Ein Schuss im Dunkeln (A Shot in the Dark, GB / USA 1964) #Filmfest 593

Filmfest 593 Cinema

Nach dem Schuss ist noch lange nicht Schluss

Ein Schuß im Dunkeln ist der zweite Film der Pink-Panther-Reihe des US-amerikanischen Regisseurs Blake Edwards nach dem Bühnenstück Die aufrichtige Lügnerin (L’Idiote) von Marcel Achard in der englischsprachigen Bearbeitung von Harry Kurnitz.

Peter Sellers hatte für die Verfilmung zugesagt, war aber mit dem Script und dem vorgesehenen Regisseur nicht einverstanden. Er bat Blake Edwards, doch die Regie zu übernehmen, das Drehbuch zu überarbeiten und seine Rolle in die kassenträchtige Figur des Inspektor Clouseau zu verwandeln. Edwards und die Produzenten stimmten zu.

Im Vorspann des Films fehlt der berühmte rosarote Panther. Auch wird das Geschehen nicht wie im ersten Teil dieser Reihe von dem berühmten Diamanten abhängig gemacht. Ab jetzt steht der Inspektor im Vordergrund.

Der bekannteste Film von Regisseur Blake Edwards ist sicher „Frühstück bei Tiffany“ (1961), aber seine Signatur hat er auf den „Pink-Panther“-Adaptionen hinterlassen, die 1963, 1964, 1975, 1976, 1977, 1982, 1983 und 1993 entstanden sind – bis 1982 (Erscheinungsjahr des Films, Sellers verstarb bereits 1980) mit Peter Sellers in der Hauptrolle des tapsig-arroganten Inspektor Clouseau. Unter diesen Filmen ist „Ein Schuss im Dunkeln“ der beste, wenn man der IMDb-Nutzerwertung folgt. Diese Rangfolge drückt unter anderem aus, dass der zweite Film ausnahmsweise besser ist als der erste einer Reihe. Ob wir das auch so sehen und mehr zum Film erklären wir in der –> Rezension.

Handlung (1)

In der Villa des Millionärs Benjamin Ballon geht es des Abends sehr umtriebig zu. Fast alle Bewohner und auch das Dienstpersonal sind in den verzweigten Korridoren der Villa auf Wanderschaft zu ihrer jeweiligen Liebschaft. Plötzlich geschieht ein Mord. Inspektor Clouseau wird zum Tatort geschickt. Er findet den Angestellten Miguel tot vor sowie die der Tat dringend verdächtige Maria Gambrelli. Alle Indizien sprechen gegen sie, doch Clouseau ist von ihrer Unschuld überzeugt. Zu allem Überfluss verliebt er sich auch noch in sie.

Chefinspektor Dreyfus zieht Clouseau sofort von dem Fall ab, aber eine hohe Persönlichkeit setzt sich dafür ein, dass er weiter ermittelt. Clouseau ist sich sicher, dass Gambrelli den wahren Mörder nur decken will. Daher lässt er sie aus dem Gefängnis frei, um sie zu beschatten. Aufgrund seiner unpassenden Verkleidungen (Luftballonverkäufer, Straßenmaler, Jäger…) schlägt dies jedoch immer wieder fehl. Auch wird er immer wieder verhaftet, da er nicht die erforderliche Lizenz vorweisen kann. Und immer genau dann passiert ein weiterer Mord und jedes Mal befindet sich Gambrelli am Tatort. Zuerst wird der Gärtner ermordet, dann der Butler und schließlich das Hausmädchen Dudu in einer FKK-Kolonie. Dort verhilft Clouseau Maria Gambrelli sogar zur Flucht.

Dreyfus ist über Clouseaus Methoden inzwischen dermaßen außer sich, dass er am Rande eines Nervenzusammenbruchs steht. Der Chefinspektor konsultiert sogar einen Psychiater und offenbart diesem seinen abgrundtiefen Hass auf Clouseau. In der Zwischenzeit verbringt dieser einen schönen Abend mit Maria Gambrelli im Pariser Nachtleben. Das Pärchen hat jedoch einen Schatten, ein Unbekannter folgt ihnen mit Mordabsichten. Aber so tollpatschig sich Clouseau anstellt, so viel Glück hat er auch. Alle Anschläge scheitern, er bemerkt sie nicht einmal. In einer Flamenco-Bar wird ein Tourist getötet, vor der Bar der Portier. In einem hawaiianischen Club stirbt ein Gast und in einem russischen Lokal ein tanzender Kosak an vergiftetem Wodka. Unbehelligt erreichen Clouseau und Gambrelli die Wohnung des Inspektors. Allerdings steht vor den schönen Dingen erst einmal Cato der Hausdiener, der vom Inspektor instruiert wurde, ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit anzugreifen, um seine Reflexe zu trainieren. Und nach dem „Kampf“ detoniert noch eine Bombe, die der mysteriöse Verfolger vor Clouseaus Tür deponiert hat. Wieder entgehen alle nur knapp dem Tod. (…)

Rezension

Wir sehen es in der Tat ähnlich. „The Pink Panther“ mit dem berühmten Musikthema von Henry Mancini, dem animierten Vorspann und dem mondänen Setting des Olympia-Wintersportortes Cortina d’Ampezzo, dem dicken Klunker und dem Phantom, das sich als Gentleman-Darsteller David Niven entpuppt, hat sehr viel optischen und darstellerischen Reiz, aber die Komik ist in „Ein Schuss im Dunkeln“ gelungener. Alles an dem Film wirkt etwas sparsamer als am Vorgänger, aber dafür gibt es das Training mit Cato und den Running Gag, dass Clouseau alle paar Minuten etwas anstellt, was dafür sorgt, dass er mit einem trötenden Polizeiauto durch Paris transportiert wird. Das Auto wird immer so gefilmt, dass es maximal agil und hektisch wirkt, aus der Fahrt heraus von schräg vorne-unten, also immer aus derselben Perspektive, die den Eindruck einer unendlichen Wiederholungsschleife und damit der unendlichen Dummheit der Polizei trefflich verstärkt.

Neben dem Starkomiker Peter Sellers als Clouseau ist Elke Sommer in der weiblichen Hauptrolle zu sehen, die nach ihrem Mitwirken in „The Prize“ (1963) an der Seite von Paul Newman kurz davor war, ein Hollywoodstar zu werden – und, wie alle deutschen Schauspielerinnen nach Marlene Dietrich, den ganz großen Ruhm nicht schaffte. Ein wenig scheint man auf der Suche nach einer neuen Marilyn Monroe gewesen zu sein, also einer Blondine mit Dummchen-Appeal. Die Mitte der 1960er waren aber schon eine andere Zeit als die frühen 1950er, in der dieses Muster, das damals neu war, unglaublich zog, und auch der Appeal der Darstellerinnen ist ein wenig verschieden.

Es ist also Peter Sellers‘ Show, in der auch ältere Größen wie George Sanders kaum mehr als Komparsen darstellen. Der einzige, der, wenn auch etwas übertrieben aufspielend, eine eigenständige Statur als Charakter gewinnt, ist Clouseaus Vorgesetzter Dreyfus, gespielt von Herbert Lom, der sich unter anderem einen Namen als einer der „Ladykillers“ (1955) an der Seite von Alec Guiness machte.

Die Gags, nicht nur der mit dem Polizeiauto oder der mit Cato, leben vor allem von ihrem Rhythmus. Viermal versucht jemand, den Inspektor umzubringen und viermal tritt irgendjemand genau in dem Moment so dazwischen, dass der Unbeteiligte stirbt. Die vier ersten Morde, die im Haus Ballon oder in dessen persönlichem Umfeld stattfinden, werden in einer klassischen Agatha-Christie-Szene aufgeklärt, die freilich aus dem Ruder läuft. Der Inspektor will den Mörder konfrontieren und versammelt dazu alle verbliebenen Angehörigen des Schloss-Haushaltes im Salon, aber die Szene endet damit, dass alle einander beschuldigen und tatsächlich haben verschiedene Mitglieder der häuslichen Gemeinschaft inklusive der Dienstboten verschiedene Taten auf dem Gewissen. Die Logik stimmt zumindest prinzipiell und der Mann, der unbedingt wieder will, dass Clouseau ermittelt, der Geheimnisvolle mit Einfluss, ist niemand anderes als Dreyfus selbst, der ihn zuvor wegen Unfähigkeit schon zweimal vom Fall abgezogen hat.

„Eine Sammlung altgedienter Gags, etwas aufpoliert und zwischen Langeweile und Klamauk angesiedelt. Ohne jeden wirklichen Humor.“ – Evangelischer Filmbeobachter[4]

Gewiss sind viele der Slapstick-Momente auch 1964 keine absoluten Neuheiten mehr gewesen, aber die Clouseau-Figur hebt sie noch einmal auf ein mehr als akzeptables Niveau und wir mussten über die höchst gelungene Ausführung lachen. Dieses Keine-Miene-Verziehen, die Würde bewahren, das hat sich Sellers wohl  von Buster Keaton abgeschaut, dass er aber auch noch überheblich wird und damit nie in eine wirklich defensive Position kommt, liegt an seiner Chuzpe ebenso wie an seinen Gegenspielern, die das zulassen, was in Slapsticks mit „Opfern“ ohnehin eine Grundvoraussetzung dafür ist, dass die Gags funktionieren. Und es liegt an dieser frechen Art, die ein bisschen auf Groucho Marx hinauskommt, der jeden Blödsinn verbal bestens verkaufen konnte – freilich mit einem mehr persiflierenden Ansatz als Sellers, der in den fetten 1960ern vermutlich weniger anarchisch gewirkt hätte als 30 Jahre zuvor.

So bleibt immerhin, die Polizei als besonders tölpelhaft darzustellen und die Polizeisprache in herrlichen Dialogen zwischen Clouseau und seinem Assistenten satirisch aufs Korn zu nehmen. Zum Gelingen dieser Szenen trägt auch Assistent Hercule (selbstverständlich nach Agatha Christies Hercule Poirot benannt) einiges bei, dessen Stoizismus und dessen simple Geradlinigkeit im Denken seinen Inspektor auf die Palme bringen, der sich erst wohlfühlt, wenn er eine möglichst komplizierte Theorie über eine Täterschaft beisammen hat, die alles Offensichtliche negiert. Es wird zwar mit Fakten gearbeitet („Fakten, Fakten, Fakten“ stammt vermutlich von jemandem, der „Ein Schuss im Dunkeln“ zu oft angeschaut hat) und diese werden sogar auf eine Schultafel gezeichnet, aber Clouseaus Rückschlüsse sind jedoch kontrafaktisch.

Fazit

„Nach „Der rosarote Panther“ 1963 der zweite Film um die berühmte Kunstfigur „Inspektor Clouseau“; übermütige und gagreiche Komödienunterhaltung mit vielen absurden Situationen im Stil der Slapstick-Tradition und parodistischen Blödeleien von teilweise überraschend bitterer Konsequenz.“ – Lexikon des internationalen Films[2]

Sicher hat der Film schwache Momente und auch einige optisch etwas künstlich wirkende Szenen wie die in der Nudistenschwemme und die erwähnte Agatha-Christie-Sequenz, aus der man mehr hätte herausholen können, aber insgesamt ist „Ein Schuss im Dunkeln“ ein Spaß für alle, die sich ein Herz für Slapstick bewahrt haben und auch Verbalkomik zu schätzen wissen. Der Beginn ist ziemlich strange und schwer nachvollziehbar (wer schleicht gerade zu wem und tut was?), aber er ist ja auch vor allem als Hintergrund für das hübsche Lied „Shadows of Paris“ gedacht, das durch das gerade ablaufende Geschehen eine satirische Note bekommt.

75/100

© 2021 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Blake Edwards
Drehbuch Blake Edwards
William Peter Blatty
Produktion Tony Adams
Blake Edwards
Musik Henry Mancini
Kamera Christopher Challis
Schnitt Bert Bates
Ralph E. Winters
Besetzung

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