Vor aller Augen – Polizeiruf 110 Episode 335 #Crimetime 1041 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Lenski #Krause #RBB #Augen #alle

Crimetime 1041 Titelfoto © RBB

Kinder, Mütter, keine Väter

Ich fange dieses Mal anders herum an und trage etwas nach zum Verhältnis von Olga Lenski zu ihrem Ex Felix. Dies aus dem einfachen Grund, weil dieses Verhältnis zumindest in den ersten Lenski-Polizeirufen immer wieder thematisiert wird, man kommt gar nicht daran vorbei. 
 
Offensichtlich waren die beiden schon während Olgas Schwangerschaft auseinander oder nie wirklich zusammen, denn es wirkt schon im Lenski-Starter „Die verlorene Tochter„, noch vor ihrer Schwangerschaft, als ob Lenski Single ist, so kann sie auch allein in die brandenburgische Provinz gehen und dort ihren Dienst im Revier und als Chefin von Horst Krause antreten. Es geht weiter mit „Vor aller Augen“ in der -> Rezension.
 
Handlung

Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski und Polizeihauptmeister Horst Krause werden zu einem Vorfall gerufen. Die Geschäftsführerin der Bootswerft Stolze wurde nackt mit einem Zuckerschock im Hotel eines Vergnügungspark gefunden und in die Klinik gebracht. Der behandelnde Arzt hält es für unwahrscheinlich, dass die hochgradig zuckerkranke Michaela Stolze vergessen hat, ihr Insulin zu spritzen. So haben nun Lenski und Krause zu klären, ob möglicherweise ein Tötungsversuch vorliegt. Michaela Stolze hatte in dem Vergnügungspark eine Betriebsfeier gegeben, daher waren entsprechend viele Personen zugegen. Lenski erfährt, dass es in der Firma Probleme gibt und das Betriebsklima entsprechend angespannt ist. Insbesondere Werftleiter Jens Petzold ist unzufrieden. Er war zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn bei der Feier, die sie aber aufgrund der Arbeitssituation nicht richtig genießen konnten. Lenski versucht Hinweise auf mögliche Feinde zu finden und will sich in der Wohnung von Michaela Stolze umsehen. Als sie dort auf Ludwig Stolze, den mürrischen Vater trifft, gibt dieser offen zu, seine Tochter nicht zu mögen. Sie hat ihn sehr enttäuscht und führt seine Firma nicht so, wie es ein guter Unternehmer tun sollte. In wenigen Monaten hat sie die Werft fast in den Konkurs getrieben.

Aufgrund von Krauses Untersuchungen stellt sich heraus, dass Petzolds Sohn der Chefin seines Vaters nur einen Streich spielen wollte. Er wusste, dass sie seinen Vater sehr schlecht behandelte und dieser deshalb stets unter Druck stand, was sich dann auch bei seiner Familie auswirkte. Deshalb hatte Andreas den Bademantel von Michaela Stolze versteckt, als diese zu einem morgendlichen Bad zum See ging, der zum Vergnügungspark gehört. Er konnte nicht ahnen, dass ihr dadurch die Insulinspritzen nicht zur Verfügung standen und sie entsprechend in Unterversorgung geriet und zusammenbrach.

Der Fall scheint geklärt, doch ereignet sich nun im Krankenhaus ein weiterer Zwischenfall. In die Infusion von Michaela Stolze hat ein Unbekannter eine giftige Substanz beigemischt. Die Kriminaltechniker finden heraus, dass es sich dabei um handelsübliche Lack-Verdünnung handelt. Damit ist es nun doch ein versuchter Mord. Lenski verdächtigt zunächst Ludwig Stolze, da er sie als einziger im Krankenhaus besucht hatte. Doch auch jeder andere aus der Werft könnte dahinterstecken. Lenski lässt die gesamte Belegschaft antreten und bemerkt schnell die Spannung, die zwischen den Mitarbeitern herrscht. Neben Jens Petzold macht sich auch der Konstrukteur Gisbert Franke verdächtig, der romantische Gefühle für seine Arbeitgeberin hegt, aber von ihr zurückgewiesen wurde. Krause sammelt inzwischen diverse Proben an Verdünnung, die in der Werft verwendet wird, um sie untersuchen zu lassen. Da auch Faserspuren an der Infusionsflasche gefunden wurden, kann eindeutig die Sekretärin Petra Weingart überführt werden. Sie musste befürchten, von einer jüngeren und besser ausgebildeteren Sekretärin abgelöst zu werden, die der heutigen Zeit besser gewachsen war als sie. Wortlos lässt sich Petra Weingart zum Polizeiwagen bringen und festnehmen.

Rezension

Lenski-Darstellerin Maria Simon lässt bekanntlich ihr eigenes kleines Kind in ihren Polizeirufen mitspielen (das Mädchen heißt Aennie Simon und steht sogar auf der Besetzungliste). Die Schwangerschaft, während der sie in „Die Gurkenkönigin“ von Sophie Rois vertreten wurde, war real.

Ich erinnere mich nicht daran, dass der Hintergrund aufgelöst worden wäre, wegen dem Olga und Felix nicht mehr zusammen sind, aber ihre Reaktionen gegenüber ihm und seinen wieder Annäherungsversuche wirken schon sehr abweisend. Zumindest in diesem Film, in einem etwas neueren scheinen sie sich angenähert zu haben und da kriegt sie raus, dass er eine neue Partnerin hat.
 
In „Vor aller Augen“ verstehe ich jedoch den Spin nicht: Was hätte er denn sonst tun sollen, als bei dem Kind in ihrem Haus zu bleiben, wenn sie verspätet vom Dienst zurückkehrt – nun ja, dabei sind sie eben beide eingeschlafen, Vater und Tochter. Sie über sie unterstellt ihm, dass das Absicht ist, um sich bei ihr einzuschleichen. Schon deswegen wäre es ganz gut gewesen, mal zu klären, was vorgefallen war, Betrug etc.? Andererseits kommt er im Anschluss gleich damit um die Ecke dass man ja das Dachgeschoss für ihn ausbauen könnte. Das Ganze wirkt disharmonisch, aber nicht hinreichend unterfüttert um eine horizontale Erzählung darauf bauen zu können, wie man das bei den Rostock-Polizeirufen getan hat. Möglicherweise war man sich unschlüssig, was man mit dem Setting alleinerziehende Polizistin anfangen sollte.
 
Um in Rostock diese horizontale Erzählung hinzubekommen, musste man allerdings einen enormen Aufwand treiben, der gefühlt ein Drittel der Spielzeit für die dortigen Polizeirufe absorbiert. Aber die hohe Dynamik des Teams und der Filme lässt es zu, dass dies alles noch noch gerade so reingepackt werden kann. Die Brandenburg-Polizeirufe mit ihrem abweichenden Rhythmus, dem kleineren  Team, und der mehr beobachtenden Duktus, der sehr auf Details ausgerichtet ist, lässt eine solche Gestaltung kaum zu.
 
Das hat sich mit der Verlegung von Olga Lenski nach Polen ein wenig geändert, aber auch aus dem Verhältnis zum Kollegen Adam Raczek wird sich nichts mehr entwickeln, weil Darstellerin Maria Simon das Set bald verlassen wird. Vielleicht passt das aber auch zu ihr als einer etwas mehr abgeschiedenen Figur, die stark an männliche Singles im Fernseh-Polizeidienst angelehnt und mit dem Kind ein wenig gebrochen wurde, nicht so gut, ihr eine umfangreiche persönliche Entwicklung zuzugestehen.
 
Vor aller Augen ist der vierte Film mit Maria Simon als Kommissarin Olga Lenski und der 21. Auftritt von Horst Krause in seiner namensgleichen Rolle als Polizeimeister in Brandenburg. Regisseur Bernd Böhlich hat auch den Auftakt von Lenski und Krause gefilmt, „Die verlorene Tochter“. Außerdem ist er verantwortlich für alle bisherigen Krause-Spinoffs. Diese sind allerdings keine Krimis oder dies nur in der Nebensache. Es ist nach meiner Ansicht auch eines ihrer Probleme, dass der Humor gar zu gedehnt wirkt, die Umgebung gar zu langsam abgefilmt. Obwohl die Filme als erfolgreich gelten, sind sie sicher nicht jedermanns Sache.

Trotzdem sind sie wichtig, um „Vor aller Augen“ zu verstehen. So schwer verständlich ist der Film nicht, aber die Art, wie die Figuren gezeichnet werden, ist doch signifikant. Eine andere Linie leitet sich von den drei Brandenburg Polizeirufen „Totes Gleis“ und dessen beiden Nachfolgern „Das Wunder von Wustermark“ und „Dettmanns weite Welt“ her. Letzterer wurde acht 8 Jahre früher gedreht als „Vor aller Augen“.

Von „Totes Gleis“-Besetzung und den beiden anderen Filmen, die in einem in einem fiktiven Dorf namens Wustermark gedreht werden, hat sich Otto Sander ins Jahr 2013 sozusagen hinübergerettet und spielt noch einmal in „Vor aller Augen „mit. Es war seine letzte Fernsehrolle, ebenso für Sven Lehmann (Rollenfigur Jens Petzold). Der eine gibt den Patriarch in der Firma Stolze, der andere den Chefkonstrukteur in ebenjenem Unternehmen. Wenn man so will, hat man die skurrilen Figuren aus Wustermark hier in einen melancholischen Abgesang hineingezwängt. Die alten und die neuen Zeiten,  der Strukturwandel und wie im Grunde von vorneherein klar ist, dass dieser nicht bewältigt werden kann, zumindest nicht mit legalen Mitteln. Damit spielen auch die drei Wustermark-Polizeirufe, aber sie strahlen trotz allem Lebensfreude und Sich-nicht-unterkriegen-lassen aus.
 
„Vor aller Augen“ hat ein paar Wackler, z. B. einen unpassenden Dialoganschluss, der darauf hinweist dass Petzold tatsächlich anwesend war, während die Chefin Stolze nackt in den Salon torkelt, weil sie ihre Diabetesspritzen nicht finden konnte. Ihr Sohn hat sie unwissentlich mit ihrem Bademantal (sollte ein Dummejungenstreich sein) im See versenkt. Es ist ein wenig kurios, dass, wenn man allen anderen Figuren nicht zutraut, sie könnten, den absichtlichen Anschlag auf die Frau im Krankenhaus verüben, dass ausgerechnet die verängstigte Sekretärin, die kurz vor der Rente steht, diese Tat begeht.
 
Und zwar deshalb, weil sie durch eine jüngere, Englisch sprechende Kraft ersetzt werden soll. Trotzdem ist der Film sehr ansprechend gemacht, und da zeigt sich die andere Seite von Bernd Böhlichs Art, zu filmen: Das Verhältnis zwischen Krause und Lenski wird sehr genau beleuchtet und ist gut austariert, inklusive einer gewissen Revanchegeneigtheit der Kommissarin für kleine Diskriminierungen und die Figuren der Werftmitarbeiter*innen und der Eigner sind sehr gut gezeichnet.

Ja, das hat etwas von „Wustermark“, wie alle so mehr oder weniger nebeneinanderher arbeiten und Aktionismus produzieren, aber es bewegt sich nicht mehr wirklich etwas. Sinnbildlich dafür steht auch dieses sogenannte Motivationsseminar in der Westernstadt, eine jener gruseligen Veranstaltungen, auf denen Mitarbeiter angeblich zusammengeschweißt werden sollen, bei denen jedoch ganz andere Dinge nicht stimmen, als dass sie zu feige sind und sich nicht einem Messerwerfer zur Verfügung stellen. Eine eigenartige Form von Survival Camp, die davon erzählt, dass man mit Betriebsfeiern nicht Betriebe retten kann, in denen der Wurm steckt.

Die neue Chefin versucht im Hauruckverfahren, das Ruder noch einmal herumzureißen, ist aber vollkommen unfähig, zu verstehen, warum es nicht mehr läuft. Der alte Chef will, weil sie krank ist, noch einmal übernehmen, aber am Schluss haben sich zwei wichtige Mitarbeiter*innen in Verbrechen verstrickt. Die anderen könnten theoretisch weiterarbeiten, aber insbesondere der Konstrukteur fehlt und alle erkennen, dass es zu Ende ist. Für mich eine der bisher am besten eingefühlten Darstellungen darüber, warum lange nach der Treuhand und deren Fehlern oder auch Vorgängen, die man ihr als Fehler angedichtet hat, die Wirtschaft im Osten nicht mehr aus eigener Kraft auf die Füße kommen konnte.

Finale

Gerade Traditionsbetriebe schleppten viele Traditionen mit sich herum, die damals nicht mehr zukunftsfähig waren. Der neoliberale Management Schnickschnack ist freilich das genau falsche Mitte, um noch etwas zu reißen. Vorbei ist vorbei, dieses schreckliche Gefühl, das in weiten Teilen Brandenburgs und anderer Landschaften in den neueren Bundesländern auch heute bittere Realität ist, vermittelt sich in diesem Film sehr gut, und natürlich merkt man, dass die Crew und das Böhlich sich in dem Landstrich auskennen.

Was man sieht ist wenige das berlinnahe Potsdam oder die Gegend um Kleinmachnow und Teltow, sondern das richtige Draußen. Wenn man sich die Werft anschaut, wirkt die Auftragslage allerdings gar nicht so trist. Da liegen zwei größere Schiffe im Trockendock, die überholt werden müssen und die hölzerne Segeljacht ist eigentlich ein hübscher Auftrag. Dass nicht mehr konstruiert wird, keine neue Typen mehr entwickelt und keine neuen Boote mehr gebaut werden, ist eine andere Sache, somit handelt sich um eine Reparaturwerft.

Der Krimi rückt in diesem Film unzweifelhaft ein wenig in den Hintergrund, aber erstens ist er nicht schlecht konstruiert, zweitens dominiert die Atmosphäre, dominiert das Menschliche, und in diesem Sinne ist zumindest alles nachvollziehbar.

8/10
 
© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke
 
Regie Bernd Böhlich
Drehbuch Bernd Böhlich
Produktion Frank Schmuck,
Jost Bösenberg
Musik Rainer Oleak
Kamera Florian Foest
Schnitt Karola Mittelstädt
Besetzung

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