dazu führt, dass wir diese Gedanken weiterspinnen und gewisse Eigenschaften oder deren Fehlen (… gestrichen bei Veröffentlichun g…). Oder gibt es Letzere gar nicht?

Es ist ja nicht so, dass der Plot nicht grundsätzlich interessant daherkommt, ebenso wie die Figuren der BND/BKA-Agentin/Polizistin Schmidt oder des Managers König. Aber muss die Agentin unbedingt dadurch auffallen bzw. als noch Lebende enttarnt werden, dass sie ein Mädchen vor dem Ertrinken im Rhein rettet und dieses Mädchen umgehend zur Polizei läuft und dort sagt: „Sie lebt, sie lebt!“, worauf Max dann zu Freddy, der sich tatsächlich Gedanken darüber macht, dass die Cops das Mädchen so abbürsten, sagt: „Wir sind aber nur für die Toten zuständig.“ Anstatt dass man wenigstens die dann zuständige Dienststelle involviert. Und es ist ja klar, dass genau während der Anwesenheit dieses Mädchens im Morddezernat der Staatsanwalt reinkommt und die Cops über Kolumbien instruiert, während das Mädchen natürlich genau in dem Moment einfach die Biege macht, vollkommen unmotiviert und urplötzlich vom ebenfalls unmotivierten Aussagedrang verlassen.

Eine weitere Schwäche haben wir damit auch angesprochen: Die teilweise abstrakt wirkenden Dialoge und die Szenenfolge, die eine Anhäufung von Unwahrscheinlichkeiten darstellt, weil Ereignisszusammenhänge von großem Seltenheitswert zu gehäuft vorkommen. Das alles wirkt nicht cool oder stilisiert, sondern ruppig. Offenbar hat auch die Regie Mühe gehabt, (… eliminiert bei Veröffentlichung …), dass dessen Schwächen nicht zu offensichtlich werden. Vielleicht hat der Regisseur den Autor (… gelöscht bei Veröffentlichung …).

Natürlich übertragen sich die Zweifel auf die Figuren. Das Verhältnis zwischen der coolen Agentin mit Herz und dem Mädchen, das ins Wasser gehen wollte, wirkt nur auf den ersten Blick psychologisch stimmig. Vielleicht erinnert die Kleine die Große an ihre eigene Teenie-Zeit, immerhin tragen ja beide so abgefahrene lange Mäntel. Jeder halbwegs sortierte Mensch, der lebend rumläuft, während er sich als tot ausgibt, würde wohl eher auf Unauffälligkeit achten, nicht so die Agentin Schmidt, die in der Lage ist, sich auf rätselhafter Weise aus tödlicher Umklammerung zu befreien und sehr tricky aus Polizeigewahrsam, aber dann alles tut, um in der Domstadt erkannt zu werden.

Da hilft auch das Ende mit dem Sonnenuntergang und dem damals schon alten Citroen CX (unkonventionelles, gerne französisches Auto als Symbol für Freiheitsdrang) nicht wirklich aus der Fragezeichen-Falle. Man sieht das alles und wird nicht Teil des Ganzen, sondern bleibt auf Distanz. Schade um die Fähigkeiten insbesondere von Bibiana Beglau als Agentin Schmidt, welche sie einer zu linearen, hölzernen Darstellung opfern muss. Hätte man auf alles Nebensächliche verzichtet, dann hätte man diese Figur klasse ausarbeiten können. Aber das Tatorte besprechen ist kein Wunschkonzert, wie vermutlich auch manche Rolle.

Dummerweise leidet unter den vielen Schwachpunkten des Films auch die Figur Axel König, dargestellt von Johann Leysen. Das Haus hat wirklich was, in dem er wohnt und aus dem er jetzt, nach dem Geiseldrama, das ihn gebrochen hat, auszieht. Dabei hat dieses architektonisch anspruchsvolle Heim doch eh kein Glück gekannt, wenn man jene verschrobene Darstellung seiner Frau in dem erwähnten Video betrachtet. Offenbar hat er aber vorher nicht gewusst, wen er da geheiratet hat, und unter den normalen Umständen des Alltags ist es offenbar nie zutage getreten, dieses Wesen der Ehefrau, das ihn im Camp zu einer Tötungshandlung an derselben veranlasst hat, die inhaltlich wiederum vollkommen unabhängig war von seiner Tötungshandlung an dem Diplomaten, der ihn verraten hat. Uff, der Satz kam gerade noch um die Kurve, aber es liegt an der Handlung.

Wie konnte der Manager schießen wie ein Profi? Weil Manager heutzutage im Keller des Verwaltungsgebäudes der Company trainiert werden wie SEK-Beamte. Weil es ja keine Sicherheitsspezialisten gibt, die Topmanager bewachen, sondern der Topmanager im Dschungelcamp darauf trainiert wird, sich als One-Man-Show zu beweisen, wenn’s darauf ankommt. Wieso hat der Mann übrigens so eine Abneigung gegen das Essen eigener Scheiße, wenn er bei diesem Survival-Training schon alles mampfen musste, was der Dschungel an Unappetitlichem hergibt? Offenbar macht der Realzwang den Unterschied. Die Unabwendbarkeit der Drucksituation per Geiselnahme. Manchmal muss man sich wirklich ärgern (… radiert für die Veröffentlichung …) aufgetischt wird. (… Komplett unter den Tisch fallen gelassen vor Veröffentlichung …)

Schade, dass man (… selbst zensiert vor Veröffentlichung …) mit der Figur nicht mitweinen kann, als (beinahe) am Ende alles aus König herausbricht. Wie sein Selbstmordversuch durch Freddys Patronenklau marginalisiert wird, das trägt überdies dazu bei, dass die Dramatik gar nicht erst so richtig zustande kommt, denn wer die Köln-Cops kennt, weiß, dass die immer dann, wenn’s spannend werden könnte, zu clever sind, um Spannung zuzulassen – und dann, wenn’s drauf ankommt, manchmal wie Stümper agieren. Das ist kein Statement gegen die beiden Typen, wir mögen sie sehr gerne, aber gegen ihre häufig zu beobachtende Verwendung. Es nervt weniger, wenn der Tatort ansonsten gut ist.

In „Verrat“ kommen sie beide nicht so gut zum Tragen wie in einigen ihrer anderen Fälle, auch, weil es keine wirklich humorvollen Dialoge gibt und weil Freddy nicht einmal in der Lage ist, sich ein Hotelzimmer zu besorgen, weshalb Max ihn dann in seiner Pension einquartiert. Gute Güte. Kein Wunder, dass Dietmar Bär so verhalten wirkt. Darauf, hinsichtlich einfacher Alltagstätigkeiten auf IQ 50-Niveau agieren zu müssen, hatte er wohl keine gesteigerte Lust. Es hilft auch nicht die Zimmernot-Erklärung mit der gerade laufenden Messe in Köln, wenn es darum geht, die Unglaubwürdigkeit der Tatsache zu mildern, dass ein einheimischer, sozial vernetzter Kommissar keine Bleibe für eine Nacht oder mehrere findet.

Wir könnten noch weiter und weiter über Unzulänglichkeiten des Films schreiben, aber wir haben uns nun einmal eine Zeichenobergrenze für Tatort-Rezensionen gesetzt, die wir neuerdings sogar einigermaßen einhalten, daher (… deswegen gekappt vor Veröffentlichung, Grenze trotzdem überschritten …).

Finale

Ein hochdramatisches Thema wird beinahe komplett verschenkt, weil die Handlung nicht durchdacht ist. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit und darunter wiederum die Stringenz der Figuren. Außerdem wird wesentlich zu viel Spielzeit an Dinge verschenkt, die man besser in die Entwicklung ebenjener Figuren gesteckt hätte.

Mehr Phantasie bei den Figuren hätte den Platz füllen können, der nun Irrelevantes zeigt. Wenn hinzukommt, dass dafür wesentliche Punkte ungeklärt bleiben oder so extrem herbeigeschrieben wirken, dass man sich als Zuschauer für nicht ernstgenommen fühlt, dann darf man sich als Kritiker erlauben, den allgemein restriktiv angewendeten Begriff des missglückten Films in die Tastatur einzugeben. Wir haben großen Respekt vor der Tatort-Reihe und ihren Meriten und sehr viel für Ballauf und Schenk, weil man sich immer auf die beiden freut, wenn man sich vor den Bildschirm setzt – und das muss einen Grund haben.

Wenn man viele Filme mit ihnen gesehen hat, weiß man aber auch: Kinderthemen können sie in Köln besser als Politik. Der Ausflug aus der Domstadt und um diese herum in die weite und geheime Welt der Nachrichtendienste und Diplomaten und internationalen Top-Geiselnehmer ist so geraten, dass wir verstehen, dass sich Max und Freddy unter mehr niederschwelligen Tatverdächtigen wohler fühlen, als wenn sie BND-Beamte festnehmen müssen, die vom Oberstaatsanwalt, verbunden mit einer Entschuldigung, eh gleich wieder auf freien Fuß gesetzt werden.

„Verrat“ lässt es an Taktgefühl gegenüber dem Zuschauer vermissen und bindet ihn nicht ein, sondern entfremdet ihn von diesem Fall, obwohl er sicher nicht bewusst auf Verfremdung setzt, um dies zu erreichen – leider der schwächste Köln-Tatort, den wir bisher zu rezensieren hatten (ebenfalls bezogen auf den Stand 2015 und die „TatortAnthologie“ des „ersten“ Wahlberliners).

5,5/10

© 2021, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung der Tatort – Folge „Verrat“:
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Franziska – Tessa Mittelstaedt
Axel König – Johan Leysen
Kroll – Thomas Thieme
Sandy – Stephanie Charlotta
Koetz von Prinz – Christian Tasche
Lisa Mattern – Maria Simon
Karoline Schmidt („Karo“) – Bibiana Beglau

Regie: Hans Noever
Kamera: Peter Przybylski
Buch: Horst Vocks
Musik: Nellis du Biel

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