Filmfest 910 Cinema
Schwarzer Sonntag ist ein US-amerikanischer Thriller aus dem Jahr 1977. Regie führte John Frankenheimer; die Romanvorlage stammt von Thomas Harris
Regisseur John Frankenheimer hatte fünfzehn Jahre vor „Schwarzer Sonntag“ in einem seiner frühen Filme bewiesen, dass er Politik inszenieren kann: In „The Manchurian Candidate“. In Actionfilmen wie „Grand Prix“ (1966) legte er auch klar, dass spektakuläre, actionreiche Stoffe für ihn kein Problem darstellten, insbesondere die Beherrschung von aufwendigen Massenszenen. Der Schritt zum Nahost-Konflikt als Thema eines Thrillers ist allerdings ein großer, und genau dieser Stoff ist einer der schwierigsten, wie die Tatsache beweist, dass mehr als 45 Jahre nach dem Entstehen des Films jener Nahostkonflikt unlösbarer scheint denn je. Wir erlauben uns einen Stoßseufzer, gehen wieder ins Jahr 1977 und verweisen auf die –> Rezension.
Handlung (1)
Eine Splittergruppe der palästinensischen Terroreinheit Schwarzer September plant einen Anschlag in den Vereinigten Staaten. Unterstützt werden sie von dem Vietnam-Veteranen Michael Lander, der nach seiner sechsjährigen Kriegsgefangenschaft, darunter in Einzelhaft, als Luftschiff-Pilot arbeitet. Nach Jahren der Folter in vietnamesischen Lagern, eines Prozesses vor einem Militärgericht und einer gescheiterten Ehe ist er verbittert. Treibende Kraft des Anschlags ist die Palästinenserin Dahlia Iyad, die während des Palästinakriegs aus ihrer Heimat vertrieben worden war und dann in Flüchtlingslagern aufwuchs. Sie rechtfertigt den Plan mit der finanziellen und militärischen Unterstützung Israels durch die USA.
Sie will mit dem Anschlag weltweit auf das Schicksal des palästinensischen Volkes aufmerksam machen. Ihr Gegenspieler ist der Mossad-Agent David Kabakov, der Dahlia bei einem Angriff auf das Quartier des Schwarzen Septembers verschont. Dahlia organisiert den Schmuggel von 500 kg Plastiksprengstoff in die USA, Lander plant die Explosion einer an der Unterseite der Gondel seines Luftschiff befestigten Splitterbombe im Orange Bowl Stadium während des Superbowl-Finales in Miami.
In der Splitterbombe befinden sich 250.000 Stahlpfeile. Kabakov kann Dahlia mit Hilfe einer Tonbandaufnahme identifizieren; trotzdem schaffen es Lander und Dahlia nach einem erfolgreich verlaufenden Test, mit der Bombe an Bord zu starten. Mit Hilfe des CIA-Agenten Sam Corley nimmt Kabakov in einem Hubschrauber die Verfolgung auf. Während eines Feuergefechtes wird Dahlia getötet; dem schwer verletzten Lander gelingt es, die Lunte der Bombe über dem Stadion zu zünden. Kabakov seilt sich aus dem Hubschrauber zu dem Luftschiff ab und nimmt das Heck an einen Schlepphaken. Es gelingt ihm, das Luftschiff auf das offene Meer zu ziehen, wo die Bombe schließlich explodiert.
Rezension
Es ist schon beeindruckend, wie sich das das Goodyear-Luftschiff aufs Stadion zubewegt und sich dann über den Rand auf die Zuschauer hin bewegt, und es wirkt alles sehr echt, in einer Zeit, in der man noch keine Computeranimation verwenden konnte, um dieses reale Ereignis, das man fürs Finale verwendet hat, den Super Bowl des Jahres 1976, so zu bearbeiten, dass es am Bildschirm bei minimalem Personalaufwand maximal dramatisch ausgenutzt werden kann. 80.000 Tote wären zu beklagen gewesen, hätte der Terroranschlag auf dieses Mega-Sportereignis funktioniert, darunter der Präsident der Vereinigten Staaten – dessen Anwesenheit allerdings erst kurzfristig annonciert worden und von den Terroristen nicht in ihre Pläne einbezogen worden war.
Ob das Ende mit dem Polizeihubschrauber, der das Luftschiff gerade noch aus dem Stadion zurückziehen kann, realistisch ist, mag jeder für sich entscheiden, der sich mit den physikalischen Konditionen des gesamten Terrorplans und seiner Ausführung auseinandersetzen möchte, uns haben schon die Assoziationen zum Hindenburg-Desaster, dessen letzte Minuten teilweise mit ähnlichen Kamera-Einstellungen gefilmt worden war wie die Goodyear-Luftschiffe in dem Moment, als sie zu gefährlichen Waffen geworden waren, um den Atem anzuhalten.
Im Kern trieb uns aber etwas anderes um, und das hat den Thriller einerseits verstärkt, andererseits spätestens nach dem Ende sofort relativiert. Wir sind also in den 1970er Jahren. Dem Jahrzehnt, in dem aufgrund des großen Erfolges von „Airport“ (1969) die Katastrophenfilme zu einem eigenen Genre anwuchsen, nicht nur mit den Nachfolgern dieses Films, sondern auch mit Bränden in Wolkenkratzern und ähnlichen technisch bedingten Groß-Unglücken. Hinzu kam der Anschlag auf die israelische Mannschaft während der Olympischen Spiele in München 1972 und die folgende Terrorwelle in Europa und durch die palästinensische Gruppe „Schwarzer September“, gleichzeitig der vielleicht einzige ernsthafte Versuch seitens der USA unter Präsident Jimmy Carter, eine Befriedung des Nahen Ostens zu erzielen. Aus dieser Gemengelage entstand der zugrundeliegende Bestseller von Thomas Harris, auf dem der Film beruht und der kurz darauf die „Hannibal Lecter“-Buchreihe schrieb, auf der u. a. der Thriller „Das Schweigen der Lämmer“ (1990) beruht.
Das klingt alles sehr vielversprechend, außerdem können wir an dieser Stelle schon verraten, dass Bruce Dern (Hauptrolle ein Jahr zuvor in „Familiengrab“, Alfred Hitchcocks letztem Film) und Robert Shaw als traumatisierter Vietnamsoldat und als Mossad-Agent ihre Rollen sehr gut spielen – wohingegen wir Marthe Keller vom Typ ein wenig als zu easy going für ihre Rolle als fanatisierte Palästinenserin empfanden. Die Spannungskurve des Films ist sehr gut, das Duell zwischen den Kontrahenten könnte in Parallelmontagen nicht besser gestaltet sein, jeder Zug, jeder Gegenzug, sind perfekt aufeinander abgestimmt. Auf der Spannungsebene wäre der Film natürlich noch besser, wenn man gleich das weggelassen hätte, dessen Ausformung den Ansatz zu unserer Kritik darstellt:
Den politischen Hintergrund und die geradezu scheinheiligen Erklärungen dazu. Aber noch einmal zur Spannung. Sie hatte uns auch deshalb erfasst, weil wir den Film nie zuvor gesehen hatten und traditionell nicht im Voraus recherchieren, um eben den unverfälschten Eindruck zu erhalten, der dem des Kinogängers entspricht, der nicht vorher das Internet konsultiert hat und sich überraschen lassen will. Bei unseren Rezensionen zu vielen Klassikern ist das leider nicht mehr möglich, weil wir die Filme schon einmal oder mehrmals gesehen haben, aber gerade bei einem 1970er-Film mach es das Erlebnis viel intensiver, wenn der Film noch eine persönliche Premiere darstellt. Warum?
In keinem Jahrzehnt nach den Pre-Code-1930ern war das Ende eines Films so wenig vorhersehbar. New Hollywood hatte es möglich gemacht, dass nicht immer die gleichen, affirmativen und eine Wiederherstellung der Harmonie suggerierenden Endings produziert wurden, die auf jeden Fall das Glück der Protagonisten beinhalteten und auf der Gegenseite klarstellten, dass Verbrechen sich nicht auszahlt, auch wenn es, wie im Film noir, psychologisch so hergeleitet wird, dass man sich als Zuschauer eher mit den Kriminellen identifiziert. Der Production Code machte es unmöglich, das Verbrechen siegen zu lassen. Doch seit den späten 1960ern und zum Beispiel in den SF-Filmen der 1970er gab es plötzlich die Möglichkeit, die Katastrophe als endgültiges Statement an den Zuschauer zu vermitteln. Allerdings waren wir mit der Erwartung, das am Ende wirklich 80.000 harmlose Sportfans in Florida sterben könnten, doch etwas auf dem Holzweg. Denn es ist ein Unterschied, auch in den 1970ern, ob es sich um Opfer einer Natur- oder Technikkatastrophe handelt oder um die eines politischen Anschlags, dazu noch um den palästinensischer Terroristen.
Hätte man nämlich den Erfolg dieses Anschlages gezeigt, wäre der Film gar nicht anders denn als Statement pro Palästina auszulegen gewesen – und das im jüdisch dominierten US-Mainstream-Kino? Sicher nicht, das hätte uns von Beginn an klar sein müssen. Auch die kleine Erlösung, dass der Mossad-Agent sein Leben lässt, um den Superbowl zu retten und damit wenigstens auf Einmann-Ebene eine Art Gerechtigkeit herzustellen, denn er ist kein Unschuldiger in diesem Konflikt, die verkneift man sich wohlweislich.
Und damit ist der Film nicht nur vom Muster höchst konventionell, sondern bedient sich auch noch auf kolportagehafte Weise des Leides der palästinensischen Bevölkerung. Wir erfahren dabei, dass die Hoffnungslosigkeit der Flüchtlinge im Gazastreifen, auf der Westbank, schon so alt ist wie der Konflikt selbst. Wir sind immer dafür, dass Themen dezidiert dargestellt werden, auch einseitig und nicht unserer persönlichen Überzeugung entsprechend, aber wir wenden uns gegen deren Missbrauch (wie zuletzt im Rahmen der TatortAnthologie gegen den Tod eines kleinen Kindes als Aufhänger für einen Film, der dann ganz andere Schwerpunkte setzt). Die berechtigte Wut der Palästinenser wegen ihrer jahrzehntelangen Unterdrückung und fremdverursachten Perspektivlosigkeit wird genau von der Allianz in einem Film marginalisiert, die für diese Unterdrückung verantwortlich ist, und es ist heuchlerisch, wenn der US-CIA-Agent zum Mossad-Mann sagt, er habe durch sein Verhalten oder das seines Landes die Terroristin Daliah erst geschaffen. Einerseits, weil es schließlich niemanden mehr interessiert, andererseits, weil ohne das Zutun der USA und ihrer Dienste wäre das Vorgehen Israels gegen die Palästinenser, die illegale Landnahme im Westjordanland, niemals denkbar und es würde nichts daran vorbeiführen, sich mit den Nachbarn zu arrangieren, weil die Kräfteverhältnisse andere wären.
Selbstverständlich spielt bei unserer Abneigung auch eine Rolle, dass wir gerade die Folgen der Großmacht-Nahostpolitik im eigenen Land zu bewältigen haben und dass wir wissen, dass es Interessen gibt, die dafür sorgen werden, dass diese Weltgegend zu unseren Lebzeiten sicher nicht mehr befriedet werden wird. Das alles ist zu wichtig und zu tragisch, als dass es ohne jede Konsequenz für die Täter zu einem Thriller verarbeitet wird. 9/11 hat gezeigt, dass Anschläge dieser Größenordnung sehr wohl möglich sind, aber die Hintergründe sind so gestaltet, dass sie für ein klassisches Hollywood-Drehbuch ungeeignet erscheinen. Bis jetzt gibt es zu diesem tatsächlichen Schwarzen Septembertag auch keinen Spielfilm, denn er käme nicht umhin, sich über ebenjene Hintergründe Gedanken zu machen.
Anfangs identifiziert man sich als Zuschauer sehr wohl mit der Sache der Palästinenser und mit den Terroristen, und damit hier keine dauerhafte Verwirrung entsteht, wird gezeigt, wie diese ihre Schrapnell-Stahlgeschosse an einem Flugzeug-Hangar testen und der Verwalter dieses Hangars dabei ermordet wird. Der Mord interessiert den Mechaniker des Todes gar nicht, hingegen erregt ihn die Ästhetik der vollkommen gleichmäßigen Verteilung der Einschläge. Wir bemerkten die Manipulation, die uns von den beiden einsamen Attentätern wegführen sollte, was sie selbstverständlich auch tat. Bis die nächsten Unschuldigen sterben, ist sie allerdings beinahe wiederhergestellt, denn wie sie es immer wieder schaffen, ihren an Mitteln weit überlegenen Widersachern ein Schnippchen zu schlagen, das hat etwas von Bonnie und Clyde. Erst durch die direkte Konfrontation in Florida mit dem unvermeidlichen Blutbad ist dann die Verbindung zu allen Beteiligten aufgelöst. Da auch keine Unschuldigen als Figuren hervorgehoben werden, wie es in diesen Filmen sonst üblich ist, befinden wir uns am Schluss nur noch auf der Spannungsebene dicht am Geschehen. Und damit ist die Manipulation vollendet. Oder doch nicht?
Finale
Nicht ganz. Wir können’s nicht ändern, wir haben nach dem Anschauen bedauert, was wir nach 9/11 in Diskussionen mit stark antiamerikanisch geprägten Menschen von uns gewiesen haben: Dass Unschuldige die Opfer eines Terroraktes sein dürfen, wieweit auch immer das aufmerksam machen auf Leid und Krieg ein berechtigtes Anliegen in jedem Einzelfall sein mag. Aber im Kino sieht man nicht nur brennende, einstürzende Häuser, sondern auch die Täterseite, und man versteht, auch wenn es schlampig ausgearbeitet ist, warum Menschen sich so radikalisieren, keinen anderen Ausweg mehr sehen. Und es ist nicht gesagt, dass uns die Auswirkungen der ruchlosen Politik der militärisch Überlegenen, die unter anderem im Nahen Osten gemacht wird, auch der Mächtigen auf arabischer oder mittelasiatischer Seite, die es mittlerweile gibt und die den Konflikt für sich instrumentalisieren, in Deutschland nicht noch einmal über die Bewältigung von Flüchtlingsströmen hinaus auf sehr brutale Art treffen wird. Dann werden wir aber wieder daran erinnert werden, dass es sich nicht um einen Film handelt, sondern um die Realität, so wie damals bei 9/11.
Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung im Jahr 2023: Nicht Terror, sondern Revolution heißt die Lösung. Haben Sie schon einmal von einer Revolution gehört, die gegen eine drückende militärische Übermacht von außen gelungen ist? Meist ist das Gegenteil der Fall: Kaum blinkt irgendwo auf der Welt eine Regierung nach links, wird solange infiltriert, intrigiert, interventiert, bis ein Regime Change oder eine Einhegung erfolgt ist. Mit einer kleinen, für Leser:innen sicher kaum wahrnehmbaren Abweichung vom gegenwärtig üblichen Publikationsschemahätten wir den Beitrag so platzieren können, dass er die Filmfestnummer 911 bekommt, aber Terror und asymmetrische Kriegsführung bedürfen keiner makaberen Zahlenspiele und Hinweise, damit man die Zusammenhänge versteht und warum die Welt nicht friedlicher wird.
60/100
© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015)
| Regie | John Frankenheimer |
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| Drehbuch | Ernest Lehman, Kenneth Ross, Ivan Moffat, Buch: Thomas Harris |
| Produktion | Robert Evans |
| Musik | John Williams |
| Kamera | John A. Alonzo |
| Schnitt | Tom Rolf |
| Besetzung | |
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