Blutiges Geld – Polizeiruf 110 Episode 309 Crimetime 1063 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #Lindner #MDR #Geld #Blut

Crimetime 1063 - Titelfoto MDR, Andreas Wünschirs

Ein Wind, ein Kind

Den Nachfolgefilm „Risiko“ von Schmücke und Schneider hatte ich vor „Blutiges Geld“ gesehen und war mir nicht sicher, ob man Nora Lindner nicht einfach so hat reinplatzen lassen, ins gemütliche Dienstzimmer der beiden Herberts. Nach „Blutiges Geld“ weiß ich: Sie ist ganz ordentlich und schön kontrovers eingeführt worden. Natürlich mit einer Demutsgeste, wie sie Frauen bei Herren wie den Hallenser Dauerkommissaren zeigen müssen: Sie hat bei ihrem vorherigen Job einen Fehler gemacht, handelt gerne eigenständig, alles ging gut, aber: Nicht so emotional, mein Kind! Hat in „Risiko“ erst einmal nichts genützt, der „Generationenkonflikt“ wird neu aufgewärmt. Sowas haben sich Kommissarinnen und ihre Darstellerinnen in anderen Städten gespart und wurden gleich als Leitende installiert (Ludwigshafen, Bremen, Hannover). Allerdings in der Reihe „Tatort“, während man beim Polizeiruf schon in den 1980ern die große Anfangstradition mit einer weiblichen Ermittlerin nicht fortsetzen konnte oder wollte. Wollen wir uns damit weiter beschäftigen? Ob das der Fall ist oder nicht, zeigt sich in der -> Rezension.

Handlung (1)

In einem Halleschen Baumarkt dringt kurz nach Ladenschluss ein maskierter Täter in die Büroräume ein und fordert die Tageseinnahmen. Als er bemerkt, dass Baumarktleiter Weller ihn erkannt hat, schießt er auf ihn und nimmt zwei der Frauen als Geisel, die ihn mit ihrem Auto vom Tatort bringen müssen. Eine der Frauen lässt er zwischendurch frei und fährt mit Rita Dreher allein weiter, die er kurze Zeit später ebenfalls unbeschadet gehen lässt.

Die Polizei wird verständigt und als Schmücke und Schneider am Baumarkt eintreffen, erwartet sie ihre neue Assistentin, die junge Oberkommissarin Nora Lindner. Sie hat bereits eine Ringfahndung eingeleitet und vernimmt die Zeugen, was Schmücke alles ein wenig zu schnell geht.

Ein erster Verdacht fällt auf Wellers Ehefrau, die von ihrem Mann getrennt lebt und einen neuen Lebensgefährten hat. Angeblich ist die Trennung einvernehmlich abgelaufen und Mathias Kirch mit Weller befreundet. Auf diesen wird im Krankenhaus in der Zwischenzeit ein Anschlag verübt, sodass er nun im Koma liegt.

Am nächsten Tag wird die Tochter von Wellers behandelnder Ärztin entführt. Der Entführer fordert, dass sie Weller sterben lassen soll. Obwohl Dr. Lund entschlossen ist, die Forderung zu erfüllen, bringt sie es am Ende doch nicht fertig, sondern vertraut sich Kommissar Schneider an. Dieser ruft Schmücke und Lindner zu Hilfe, die sich dafür einsetzen, dass alles so arrangiert wird, als ob Weller tatsächlich gestorben wäre, er aber zu seiner Sicherheit in eine andere Klinik verlegt wird. Der Plan gelingt, doch kommt das Kind nicht so schnell frei wie gehofft.

Schmücke und Schneider halten die ganze Zeit Wellers Exfrau und ihren Lebensgefährten für tatverdächtig, doch dieser war nachweislich zum Zeitpunkt der Entführung nicht in Deutschland. Nach einem Hinweis von einer Baumarktsangestellten gerät der Freund von Rita Dreher unter Verdacht. Ralph Herder wird vernommen und leugnet zunächst, verrät sich dann aber doch. Er gibt zu, dass er die Nerven verloren hatte, als er bemerkte, dass Weller ihn erkannt hatte. Mit einem weiteren Mordanschlag und der Entführung des Kindes hätte er jedoch nichts zu tun. Während Schmücke und Schneider Ralph Herder festnehmen, ist ihre neue Kollegin Lindner auf der Suche nach dem Versteck des Kindes. Über eine Handyortung muss es sich in der Nähe des Büros von Mathias Kirch befinden, dem Lebensgefährten von Wellers Exfrau. Nachdem Lindner das Kind tatsächlich findet, kann auch der Entführer, der sich als Frau herausstellt, gefasst werden. Es handelt sich um Rita Dreher, die erklärt, dass sie die Aktion nur zu Ende führen wollte und Weller abgrundtief hasste.

Rezension

Blutiges Geld ist ein deutscher Kriminalfilm von Hans Werner aus dem Jahr 2010. Es ist die 309. Folge innerhalb der Filmreihe Polizeiruf 110 und der 43. Fall für die Hallenser Kommissare Schmücke und Schneider. Für Oberkommissarin Nora Lindner (Isabell Gerschke) ist es der erste Einsatz, in dem sie ihren neuen Kollegen zur Seite steht. Der Film wurde am 5. April 2010 im Ersten zur Hauptsendezeit erstmals ausgestrahlt. (1)

Kürzlich hatten wir die Rezension zu „Am Abgrund“ veröffentlicht, einem Frühwerk von Hans Werner – einem vielversprechenden Frühwerk innerhalb der Reihe Polizeiruf 110. Im Jahr 2010 hatte er die nicht so einfache Aufgabe, Schmücke und Schneider eine Teamkollegin beizustellen, die gerade halb so alt war wie die beiden. Während Herbert 2 (Schneider) sich gleich recht gut dreinfindet, zickt Herbet 1 (Schmücke) wieder mal mehr rum, er ist ja auch die Diva. Immerhin hat Herbert 2 nun eine Leidensgenossin, wenn er von Herbert 1 mal wieder mehr oder weniger sanft diskriminiert wird. Das hätte man besser machen können, nämlich so, dass die Konfrontation wirklich Sinn ergeben hätte: Nora Winkle wirkt viel zu nett, als dass man sich ihr gegenüber so verhalten könnte, wie Schmücke es tut („Ich hatte einen Mann angefordert!“).

Dies im Jahr 2010, als andernorts Kommissarinnen seit vielen Jahren als leitende Ermittlerinnen tätig waren. Andererseits: Ein Altherrenzimmer ist eben nicht mehr das, was es war, nach einem solchen Kulturschock. Vielleicht hätte man, um den Halleschen Polizeiruf aufzufrischen, einen anderen Weg gehen können. Jedenfalls fand ich in den folgenden Polizeirufen, die ich bereits fast alle kenne, dass Lindner dem Team guttut – und zwar auf eine Weise, die eine Fortsetzung ihres Einsatzes nach dem „Ausstieg“ von Schmücke und Schneider im Jahr 2013 als logische Lösung hätte erscheinen lassen. Stattdessen hat man die Magdeburg-Schiene kreiert, um alles anders zu machen und bis heute trägt man schwer daran, ob man sie nun maximal desaströs und düster darstellen soll oder doch vielleicht ein bisschen Menschlichkeit zulassen könnte, insbesondere bei KHK Doreen Brasch.

Der Fall Baumarkt als solcher ist leider auch kein Meisterstück. Er zerfällt in zwei Teile, einen Whodunit und einen Thriller, während der Whodunit weiterläuft und sich mit dem Thriller auflöst. Ehrlich, in dem Moment, in dem das Mädchen in eine enge Box von einem Raum eingesperrt war, interessierte mich nicht mehr so sehr, wer den Baumarktleiter umgebracht hatte, denn er war nun einmal tot und außerdem ein Arsch, wie sich kurz vorher am Umgang mit seiner langjährigen Vertreterin gezeigt hatte. Dass ausgerechnet sie der Typ ist, der zusammen mit einem Freund, dem man das nie zutrauen würde, den Raubüberfall auf die Kasse des Marktes begeht, wobei unvorhergesehenerweise der Marktleiter umkommt, weil er jenen Freund erkennt hat – und dann auch noch das Kind entführt, was man ihr nie zugetraut hätte und was bis zum Schluss schlimm unglaubwürdig wirkt – auweia!

Der Gedanke, dass Marktleiter und Räuber einander erkannt hatten, kam mir bereits in der entsprechenden Szene in den Sinn, aber der Helm ging nicht auf, anders, als am Schluss gesagt wird, es wirkte eher, als habe der eine den anderen durch die Verspiegelung hindurch identifiziert. Das ist ein sehr kurzer Moment, der außerdem überhaupt keinen Hinweis auf die Täterperson gibt, denn die Verdächtigen waren alle mit dem Marktleiter bekannt. Und dann dieses Rachemotiv, wegen welcher die Frau mit dem Motorrad das Kind einer Ärztin entführt, damit diese den Marktleiter, der von ihrem Freund nur angeschossen wurde, sterben lässt. Welch eine Idee – die finanziell gar nichts bringt, sondern nur aus einem Rachegefühl heraus geboren wurde. Das habe ich der Person, die sie ausführt, nicht abgekauft und damit fällt auch das ohnehin gewagte Konstrukt des Films in sich zusammen oder kippt zur Seite. Spätere Filme mit dem nunmehr Dreierteam haben mehr zu bieten.

Finale

Man könnte sagen, „Blutiges Geld“ war ein Übergangsfilm. Plottechnisch steckt der Halle-Polizeiruf noch weitgehend in den ausgelutschten Mustern der 2000er fest, die sich so eingeschliffen hatten, dass wohl nirgendwo sonst Primetime-Krimi-Episoden einander so ähnlich waren wie die MDR-Filme mit Schmücke und Schneider. Man schafft etwas mehr Konflikt im Team, das geht aber zu Lasten des Plots, als habe man Lindner nachträglich hineingeschrieben und dann bei der Charakterzeichnung der Episodenfiguren so kürzen müssen, dass ausgerechnet die Täterperson(en) viel zu wenig aufspielen können, um die Zuschauer von ihrem Tun zu überzeugen. Details wie „Wer ist wann mit welchem Vehikel unterwegs“ wirken am Ende mehr oder weniger irrelevant und mehr arrangiert, damit Schmücke und Schneider mal im Schwalbennest einchecken können und zusammen auf einem dieser Zweiräder sitzen dürfen, obwohl das arme Gerät fast unter ihnen zusammenbricht. Trotzdem hat sich vielleicht manch DDR-Nostalgiker über die Szene gefreut. Sei gegönnt.

5,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans Werner
Drehbuch Michael Arnal,
Hans Werner
Produktion Peter Gust
Musik Markus Lonardoni
Kamera Oliver-Maximilian Kraus
Schnitt Philipp Schmitt
Besetzung

 

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