Die Brüder – Tatort 204 #Crimetime 1059 #Tatort #Frankfurt #Brinkmann #HR #Brüder

Crimetime 1059 – Titelfoto © HR

Es gab jedoch einen Zeugen

„Die Brüder“ ist der 4. Tatort mit Kommissar Brinkmann vom Hessischen Rundfunk und wurde 1988 erstmalig ausgestrahlt. Erzählt wird in Anlehnung an biblische Motive die Geschichte von zwei nicht nur optisch ungleichen Brüdern, von denen einer als Kommissar zunächst in einem Mord ermittelt, den der andere begangen haben könnte.

Freilich gibt der befangene Bruder Polizist dann den Fall an Kommissar Brinkmann ab, den Kollegen mit der Fliege. Auf eigenen Wunsch macht er das, nicht etwa, weil er dazu angehalten wird. Manchmal passen sich unsere Rezensionen schleichend dem Stil der Filme an, denen sie gewidmet sind. Um das beim Tatort Nr. 204 zu vermeiden, müssten wir bewusst ironisch und assoziativ schreiben, aber warum eigentlich? Mehr dazu in der Rezension.

Handlung

Als eine junge Frau frühmorgens aus dem Fenster schaut, fährt ihr ein schlimmer Schreck in die Glieder: Im Hinterhof des Frankfurter Zockerlokals „Schwarze Nelke“ liegt ein Mann in seinem Blut. Über Notruf alarmiert sie die Polizei.

Der Tote kann rasch identifiziert werden. Es handelt sich um den heruntergekommenen Journalisten Dr. Rieber; früher war er ein gefürchteter Theater- und Musikkritiker, seit geraumer Zeit bekam er jedoch kaum noch einen Auftrag. Offensichtlich ist er Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. Rieber war häufig Gast in der „Schwarzen Nelke“, wo im Hinterzimmer illegal gespielt wird. Angeblich hatte er in dieser Nacht viel Geld gewonnen, sich dafür aber Krach mit anderen Spielern eingehandelt, die ihm Betrug vorwarfen.

Kommissar Falb wird hellhörig, als Gerd Therkatz als einer der Verdächtigen genannt wird. Falb kennt Therkatz nur zu gut, denn dieser ist sein Halbbruder. Im Gegensatz zu Falb hat er keine solide Beamtenlaufbahn eingeschlagen, sondern hält sich finanziell mit allerlei undurchsichtigen Geschäften über Wasser.

Bei diesem Stand der Nachforschungen gibt Falb die Ermittlungen wegen Befangenheit an seinen Kollegen Brinkmann ab. Dieser möchte gern wissen, ob Falb gegebenenfalls versuchen würde, seinen Bruder zu decken. Einer entsprechenden Frage weicht Falb aus, bleibt aber auf eigene Faust in diesem undurchsichtigen Mordfall tätig. 

Rezension

So trist, wie sie in diesem Film dargestellt werden, waren die späten 1980er nicht. Selbst die Nachwende-Filme mit Kommissar Brinkmann – es existiert die beachtliche Zahl von 28 Tatorten mit Karl-Heinz von Hassel als Frankfurter Kommissar, sind aber noch einmal dröger, als der Filmstil damals allgemein war. Wir können nicht sagen, ob das auch ein Merkmal von Heinz Schirk ist, der hier für Drehbuch und Regie verantwortlich zeichnet. Er hat 9 Tatorte inszeniert und 12 Skripte für die Reihe verfasst, sein erstes stammt aus 1971 und wurde für den ersten Berlin-Tatort mit einem heute vergessenen Ermittler namens Kasulke geschrieben. Oftmals versucht die Regie mehr oder weniger virtuos, Drehbuchschwächen auszugleichen, aber bei „Die Brüder“ ist das schwierig zu entscheiden. Nicht, weil der Tatort künstlerisch „aus einer Hand“ ist, sondern, weil Schwachpunkte allerorten festzustellen sind.

Wir machen jetzt das, was im Film gebrandmarkt wird: Kritik, nicht Lob, Beschreibung, nicht konstruktive Verbesserungsvorschläge – wozu Letzteres auch, bei einem Film, der fast 30 Jahre alt ist? Dies ist kein Lektorat. Damit sind wir auch beim ersten Problem. Da wir keine Schirk-Spezialisten sind, wissen wir nicht, ob die tödliche Wirkung, die ein Theater- und Musikkritiker mit einem einzigen Artikel im Feuilleton bei denen auslösen kann, nur deshalb nicht autobiografisch ist, weil Schirk überlebte und weitermachte, was ihn in die Lage versetzte, uns „Die Brüder“ zu schenken. Außerdem differenzieren wir.

Wenn ein langgedienter Schauspieler in einer bestimmten Rolle schlecht bewertet wird, ist das ein normaler Vorgang, den er schon kennen dürfte, wenn er sich so hochdienen musste wie hier der Shakespeare-Darsteller, und bei aller Eitelkeit, die Schauspielern eigen ist, ein Mordmotiv? Bei einer jungen Frau, die erstmalig auftritt, mag das etwas anders sein, aber Newcomer werden normalerweise auch nicht so in Grund und Boden geschrieben, wenn sie nicht tatsächlich komplett unbegabt sind. Wenn sie das sind, spüren sie es aber meist auch tief drinnen und haben zum Ausgleich die Fähigkeit, sich selbst trotzdem für gut zu halten und begehen nicht Selbstmord, sondern versuchen es in der nächsten Casting-Show.

Andererseits wissen wir doch, dass Martin Walser „Tod eines Kritikers“ geschrieben hat, und wir wissen auch, wer gemeint ist; derjenige, der in der Tat auf dem Feld der Literaturkritik am meisten Kante gezeigt hat. Ein Vorbild für den versoffenen und im Dauerabstieg begriffenen Dr. Rieber sollte er trotz der Identität des Nachnamens-Anfangsbuchstabens aber nicht gewesen sein, das wäre doch zu diffamierend. In die Richtung tendiert auch die Darstellung der einzigen etwas besonderen Person in diesem Film, des Ex-Lebenspartners von Rieber, der in etwa die tuntigste Tunte ist, die wir bisher in einem Tatort anschauen durften, der Sommerpelzträger Helo.

Nicht dessen Überzeichnung ist das eigentliche Problem, sondern etwas, das ziemlich subtil in der Rückblende versteckt wird, in welcher er Zeuge der Tötung seines Lebenspartners wird. Da reagiert der sonst so Tränengeneigte eiskalt und verliert auch jede Tuntigkeit. Das impliziert vor allem, dass Schwule mit Neigung zur Darstellung einer extrovertierten Weiblichkeit lediglich eine Rolle spielen und man vor denen sehr auf der Hut sein muss. Vielleicht auch so eine Lebenserfahrung des Autors und Regisseurs, die da mitspielt. Unsere Erfahrungen gehen dahin, dass Homsexuelle Männer, die so orientiert sind, zwar in der Tat ungemein zickig sein können und dabei eine Mischung aus weiblicher Attitüde und männlichem Ego zutage bringen, aber gespielt ist diese Veranlagung nach unserer Ansicht nicht in der Form, wie sie hier gezeigt wird. Selbstverständlich halten sich „Tunten“ im beruflichen Alltag mehr zurück als beim Christopher Street Day, aber sie sind meist auch in Berufen tätig, in denen sie sich etwas mehr ausleben oder wenigstens in ihrer Orientierung freier bewegen können als in den ganz konservativen Jobs.

Wenn man von diesem Helo absieht, sind die Figuren wenig interessant, das trifft leider auch auf die Ermittler zu, obgleich diese als Currywurst-Pioniere hervortreten, ihren Spuren folgten also die aktuellen Kölner Cops lediglich. Dass wir dem Film mühelos gefolgt sind, obwohl es schon ziemlich spät am Abend war, liegt wohl daran, dass wir im Moment einfach nicht vor dem Fernseher einschlafen können, komme was wolle. Oder? Nein, so schlimm ist es nicht, den Spuren vergangener Jahrzehnte und gesellschaftlicher Entwicklungen nachspüren zu können, an sich ist das bereits spannend. Diese furchtbare Eingangssituation mit Frau, die abhauen will und dem Mann, der sein  Betthasi mit der Frau gleichzeitig in der Wohnung hat, mag damals schockierend gewesen sein, führt aber im Fall zu gar nichts. Nicht einmal das zähe Ringen der Brüder miteinander, das dem Film den Titel gibt, ist letztlich der Motor der Dinge, sondern wieder einmal ein Tötungsdelikt, das nicht als solches geplant war. Ein tödlicher Unfall, ein Überschuss an Ausführung gegenüber der Absicht.

Dass dieser Täter überführt werden kann, liegt nicht etwa an konsequent angewendeter Kriminaltechnik, sondern an einem von Brinkmanns Assistent listig erschlichenen Geständnis. Schon 1988 sollte bekannt gewesen sein, dass ein solches im Strafverfahren nicht verwertet werden darf. Aber wenn das Drehbuch in der Sackgasse steckt und die geplante Spielzeit schon fast vorbei ist, geht es manchmal nicht anders. Auch dies ist nicht speziell brinkmannsch, sondern wird in Tatorten ganz unterschiedlicher Sender und Qualität aus der Trickkiste gezogen, wenn guter und legaler Rat in Sachen Ermittlung zu teuer und aufwendig wäre.

Finale

Die Symbolik, die in der Kleidung mancher Figuren liegt, ist auch ziemlich dick aufgetragen. Nicht nur, weil der Pelzmantel von Helo für fast jede Jahreszeit zu dick ist, zumindest im Frankfurter Raum, sondern auch, weil die Brüder zum Beispiel so auffällig voneinander abgesetzt werden. Damals gab es offenbar noch keine Schleichwerbungs-Richtlinien, deswegen ist nichts dagegen einzuwenden, dass der Zocker und Frauenheld unter den beiden ein Lacoste-Polohemd trägt, aber muss der Bruder Kommissar wirklich helle Tennissocken zum blassbeigen Anzug und dann diese schwarzen Slipper verpasst bekommen, nur damit jedem klar ist, dass der Mann überhaupt keinen Stil hat (im Gegensatz zu Brinkmann mit Fliege und Dreireiher, der wenigstens einen eigenen Stil hat)? Dass die Kleidung bewusst inszeniert wurde, besagt schon die Tatsache, dass die Kamera sich in der einen oder anderen Einstellung ziemlich aus der Nähe mit ihr befasst.

Was dem Film am wesentlichsten fehlt, ist die Möglichkeit des Zuschauers, ein Schicksal adoptieren  und eine emotionale Bindung zum betreffenden Charakter aufbauen zu können. Eine kritische Distanz bleibt so auf jeden Fall gewahrt, könnte man es positiv formulieren.

6/10

Diese Kritik hatten wir vor fünf Jahren als Tandem-Beitrag zum aktuellen Frankfurt-Tatort „Die Geschichte vom bösen Friederich“ ausgewählt und würdigen damit zugleich den 4. Vorgänger in der Linie, die zum heutigen Frankfurt-Ermittlerteam Jannecke / Brix hinführt. Auf Brinkmann folgten Sänger und Dellwo, auf diese Steier und Mey, dann kam das heutige Team. „Die Brüder“ mit seiner schwachen Wertung ist kein optimaler Nachruf- oder Gedenk-Beitrag, aber wir hatten lediglich drei Tatorte mit Kommissar Brinkmann im Archiv, die noch nicht veröffentlicht waren, und die beiden übrigen sind sogar nur mit je 5/10 bewertet. Das weist sicher auf ein strukturelles bzw. inszenierungsseitiges Problem der Brinkmann-Fälle hin, die heute recht veraltet wirken – aber wir kennen Karl-Heinz von Hassel als einen Schauspieler, der von Beginn an in ganz unterschiedlichen Rollen in Filmen der Tatort-Reihe auftrat und die Serie als einer der am häufigsten eingeetzten Darsteller mitgeprägt hat.

© 2021 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Brinkmann – Karl-Heinz von Hassel
Kommissar Falb – Hans-Werner Bussinger
Robert Wegener, Kriminalhauptmeister – Thomas Ahrens
Gerd Therkatz – Wolfgang Mascher
Hanna Therkatz – Barbara-Magdalena Ahren
Helo Schwartze – Lutz Mackensy
Wilhelm Ramm – Franz Rudnick
Fred Berutzke – Hans Rudolf Wyprächtiger
Kalle – Hans Clarin
Mike Schulz – Ronald Nitschke
Sonja Schulz – Veronika Faber

Buch – Heinz Schirk, Regie – Heinz Schirk

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s