Totenstille – Polizeiruf 110 Episode 215 #Crimetime 1091 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Offenbach #Grosche #Schlosser #Reeding #HR #Totenstille

Crimetime 1091 – Titelfoto © HR

Stille inmitten des Raves?

Totenstille ist ein Kriminalfilm des HR von Marc Hertel aus dem Jahr 2000 und erschien als 215. Folge der Filmreihe Polizeiruf 110. Es ist die dritte Folge mit dem Ermittlertrio Schlosser (Dieter Montag), Reeding (Chantal de Freitas) und Grosche (Oliver Stokowski).

Ich kann mich gut erinnern an den Hype mit den Raves Ende der 1990er und zu Beginn der 2000er und die Loveparade wird natürlich auch erwähnt. Der DJ oder die DJane als König*in der Welt. Ein sehr zeitgeistiger Film, den der Hessische Rundfunk mit „Totenstille“ ins Rennen um die Gunst des Kinopublikums geschickt hat. Wie er heute wirkt, erklärt die -> Rezension.

Handlung (1)

In einem Offenbacher Hinterhof wird der Besitzer eines Musikstudios tot aufgefunden. Unter Tatverdacht gerät der gerade aus Amerika eingetroffene Techno-Star Snuff Bobby G.

Rezension

Die Kritiker der Fernsehzeitschrift TV Spielfilm gaben diesem Polizeiruf den „Daumen nach oben“ und meinten: „Das Drehbuch von ‚Achtung Arzt!‘-Macher Rolf Silber ist zwar nicht gerade der Hit, aber dafür entschädigt das sympathische Spiel der schüchtern-trockenen Ermittler.“ Insgesamt fanden sie: „Der hippe Lack ist ab, dennoch sympathisch.“[1]

Kürzlich hatte ich „Mordsmäßig Mallorca“ vom WDR gesehen, mit dem Team aus dem fiktiven Ort Volpe. Offenbach gibt es wirklich und es wirkt auch recht wirklichkeitsnah, sogar die Darstellung der Techno-Musikszene in jenen Jahren kam mir relativ authentisch vor. An der Oberfläche zumindest, wie es hinter den Kulissen läuft, kann mir höchstens allgemeinwirtschaftlich und psychologisch schlüssig erscheinen, bezüglich der Branche fehlt mir die Tiefenkenntnis. Es war gar nicht so einfach, zu erklären, wie aus der Art, wie in der Szene Musik gemacht wird, Mordmotive entstehen können, aber grundsätzlich gibt es Zwist um Ruhm und Geld natürlich überall, wo es um Ruhm und Geld geht oder umgekehrt. Meistens umgekehrt, aber natürlich nicht bei den Stars der damals angesagten Clubszene, bei ihnen spielte beides wohl gleichermaßen eine Rolle und dann die Mädels im Umfeld. Pate standen sicher, mehr oder weniger in toto, nicht als direktes Vorbild für Snuff Bobby G., dessen Name natürlich an Snuff Daddy angelehnt ist. Das beweist, wie aktuell man den Film halten wollte, denn Snuff Daddy wurde erst Ende der 1990er bekannt. Vermutlich handelt es sich demnach eher um eine Anspielung auf den US-Rapper Puff Daddy oder eine Anspielung auf beide Künstlernamen. Man muss Größen der Szene wie Armin van Buuren, Sven Väth oder Paul van Dyck natürlich mitdenken und immerhin eine Djane von großer Bekanntheit gab es mit Marusha ebenfalls, sowie viele weitere lokale Größen in Ländern, in denen Techno besonders angesagt war.

Die Polizistin Carol Reeding und das Groupie Alida sind aber weit davon entfernt, eine der zentralen Figuren des Business zu sein und Reeding entscheidet sich doch lieber für die solide Arbeit beim Staat, während Alida weiter Glückspillen einschmeißt, um den Stress durchzustehen, den es bedeutet, in einer insgesamt sehr drogenhaltigen Szene Fuß zu fassen. Jule Böwe spielt dieses Mädchen recht gut und Chantal de Freitas als Carol Reeding wirkt unglaublich sympathisch. Was man von dem gesamten Team sagen kann. Deswegen habe ich auch die Kurzkritik von TV Spielfilm vorangestellt. Das Drehbuch ist in der Tat recht kompliziert, aber das Team, wie schon in „Kleiner Engel“ und „Schellekloppe“ festzustellen war, ist etwas Besonderes. Sehr schade, dass der HR seine Polizeirufschiene aufgegeben hat; bereits ab dem vierten Einsatz schied Chantal de Freitas aus dem Team aus und ihre Rolle wurde von Demenesch Zoudé übernommen. Diese Episoden kenne ich noch nicht, aber ich habe schon eine Ahnung, was sich durch diesen Wechsel auch an der Statik des Teams verändert haben könnte. Es lebt davon, dass es quasi hierarchiefrei arbeitet und niemand Allüren hat oder prätentiös wirkt. Abgesehen von der Jugendlichkeit zweier Teammitglieder stellt man sich reale Arbeit bei der Kripo so vor, wenn sie gut funktioniert und moderne, unverkrampfte Typen am Werk sind. Ein Krimi beinhaltet in der Regel Kapitalverbrechen, aber man kann sich trotzdem auf eine Weise wohlfühlen, nämlich gut aufgehoben, als Zuschauer. Sehr schade deshalb, dass der HR die Polizeirufe aufgegeben und sich ab 2003 ganz auf das neue Tatort-Team Sänger und Dellwo konzentriert hat. Die beiden sind top gewesen, aber eben ganz anders. Der Eindruck, dass der Polizeiruf die bodenständige Version des Tatorts ist, war damals sicher auch bei den Sendern etabliert und dabei entstanden interessanterweise Ansätze, die heute noch frisch wirken.

Allerdings ist die eigene Wahrnehmung dabei auch zu prüfen: In der Besetzung von „Totenstille“ hat das HR-Team nur drei Filme zusammen gemacht und wenn man bereits so viele Tatorte und Polizeirufe rezensiert hat wie ich, zuletzt viele Polizeirufe mit Schmücke und Schneider, hat man bei einem so „seltenen“ Team weniger das Gefühl, schon alles zu kennen – und objektiv können sich bei so wenigen Filmen noch nicht die Manierismen dergestalt herausbilden wie bei den Teams, bei denen sie geradezu konstitutiv geworden sind.

Wie kam der Film zu seinem Titel? Weil diejenigen, die darin umgebracht werden, keine Musik mehr machen können und es dann um sie herum totenstill ist? Ein anderer Bezug ist mir nicht ein- oder aufgefallen. Immerhin veranlasst der Titel um Nachdenken über seinen Sinn. Bezüglich des Personaltableaus hingegen lässt sich sagen, dass der Polizeiruf Nr. 215 einer für Reeding ist. Falls der Abgang von Chantal de Freitas damals bereits klar war, hat man ihn wohl bewusst nicht thematisiert und es ist festzustellen: Anerzählt ist auserzählt. Am Ende scheint sie mit Grosche  zusammenzukommen, nachdem er ihr zuvor immer ausgewichen ist, aber ihr Kind, das ist von dem DJ, der berühmt wurde und, so viel verrate ich trotz der dieses Mal kurzen Handlungsangabe, die das Ende nicht zeigt, nicht die Täterperson ist. Manche halten ihn für arrogant, aber es ist psychologisch konsequent, dass er es nicht nötig hat, die zurückgebliebenen Musikmacher von Offenbach bzw. die in Offenbach zurückgebliebenen Musikmacher umzubringen, weil es um Rechte an alten Songs geht. Wie diese Rechte verteilt sind, wäre in der Tat ein guter Gegenstand für ein Diagramm gewesen, ansonsten lässt sich kaum ermitteln, ob die Logik eingehalten wurde. Der Realismus des Verfahrens, wie die Musik in den Technowerkstätten ausgebrütet wurde, lässt sich für mich nur auf einer oberflächlichen Ebene beurteilen, siehe oben.

Finale

Ich habe mich mit dem Film sehr kommod gefühlt, nicht nur wegen der Erinnerungen an die 1990er, sondern auch wegen des Teams und der Schlüssigkeit der Charaktere im Team. Ein herausragender Krimi ist „Totenstille“ sicher nicht, doch die Täterperson und deren Motive konnte ich nachvollziehen. Es hatte sich, wenn man ein wenig aufgepasst hat, abgezeichnet, dass diese Person in den Vordergrund rücken würde. Ihr tragisches Ende macht betroffen, aber hat zumindest bei mir keine schlaflose Nacht nach sich gezogen; ich musste jetzt, drei Tage nach dem Anschauen des Films, sogar nochmal kurz überlegen, was in jenem verhängnisvollen Moment mit Klarblick bis nach Frankfurt geschah. In Erinnerung blieb mir die vage-positive Entwicklung der Beziehung von Grosche und Reeding. „Totenstille“ ist ein schöner Erzählkrimi, in dem es vor allem um Menschen, ihre Beziehungen und ihre Träume geht. Oft sind es Träume und Defizite bei der Umsetzung, die irgendwann dazu führen, dass die Emotionen sich tief ins Gewaltsame kehren. Es geht einfach nicht mehr und dann passiert es.

8/10

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2021)

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie Marc Hertel
Drehbuch Rudolf Bergmann
Rolf Silber
Kamera Armin Alker
Schnitt Stefan Blau
Besetzung

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