Kopf in der Schlinge – Polizeiruf 110 Episode 248 #Crimetime 1055 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Schlinge #Kopf

Crimetime 1055  - Titelfoto © MDR

Es ist alles ganz wörtlich zu nehmen

5 Jahre waren die Herren Herbert mit den Nachnamen Schmücke und Schneider im Einsatz und lösten zusammen ihren 21. Fall, als es zum Kopf in der Schlinge kam. Für mich sind die beiden mittlerweile so vertraut wie nur wenige Tatort Teams- was natürlich auch daran liegt, dass ich erst seit März 2019 die Polizeiufe für die Rubrik „Crimetime“ rezensiere und in dieser Zeit fast alle Filme aus der DDR-Zeit und sicher etwa die Hälfte der Schmücke-Schneider-Fälle angeschaut habe. Anders ausgedrückt: Überschlägig sehe ich alle zwei bis drei Wochen einen Fall mit den beiden, den ich noch nicht kannte.

Am liebsten schaue ich ihre Polizeiruf-Episoden, wenn Konzentration und / oder Motivation nicht für etwas Kompliziertes stehen. Oder für etwas Forderndes, das mich nicht ruhig schlafen lassen könnte. Nun trug es sich aber zu, dass der Titel dieses 248. Polizeirufs wörtlich zu nehmen ist, und doch nicht stimmt: Mehr darüber und zum Film imGganzen steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Else Berger, eine alte Frau wird tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Bei den Ermittlungen steht die Psychologin Maria Steinert, den Kommissaren Schmücke und Schneider zur Seite und kann mit den beiden Kommissaren schnell ein Täterprofil erstellen, das zu einem raschen Ergebnis führt. Um sich für die schnelle Lösung des Falles bei der Psychologin zu bedanken besucht Kommissar Schmücke Maria Steinert in ihrem Landhaus. Dort trifft er auf Reiner Münster, den er aus einem Vergewaltigungsfall vor einigen Jahren kennt. Steinert erklärt, dass er ihr Patient ist und sie sich um seine Resozialisierung kümmert. Ab und zu würde er ihr im Haus und Garten helfen.

Am nächsten Tag ist der Sohn des Architekten Lars Köhler verschwunden und wird noch am gleichen Tag schwer verletzt und bewusstlos im Wald gefunden. Jemand hatte versucht ihn zu ersticken. DNA-Spuren an einem Taschentuch des Kindes führen zu Reiner Münster. Münster kann sich das alles nicht erklären, wird aber in Gewahrsam genommen.

Neben Reiner Münster kümmert sich Maria Steinert auch um Benno Brack. Der psychisch auffällige junge Mann wohnt in der Nachbarschaft und fühlt sich als Schutzengel von Maria Steinert. Nachdem er einen Streit zwischen ihr und ihrem Geliebten Lars Köhler mitanhört, sucht er Köhlers Ehefrau auf. Er redet mit ihr in einer sehr kindlichen Art und bittet sie dafür zu sorgen, dass Lars Köhler nicht mehr zu Maria Steinert kommt. Er täte ihr nicht gut und das könne er nicht zulassen. Susanne Köhler zeigt daraufhin ihren Mann bei der Polizei an. Er wäre schuld am Zustand ihres Sohnes, denn wenn er ihn nicht mit zu seiner Geliebten genommen hätte, dann hätte er nicht auf Reiner Münster treffen können, den auch sie für den Täter hält. Daher ist ihr Mann in ihren Augen mitschuldig.

Maria Steinert fühlt sich seit einiger Zeit verfolgt und bittet Schmücke um Beistand, aber solange keine wirkliche Straftat vorliegt, kann die Polizei nicht eingreifen. Dennoch werden Schmücke und Schneider auf Benno Brack aufmerksam, der stets uns ständig in Steinerts Nähe herumschleicht. Nachdem der kleine Jonas Köhler das Bewusstsein nicht wieder erlangt und stirbt, ermitteln Schmücke und Schneider wegen Mordes. Ein Zeuge will am Tag der Tat einen silberfarbenen BMW im Wald gesehen haben. Diese Spur führt zu Markus Klose, der als KfZ-Mechaniker arbeitet und diesen Wagen Probe gefahren hatte. Da er sogar Jonas Handynummer bei sich eingespeichert hatte, halten die Ermittler ihn für überführt. Sie wollen Maria Steinert die Nachricht von Münsters Unschuld überbringen und finden sie zusammen mit Benno Brack erhängt in ihrem Landhaus. Der Spurenlage nach wurde Steinert umgebracht, während Benno sich selber erhängt hatte, da er meinte als ihr Beschützer versagt zu haben.

Für Schmücke deutet alles auf Lars Köhler, da er noch nicht wissen kann, dass Münster nicht der Mörder seines Sohnes ist und auch er Steinert für mitschuldig am Tod des Kindes hält. Da er ein Alibi hat, kann nur Susanne Köhler die Täterin sein. Sie folgen ihr, als sie gerade mit dem Auto wegfährt. Sie versuchen sie zu stoppen, können aber nicht verhindern, dass sie in voller Absicht gegen einen Brückenpfeiler fährt und stirbt.

Rezension

Im Grunde müsste der Film, wenn man es schon so darauf anlegt, ihn mit einem hinweisenden Titel zumindest bezüglich des Tatergebnisses vorhersehbar zu machen, zwei Köpfe in zwei Schlingen heißen. Denn, das was der Titel ausdrückt, trifft auf zwei Personen zu, und dies auch noch gleichzeitig.

Auf eine gewisse Weise spiegelt der Film das Werden der beiden Halle Cops ebenso wie die gewisse Routine, die sich Mitte der 2000er eingestellt hatte. An einer Stelle darf Schmücke sich noch einmal so richtig aufregen (weil die anderen auf dem Revier Schabernack mit seinem Phantombild treiben), wie wir das in den Anfangsfilmen desöfteren sehen durften, aber es kommt wieder diese zum Running-Gag geronnene ewige Geschichte mit Schneiders Klamotten ins Spiel. Dieses Mal ist der Gag zum Blück mal nicht zu einem Sketch mit Einkaufstour ausgebaut worden, weil Schneider schon selbst einkaufen war (Mallcora-Hemd anstatt Hawaii-Hemd) und der Film ist eindeutig auf schmücke Seite. Manchmal weiß man nicht so genau, ob diese Darstellungen nicht eher für die Schneiders dieser Welt gemacht sind, denn war je ein Polizist gutmütiger und netter? Eigene Beobachtungen über das Outfit der Menschen in bestimmten Gegenden von Berlin lasse ich an dieser Stelle außen vor. Wie erst in der Provinz?

Allerdings setzt der Film auch emotional stark auf den Kollegen Schmücke mit den dünnen Nadelstreifen im Anzugsgrau. Denn Schneider ist gar nicht so nett, sondern übertreibt es ein bisschen mit der hinterwäldlerischen Voreingenommenheit, sie gilt hier der Psychologin Maria Steinert, er hält ihre Sorgen und ihre Anspannung für Überspanntheit, um es vorsichtig auszudrücken und er geht auch hart an den freigelassenen Knacki heran, der einst eine Prostituierte umbrachte und den Schneider nun stärker als sein Kollege im Verdacht hat, für den Tod eines Jungen verantwortlich zu sein – die Psychologin ist anderer Meinung, selbstverständlich, sie „legt ihre Hand für ihn ins Feuer“. Immer wenn jemand in Polizeirufen so etwas sagt, besonders Psychiater*innen und Psycholog*innen, denke ich gleich: autsch! Denn regelmäßig läuft es auf Irrtümer hinaus, so, als ob das die Regel wäre. Damit wird ein zweifelhaftes Bild von der Wiederhoungsanfälligkeit gezeichnet, außerdem wird heftig mit der vox populi geflirtet. Zu heftig, für meine Begriffe. Nicht so in diesem Film und das rechen ich ihm hoch an: Es war nicht der Mörder, der als geheilt angesehen wird und es war auch nicht der „Beschützer der Jungfrau Maria“, der als geistig behindert angesehen werden kann. In diesem Fall ist die politische Korrektheit in der Tat korrekt.

Außerdem ist es nicht einer dieser beiden, der Maria bedroht. Retten kann der sichtlich von ihr angetane Schmücke sie nicht, da hat Schneider recht, zumindest nicht, wenn man alles auf das von ihm erstellte Szenario verkürzt: Schmücke kann doch nicht immer bei ihr bleiben und der Mensch, der sie im Visier hat, wird eh warten, bis sie allein ist. Und für Polizeischutz sind die Anhaltspunkte zu schwach, weil sie noch nicht tätlich angegriffen wurde. Okay. Aber wie wär’s denn mit der unauffälligen Verbringung in ein Hotel gewesen, beispielsweise?

Durch die Bedrohungslage hat der Film durchaus seine thrilligen Momente und ich werde ihn auch aufgrund der Tatsache höher bewerten als im ins Handy gesprochenen Entwurf dieses Textes vorgesehen, weil man eine Psychologin hier mal nicht als deppert hinstellt, nicht darauf abhebt, dass diese Menschen ihre Professionalität immer zugunsten privater Gefühle verlieren und dadurch Täterpersonen nicht mehr halbwegs objektiv oder distanziert beurteilen können sowie eh alle ein sehr ausgeprägtes Helfersyndrom haben.

Allerdings: Zwischen Psychologie und Küchenpsychologie ist der Grat zuweilen schmal, besonders im Film, wenn alles verkürzt dargestellt werden muss. Wie in diesem Film über Tätertypen referiert wird, das ist schon ziemlich grob gestrickt. Es beginnt leider damit, dass die Psychologin viel zu dezidierte und nicht wie eine These, sondern wie eine bereits feststehende Erkenntnis klingende Aussagen macht, obwohl sie den Täter noch gar nicht gesehen hat. Das ist mal ein feines Profiling. Im Opener-Fall mit der alten Frau, im Dummy-Fall, der sie als kompetent einführen soll, wenn so will, zeigt sie diese Kompetenz auch auf eine wirklich phänomenale Art. Eine Frau von 75 Jahren wird umgebracht und vergewaltigt und der Täter kann nur ein verklemmter Jugendlicher gewesen sein, der auf jeden Fall noch zu Hause lebt. Ah ja. Ähnliches erleben wir dann im „Hauptfall“, als der Junge ihres Geliebten im Wald angegriffen wird und im Krankenhaus den Folgen seiner Verletzungen erliegt.

Dafür, dass sie so oft richtig liegt, wirkt vieles in ihrem Verhalten und was um sie und ihre Bedrohung herum konstruiert wird, ziemlich seltsam. Da ist zum Beispiel die Sache mit den Schlössern &  Schlüsseln. Wer war denn nun der Schatten in ihrer Wohnung? Die Täterperson, die nachher dafür sorgt, dass Marias Kopf in eine Schlinge kommt? Diese Schlinge ist mit einem Knoten geknüpft, wie ihn nur wenige können, versteht sich. Diese Person hätte auch an einen Schlüssel herankommen können, denn der Architekt, Marias Geliebte, hatte einen. Er könnte ihn auch selbst kopiert haben, es könnte aber auch die Täterperson gewesen sein. Dann jedoch: Zu dem Zeitpunkt war der Junge noch gar nicht tot, das Hauptmotiv nicht gegeben. Außerdem hat der Architekt den Schlüssel doch schon zurückgegeben an Maria, bevor die Täterperson von dem Verhältnis der Psychologin mit ihrem Mann erfuhr. War es Benno, der selbsternannte Beschützer? Dann aber: Woher hatte er einen Schlüssel? Sie wird ihn doch wohl kaum mit einem solchen ausgestattet haben. Damit dies nicht geklärt werden muss, lässt Maria trotz der Bedrohung die Wohnungstür offen und Benno kann einfach rein und erschreckt sie ein wenig. Hm.

Dann die Schlossauswechslung im Landhaus: Der doppelte Anruf bei dem Mann, der die Schlüssel macht, ist zwar nicht ganz so unsinnig, denn irgendwie muss die Täterperson ja an Schlüssel zum Landhaus kommen, aber woher weiß sie, wer für diese Schlüssel austausche zuständig ist? Woher, dass es einen so rudimentären Ablageplatz unterm Blumentopf gibt? Was wäre gewesen, wenn der Handwerker die neuen Schlüssel an Faru Steinert übergeben und diese dadurch erfahren hätte, dass noch jemand bei ihm angerufen hat, der sich für sie ausgab? Es wäre in der Lage außerdem der Normalfall gewesen, dass sie die Schlüssel bei ihm abholt und nicht, dass er sie einfach unter den Blumentopf legen darf. Und wie viel Schlüssel kann man eigentlich bei einem neuen Schloss entwenden, ohne dass die Eigentümerin merkt, dass der Satz nicht komplett ist?

Jemanden ohne Einbruch in fremde Wohnungen gehen zu lassen, um Thrill zu erzeugen, ist tricky, das hat man schon an besser konstruierten Filmen wie „Borowski und der stille Gast “ feststellen können. Diese Plotvariante weist häufig eine Bruchstelle auf, vielleicht sogar eine Sollbruchstelle, denn wer im Publikum macht sich schon Gedanken darüber, ob die Schlüsselverwurschtung, die in Filmen wie „Kopf in der Schlinge“ vorgenommen wird, so funktionieren kann, wenn sie augenfällig kurz und wie mit bösem Gewissen verbunden abgehandelt wird. Es ist eben nicht sehr glaubwürdig, dass jemand einfach so in eine fremde Wohnung reinkommt oder es grenzt den Täter*innenkreis meist sehr ein.

Blöd, dass solche Schwächen und die psychologische Ausgestaltung bezüglich ihrer nicht unbedingt herausragenden Qualität miteinander korrespondieren. Hinzu kommt die Motivlage und die Besetzung. Ich kann es nicht ändern, Sabine Vitua sehe ich lieber in einer Rolle, in der sie nicht eine Mörderin spielen muss, denn es ist schwierig darzustellen, dass jemand, der gerade den Schock des Todes seines einzigen Kinders überwinden muss, nichts anderes zu tun hat, als auf Rachefeldzug zu gehen, an einer Frau, die selbst gar nicht getan hat. Weil das übermotiviert wirkt, konstruiert man ein weiteres Motiv: Der Mann ist mit Maria fremdgegangen.

Obwohl er ein hieb- und stichfestes Alibi hat, steckt die Ehefrau ihm zwei Handbohrer aus ihrem Landhaus in eine Jackentasche, um ihn zu belasten. Sie müsste doch gewusst haben, dass er an diesem Abend und zu jenem Zeitpunkt auf einem Richtfest weilte. Die Frau wirkt auch einfach nicht so, wie jemand, der nicht groß trauert, sondern stante pede zur Gegenaktion schreitet.

Vielleicht dreht man angesichts der Lage frei oder durch, aber was sollte darauf hindeuten, das so viel kriminelle Energie mit einem Male freigesetzt werden kann, dass ein so eiskalter und bösartig ausgeführter Mord gelingen kann? Dafür wurde die Figur nicht konstruiert und so wird sie von Sabine vitua nicht gespielt. Ein böser Blick auf Maria vom Krankenbette des Sohnes aus reicht nicht, um sie als Mörderin glaubhaft wirken zu lassen.

Freilich: Hätte man sie schräger dargestellt, wäre der Film noch vorhersehbarer gewesen. Ich hatte  relativ schnell eine Ahnung. Ihr Mann sagte nämlich zu der Psychologin: „Ich bringe dich um“, obwohl er vorher zugelassen hat, dass der Ex Sträfling mit dem Jungen spielt (er hat vielleicht nicht gewusst, was dieser damals verbrochen hatte). Aber wenn das der Fall ist, dann darf man davon ausgehen, dass diese Person die angesprochene nicht killt.

Und der Prostituierten Mörder und der Beschützer der Jungfrau Maria, siehe oben, politische Korrektheit. Wer also bleibt übrig? Wenn ich nicht den Handlungsgestaltern (den Drehbuchautor*innen) generell zutrauen würde, dass sie ein paar Minuten vor dem Ende noch jemanden aus dem Hut ziehen, hätte ich zu 100 Prozent auf diese Frau getippt. So waren es nur 70 oder 80. Aber dieses Tippen beruht auf Ausschlusskriterien, nicht darauf, dass Susanne Köhler die Person ist, die so handelt. Meine Täter*innenprofil entspricht sie nicht.

Finale

Das im realen Leben Menschen vollkommen unberechenbar sein können, ändert nichts daran dass in  Kriminalfilmen eine gewisse Authentizitätsvermutung vorhanden sein muss, damit man Figuren das, was sie Schlimmes tun, abkauft. Auch der Mord und dem Jungen wird für einen polizeiruf ziemlich rudimentär abgehandelt, dabei hat diese Reihe doch im Bereich der Verbrechen an Kindern und bei Sexualstraftaten einen Vorsprung gegenüber den Tatorten zu verteidigen, was in der Regel ja auch tut stattfindet.

Hier hingegen konzentriert sich alles mehr und mehr auf die Figur der Psychologin, die in Gefahr ist, und hier hat der 248. polizeiruf seine Stärke – weil er sie und ihre Bedrohung stellenweise doch spannend werden lässt. Über die Schlösser und Schlüssel und wer wann was wissen konnte, denkt man ja in der Regel erst später nach und bemerkt Unstimmigkeiten.

6,5/10

© 2020 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hartmut Griesmayr
Drehbuch Sabine Thiesler
Produktion Susanne Wolfram
Musik Joe Mubare
Kamera Hans-Jörg Allgeier
Schnitt Claudia Fröhlich
Besetzung

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