55 Tage in Peking (55 Days at Peking, USA 1963) #Filmfest 925 #DGR

Filmfest 925 Cinema –  Die große Rezension

China ist ein schlafender Löwe, lasst ihn schlafen!
Wenn er aufwacht, verrückt er die Welt!

55 Tage in Peking ist ein US-amerikanischer Film aus dem Jahr 1963. Der Monumentalfilm behandelt den Boxeraufstand in Peking um die Jahrhundertwende 1899/1900, wurde aber fast vollständig in Spanien gedreht. Das Budget von 17 Millionen Dollar zeigt sich vor allem in den imposanten Bauten, den aufwendig inszenierten Schlachten und der prachtvollen Ausstattung.

Das Zitat, das wir für die Headline gewählt haben, wird Napoleon Bonaparte zugeschrieben und existiert in unterschiedlichen Varianten. Er muss Bescheid gewusst haben, schließlich waren seine Welteroberungsfantasien auch ziemlich verrückt. Im Film wird das Zitat erwähnt, ein wenig abgewandelt in „China schläft. Lasst es schlafen. Wenn es aufwacht, wird die Welt vor ihm erzittern.“ 60 Jahre ist es her, dass „55 Tage in Peking entstand“. China war damals schon eine Atommacht, wirtschaftlich noch recht unbedeutend, aber unabhängig und stand unter der Führung der KPCh mit Mao Zedong an der Spitze. Wir gehen von dort aus wieder 63 Jahre zurück und finden die Ereignisse, die im Film beschrieben werden. Zumindest die historische Version dieser Ereignisse, die in diesem Monumentalstreifen den Hollywoodkonventionen angepasst wurden. Heute scheint Napoleons Spruch aktueller denn je zu sein und man versteht aus Ereignissen wie dem Boxeraufstand, der Ohnmacht des Landes in jenen Jahren heraus, aber auch aus der Besetzung weiter Teile Chinas durch Japan in den 1930ern, was die chinesische Führung heute antreibt, nachdem China aufgewacht ist und wie alle Welt nun zittert. Wäre ein Film über die Ereignisse von 1900 heute zu drehen, würde sicher einiges darin anders dargestellt werden, auch in Hollywood. Wir stellen unsere Eindrücke von diesem Werk in der –> Rezension dar.

Handlung[1]

Im Peking des Jahres 1900 bahnt sich eine Krise an: Kaiserin Tzu-Hsi versucht, der fremdenfeindlichen Bewegung der Boxer Einhalt zu gebieten, welche sich bis in die Umgebung der Stadt Peking ausgebreitet haben und Angriffe auf chinesische Christen und Ausländer verüben. Im Diplomatenviertel berät man währenddessen besorgt, wie die eigenen Leute im Falle einer Eskalation aus der Stadt zu evakuieren wären.

Die Situation eskaliert, als die Boxer am 20. Juni 1900 auf offener Straße den deutschen Botschafter ermorden, nachdem die Kaiserin dem Druck nachgegeben hat. So stürmen nun die Boxer mit Hilfe der kaiserlichen Armee gegen das Diplomatenviertel an, wo sich die rund 500 Europäer verschanzt haben, befehligt vom englischen Gesandten Arthur Robertson und dem amerikanischen Major Lewis. Es folgt ein listenreicher Verteidigungskrieg, darin eingebettet die Erzählung einiger Einzelpersonen und deren Schicksale, wie das der Baronin Natalie Ivanoff und der oben Erwähnten. Obwohl sich das Blatt einige Male wendet, behalten die rund 20.000 Chinesen die Oberhand und stoßen mit der Zeit unter großen Verlusten immer weiter vor. Doch nach 55 Tagen endet die Belagerung, da die alliierten Truppen der Vereinigten acht Staaten endlich eintreffen und Peking binnen kurzer Zeit einnehmen. Es folgt ein triumphaler Einzug der britischen, russischen, japanischen, amerikanischen, deutschen, französischen, italienischen und österreichischen Truppen.

Kritiken

„Actionprofi Andrew Marton (Der längste Tag) inszenierte die eindrucksvollen Schlachten, die Dimitri Tiomkin mit grandioser Musik adelte.“ – TV-Spielfilm

„Bemerkenswert an diesem in der Handlung frei erfundenen Heldenepos in Starbesetzung sind nur die großartig inszenierten Kampfszenen und die Kameraarbeit.“– Lexikon des internationalen Films[1]

Historischer Hintergrund

Aus historischer Sicht kann der Film kritisiert werden, da die Belagerten recht einseitig als grundsätzlich rechtschaffen, tapfer und standhaft, die Chinesen hingegen als verschlagene Feinde dargestellt werden. Historische Hintergründe des Boxeraufstandes, wie innerchinesische Spannungen zwischen Mandschu-Dynastie (Qing-Dynastie) und etwa Han-Chinesen, aber auch Auftreten und Verhalten der „Fremden“ – Europäer, Amerikaner und Japaner – bleiben unkommentiert. Es ist und bleibt eine „Hollywood-Produktion“, die den Anspruch historischer Objektivität nicht erhebt.

Rezension

Gibt es eine historische Objektivität? Selbst über die Todesfallzahlen der Kriege und Völkermorde wird immer wieder gestritten. Nach allgemeiner Ansicht ist der größte Völkermord aller Zeiten ausgerechnet in China geschehen: die Kulturrevolution, die Mao Zedong angestiftet hatte und die 50 Millionen Chines:innen das Leben gekostet haben soll. Nur der Zweite Weltkrieg in toto liegt mit geschätzten 60 Millionen Toten noch etwas darüber. Was den chinesischen Boxeraufstand betrifft, der sich vor allem im Jahr 1900 ereignete, in dem auch der Film spielt, gehen die Meinungen weit auseinander; wie auch über die Boxer selbst. Und mit dem Wandel der Ansichten über die Boxer wandelt sich auch das Bild von den Westlern, die 1900 in China eine mächtige Position hatten? Nicht unbedingt, denn Kolonialismus einerseits und Vorgehen der Rebellen andererseits sind jeweils für sich zu betrachten.

Die auffälligste Form von Kolonialismus in „55 Tage in Peking“ ist, dass keine einzige Sprechrolle von einem Schauspieler chinesischer Herkunft gespielt wird. Es war in den 1960ern noch weitgehend üblich, auch in teuren Großproduktionen, die alle Mittel zur Verfügung hatten, Casting abroad zu betreiben, für die Darstellung von Menschen aller möglichen Nationalitäten vor allem US-amerikanische Darsteller:innen einzusetzen. Heute ist das anders. Heute ist, aller neueren Tendenzen zur Verschärfung der Rivalität zwischen China und dem Westen zum Trotz, der Zugang zum riesigen chinesischen Markt offener und damit auch zum großen Potenzial an Schauspieler:innen dieses Milliardenvolks. Überdurchschnittlich viele von ihnen stammen aus Honkong und sind Erben der freieren Gesellschaft unter britischer Verwaltung, die es bis 1997 gab, weitere stammen  überproportional häufig aus Taiwan, das gegenwärtig in Gefahr zu sein scheint.

Die wohl prominenteste Fehlbesetzung in „55 Tage in Peking“ ist die der chinesischen Kaiserwitwe mit Flora Robson, obwohl diese für Herrscherinnenrollen berühmt war. Sie hatte u. a. in „Der Herr der Sieben Meere“ im Jahr 1940 die britische Königin Elisabeth I. verkörpert und wirkt auch in „55 Tage“ recht herrschaftskompetent. Gleichwohl schwankt diese Figur zwischen den Einflüssen des den Westlern gegenüber aufgeschlossenen beratenden Generals und dem Prinzen, der den Boxern zuneigt. Da findet sie zunächst keinen rechten Weg, ereifert sich schlussendlich über die kolonialistische Handhabe der Ausländer in China und neigt schließlich ebenfalls den Boxern zu. Keiner von ihnen wird jedoch im Film mit eigener Persönlichkeit ausgestattet, sodass, inklusive der Besetzung der regierungschinesischen Rollen mit Weißen, der Film komplett eurozentristisch ist.

Oder US-eurozentristisch, denn die taffsten und Mutigsten sind natürlich die Amerikaner, die in der Tat an der Verteidigung des Gesandtschaftsviertels beteiligt waren. Sie haben, wie die Briten, natürlich keine überragenden eigenen kolonialen Ambitionen. Sie machen es eher wie die Chinesen heute, nämlich durch Economic Soft Power andere unter ihre Fuchtel bringen.

Die Deutschen sind prominent dabei, schließlich löste die Ermordung des deutschen Gesandten die Belagerung des internationalen Stadtteils von Peking aus. Und dummerweise waren sie auch als Neukolonialisten prominent dabei, als es darum ging, die Westler möglichst hässlich erscheinen zu lassen. So sehr dass die übrigen westlichen Länder damit Propaganda gegen Deutschland im Ersten Weltkrieg machen konnten. Die Hunnenrede von Wilhelm II. wird im Film nicht erwähnt, die Darstellung der Deutschen ist erstaunlich positiv und sie sind komplett eingebunden ins westliche System, wenn auch inferior gegenüber den Briten und Amerikanern, selbstverständlich.

Eine Sonderrolle nehmen auch die Russen ein, weil zwei Angehörige dieser Nation für einen etwas schäbigen Zarismus einerseits und für den romantischen Part des Films andererseits stehen. Auch die Russin wird von einer Amerikanerin gespielt und es dürfte sich um eine der letzten Rollen dieser Art für Ava Gardner gehandelt haben. Sie wird geteamt mit Charlton Heston, dem Darsteller Nr. 1 jener Zeit für monumentale Helden in monumentalen Filmen („Die Zehn Gebote“ bereicherte er als Moses im Jahr 1956 und spielte Juda Ben Hur im gleichnamigen Film aus dem Jahr 1959 sowie den „El Cid“ im gleichnamigen Film aus dem Jahr 1961).

Leider gibt es zwischen diesem Trumm von einem etwas hölzern wirkenden Amerikaner-Prototypen und der alternden Diva Ava Gardner überhaupt keinen Ansatz von einer echten Chemie, der diese verwehende und schlussendlich mit dem Tod ihrer Figur endende Romanze glaubhaft erscheinen lassen würde. Mindestens eine dieser Rollen hätte anders besetzt werden müssen, damit der Film   eine Liebesgeschichte als mittragendes Element hätte vorweisen können. Nicht so einfach, sich für Heston eine passende Partnerin zu denken, das muss man allerdings zugeben. Er mochte sein, was er wollte, aber für uns kommt er besser als Antagonist, wie fünf Jahre zuvor in „Weites Land“, wo er sinnigerweise die falsche Frau erobert und damit den Helden Gregory Peck vor einer Dummheit mit möglicherweise lebenslangen Folgen bewahrt.

Die Ambitioniertheit rinnt dem Werk aus allen Poren. Man merkt es sogleich daran, dass die Titelmusik als Ouvertüre vorangestellt wird und dass er in zwei Teile geteilt wurde, mit einer ebenfalls musikalisch untermalten „Intermission“, obwohl dort, wo das Publikum die Pinkelpause absolvieren konnte, sicherlich nichts von der Musik zu hören war. Heute ist das vielleicht anders. Woher kennen wir diese Aufteilung? Von „GWTW „natürlich. Also haben wir hier eine Art Gone With the Wind als Sturm der Erhebung in Asien statt in Atlanta vor uns. Rebellen aber hier wie da, nur sind sie in China ein Haufen Namenloser, die ganz sicher einer großen Kultur entstammen, die aber leider auf Abwege ging und daher von den Europäern mehr oder weniger zu Recht ausgebeutet wurde.

Zunächst hielt ich den Film für ein britisches Produkt, weil er von der Rank Organisation vertrieben wurde, dieser aber war wohl nicht nur Produzentin vieler bekannter britischer Filme, sondern vertrieb offensichtlich auch Samuel Bronstons Produkte in Europa. Der Produzent war interessanterweise ein Verwandter von Leo Tolstoi und fühlte sich daher verpflichtet, den Zarismus ein wenig zu kommentieren, was er bezüglich der übrigen europäischen Monarchien nicht tat. Lediglich darf der deutsche Gesandte vor seiner Ermordung den wichtigen Satz zum Besten geben, dass, wenn man sich den britischen Kollegen ansehe, festzuhalten sei, dass der Liebe Gott wohl Brite sein müsse. Ein wirklich gebrauchsfähiges Bonmot bis zum heutigen Tag, daran wird auch der Brexit nichts ändern. Und bei uns? In Berlin sind die Straßennamen, die an die Niederschlagung des Boxeraufstandes erinnern, interessanterweise noch nicht dekolonisiert. Doch die Diskussion über die Bewertung der deutschen Politik in der Kaiserzeit ist im Gange und damit könnten weitere Straßennamen geändert werden. Eine Bitte hätten wir dabei: Nicht wirklich jedes Mal einen Namen einer Person nehmen, den sich kein alter weißer Mann merken kann, auch wenn der Name die gleichermaßen deprimierende wie unabwendbar wichtige Eigenschaft hat, nicht an die Zeit zu erinnern, als das Land irgendwie dabei sein sollte, sondern an diejenige, als es dabei war, unzählige Menschen umzubringen. Weit mehr als im Boxeraufstand.

Mittendrin einigte ich mich mit mir selbst darauf, dass „55 Tage“ wohl eine britisch-amerikanische Coproduktion sei, weil die Briten neben den Amerikanern doch sehr herausgehoben werden. Ist es aber nicht, die Amerikaner brauchen keine Unterstützung von Arthur J. Rank, um die Briten herauszuheben unter allen Europäern. Es reicht vollkommen aus, in Spanien eine Filmstadt zu bauen, die Peking einigermaßen nahekommt, weil in Peking selbst natürlich solch ein Film niemals hätte gedreht werden können, während das kommunistische China noch in seiner Frühphase war. Mit der Tendenz, die der Film aufweist, vielleicht uach heute nicht. Gekostet hat er mehr als der vorherige Rekordhalter „Ben Hur“ (17 gegenüber 15 Millionen Dollar), aber im Jahr 1963 kam der noch kolossalere „Cleopatra“ heraus und pulverisierte mit 44 Millionen Dollar alles bisher Dagewesene. Cleos monumentales Leben zählt, inflationsbereinigt, noch heute zu den teuersten Filmen der Geschichte. Selbstverständlich sieht man „55 Tage in Peking“ an, dass geklotzt, nicht gekleckert wurde. Mit sein größter Bonus sind auch die vielen Statisten, die Angehörige unterschiedlicher Nationen repräsentieren, alle in den Uniformen jener Länder oder doch meistens. Trotzdem ist die Action nicht so überragend wie das Budget. Die Entwicklung hin zu den Kämpfen um das eingeschlossene Gesandtschaftsviertel nimmt wesentlich mehr Zeit in Anspruch als die Kämpfe selbst und lässt den Film stellenweise langatmig wirken. Das war im Jahr 1963 eine Krankheit, die sich wie eine Seuche innerhalb weniger Jahre in Hollywood ausgebreitet hatte: Alles zu erklären, anstatt es zu zeigen, womit man das Medium Kino mehr oder weniger in Dialoglastigkeit ertränkte. 

Nicholas Ray war auch nicht der Regisseur, der sich dem mit der Macht eines erfahrenen Dramaturgen entgegenstemmte, wie es vielleicht Monumentalfilm-Spezialist Ceciel B. DeMille oder Dialogperfektionist William Wyler getan hatte (sie hatten „Die Zehn Gebote“ und „Ben Hur“ inszeniert). Vielmehr hat Ray den Stil des permanenten Dialogs schon draufgehabt, als er noch gar nicht dominierte, z. B. in „… denn sie wissen nicht, was sie tun“, sie wissen schon, der Film, den Fans von James Dean heute noch für kaum übertreffbar halten, weil sich da die gequälte jugendliche Seele so wortreich offenbarte. Ich halte ihn nach wie vor für ausgesprochen küntlich, vor allem in ebenjenen Szenen, weniger in den ganz gut gemachten Mutproben-Sequenzen.

Das gilt natürlich nicht für alle Filme, aber mir wird noch heute schwindelig von vielen Filmen jener Jahre, die entweder als Dramen hochgradig psychlogisierend-wisecrackermäßig oder als Komödien verbal so übersprudelnd wirken, dass es schon wieder gedehnt wirkt. Warum sollte ausgerechnet der Monumentalfilm dieser Tendenz entgehen, wenn es nicht einmal der so zentral auf Action angelegte Western konnte (Paradebeispiel: „40 Wagen westwärts“, 1965). Das Bild ging in die Breite, die Spielzeit in die Länge und viel Überflüssiges fand Platz, wie auch in „55 Tage in Peking“, der hätte bei mehr als zweieinhalb Stunden Länge viel mehr politische Differenziertheit hätte aufweisen müssen. Auch nach den Maßstäben jener Zeit. Heute werden solche Laufzeiten ja erstaunlicherweise auf einer Backe abgesessen, von einem Publikum, das dies allerdings nur schafft, weil  es ständig mit den Füßen wippen und sich Drogen einschmeißen darf. Das war in den älteren Zeiten noch ein Anzeichen für eine gewisse psychische Unausgeglichenheit.

Der Witz dabei: Mir ging es während einiger Passagen von „55 Tage in Peking“ auch so, es kribbelte überall, obwohl ich keine Drogen nehme und den Film am Computer gesehen habe, wo es aus Gründen der Sitzhaltung nicht so einfach ist, mit den Füßen zu wippen wie auf dem Sofa.  

Der Song am Ende ist für mich in seiner Schmalzigkeit so daneben gewesen, dass ich den Eindruck hatte, er sei mit einer gewissen Ironie eingespielt worden – zumindest auf Deutsch. So sicher kann man da allerdings nicht sein und was der eine gewollt komisch findet, fällt dem anderen nicht einmal auf, sondern er summt glücklich-unglücklich mit, weil ja die etwas schräge Romanze leider endet wie in den großen Filmtragödien (der erwähnte „GWTW“ hat ein offenes Ende, das aber einen traurigen Unterton aufweist). Nachdem ich mich vorhin darüber beschwert habe, dass die Darsteller:innen historischer chinesischer Persönlichkeiten allesamt Europäer:innen sind, darf dies nicht unerwähnt bleiben:  Die Kostüme der Kaiserin, Prinz Tuans und anderer Personen in der Szene im königlichen Gericht waren allesamt Originale, eine reiche florentinischen Familie hatte sie als Leihgabe für den Film zur Verfügung gestellt.

Womit geklärt wäre, dass dieser Teil der Dekoration authentisch ist. Gewiss hat man auch bei den europäischen Kleidungsstücken, inklusive der Uniformen, die Akribie walten lassen, die man von einem so teuren Film erwarten darf. Jedoch:

Ein Kuriosum in der Eröffnungsszene ist das Abspielen der Nationalhymnen. Um die Vielfalt im Internationalen Viertel Pekings zu zeigen, werden in kurzer Folge die Nationalhymnen verschiedener Staaten durch Militärkapellen bei den Flaggenhissungen angespielt. Das Deutsche Reich wird mit dem „Lied der Deutschen“ vorgestellt, das zum damaligen Zeitpunkt aber gar nicht Nationalhymne war. Um 1900 wäre bei einem solchen Ereignis im Ausland vermutlich eher Heil Dir im Siegerkranz gespielt worden, das allerdings wegen Vorbehalten der süddeutschen Staaten auch nicht offizielle Nationalhymne des Reiches war. Die Melodie wäre aber deckungsgleich mit der Hymne des Vereinigten Königreiches God save the Queen gewesen, die ebenfalls in der Nationalhymne Liechtensteins und ehemals in der Schweizer Hymne Verwendung fand.

Ich mag die süddeutschen Staaten, diese Antipreußen. Die dortigen Einwohner haben etwas später auch nicht so überragend häufig die Nazis gewählt, als es am Ende der Weimarer Republik gerade noch freie Wahlen gab, wie die Deutschen im Norden und im Osten.

Finale

Selbstverständlich ruft ein Film wie „55 Tage in Peking“ viele Assoziationen hervor, vor allem solche historischer Art, Vergleiche zwischen der Situation vor über 120 Jahren und heute, aber auch kinematografischer Natur. Eine davon war der Vergleich mit dem wiederum monumentalen, aber ganz anders inszenierten „Der letzte Kaiser“, der 24 Jahre später unter der Regie von Bernardo Bertolucci entstand. Die Handlung dieses Films setzt kurz nach dem Boxeraufstand ein, der die Quing-Dynastie schwächte und wir sehen anfänglich den kleinen Prinzen Pu Yi noch als künftigen Herrscher, doch schon 1911 wurde die Dynastie gestürzt und der lange Marsch durch die Revolutionen begann. Ein Schlusspunkt des Films im Sinne einer Erkenntnis soll sein, dass nach dem gemeinsamen Handeln der Acht Vereinigten Staaten in Peking jede der Nationen wieder ihr eigenes Ding machte und ihre eigene Hymne spielte.

Es kann gar nicht ausbleiben, dass man an die heutige Lage denkt und daran, dass der Westen nicht in der Lage ist, dem wachsenden Druck Chinas standzuhalten, weil er keine gemeinsame Strategie dort hat, wo es heutzutage wichtig ist, nämlich im wirtschaftlichen Bereich. Mittlerweile ist der Westen in der Defensive und was immer es einst an kolonialistischen Verbrechen gegeben hat, heute ist die Demokratie gegen die Diktatur zu verteidigen. Selbstverständlich ist die Geschichte nie zu Ende und ob die Eroberungsmethoden der chinesischen Führung vollständig zum Erfolg führen, wird sich noch zeigen. Freilich muss man dabei in zeitlichen Dimensionen denken, die mehr als ein Menschenleben umfassen. Die Geschichte beschleunigt sich nicht, weil wir gerne erleben würden, wie sie ausgeht.

Der Boxeraufstand hat in China auch deswegen eine so überragende Bedeutung, weil er als Start aus der Sklaverei heraus und von manchen als der eigentliche Beginn des langen, entbehrungsreichen Marsches angesehen wird, der noch nicht zu Ende ist. Deswegen ist es nicht nutzlos, sich einen Film wie „55 Tage in Peking“ anzuschauen, so viele Mängel er auch aufweisen mag. Er ist ein Stück vom Mosaik der vieltausendjährigen chinesischen Geschichte, gefertigt in Hollywood. Mittlerweile schreibt China seine Geschichte wieder selbst, unter anderem durch unzählige Produkte, ohne die unsere Konsumwelt nicht mehr vorstellbar ist. So prophetisch, diese Entwicklung vorauszusehen, waren die Macher von „55 Tage“ aber wohl nicht. Als die Uneinigkeit der Europäer beklagt wird, weist das eher auf die Rivalitäten hin, die zum Ersten Weltkrieg geführt haben.

Es könnte an der Zeit sein, sich mal ein paar echte chinesische Filme anzuschauen. Mittlerweile haben wir das getan, weil Arte es uns in der Reihe „Im Kino nach Asien“ recht einfach gemacht hat, die Ergebnisse in Form von Rezensionen werden aber noch etwas auf sich warten lassen, weil wir gegenwärtig nur amerikanische und deutsche Filme besprechen, als nächstes Filmland wird Frankreich folgen.

58/100

© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

[1] 55 Tage in Peking – Wikipedia

Regie Nicholas Ray
Guy Green (ungenannt)
Andrew Marton (ungenannt)
Drehbuch Robert Hamer
Philip Yordan
Bernard Gordon
Ben Barzman (ungenannt)
Produktion Samuel Bronston
Musik Dimitri Tiomkin
Kamera Jack Hildyard,
Manuel Berenguer
Schnitt Robert Lawrence
Besetzung

sowie


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