Nevada Smith (USA 1966) #Filmfest 625

Filmfest 625 Cinema

Das Ende der Rache ist nah

Nevada Smith ist ein US-amerikanischer Western aus dem Jahr 1966. Regie führte Henry Hathaway. Geschichte und Drehbuch stammen von John Michael Hayes, angeregt durch die Figur des „Nevada Smith“ aus dem Roman Die Unersättlichen (The Carpetbaggers) von Harold Robbins, der bereits 1964 unter der Regie von Edward Dmytryk unter gleichnamigem Titel verfilmt worden war.

Steve McQueen war in jener Zeit, in welcher der Filmentstand, dabei, eine der heißesten Nummern in Hollywood zu werden („The Thomas Crown Affair“, 1967 und „Bullitt“, 1968, mit der legendären ersten richtigen Auto-Verfolgugnsjagd) und hatte „The Cincinnati Kid“ (1965) bereits gefilmt, der etwas wie eine vorläufige Signatur für ihn werden sollte. Bekannt wurde er einem größeren Publikum mit „The Glory Seven“ (1960) als einer der sieben Revolverhelden, die ein mexikanisches Dorf von einer Bandenplage befreien. Und wie erlebten wir ihn als „Nevada Smith“? Es steht in der –> Rezension.

Handlung (1)

Der junge Halbindianer Max Sand (Steve MCQueen) wird Zeuge, wie seine Eltern von drei Banditen ermordet werden und schwört ihnen Rache. Er besitzt jedoch keinerlei Skills, die ihn befähigen würden, diese Rache auszuüben. Er lernt den Waffenhändler Cord  (Brian Keith) kennen, der ihm alles beibringt, was er wissen muss, später lernt er sogar lesen. In Abilene erledigt Max den ersten der drei Mörder (Martin Landau) in einem Messerkampf  und erfährt, dass der zweite bei einem Bankraubversuch festgenommen und in ein Straflager gesteckt wurde. Also tut Max, der als Cowboy arbeitet, so, als ob er die Lohnkasse überfallen wolle und wird ebenfalls in dieses Straflager eingewiesen, wo er den zweiten Mann (Arthur Kennedy) tatsächlich findet und mit ihm flieht – um in in den Sümpfen von Louisiana zu erschießen. Bis er den dritten Mann, den Kopf der Bande (Karl Malden) stellen kann, geht wieder einige Zeit ins Land und ein Priester tritt ins Leben des Rächers. Am Ende verletzt Max, der sich jetzt Nevada Smith  nennt, den Mörder schwer, befindet ihn aber nicht des Erschießens für würdig.

Rezension

McQueens „ultracooles“ Image muss man sich heute ein wenig zurechtlegen, weil er gegenüber Typen wie Clint Eastwood und dem sonstigen Personal in Italo-Western vergleichsweise emotional wirkt, und einige Italo-Western gab es damals schon, vor allem die beiden ersten der „Dollar-Trilogie“ von Sergio Leone. Auch wenn „Nevada Smith“ sicher einer der bis dahin gewaltreichsten Western war, steht er doch in einer gut nachvollziehbaren Linie zwischen dem traditionellen Genre und dem realistischer wirkenden Film im Allgemeinen, der sich von der Mythologisierung abwendete, Beschönigungen und Veredelungen weitgehend abschwor und sich in den 1970ern entfaltete.

Regisseur Henry Hathaway hat sich in „Nevada Smith“ den Zeiten angepasst, sich schrittweise vorgearbeitet, der  zeitlich  nächste Film von ihm, den wir rezensiert haben, ist „The Four Sons of Kathie Elder“ (1964) mit John Wayne, mit dem er mehrfach zusammengearbeitet hat. Die Karriere des Regisseurs begann schon in den 1930ern mit erfolgreichen Filmen wie „The Lifes of a Bengal Lancer“ (1935) mit Gary Cooper.

Sicher haben erste Einflüsse des Italo-Westerns schon auf Filme wie „Nevada Smith“ gewirkt, der aber nicht deren formale Stilisierung beinhaltet. Hathaway als Formalist, wenn auch als freiwillig nicht hundertprozentig präziser, wäre uns wohl nicht aufgefallen, hätten wir nicht diese interessante Analyse der ersten Filmminuten auf Deutsch (Dirty Laundry, Lukas Foerster) gelesen hätten. Wir gehen aber davon aus, dass diese Formstrenge in dem Moment endet oder sich doch stark abschwächt, in dem der junge Max auf seinen Rachefeldzug geht.

Was will uns dieser Film sagen?

Als der Western noch in einer ganz und gar bipolaren Welt angesiedelt war, hatte man’s mit dem Botschaften leichter. Meistens lief alles darauf hinaus, dass die Guten sich gegen die Bösen zu verteidigen hatten und dadurch ihre eigene Gewalt legitimiert war. Aber 1966 war schon eine andere Zeit, in welcher der Westen in zwei Richtungen abgebogen war: Die Westernkomödie „The Hallelujah Trail“ (1965), „Cat Ballou“ (1965), oft mit Starbesetzung gefilmt und die Italowestern, gerade war 1966 die „Dollar-Trilogie“ von Sergio Leone fertig geworden. Dazwischen gab es einige kritische Filme, die schon in Richtung Spätwestern wiesen und einige, die noch sehr traditionell daherkamen, vor allem, wenn sie mit John Wayne in der Hauptrolle besetzt waren.

In den Zeiten des Wandels und der Neuorientierung kann es leicht vorkommen, dass die Sicherheit etwas verloren geht. Viele Regisseure des großen Hollywoodkinos der vergangenen Jahrzehnte bekamen die veränderten Zeiten zu spüren und die meisten von ihnen hatten ihren Zenit überschritten, weil sie sich nicht mehr umgewöhnen konnten und wollten.  „Nevada Smith“ zeigt ein wenig, warum es so kam, obwohl er ziemlich erfolgreich war.

Es geht dabei nicht einmal uns Formelle, um die Entwicklung der Gewaltdarstellung  und das Aufbrechen sexueller Tabus, um alles, was wenige Jahre zuvor noch vom Production Code erfolgreich unterm Deckel gehalten wurde, sondern es geht auch um den Inhalt.

Max Sand soll zu Beginn des Films erst 16 Jahre alt sein, da beginnen die Probleme schon, denn Steve McQueen war sowohl zu Beginn als auch am Ende des Films beinahe doppelt so alt und es ist verdammt schwer, wenn man schon so viele Konturen im Gesicht hat, einen 16jährigen glaubhaft zu verköpern, noch dazu ein „Halbblut“, obwohl die gesamte Optik dagegen spricht. Der naive Junge, den er zu Anfangs spielt, wirkt deshalb vor allem sonderbar. Erst, als er zunehmend intelligenter und geradezu verschlagen agiert, gewinnt er an Authentizität. Ob es besser gewesen wäre, zwei Darsteller zu nehmen, ist Ansichtssache. Man hätte es dann so inszenieren können, dass das Beinahe-Kind den Mentor Cord schon mit Sechzehn trifft und dann etwa zehn Jahre mit ihm zusammenbleibt, bis er reif ist für seinen Rachefeldzug.  Das hätte zudem den Effekt reduziert, dass zwischen zwei Szenen gänzlich ohne Vermittlung durch Zwischentitel oder andere klare Abgrenzungen mehrere Jahre liegen, die man der Figur Max Sand aber nicht ansieht, sondern die man erst bemerkt, wenn sie agiert. Man muss sich dann daran gewöhnen, dass der Typ sich jedes Mal sehr wohl verändert hat – aber ausschließlich innerlich. Das drückt sich zwar in McQueens Spiel aus, aber nur bis zu einem gewissen, leicht unterstatet wirkenden Maß.

Am eklatantesten ist der Sprung zwischen der Szene, in der Max noch im Sumpf von Louisiana sitzt und niemand, am wenigsten er selbst, weiß, wie er da rauskommen wird, und der nächsten, in welcher er schon zurück im Westen ist und sich an die Verfolgung des letzten lebenden der drei Mörder macht.

Zwischnzeitlich lässt er zwei Frauen zurück, eine stirbt sogar aufgrund der Tatsache, dass sie mit ihm in Kontakt kam – nicht durch den Kontakt selbst, sondern durch einen Schlangenbiss und weil er sie bedrängt hat, ihm mit einem Boot zu helfen, um aus den erwähnten Sümpfen zu entkommen. Sie hätte ihm den Weg nach draußen weisen können, weil sie sich auskennt in der Gegend, aber sie lässt ihr Leben für nichts und der Rächer zieht weiter. Da ist zwar schon eine erhebliche Zunahme an Skills bei ihm zu beobachten, aber nicht im sozialen Bereich.

Ist es sein Kontakt mit dem Priester, der ihn später davon abhält, auch den dritten Mann umzubringen? Wobei der Film ja nicht verrät, ob der Mörder nicht im Wasser verblutet. Oder ist es die Tatsache, dass Max mehrfach unglaubliches Glück hat, weil andere ihm helfen, anstatt ihm eins auf den Pelz zu brennen, wie der Waffenhändler Cord, den er zunächst berauben will, anstatt ihn einfach um ein Essen zu bitten. Max bringt sich mehrfach in Schwierigkeiten und muss gesund gepflegt werden und jedes Mal verlässt er die Leute, die sich seiner angenommen haben um der Rache willen.

Natürlich ist ein Trauma entstanden, das in der erwähnten Anfangssequenz eindrücklich geschildert wird – wobei das ganz große innere Drama Mühe hat, sich dem Zuschauer zu vermitteln. Wie reagiert ein Sechzehnjähriger, wenn gerade Vater und Mutter grausam ermordet wurden? Wie spielt McQueen dann eine solche Szene? Die Aktionen an sich, die Reinigung in der Tränke und das Verbrennen des Hauses als symbolische Feuertaufe zwischen Kindheit und jähem Erwachen, die sind nachvollziehbar, aber zum Beispiel, als er einen Blick in das Haus geworfen hat, in dem die Leichen liegen, wirkt es ein wenig, als suche er nach dem richtigen Ausdruck und wird nicht recht fündig.  Wie er sich da mit der  Hand abstützt und dann zur Tränke schleicht oder wankt, das ist zu sehr zwischen namenlosem Entsetzen und theatralischer Aktion angesiedelt und keins von beiden erscheint wahrhaftig.

Schade, dass „Spiel mir das Lied vom Tod“ noch nicht gedreht war, an dem Film kann man sich abgucken, wie die Rache eines Jungen an den Mördern seiner Familie zur Kunstform erhoben wird – mit zwei Darstellern, wohlgemerkt, zwischen dem Jungen und dem späteren „Mundharmonika“ (gespielt von Charles Bronson) ist ein großer, sehr großer Unterschied, der durch die Situation der Hilflosigkeit und Unterlegenheit und der späteren, stillen, jedoch erbarmungslosen Dynamik des Erwachsenen geschaffen wird. Vielleicht ist es ungerecht, eine Stilikone wie Leones Meisterwerk mit einem amerikanischen Normalwestern zu vergleichen, aber wir kennen diese Filme heute alle und natürlich spuken die Unterschiede in der Bewältigung von filmischen Herausforderungen eines langjährigen Rachefeldzuges in unseren Köpfen herum. Zudem enthalten sich die Italowestern einer Mäßigungsattitüde, die in Filmen wie „Nevada Smith“ etwa im Auftritt von Geistlichen mit ihren Vergebungsideen manifestiert sind. Und die katholisch-italienischen Filmemacher, die sicher näher an all dem dran waren als ein Henry Hathaway, wussten, warum sie diesen Aspekt raushielten – nämlich um ihre Filme nicht zu verwässern und keinen falschen Zungenschlag zuzulassen.

In „Nevada Smith“ hinegegen ist die moralische Seite präsent, aber zweideutig. Was, so fragt man sich am Ende, ist nun mit dem Seelenheil von Max? Dass er Menschen unglücklich gemacht hat uns sogar den Tod einer unschuldigen Frau zu verantworten hat, kann ihm niemand wegnehmen, es sei denn, er absolviert eine finale Beichte, die wir aber nicht sehen und die auch ziemlich kitschig gewirkt hätte. Vermutlich ist er nicht einmal getauft, er weiß nicht, wer Jesus Christus ist. Wenn man so will, ist das sogar ein böser Rückgriff: Die indianische Mutter, gewiss selbst Analphabetin, dominiert die Erziehung, bringt dem Jungen, wenn überhaupt, ein  vorchristlich-archaisches Wertekorsett nah, der Vater lässt die Sache offenbar laufen, weil er mit Gold schürfen beschäftigt ist.

Dadurch ist Max gar nicht in der Lage, über die Blutrache hinauszudenken, und wer wiederum will ihm das verübeln? Das Problem, das hier aufgemacht und nicht gelöst wird, spiegelt den Zwiespalt, in dem sich die USA an sich befinden. Einerseits verbietet der christliche Glaube billige Rache und das Gesetz ist wichtig. Andererseits gibt es die Todesstrafe als Vergeltung  alttestamentarisch orientierter, nicht christlicher Natur – und eine insgesamt niedrige Gewaltschwelle. Gerechtigkeit und Rache werden oft gleichgestellt. Dem Druck, da ein Zeichen in eine andere Richtung zu setzen, waren Hathaway und die Drehbuchautoren nicht gewachsen und so bleibt Nevada Smith am Ende zurück als nicht kompletter Rächer, der sich dennoch mit dem Blut Unschuldiger befleckt hat.

Fazit

„Nevada Smith“ ist ein typischer, in vielen Belangen nicht konsequenter Übergangsfilm, der nicht nur ziemlich abrupte Handlungssprünge hat, sondern auch bezüglich seiner Botschaft nicht einheitlich wirkt. Filmisch ist vor allem die Totale oder Halbtotale dominierend, das Breitwandformat lädt ja auch dazu ein. Trotzdem hätte man die Bilder nicht nur mit Landschaft, sondern auch mit mehr Nähe zu den Figuren anfüllen können.

Unsere Distanz zum Film und seinen Figuren blieb über den gesamten Zeitraum hinweg groß, trotz des dramatischen Einstiegs. Was kann einem noch nicht erwachsenen Menschen Schlimmeres widerfahren, als dass Vater und Mutter ermordet werden? Dafür wirkt Max gar nicht so sehr getrieben, sondern am Anfang eben unerfahren.

Einige schwache Momente in der Logik hat der Film auch, wie zum Beispiel den, als die Bande um Tom Fitch (Karl Malden) mitsamt Max, den Fitch aufgenommen hat, an Jonas Cord vorbeireitet, der „Max, Max!“ ruft. Zuvor hatte Fitch Max peinlich genau ausgefragt und sogar provoziert, um sicher zu gehen, dass er nicht dieser Rächer ist, auf den mittlerweile ein Kopfgeld ausgesetzt wurde.  Spätestens in dem Moment hätte Fitch wieder hellhörig werden müssen.  Schon die Aufnahme in die Bande fanden wir fragwürdig. Wenn man nicht weiß, mit wem man es zu tun hat und ihn verdächtigt, dass er  Mordabsichten hat, lässt man ihn dann so dicht an sich heran? Wir hätten ihn dem Sheriff ausgeliefert und die ausgeschriebenen 2.500 Dollar kassiert (eine enorme Belohnung für damalige Verhältnisse und angesichts der bis dahin eher wenig hervorstechenden Straftaten von Max).

Gerade bei Western, die gerne gedreht werden, um archaische Muster, um menschliche Grunddispositionen zeigen zu können ohne durch moderne Wenns und Abers und technische Entwicklungen behindert zu sein und auch nicht durch eine funktionierende Ordnungsmacht, kann man problemlos sehr gute und geradlinige Plots basteln. Im Fall von „Nevada Smith“ ist das nicht so gut gelungen.

63/100

©  2021 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Henry Hathaway
Drehbuch John Michael Hayes
Produktion Henry Hathaway
Musik Alfred Newman
Kamera Lucien Ballard
Schnitt Frank Bracht
Besetzung

 

 

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